IUSW

Rachel Moran vor dem nordirischen Parlament zum Gesetzesvorschlag zur Freierbestrafung (Niederschrift)

Übersetzt aus dem Englischen

Im Original veröffentlicht von der nordirischen Regierung auf niassembly.gov.uk 

Es handelt sich um die Niederschrift der Anhörung von Rachel Moran als Vertreterin der Überlebenden-Organisation SPACE International zum Gesetzesvorschlag Lord Morrows zur Kriminalisierung von Prostitutionskunden vor dem Justizausschuss des nordirischen Parlaments am 30.1.2014.

Offizieller Bericht (Hansard)

Committee for Justice

Anwesende Mitglieder

Zeuginnen und Zeugen

SPACE International:

Frau Rachel Moran

Gesetzesvorschlag Menschenhandel und Ausbeutung (weitere Maßnahmen und Unterstützung für Opfer): SPACE International

 

Der Vorsitzende: Ich heiße offiziell Frau Rachel Moran willkommen. Sie ist Mitgründerin und Europa-Koordinatorin von SPACE International. Diese Tagung, wie andere zu dem Gesetzesvorschlag, wird von Hansard aufgezeichnet und zu gegebener Zeit veröffentlicht. Ich werde an Sie übergeben, um ein paar einleitende Worte zu sprechen. Wenn wir versuchen könnten, das bei so etwa 10 Minuten zu halten, das wäre hilfreich, und dann werden die Mitglieder Fragen an Sie haben. Frau Moran, vielen Dank für Ihre Anwesenheit heute.

 

Frau Rachel Moran (SPACE International): Ich bin die Europa-Koordinatorin einer Gruppe namens SPACE International. SPACE steht für Survivors of Prostitution-Abuse Calling for Enlightenment (Überlebende des Prostitutions-Missbrauchs fordern Aufklärung). Alle Frauen in der Gruppe haben die Prostitution überlebt und sind der Abolition des Sex-Gewerbes verschrieben, von dem wir wissen, dass es sich dabei lediglich um bezahlten sexuellen Missbrauch handelt. Unsere Gruppe hat 17 Mitglieder und erstreckt sich über fünf Länder, nämlich Irland, Großbritannien, die USA, Dänemark und Frankreich. Wir haben auch eine enge Arbeitsbeziehung mit Frauen in Australien, Südamerika und Kanada. Es sollte betont werden, das wir bei weitem nicht die einzige Überlebenden-Gruppe sind. Abolitionisten-Gruppen die aus ehemals prostituierten und in die Sex-Industrie gehandelten Menschen bestehen, schießen auf der ganzen Welt aus dem Boden, und einige davon sind viel größer als unsere Gruppe.

In der Welt findet ein Umbruch statt. In den letzten Jahren haben sich verschiedene Länder auf die eine oder andere Art dazu positioniert, und lassen Sie mich ganz deutlich sagen, dass es hier keinen Mittelweg gibt. Ihnen wird im Laufe Ihrer Beratungen zweifellos die Vorstellung des neuseeländischen Modells der totalen Entkriminalisierung als so eine Art Utopie vorgestellt werden. Wenn es eine Utopie für jemanden ist, dann für die Freier und Zuhälter. Es ist für keine Frau eine utopische Erfahrung, wenn ihr Körper auf den Status einer lebenden Ware zum Nutzen eines Sex-kaufenden Mannes reduziert wird. Das war es noch nie und das wird es nie sein, und wenn es überhaupt möglich wäre, dass es das ist, dann hätten wir uns die Jahre sparen können, die wir damit verbrachten, diese Erfahrungen mit Alkohol und Drogen verdrängen, genau wie jede von uns sich die unzähligen Stunden, die wir in der Folge bei unseren TherapeutInnen saßen, hätte sparen können. Wie eine gute Freundin von mir einmal fragte: „Wenn ihre Orgasmen so harmlos sind, warum brauche ich dann jahrelang Therapie, um über sie hinwegzukommen?“ Weit davon entfernt so etwas wie ein Mittelweg zu sein, ist Neuseeland einfach nur eine gesetzfreie Zone, in der Prostitution sozial gesäubert wurde, und als logische Folge ist die Nachfrage danach gestiegen. Wenn eine Regierung Prostitution als sozialverträgliches und moralisch einwandfreies Verhalten für Männer billigt, dann steigt die Nachfrage. Das wurde in den australischen Staaten bewiesen, in denen legalisiert wurde, und in Holland, Deutschland und in jedem anderen Land, Bundesstaat und County in dem man Männern sagt, dass es okay ist, sexuellen Zugang zu den Körpern von Frauen zu kaufen. Natürlich gibt es, als Antwort auf diesen zwangsläufigen Anstieg der Nachfrage, einen zwangsläufigen Anstieg des Angebots, und die Zahl der Bordelle und der Frauen, die darin ausgebeutet werden, steigt, in vielen Fällen exponentiell. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Das ist wirtschaftliches Grundwissen.

Was Ihnen die Befürworter des Entkriminalisierungsmodells nicht sagen werden, ist, dass viele Bürgerinnen und Bürger Neuseelands genug davon haben und nach einer Gesetzesänderung verlangen, die den Erwerb sexueller Dienste verbietet. Einige dieser Bürgerinnen sind ehemals prostituierte Frauen, und die dortige Regierung hat einen Ausschuss gegründet, um sich mit der öffentlichen Reaktion gegen das Gesetz auseinanderzusetzen. Ich lese einen kurzen Ausschnitt aus einem Bericht, der in diesem Zusammenhang verfasst wurde:

“Ehemalige Prostituierte und ihre Unterstützer verlangen, dass alle Kunden von SexarbeiterInnen strafrechtlich verfolgt werden, und sagen, die Entkriminalisierung der Industrie habe sie im Stich gelassen.“

 

Elizabeth Subritzky, Direktorin von Freedom from Sexual Exploitation, sagte vor dem Justiz- und Wahlausschuss des Parlaments aus, die einzige Lösung für den Schaden, den Prostitution verursache und für die Gewalt, die sie verursache, sei die strafrechtliche Verfolgung von Käufern sexueller Dienste durch eine Reform der Prostitutionsgesetze. 

Der Prostitution Reform Act entkriminalisierte Bordelle, Escort-Agenturen, und das öffentliche Werben für sexuelle Dienste als das Gesetz 2003 um nur eine Stimme verabschiedet wurde.

Das Gesetz ermutigte nicht nur mehr Männer dazu, Sex zu kaufen, sondern verwandelte Prostitution in eine zumutbare, sogar attraktive Arbeit für junge, arme Frauen in Neuseeland, sagte Subritzky“

 

Der Vorsitzende des Ausschusses Scott Simpson sagte, der Ausschuss würde die Petition in Erwägung ziehen und nächstes Jahr einen Bericht veröffentlichen.

Der Gesetzesvorschlag bezieht sich auf den Menschenhandel, und wir wissen alle, dass das umstrittene Element Absatz 6 ist, der die Nachfrage nach bezahltem Sex kriminalisiert. Offensichtlich ist es vernünftig, die Folgen ähnlicher Gesetze in anderen Ländern in Augenschein zu nehmen. Sex-Kauf ist in Schweden seit 15 Jahren kriminalisiert, aber nach weniger als der Hälfte dieser Zeit, 2007, sagte Jonas Trille, ein Inspektor bei der Prostitutionseinheit der Stockholmer Polizei:

“wir haben erheblich weniger Prostitution als unsere Nachbarländer… Wir haben nur zwischen 105 und 130 Frauen – sowohl im Internet als auch auf der Straße – die in Stockholm heute in der Prostitution (aktiv) sind. In Oslo [im benachbarten Norwegen] sind es 5000.“

 

Ein weiterer relevanter Aspekt des Verbots ist die Reduzierung der Zahl der Ausländerinnen, die für Sex nach Schweden gehandelt werden. Die schwedische Regierung schätzt, dass in den letzten paar Jahren nur 200 bis 400 Frauen und Mädchen pro Jahr in die Prostitution nach Schweden gehandelt wurden, während im benachbarten Finnland diese Zahl zwischen 15.000 und 17.000 liegt. Diese Zahlen sprechen für sich, und ich sollte ihnen nicht viel hinzufügen müssen, aber falls dies jemanden unbewegt lässt, dann empfehle ich einen Blick auf das Verhältnis der Mordstatistik zwischen Schweden und Holland in den letzten Jahren, welches bei eins zu mehr als 170 liegt.

Ich möchte betonen, dass es nicht möglich ist, die Prostitution zu verteidigen ohne auch das Leid und den Schaden, die sie anrichtet, zu verteidigen. Daher ist es nicht möglich, für Frauen in der Prostitution zu sein aber für die Prostitution zu sein, wie einige für den Erhalt des Sex-Gewerbes argumentieren. Auch ist es nicht möglich, dass Prostitution in manchen Fällen schädlich ist und in anderen nicht. Der Schaden und das Leid der Prostitution stehen nicht der subjektiven Interpretation frei; sie sind objektive Realität.

Das universelle Leid der Prostitution wird oft von den Verfechtern der Prostitution unbewusst anerkannt. Sehr oft habe ich jene, die Prostitution als eine freie Entscheidung darstellen, sagen gehört, der Menschenhandel zum Zweck der Prostitution sei ein furchtbares Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie haben Recht, aber sie erklären nie warum und wie, wenn Prostitution an sich nicht schädlich ist, dazu gezwungen werden so furchtbar sein soll. Was, wenn Frauen entführt und gezwungen würden, als Friseurinnen, Sekretärinnen und Floristinnen zu arbeiten? Würden die Verfechter das als ein genauso furchtbares Verbrechen gegen die Menschlichkeit sehen wie Zwangsprostitution? Nein, das würden sie nicht. Das Mantra, das Prostitution gewöhnliche Arbeit ist, ist ganz einfach eine Lüge, und wir alle wissen es.

Es ist nicht irgendein verrückter Zufall, dass Prostitution Frauen und Mädchen am härtesten trifft. Die Wahrheit, die weiterhin offensichtlich ist, trotz der absolut endlosen Versuche, sie zu verschleiern, ist, dass Prostitution eine hochgradig geschlechterspezifische Form der Unterdrückung ist. Die Wahrheit ist, dass Frauen kämpfen mussten, um wählen zu dürfen. Wir mussten um Empfängnisverhütung kämpfen. Jetzt müssen wir um Freiheit von kommerzieller sexueller Ausbeutung kämpfen. All diesen Kämpfen liegt ein Kampf zugrunde: der Kampf darum, als vollwertiger Mensch anerkannt zu werden.

Die Prostitution schadet auch anderen Gruppen. Weil der Schaden hauptsächlich prostituierten Frauen zugefügt wird, achten die Leute kaum auf die Anderen, doch das sollten sie. Die Wahrheit ist, dass Prostitution für die gesamte Gesellschaft schädlich ist, und somit ist sie natürlich schädlich für alle, die ihr angehören. Es gibt Frauen von einem Ende dieser Insel zum anderen, deren Männer Sex kaufen, eine Woche nach der anderen. Diese Frauen sitzen vor kaputten Ehen und, in einigen Fällen, irreparabel geschädigter körperlicher Gesundheit und doch finden diese Frauen – die Ehefrauen und Partnerinnen der Sex-Käufer – fast nirgends Erwähnung. Wenn sie mal ausnahmsweise erwähnt werden, vermeiden es die Verfechter der Prostitution praktischerweise, auf ihre sehr realen Problemen und auf ihr Recht, frei des giftigen Einflusses der Prostitution zu leben, einzugehen. Ich persönliche wurde von einigen dieser Frauen kontaktiert und habe zugehört, was sie über ihre zerstörten Ehen und zerrissenen Familien zu sagen hatten. Es ist nur rechtens, dass wir auch von ihrer Position sprechen, und von dem Schaden, den die Prostitution in ihren Leben angerichtet hat. Sie sollten auch wissen, dass diesen Frauen klar ist, wie unsichtbar sie bisher in dieser Debatte gewesen sind, was das Ganze nur noch schlimmer macht.

Es gibt solche, die behaupten, behinderte Männer müssen um ihrer Gesundheit willen Prostituierte benutzen. Diese bizarre Aussage verwechselt Wünsche mit Bedürfnissen. Sie bestätigt und fördert außerdem die Kategorisierung von Frauen in Klassen, von denen manche ungewollten Sex über sich ergehen lassen müssen oder sie sehen sich der Armut ausgesetzt. Das Argument stellt außerdem eine Randgruppen – behinderte Menschen – gegen eine andere – prostituierte Menschen – auf und besteht darauf, dass eine das Recht darauf hat, die andere um ihrer Gesundheit willen zu benutzen. Um unserer Gesundheit willen brauchen Frauen es, nicht in eine Klasse gezwungen zu werden, die ungewollten Sex über sich ergehen lassen muss oder der Armut ausgesetzt ist, weder zum Wohle der Behinderten noch für irgendjemand anderen. Mitglieder von SPACE International wissen das, weil wir es gelebt haben. Wir sind nur froh, dass es Andere da draußen gibt, die es nicht gelebt haben müssen, um es zu wissen. Wir hoffen von Herzen, dass wir die Mitglieder dieses Parlaments zu diesen Menschen zählen können werden.

Leider gibt es Einige, die die Prostitution nicht durchlebt haben und Vermutungen über ihr Wesen anstellen, die zum Teil oder vollständig das entwürdigende Wesen der Prostitution verkehren, ignorieren oder abstreiten. Diejenigen, die diese Vorstellungen herbeitheoretisiert haben, fühlen sich berechtigt, ihre Hypothesen an uns wiederzukäuen, als seien sie Fakten. Gesagt zu bekommen, Prostitution sei eine vertretbare Arbeit, von Menschen, die denken, sie hätten genug Bücherwissen, um uns darüber etwas zu lehren, ist schlichtweg beleidigend. Es ist auch absolut unangebracht. Ich habe meine Abschlussarbeit im Studium über Holocaust-Memoiren geschrieben. Ich hatte deswegen nie den Eindruck, dass ich das Recht hätte, das Wesen der Todeslager für deren Überlebende zu analysieren.

Einige von Ihnen – ich denke, das werden die meisten wenn nicht sogar alle von Ihnen sein – die das Schlimmste der Troubles [des Nordirlandkonflikts] durchlebt haben, werden sich mit damit identifizieren können, wie sich eine solche Beleidigung anfühlt. Stellen Sie sich vor, jemand aus der Republik Irland, England, Schottland oder Wales studierte die neueste Geschichte Nordirlands und käme hierher, um Sie darüber aufzuklären. Das ist das, womit wir, die Prostitution gelebt haben, uns jeden Tag konfrontiert sehen. Wir erfahren eine Negierung unserer gelebten Erfahrung von Medizinern, Akademikern, und, am bizarrsten von allen, von einigen in Menschenrechtskreisen, die nicht zu verstehen scheinen, dass Frauenrechte Menschenrechte sind. Wir finden das höchst bizarr, denn ihre Position steht in Konflikt mit mehreren zentralen UN Menschenrechtsgrundsätzen, unter anderem der Konvention zur Unterbindung des Menschenhandels und der Ausnutzung der Prostitution anderer von 1949, in der es heißt, dass

“die Prostitution und das sie begleitende Übel des Menschenhandels zum Zwecke der Prostitution mit der Würde und dem Wert der menschlichen Person unvereinbar sind“

Artikel 6 der UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau von 1979 bringt eine ähnliche Haltung zum Ausdruck. Das UN-Protokoll zur Verhütung, Bekämpfung und Bestrafung von Menschenhandel von 2000 sieht ähnlich Prostitution als Menschenhandel an, wenn sie unter bestimmten Umständen stattfindet. Das Protokoll verurteilt auch die Nachfrage für kommerzielle sexuelle Ausbeutung.

In Bezug auf Lord Morrows Gesetzesvorschlag, ich denke, das Parlament sollte besonders auf die Konvention von 1979 achten, die Unterzeichnerstaaten verpflichtet, alle angemessenen Maßnahmen zu ergreifen, einschließlich gesetzlicher Maßnahmen, um alle Formen des Menschenhandels mit Frauen und die Ausbeutung gehandelter Frauen zu bekämpfen. Es ist bereits bewiesen, dass Gesetze wie das hier vorliegende den Frauenhandel bekämpfen. Ich weiß nicht, ob Politikerinnen und Politiker hier nach Schweden gereist sind, um mit schwedischen Politikern und mit Leuten, die Dienste für prostituierte Menschen anbieten, zu sprechen. Wenn sie das nicht getan haben, dann rufe ich dazu auf, dass ein überparteilicher Ausschuss dorthin reist und selbst sieht, wie das Gesetz funktioniert. Ich habe dieses Thema zwei Mal mit der schwedischen Polizei besprochen und bin auch zwei Mal nach Norwegen gereist. Ich bin vollständig überzeugt, dass dieses Gesetz der einzig vernünftige Weg nach vorne ist. Ich sage das aus vielen Gründen, nicht zuletzt aufgrund der normativen Wirkung, die hier am Werk ist. Eine ganze Generation von jungen Menschen ist nun in einem Schweden aufgewachsen, in dem es als einfach nur schändlich gilt, den Körper einer anderen Person zu kaufen, um sich daran zu befriedigen, und so sollte es auch sein.

Es gibt aber auch solche, die in unseren momentan noch unaufgeklärteren Teil der Welt als eine Art öffentlichen Dienst sehen. Wenn das der Fall ist und Prostitution ein notwendiger öffentlicher Dienst ist, dann lassen Sie mich vorschlagen, dass wir eine Lotteriesystem einführen, das so ähnlich wie Geschworenendienst funktioniert, wo die Frauen dieser Insel nacheinander an die Reihe kommen, Sex-kaufende Männer sexuell zu befriedigen. Es würde von jeder Frau erwartet, dass sie ihre Bürgerinnenpflicht tut und ihre Beine für jeden Mann spreizt, der entscheidet, dass er das Bedürfnis und das Recht hat, sich dazwischen zu legen, und jeder Mann würde sehen müssen, dass man seine Töchter, seine Schwestern, seine Mutter und seine Frau auf diese Art benutzt. Wenn irgendjemand in diesem Raum das flaue, ölige Gefühl der Abscheu empfindet, dass dieser Vorschlag hervorrufen sollte, dann lassen Sie mich ganz direkt sagen, egal welche Haltung sie im Moment einnehmen oder für welche Seite sie hier heute argumentieren wollen, dann verstehen Sie das schädliche und missbräuchliche Wesen der Prostitution. Das tun Sie: Sie haben es gerade gefühlt.

Das ist das Ende meiner Stellungnahme. Ich beantworte gerne Ihre Fragen.

 

Der Vorsitzende: Rachel, vielen Dank für diese Aussagen. Ich möchte nur noch ein bisschen mehr über Sie als Person wissen. Natürlich, Sie haben ein Buch geschrieben, „Paid For: My Journey Through Prostitution“. Zu welchem Zeitpunkt in Ihrem Leben sind Sie in die Prostitution geraten und warum?

Fr. Moran: Ich geriet im August 1991 in die Prostitution, nachdem ich 18 Monate zuvor mein Elternhaus verlassen hatte. Ich verbrachte diese 18 Monate mit Unterbrechungen in Pflegeheimen, Pensionen und in jeder Art Heim, die es so gibt. Ich wurde ständig verlegt, denn so funktionierte das System damals in Dublin. Während dieser 18 Monate war ich abschnittsweise obdachlos, manchmal ein paar Wochen lang, mal ein paar Monate, und ich wusste, dass ich das nicht noch einmal durchmachen konnte. Als ich dann einen jungen Mann Anfang zwanzig traf, der die Idee hatte, wie ich mich selbst versorgen könnte, hatte ich eigentlich nur diese Option oder zurück in die Obdachlosigkeit zu gehen, und tatsächlich war ich zu der Zeit auch obdachlos. Natürlich wusste ich da noch nicht, dass ich viel mehr ihn als mich selbst versorgen würde. Ab diesem Zeitpunkt verbrachte ich sieben Jahre in der Prostitution. Als ich mit 22 Jahren aus der Prostitution herauskam, ging es mir finanziell nicht besser als zu dem Zeitpunkt, als ich anfing. Der einzige Unterschied war, dass ich ein Dach über dem Kopf hatte. Ich hatte auch eine chronische Kokainsucht. Ich fing zwei Jahre später, mit 24, wieder mit meiner Ausbildung an. Ich erzielte gute Leistungen an dem College, an dem ich meinen Schulabschluss nachholte, und im darauffolgenden Jahr sicherte ich mir einen Platz im Journalismus-Studiengang der Dublin City University. Es war kurz danach, ich glaube, im zweiten Jahr, das ich anfing, das Buch zu schreiben. 

Der Vorsitzende: Es ist eine bemerkenswerte Geschichte. Als eine Person, die damals in der Prostitution war und jetzt eine sehr starke  Fürsprecherin für Überlebende ist, unterstützen Sie Lord Morrows Gesetz. Was waren bisher die Konsequenzen für Sie, dafür, dass Sie Ihren Ansichten zum Thema Prostitution so klar und deutlich Ausdruck verleihen?

Fr. Moran: Die erste Sache, die passierte, war, dass etwa eine Woche oder 10 Tage nach meinem Auftritt in der „Late Late Shows“, der zeitlich auf die Veröffentlichung meines Buchs abgestimmt war, meine Wohnungstür von erwachsenen Männern eingehämmert wurde, die schrien, dass sie nach Rachel Moran suchen. Ich war zu dem Zeitpunkt nicht zu Hause. Meine Familie war da – mein Bruder und mein Sohn. Das ging zwei Tage lang so und sie waren außer sich vor Angst. Sie sagten, ihr Auftreten sei extrem aggressiv gewesen und es sei offensichtlich gewesen, dass jemand mir wehtun wollte. Also musste ich die Polizei einschalten. Sie haben das Haus daraufhin ungefähr eine Woche unter Beobachtung gestellt. Es war eine sehr erschreckende Zeit.

Ich habe viel Unterstützung von der irischen Bevölkerung erhalten. Ich habe viel Wohlwollen. Ich habe auch einige wirklich widerliche Erfahrungen gemacht, von denen die schlimmste, abgesehen von diesen Fremden an meiner Tür, das Mal war, als ich vor ein paar Monaten durch einen Tunnel in der Nähe meiner Wohnung lief. Ungefähr fünf junge Männer Anfang oder Mitte zwanzig folgten mir durch den Tunnel, lachten und rissen Witze darüber, wie viel Spaß es machen würde, mich in der Gruppe zu vergewaltigen. Sie sagten „Sie ist eine Prostituierte. Steck ihn ihr rein“ und solche Sachen. Das sollte Frauen in der Prostitution eine ganz deutliche Sicht auf die Erniedrigung sein, die ihnen bestimmt ist.

Hr. A Maginness: Rachel, das war eine sehr bewegende Ansprache und ich danke Ihnen dafür. Sie sagten, dass Sie der Meinung sind, diese Art von Gesetzen – die Kriminalisierung des Erwerbs sexueller Dienste – haben eine normative Wirkung. Könnten Sie das noch etwas näher ausführen? In Ihrem Brief an uns schrieben Sie davon, dass andere Gesetze ähnliche Auswirkungen gehabt haben, was eine Änderung der Einstellungen und Werte angeht, zum Beispiel in Bezug auf Fahren unter Alkoholeinfluss, Rauchen in Gebäuden und so weiter. Könnten Sie diesen Punkt noch etwas ausführen?

Fr. Moran: Natürlich. Ich bin 37, und ich erinnere mich, als ich ein Kind, als ich ein Teenager und Anfang zwanzig war, galt es als hoch amüsant, in ein Auto zu steigen und nach Hause zu fahren, den ganzen Weg im Zickzack, betrunken bis oben hin. Man lachte einfach darüber. Es ist wirklich erst in der letzten Generation – in den letzten 10 oder 15 Jahren – zu einer kompletten Wende in der Gesetzgebung der Republik gekommen ist, sodass es nun als absolute Schande gilt, das zu tun. Wenn heute jemand in solch einem Zustand in ein Auto steigen und nach Hause fahren würde, würde die Person es für sich behalten; sie würde sicherlich nicht in der Öffentlichkeit darüber sprechen. Mit dem Rauchen ist es ähnlich. Man raucht heutzutage einfach nicht mehr am Arbeitsplatz; man würde gar nicht daran denken. Sich einfach eine anzuzünden, in einem Pub oder anderswo, ohne Rücksicht auf andere, würde als extrem ignorant, arrogant, und vieles andere Negative gesehen.

Worauf ich in dem Schreiben an Sie hinaus wollte, ist, dass Gesetzgebung menschliches Verhalten prägt. Sie ist, neben dem Verhalten, das Einzige, das die Ansichten der Gesellschaft ändern und prägen kann. Das ist es, wozu es Gesetze überhaupt gibt, und es funktioniert in Schweden, Norwegen und Island – es funktioniert definitiv. In Schweden würde man eine Person, die für Sex bezahlt, als sehr verzweifelt ansehen. Man würde es so sehen, dass ein Mann seine eigene Männlichkeit in Frage stellen würde, wenn er für Sex bezahlen müsste, und genauso sollte es auch sein, denn das ist es, was er – zusätzlich zu vielen anderen extrem schädlichen Verhaltensweisen – tut. Die normative Wirkung dieses Gesetzes wird riesig sein. Es ist sehr seltsam und interessant für mich, dass es gezeigt worden ist, dass eine Mehrheit der älteren Bevölkerung in Schweden – Menschen in den 50ern, 60ern und 70ern – das Gesetz befürwortet, aber nicht mit der über 80-prozentigen Mehrheit, mit der es junge Menschen tun. Teenager und junge Menschen sind mit dem Gesetz aufgewachsen. So ist es für sie schon immer gewesen. So ist die Welt heute, wie sie sie verstehen.

Hr. A Maginness: Ein Argument, das diejenigen, die gegen Absatz 6 sind, vorbringen, ist, dass Frauen sich freiwillig zur Prostitution entscheiden. Ich weiß, dass Sie sagen, es sei keine freiwillige Entscheidung. Es gibt das Argument, dass zumindest manche Frauen – eine wesentliche Minderheit – in die Prostitution gehen, diese Entscheidung für sich treffen und es ihnen in dem Kontext gut geht. Ich schätze, Sie könnten es das „Glückliche Hure“ Argument nennen. Wie lautet Ihre Ansicht dazu?

Fr. Moran: Ich habe dazu ein paar Ansichten. Die erste ist die, dass ich in sieben Jahren, in allen Aspekten des Sex-Gewerbes – ich bin nicht stolz, es zu sagen, aber ich war überall auf diesem Spektrum – nicht eine Frau getroffen habe, auf die dieses Profil zutrifft. Ich habe nie eine Frau getroffen, die unter Umständen in die Prostitution ging, wo sie eine Reihe realisierbarer Optionen gehabt hätte. Die Leute reden von der Entscheidungsfreiheit, aber sie sollten von realisierbaren Entscheidungen sprechen, denn es gibt einen Unterschied.

Ich bin keine Gesetzgeberin – das sind Sie – aber ich bin mir sicher, es dürfte allen um diesen Tisch herum klar sein, dass Sie, wenn Sie Gesetze machen, diese für die Mehrheit machen müssen. Sie können keine Gesetze für die ein oder zwei Prozent machen, oder sogar für die zwanzig Prozent, welche es, das können Sie mir glauben, definitiv nicht sind. Sie können keine Gesetze für die Minderheit machen. Ich glaube nicht, dass ich jemals auf der Welt ein Beispiel einer Gesetzgebung für die Minderheit gesehen habe. Es ergibt keinen Sinn.

Hr. McCartney: Vielen Dank für Ihre Aussage, Rachel. Wir haben Sie vor Weihnachten getroffen, und ich habe ein Exemplar Ihres Buchs erhalten, wofür ich Ihnen danke. Ihre Aussage ist natürlich sehr bewegend und es handelt sich dabei ja um Ihre eigene sehr traumatische Erfahrung, daher möchte ich mit den Themen sensibel umgehen. Allerdings haben im Laufe der Beweisführung Menschen behauptet, und werden Menschen noch behaupten, dass die Kriminalisierung bisher die Prostitution nicht in den Griff bekommen, sondern sie in Wirklichkeit nur weiter in den Untergrund getrieben habe und Frauen mehr gefährde. Wie denken Sie wird Absatz 6 dieser Entwicklung entgegenwirken oder verhindern, dass das passiert?

Fr. Moran: Als erstes: natürlich werden Sie solche Aussagen von Menschen hören, die nicht wollen, dass dieses Gesetz verabschiedet wird. Die Ergebnisse der schwedischen Polizei zeigen konsistent, dass Menschenhandel in die Prostitution massiv abgenommen hat. Ich habe mich mit Simon Hagström von der Prostitutionseinheit der Stockholmer Polizei getroffen und ihm zugehört, wie er Vorträge über die Situation dort gibt. Ich habe auch in den letzten Monaten einem deutschen Polizeibeamten in Brüssel zugehört. Dieser Mann hat praktisch mit den Händen gerungen über die Situation in Deutschland, die komplett ohne Einschränkungen und außer Kontrolle ist. Es gibt zu viele osteuropäische Teenager und junge Frauen, um sie zu zählen. Sie haben in Deutschland keine Ahnung, was sie tun sollen. Ich bin mir sicher, dass die Länder, in denen die Dinge völlig außer Kontrolle sind, und das sind sie, letzten Endes das nordische Modell in Augenschein nehmen werden müssen. Ausgerechnet in Holland sprechen Politiker darüber, und das sollte eigentlich schon alles sagen.

Es ist eine Tatsache, dass die Menschen immer Beweise anfechten werden, die nicht in ihr Argument passen. Sie werden viel davon hören, und mein Rat ist wie gesagt, in diese Länder zu reisen und es mit eigenen Augen zu sehen. Und reisen Sie ruhig auch nach Deutschland und Holland, wenn Sie einen fairen, ausgewogenen Vergleich suchen. Das wäre eine gute Idee.

Hr. McCartney: Ich war nicht unter den Ausschussmitgliedern, die in Schweden waren, aber meine Kollegin, Rosaleen, die heute nicht hier ist, hat einen Bericht über diesen Besuch geschrieben. Es ist interessant, dass manche Menschen sagen, obwohl der Menschenhandel in die Prostitution abgenommen habe, sei das bei der Nachfrage nach sexuellen Diensten nicht der Fall.

Fr. Moran: Die Nachfrage nach sexuellen Diensten hat in Schweden eindeutig abgenommen.

Hr. McCartney: Das ist der Streitpunkt. Manche sagen, dass habe sie, andere sagen, das habe sie nicht

Fr. Moran: Natürlich werden die Leute sagen, die Nachfrage sei nicht zurückgegangen, aber die Realität ist: wenn Männer wissen, dass der Kauf von Sex kriminalisiert ist, dann wissen sie, dass sie schon mit einem Fuß in Gefängniszelle stehen. Selbst wenn wir die Statistiken nicht hätten, und die haben wir, der gesunde Menschenverstand und die Vernunft sagen einem ja schon, dass Männer weniger gewillt wären, Sex zu kaufen, wenn es kriminalisiert wäre. Es ist Blödsinn, zu behaupten, der Sex-Kauf sei in Schweden nicht zurückgegangen wenn konsistent aus aller Welt Beweise von Freiern gesammelt wurden. Die Boston-Studie ist einen Blick wert; darin wurden 101 oder 102 Sex-kaufende Männer befragt. Die überwältigende Mehrheit sagte, dass das, was sie in Boston vom Sex-Kauf abhalten würde, eine strafrechtliche Verurteilung oder ein Eintrag in der Sexualstraftäterliste wäre. Es ergibt keinen Sinn, so zu tun, als hätte das keine Auswirkungen auf das Verhalten Sex-kaufender Männer.

Hr. McCartney: In Ihrem Buch schreiben Sie von den vielen Frauen, die gezwungen und gehandelt worden sind. Es gibt sehr gute Gesetze zu Zwang und Menschenhandel, aber die scheinen keine Anwendung zu finden. Haben Sie eine Meinung dazu, und warum denken Sie, dass dieses Gesetz, wenn es verabschiedet würde, mit mehr Nachdruck verfolgt werden würde, angesichts des offensichtlichen momentanen Misserfolgs?

Fr. Moran: Es gibt viele Faktoren, manche davon außerhalb meines Verständnisses, warum die existierenden Gesetze nicht effektiver eingesetzt werden. Ruhama hat neulich hier einen Vortrag gehalten, und ich wüsste gerne, ob ihnen dieselbe Frage gestellt wurde. Ich erinnere mich an eine Diskussion, die ich mit Sarah Benson hatte, und sie sprach über die Legalität und darüber, dass auf Menschenhandel so eine hohe Strafe steht. Ich glaube, sie sagte, es gäbe darauf lebenslänglich, was in gewisser Hinsicht die Polizei in der Ausführung ihrer Pflicht hindert. Ich bin mir sicher, das Thema ist umfangreicher, aber so habe ich es verstanden.

Hr. Anderson: Danke, Rachel, dass Sie heute hier vor dem Ausschuss erscheinen und für Ihren bewegenden Vortrag. Der Vorsitzende erwähnte Ihr Buch, „Paid For: My Journey through Prostitution“, in dem Sie davon sprechen, dass Drogen- und Alkoholmissbrauch endemisch seien. Ich weiß, dass Menschen Drogen dazu verwenden können, die schrecklichen Gefühle, die sie bei sexueller Aktivität verspüren, zu betäuben. Wie verbreitet ist Drogenabhängigkeit bei Menschen, die in der Prostitution arbeiten?

Fr. Moran: Sie grassiert absolut überall.  Allerdings gibt es eine Sache, die in den Medien falsch dargestellt wird, und zwar, dass es darum geht, dass junge, heroinsüchtige Mädchen auf die Straße gehen und dass das die Haupteinstiegsroute für junge Frauen in die Prostitution ist, wenn es um Drogensucht geht. Ich habe das gesehen – das gibt es definitiv – aber was ich viel häufiger gesehen habe, waren Frauen, die am Anfang keine Drogensucht hatten und dann in der Prostitution eine entwickelten. Ich war eine dieser Frauen.

Hr. Anderson: Es ist interessant, dass Sie das Wort „grassieren“ verwenden. Das erzählt schon eine Geschichte für sich.

Fr. Moran: Ja, sie grassiert absolut. Wie gesagt, ich habe innen und außen gearbeitet, und wenn ich „indoors“ war, habe ich in Massagesalons und Escort-Agenturen gearbeitet, das ganze Programm.  Die Art und Weise, in der Frauen Drogen missbrauchen, und welche Drogen sie missbrauchen, verschieben sich, wenn sich das Spektrum verschiebt. In der Escort-Prostitution waren die meisten von uns kokainsüchtig. An diesem Ende des Markts gab es nicht allzu viel Heroin. Ich habe das schon immer sehr seltsam gefunden. Ich schätze, es ist in dieser Hinsicht wie überall sonst in der Gesellschaft.

Hr. Anderson: Sie sprachen auch am Anfang davon, dass es einfach unrealistisch sei, in der Prostitution glücklich zu sein. Vor ein paar Wochen hat eine Dame, die vor dem Ausschuss ausgesagt hat, angegeben, dass es ihr tatsächlich Spaß mache, in der Prostitution zu arbeiten. Wie reagieren Sie auf diese Behauptung? 

Fr. Moran: Ich würde sie fragen, wo Frauen wie sie sich versteckt hielten, als ich noch auf dem Strich war. 

Hr Anderson: Das haben Sie einfach nicht gesehen. Sie waren nur unglücklich in der Prostitution.

Fr. Moran: Während meiner Zeit dort habe ich nie eine Frau getroffen, die mir gesagt hätte, sie sei glücklich in der Prostitution. Wir haben vielleicht versucht, den Leuten etwas vorzumachen, und das haben wir, aber wir haben diese Spielchen nicht miteinander gespielt. Wie ich in dem Buch geschrieben habe, manche Lügen sind peinlich offensichtlich.

Hr. Anderson: Sie würden sagen, dass sie gute Miene zum bösen Spiel gemacht haben.

Fr. Moran: Ja. Das habe ich selbst getan, als ich mit etwa 16 oder 17 Jahren interviewt wurde. Ich wollte ganz bestimmt nicht einem Reporter, den ich noch nie im Leben gesehen hatte, die schmerzhaftesten Aspekte meines Lebens erzählen, mit denen ich jeden Tag zu kämpfen hatte. Ich wollte das nicht offenbaren. 

Hr. Anderson: Sie sagten auch, dass für Prostituierte Gewalt Alltag ist. Das ist allgemein. Könnten Sie das für den Ausschuss näher ausführen?

Fr. Moran: Zuerst einmal, Prostitution ist Gewalt, und das ist etwas, über das die Welt sich klar werden muss. Sie ist Gewalt an und für sich. Es gibt auch die Drohung der körperlichen Gewalt, die immer dabei ist und nie verschwindet. Wenn Sie in einer Situation sind, in der ihr Körper von jemand anderem benutzt wird, um seine sexuellen Wünsche zu befriedigen, wenn Sie nicht tun was er sagt, dann haben Sie aus der Sicht dieser Person nicht die bestellte Ware geliefert. Diese Situationen können sehr schnell todgefährlich werden. Allerdings ist die hauptsächliche Gewalt, der eine Frau in der Prostitution ausgesetzt ist, die Drohung der Gewalt und die Tatsache, dass sie ständig Dinge mitmachen muss, die sie nicht tun will und die über die Vereinbarung, die sie eingegangen ist, hinausgehen. In diesem Moment, für diese Zeitspanne, ist ihre Autonomie verschwunden weil sie sie verkauft hat. Das ist in sich selbst ein Akt der Gewalt. Dann sind natürlich die körperlichen Gewalttaten Berufsrisiko. So sieht man es.

Hr. Anderson: Als Folgefrage zum Thema Gewalt: es gibt Menschen, die behaupten, den Kauf sexueller Dienste zu kriminalisieren würde die Prostitution gefährlicher machen. Was ist Ihre Meinung dazu?

Fr. Moran: Vor ein paar Jahren wurde in Norwegen ein Bericht veröffentlicht von einer Gruppe, die an vorderster Front Dienste für Frauen in der Prostitution bietet. Diese Gruppe hieß Pro Sentret. Die Studie kam zu dem Schluss, dass schwere Körperverletzung und Vergewaltigung erheblich gesunken waren aber dass das Haareziehen und Beschimpfen merklich gestiegen waren. Die Gruppe machte eine öffentliche Mitteilung, in der es hieß, die Gewalt in der Prostitution habe zugenommen. Ich weiß nicht, ob das für jemanden hier um diesen Tisch Sinn ergibt, aber für mich ergibt es ganz sicher keinen Sinn. Frauengruppen und Menschenrechtsgruppen in Norwegen haben das sofort bestritten, zurecht, und das Pro Sentret wurde dazu gezwungen, die Mitteilung, die auf ihren eigenen Statistiken basierte, zurückzuziehen. Es ist einfach nicht wahr, dass die Gewalt angestiegen ist. Wie gesagt, wenn der Mann schon weiß, dass er auf der falschen Seite des Gesetzes ist, dann ist es weniger wahrscheinlich, dass er auch noch anfängt, ihr die Seele aus dem Leib zu prügeln.

Hr. Anderson: Ich habe eine letzte Frage. Was für Menschen kaufen Sex? Sind es Männer, die Sie gut behandeln, sind es Männer, die schon eine Frau oder Partnerin haben und so etwas? Ist es die Ausnahme, dass sie an Ihr Wohlergehen denken?

Fr. Moran: Könnten Sie die letzte Frage wiederholen?

Hr. Anderson: Waren solche Männer die Ausnahme, oder waren sie in irgendeiner Weise gut zu ihrem Kunden [sic]?

Fr. Moran: Sie müssen es wieder darauf zurückbringen, dass Prostitution an sich eine Gewalttat ist. Es macht keinen Unterschied, wie sanft der Mann ist, und es macht keinen Unterschied, wie nett er ist. Wenn er für Geld seinen Penis in Sie steckt, dann ist das eine Vergewaltigung [engl. „violation“]. Es fühlt sich an wie eine Vergewaltigung; es wird erfahren und gelebt als eine Vergewaltigung. Die Tatsache, dass man 50 oder 250 Scheine im Geldbeutel hat, kann das nicht im geringsten ausradieren. In Wirklichkeit ist es sogar so, dass das Geld in gewisser Weise der grausamere Aspekt des Vertrags ist, den es bringt ein Gefühl der Schuldhaftigkeit mit sich. Fast keine Frau ist dazu bereit, in der Öffentlichkeit aufzustehen und darüber zu sprechen, wie das ist. Es gibt einen Grund dafür, warum Frauen so lange geschwiegen haben: es ist genau diese Scham und dieser Schmerz, die uns nicht haben sprechen lassen.

Sie haben nach der Art der Männer gefragt. Als ich in den 1990ern in der Prostitution war, waren die Männer, die mich kauften, meist drei oder vier Mal so alt wie ich. Wie gesagt fing ich mit 15 Jahren an. Bis ich 16 war hatte ich schon einen Stammfreier, der 83 Jahre alt war. Sicher, manchmal traf man Männer, die so unwissend waren, das sie das Wesen und die Tragweite dessen, was man durchmachte, nicht verstanden. Das werde ich zugeben: es ist wahr. Allerdings macht es das nicht weniger traumatisch, wenn Sie die Person in dieser Situation sind. Es gibt Männer, die Sex von Prostituierten kaufen, um ihre misogynen, frauenhassenden Fantasien an ihren Körpern auszuspielen. Ich musste das viele Male erleben. Es ist ein Wunder, dass ich hier sitzen und darüber sprechen kann. Aber es ist die Wahrheit. Was die Menschen nicht verstehen – und das kann man ihnen verzeihen, denn sie haben keine Möglichkeit es zu verstehen – ist die Art von Interaktion, mit der man jeden Tag in der Prostitution konfrontiert ist.

Ich hatte einen Freier, der es liebte, mit seinen Zähnen an meinen Brustwarzen zu reißen. Ich war damals 16 Jahre alt. Ich habe diesen Mann absolut gehasst und verachtet. Aber manchmal, wenn man im Winter eine Stunde in der Ecke stand, in der Kälte, und er kam vorbei, dann nahm man, was man kriegen konnte. Viele Jahre später, lange nachdem ich aus der Prostitution heraus war, kaufte ich eines Tages eine Zeitung und sah, dass er dafür verurteilt worden war, dass er einer prostituierten Frau mit den Zähnen die Brustwarzen abgerissen hatte. Der Kick, den er die ganze Zeit davon hatte – die Fantasie, die er um ein Haar an mir ausgespielt hätte – war etwas, von dem ich immer wusste, dass er es in sich hatte. Niemand hätte mir geglaubt, aber der Beweis stand letzten Endes in der Zeitung. Das sind die Menschen, mit denen man es in der Prostitution zu tun hat. Dein Körper ist nur so ein lebendes Ding mit einem Puls, das sie benutzen, um ihre Fantasien auszuspielen. Sie hätten in einen Sex-Shop gehen und eine aufblasbare Puppe kaufen können, die einen Herzschlag und einen Puls hat. Das ist alles was man für sie ist, nichts weiter als das.

Hr. Anderson: Danke, Rachel.

Hr. Wells: Ich muss sagen, Rachel, dass man einen starken Magen braucht, um Ihr Buch zu lesen. Ich bin mir sicher, Sie stimmen mir zu, dass es ziemlich schrecklich ist. Es ist nicht einfach, es zu lesen. Es ist sehr aufschlussreich.

Ich stelle diese Fragen, weil ich es muss, und aus keinem anderen Grund. Es gibt den Gedankengang – das haben wir in Schweden gehört – dass Prostituierte Menschen mit schweren Behinderungen und Lernschwierigkeiten einen Dienst erweisen, und dass die einzige Möglichkeit für sie, eine sexuelle Beziehung zu haben, ist, sie von einer Prostituierten zu kaufen. Sie haben sich bereits darauf bezogen. In Ihrer Erfahrung und in Ihrer Zeit in der Prostitution, kam das häufig vor?

Fr. Moran: In sieben Jahren in der Prostitution hatte ich einen behinderten Freier. Es ist unwahrscheinlich, dass ich in je vergessen werde. Ich war damals entweder 16 oder 17 Jahre alt. Ich weiß das, weil ich in der Waterloo Road gearbeitet habe. Es war bevor die Gesetze von 1993 verabschiedet wurden. Ich habe mich immer an diesen Mann erinnert weil wir in eine Tiefgarage fuhren, die kaum beleuchtet war, weil an der Seite Leisten angebracht waren, die das Licht der Straßenlaternen in Streifen durchließen. Ich wusste, dass das Auto, das er fuhr, irgendwie ungewöhnlich eingerichtet war, aber ich achtete nicht darauf, bis wir aus dem Auto stiegen. Er hatte Krücken, die er zum Gehen brauchte. Ich werde so lange ich lebe nicht die Erfahrung vergessen, vor diesem Mann zu knien, der gegen die Wand gelehnt stand, und der seine Hose herunterließ während ich mit seinem Schritt auf Augenhöhe war. Er hatte die verbogensten, deformiertesten, verzerrtesten Beine, die ich je gesehen hatte oder mir hätte vorstellen können. Wir redeten hinterher darüber, und er erzählte mir, dass er sich als Baby Polio zugezogen hatte, als er mit seinen Eltern irgendwo im Ausland gewesen war. Ich glaube, er erzählte mir, dass sein Vater in Indien gearbeitet hatte, als er klein war. Der Mann war Ende sechzig. Ich werde niemals meinen Schrecken vergessen und die Angst, weil ich nie so eine Deformität gesehen hatte. Es passierte in einer Tiefgarage mitten in der Nacht. Das ist das ganze Ausmaß dessen, was ich mit Männern mit Behinderungen erleben musste. Es gibt vieles, was ich dazu sagen könnte. Wie ich in unserer Stellungnahme sagte, es widersetzt sich jeder Logik, dass eine Randgruppe eine andere um ihrer Gesundheit willen benutzen dürfen sollte.

Hr. Wells: Wir haben auch von einer Vertreterin der International Union of Sex Workers (IUSW) gehört, die sagte, sie sei sehr wenigen Zuhältern oder solchen, die die Prostitution kontrollieren, begegnet. Ihrer Ansicht nach arbeitet die große Mehrheit der Prostituierten freiwillig und ungebunden und verdient dabei Geld. Sie seien vielleicht unter sehr schlimmen Umständen aufgewachsen und dies sei die einzige Art von Einkommen, die ihnen zugänglich ist. Sind Ihrer Erfahrung nach Zuhälter aktiv in der Republik Irland?

Fr. Moran: Lassen Sie mich als erstes sagen, dass es mich amüsiert eine solche Aussage von einer Vertreterin der IUSW zu hören, denn sie ist bekannt, in unserer Terminologie, als die Zuhältergewerkschaft. Es ist komisch, dass jemand von dem, was wir die Zuhältergewerkschaft nennen, Ihnen sagen würde, dass es gar nicht so viele Zuhälter gibt. Sie hat diesen Ruf weil sie vor Zuhältern nur so strotzt. Gibt es viele Zuhälter? Es gibt Anhäufungen von kleinen organisierten Gruppen, und das sagte mir die Leitung der Menschenhandelseinheit in Dublin. Viele von ihnen sind Ausländer, und viele von ihnen sind einheimisch. Sie sind Albaner, Rumänen, Afrikaner. Sie sind von überall – die ganze Bandbreite. Anstatt dass es zwei oder drei große Zuhälterkartelle gäbe, gibt es hunderte von kleineren Operationen, die sechs, acht, zehn oder zwölf Frauen für sich arbeiten lassen.

Ich werde vorsichtig sein, mit dem was ich sage, denn ich will nicht zu viel von den persönlichen Angelegenheiten anderer preisgeben, aber als ich heute Morgen in Belfast ankam, traf ich eine junge Frau, die in dieses Land gehandelt und von Gruppe zu Gruppe verkauft wurde. Ich werde mich später noch einmal mit ihr treffen, und ich bleibe heute Nacht in Belfast. Das Mädchen hat mich vor Kurzem kontaktiert. Sie hat vieles, worüber sie reden muss und viel zu verarbeiten. Ich wünschte, sie säße jetzt neben mir, denn wenn Sie etwas über Zuhälter wissen wollen, dann wäre sie die richtige Ansprechpartnerin.

Hr. Wells: Letztlich: wir werden später von Akademikerinnen und Akademikern hören, die dieses Thema erforscht haben. Haben sie Menschen wie Sie befragt, die aus diesem Gewebe herausgekommen sind und eine ziemlich schockierende Geschichte zu erzählen haben?

Fr. Moran: Das hängt von den Akademikern ab. Manche haben eine Pro-Lobby-Haltung und geben sich alle Mühe, das auch zu beweisen, und geben sich auch alle Mühe, mit den richtigen Leuten zu sprechen, um dazu in der Lage zu sein. Das ist sehr verbreitet. Unglücklicherweise für uns abolitionistische Überlebende nehmen gute 90 % aller Akademikerinnen und Akademiker auf dieser Insel und sonst überall eine Pro-Lobby-Haltung ein. Mein Gefühl, was das angeht, ist, dass es einfach im Trend liegt.

Hr. Wells: Zum Beispiel, hat die Queen’s University oder haben Amnesty International mit Ihnen gesprochen?

Fr. Moran: Nein, nicht im Geringsten.

Hr. Wells: Und doch könnte man Sie als eine der bekanntesten Überlebenden dieses Gewerbes ansehen.

Fr. Moran: Sie würden nicht davon träumen, in meine Nähe zu kommen; ich würde ihnen sagen, was sie nicht hören wollen.

Fr. McGlone: Vielen Dank, dass Sie heute hier sind und dass Sie so offen und ehrlich mit uns sind. Vielem von dem, was Sie sagen, geht etwas darüber voraus, dass etwas zwingend oder verpflichtend war, und etwas von einem Zwang, dieses und jenes zu tun. Für die Durchschnittsperson, wo kommt dieser Zwang in allen Fällen her? Wir haben von dem gehört, was allgemein als das Sex-Gewerbe bezeichnet wird. Wir haben auch in dieser Sache von einigen Menschen gehört, die sagen, es sei eine Lebensentscheidung oder eine Karriereentscheidung. Könnten Sie das für uns klarstellen? Vielleicht ist das falsch gesagt: könnten Sie uns erklären, woher dieser Zwang kommt? In anderen Worten, wenn es eine freie Wahl gibt – oder gibt es überhaupt eine Wahl? Sie haben einen Punkt erreicht, an dem Sie eine Wahl getroffen haben, und Sie waren erfolgreich darin. Sie sind heute das Ergebnis davon. Sie sind ausgesprochen redegewandt und haben zu jener Zeit die richtige Entscheidung getroffen, aus Angst vor dem Ort, an dem sie angelangt waren. Können Sie erklären, wie dieser Zwang oder diese Macht existiert und die Abwesenheit der freien Wahl, die Menschen daran hindert, mit ihrem Leben zu tun, was sie können und die Entscheidungen für ihr Leben zu treffen, die sie wollen?

Fr. Moran: Lassen Sie mich zuerst klarstellen, dass es kein innerer Zwang ist, von dem ich spreche; es ist äußerer Zwang. Zwang ist ein bisschen wie Perlen an einer Schnur: eine führt zur anderen. Als ich erst seit einem Tag in der Prostitution war, fühlte ich mich so schmutzig und befleckt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dasselbe Mädchen wie am Vortag zu sein. Nachdem ein paar Jahre vergangen sind, hat man keine Bildung und keine Möglichkeit, sich einem Arbeitgeber zu empfehlen. Man hat keine Arbeitserfahrung. Man hat niemanden in der Sphäre des normalen Lebens. Als ich aus der Prostitution entkommen war, musste ich mein Adressbuch wegwerfen, weil alle um mich herum prostituierten, Drogen verkauften, Drogenkuriere waren, oder Drogen an Frauen in der Prostitution verkauften. Ich kannte mehrere Zuhälter. Die Menschen in meiner Umgebung und die, in deren Mitte ich aufgrund der Richtung, in die mich mein Leben geführt hatte, gelandet war, redeten nie über Dinge, die in normalen Situationen passieren. Als ich aus der Prostitution herauskam, zum Beispiel, wie ich in meinem Buch beschrieben habe, hatte ich noch nie den Begriff „Erwachsenenbildung“ gehört. Ich wusste einfach nicht, dass man überhaupt eine Chance im Leben hatte, wenn man keinen Schulabschluss hat. Ich hatte nicht einmal mein Inter Cert [„Intermediate Certificate“, Zwischenabschluss nach 3 Jahren Sekundarschulbildung, Prüfung im Alter von 14/15], weil ich im Alter von 14 Jahren von der Schule ausgeschlossen wurde. Das sind die Dinge, die passieren: man fliegt aus einer Herberge, wird aus der Schule ausgeschlossen und ist auf der Straße, und man trifft einen Mann, der eindeutig ausbeuterisch, manipulativ ist, und weiß, was er tut. Man ist fünf, sechs, oder sieben Jahre jünger als er, und man selbst weiß nicht, was man tut. Ich habe diese Geschichte schon so oft gesehen, dass ich aufgehört habe, zu zählen.

Fr. McGlone: Sie sagen also, dass es ein konsistentes Muster des Missbrauchs gibt, Hintergründe und Verbindungen mit Drogen in allen Fällen. Sie sagen, dass die Menschen nicht, wie einige vielleicht behaupten, diesen Weg wählen?

Fr. Moran: Ich habe nicht gesagt, dass das Muster, dass ich am häufigsten um mich herum sah, absolut universell war. Ich habe gesagt, dass die Prostitution voll davon ist, und das ist sie. Wie ich sagte über Frauen, die sagen, sie seien glücklich, es sei ihre Entscheidung, sie wollen damit weitermachen und wollen nicht, dass das Gesetz sie in irgendeiner Weise daran hindert – ich sage wir erlassen keine Gesetze für die Minderheit.

Fr. McGlone: Außerdem, es sind nicht nur Frauen?

Fr. Moran: Es sind hauptsächlich Frauen und Mädchen, aber es sind auch einige Männer und Jungen und Personen, die Transgender sind. Allerdings muss ich sagen, dass ich in den sieben Jahren, die ich in der Prostitution war, nur eine winzige Anzahl von ihnen gesehen habe. Vielleicht ist die Zahl heute ein wenig höher. Es hat aus mehreren Gründen Veränderungen gegeben, in der Art und Weise, wie die Prostitution funktioniert, vor Allem in der Republik, zum Beispiel aufgrund der „Celtic Tiger“ Wirtschaft [Irischer Wirtschaftsboom 1995–2007], und auch aufgrund der virtuellen Prostitution heute. Ich stieg in dem Jahr aus, als das ganze Onlinegeschäft anfing.

 

Hr. Dickson: Vielen Dank für die Information und die sehr persönliche Art, in der Sie sie uns beschrieben haben. Patsy fragte nach der Anzahl der Männer. Haben Sie aus Ihrer Erfahrung irgendeine Ahnung von der Anzahl der Frauen in der Prostitution, die laut Gesetz in Irland Opfer des Menschenhandels sind oder es nicht sind? Wie viele Menschen haben Sie im Laufe der Jahre getroffen, die Opfer des Menschenhandels waren? Um des Arguments willen, zählt Ihre Organisation die Opfer im Vergleich zu denen, die freiwillig in der Prostitution sind?

Fr. Moran: Wir haben keine Möglichkeit, auf diese Art zu zählen. Die Wirklichkeit sieht so aus–

Hr. Dickson: Was ist Ihr Eindruck oder Ihre Erfahrung, was das angeht?

Fr. Moran: Sie müssten mir sagen, wie genau sie Menschenhandel definieren. Dieser Begriff wird unterschiedlich definiert.

Hr. Dickson: Es gibt eine gesetzliche Definition von Menschenhandel. Ich spreche von Menschen die aus gesetzlicher Sicht zur Prostitution gezwungen werden.

Fr. Moran: Das verstehe ich, aber–

Hr. Dickson: Ich versuche mir nur eine Vorstellung von dem Zahlenverhältnis zu machen.

Fr. Moran: Die Organisationen, die sich damit auseinandersetzen, wie Ruhama – soweit ich weiß, haben Sie hier oben nichts derartiges – und die Gardaí [Polizei der Republik Irland] wären bessere Ansprechpartner für Statistiken. Allerdings weiß ich, dass eine riesige Zahl von Frauen in dieses Land kommen, die aus armen Ländern in Südamerika oder anderswoher stammen, und die man davon überzeugt hat–

Hr. Dickson: Dass sie für andere Arbeit hierherkommen.

Fr. Moran: Nein, ich war dabei zu sagen, dass man sie davon überzeugt hat, dass die Form und das Wesen des Sex-Gewerbes, in das sie eintreten werden, sich sehr von der Realität unterscheiden. „Du gehst da hin, und dann musst du ein paar Männer die Woche treffen. Du kannst Englishkurse besuchen, Computerkurse und all das.“ Dann finden sie sich in einem Bordell wieder wo sie täglich acht, neun, zehn Männer bedienen müssen, sieben Tage die Woche. Das ist nach der gesetzlichen Definition kein Menschenhandel, aber ist es fair und gerecht? Diese Frage sollten wir stellen.

Hr. Dickson: Haben Sie Opfer des Menschenhandels gesehen, die in der Zwangsprostitution sind oder effektiv eingesperrt, die ankamen und Ihnen in gewisser Weise ihr Gebiet streitig machten, das Sie damals hatten?

Fr. Moran: Ich erfahre das Meiste, das ich über Menschenhandel weiß, von Frauen, die erst seit ein paar Jahren aus der Prostitution heraus sind. Ich bin seit 15 Jahren aus der Prostitution heraus. Wie gesagt, mit dem Boom in der Republik Irland gab es einen massiven Wandel in der Prostitution. Der Zustrom gehandelter Frauen war ein Teil davon.

Hr. Dickson: Absatz 6 schlägt vor, was als das Schwedische Modell bekannt ist, worin der Käufer der Dienstleistung kriminalisiert ist. Sollten wir diesen Kreis nicht komplett schließen? Sie können von uns nicht erwarten, dass wir glauben, dass alle Prostituierten unschuldig sind und alle Käufer schuldig. Vielleicht sind alle Käufer schuldig; unter dem Schwedischen Modell sind sie es sicherlich. Sollten wir den Kreis nicht schließen und den gesamten Vorgang zu einem kriminellen Vorgang machen? In anderen Worten, sollten wir nicht auch diejenigen, die die Dienstleistung anbieten, kriminalisieren, und nicht nur die, die sie kaufen?

Fr. Moran: Das denke ich nicht, und ich werde Ihnen sagen warum. Es gibt viele Gründe, warum ich das nicht denke. Wenn ich eingestehen würde, dass wir das tun sollten, dann müsste ich eingestehen, dass ich augenblicklich hätte verhaftet werden sollen als ich 18 wurde, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt seit drei Jahren als Minderjährige tagtäglich von den Männern Irlands missbraucht worden war. Was genau wäre an meinem achtzehnten Geburtstag passiert? Hätte eine magische Fee mir sexuellen-Missbrauchs-Feenstaub auf den Kopf gestäubt, um mich von einer missbrauchten Minderjährigen in eine Kriminelle zu verwandeln? Das ergibt keinen Sinn. Ich denke nicht, dass irgendjemand für die eigene Ausbeutung kriminalisiert werden sollte.

Hr. Dickson: Das ist interessant. Danke.

 

Der Vorsitzende: Es gibt keine weiteren Fragen. Rachel, vielen Dank. Dies ist wahrscheinlich eine der schwierigsten Anhörungen gewesen, die wir seit langem hatten, aber es war richtig, dass Sie so offen gesprochen haben. Ich weiß Ihre Aussage vor diesem Ausschuss sehr zu schätzen. Ich finde, Sie sind eine unglaublich mutige Frau, und ich danke Ihnen dafür, dass Sie vor den Ausschuss getreten sind, um den Mitgliedern dabei zu helfen, ein Verständnis der Situation zu entwickeln. Vielen Dank.

Fr. Moran: Danke, dass Sie mir zugehört haben.

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“Was Sie Zuhälter nennen, nennen wir die Geschäftsleitung”

Übersetzt aus dem Englischen

Veröffentlicht im Original von Cath Elliott auf toomuchtosayformyself.com am 7.2.2014 (mit Audio-Aufnahmen des Interviews)

 “Was Sie Zuhälter nennen, nennen wir die Geschäftsleitung.”

 

Dieses Zitat stammt von Douglas Fox:

Wie ihr vielleicht bemerkt habt, ist unser alter Freund Douglas Fox wieder in den Nachrichten, diesmal damit, dass er sich Amnestys neue Position, entschuldigt, Konsultation, zur Entkriminalisierung von „Sexarbeit“ zuschreibt. Amnesty wollen sich offensichtlich verzweifelt von ihm distanzieren – tatsächlich wollen sie sich so verzweifelt von ihm distanzieren, dass sie inzwischen zwei verschiedene Mitteilungen veröffentlich haben, in denen erklärt wird, dass er nichts mit der neuen Position, Verzeihung, Konsultation, zu tun hatte:

Douglas Fox and Amnesty International

Amnesty UK AGM’s Decisions on sex work to date

Fox hat inzwischen zugegeben, dass er 2008 damit beschäftigt war, seine Unterstützer im „Sex-Gewerbe“ dazu aufzufordern, de Amnesty beizutreten und von innen Lobby zu betreiben, um die Positionierung zum Thema „Sexarbeit“ zu bekommen, hinter der er her war.

Der Name Fox ist auch im Zusammenhang mit seinem Beitrag zur Amnesty-Position, Verzeihung, Konsultation, im nordirischen Parlament gefallen, wo ein Justizausschuss des Parlaments im Rahmen eines Gesetzesvorschlags, den Sex-Kauf zu kriminalisieren, um den Menschenhandel zu reduzieren, eine Anhörung von Beweismaterial durchführt.

Angesichts all dieses neuerlichen Interesses an Fox dachte ich mir, dass es höchste Zeit ist, meine Sachen in Ordnung zu bringen und etwas mit den fast 2 Stunden Interviewaufnahme, die ich seit dreieinhalb Jahren auf meinem Computer habe, anzufangen. Ein Interview, dass Julie Bindel und ich im Juni 2010 mit Fox führten und welches Material lieferte für Julies jüngstes Exposé der IUSW – de Eine Gewerkschaft, die keine ist (An Unlikely Union) – und über das Fox selbst auf Harlot’s Parlour schrieb, unter der charmanten Überschrift „Julie Bindel is my Bitch“.

Das Interview fand in einem Restaurant während dem Essen statt, ich entschuldige mich also für die schlechte Qualität der Aufnahme an einigen Stellen und den schrecklichen Soundtrack im Hintergrund: das war definitiv nicht unsere Musikauswahl! Fox brachte einen Kollegen zu dem Interview mit, vordergründig um Notizen zu machen (auch wenn er das Ganze auch aufzeichnete), und ich vermute mal um ihn vor den schlimmen Radikalfeministinnen zu beschützen, und daher hört man manchmal in der Aufnahme eine vierte Stimme. Da er eigentlich nicht Teil des Interviews war und um seine Identität zu schützen, habe ich ihn in dem Transkript des Interviews nur als „R“ bezeichnet.

Ich habe exzerpiert, was ich für die interessantesten und relevantesten Teile des Interviews halte, und unter jedem Abschnitt gibt es ein Transkript, aber es gibt am Ende auch Links zum vollen Interview und dem vollen Transkript für alle, die das Ganze komplett durchgehen wollen. Die einzigen Teile, die herausgeschnitten wurden, sind die, in denen wir Essen bestellen oder über Essen reden, denn ich vermute mal, das will wirklich überhaupt niemand hören.

Also, nun zur Sache.

Zuerst einmal haben wir hier Fox, wie er versucht, den Unterschied zwischen der IUSW und dem GMB/IUSW Adult Entertainment Branch zu erklären, und behauptet, in keiner der beiden Organisationen Vertreter, Sprecher oder Inhaber einer Position zu sein:

JULIE BINDEL: Meiner Meinung nach ist der Kampagnen-Flügel der IUSW keine Gewerkschaft, so wie wir Gewerkschaften kennen, er ist eine Kampagnen- und Lobby-Gruppe. Also habe ich mich gefragt, wie viele Menschen wohl wenn sie z.B. Catherine Stephens oder Thierry oder Sie sprechen hören, sich von Ihren Argumenten, dass es ja um den Schutz der Arbeiter ginge, überzeugen lassen würden, wenn Sie eigentlich keine Gewerkschaft sind.

DOUGLAS FOX: Nun, die IUSW hat zwei Seiten. Es gibt die IUSW Aktivistengruppe. Und dann gibt es den IUSW London Adult Entertainment Branch. Äh, welches die GMB ist. Das sind zwei sehr unterschiedliche Gruppen.

CATH ELLIOTT: Aber, sie sind’s aber sie sind’s nicht.

DOUGLAS FOX: Sie sind zwei sehr verschiedene Gruppen. Wir haben unsere eigene, die IUSW hat ihre eigene Verfassung, während der GMB Adult Entertainment Branch den Regeln der GMB folgt und ein Zweig der GMB ist.

CATH ELLIOTT:  Aber gehören nicht beiden dieselben Leute an?

DOUGLAS FOX: Oh, es gibt eine Überschneidung bei den Kernmitgliedern der beiden. Aber ich denke, ich meine, ich bin sehr sehr vorsichtig wenn ich als Aktivist der IUSW spreche dann spreche ich als Aktivist der IUSW und nicht für den GMB-Zweig. Thierry ist sehr in der GMB und im Gewerkschaftswesen involviert, also spricht er meist eher für die GMB. Ich denke wenn Sie mit ihm geredet haben, dann hat spricht er mehr für die GMB. Ich weiß dass Cath sehr, sie ist Geschäftsführerin des GMB-Zweigs, ich denke sie achtet sehr darauf, deutlich zu machen, dass sie wenn sie für die IUSW spricht, als Aktivistin für die IUSW spricht und nicht als Geschäftsführerin des GMB-Zweigs, außer es gibt einen bestimmten Grund für sie das zu tun, wie zum Beispiel als vor kurzem Briefe direkt an David Cameron etc. gesendet wurden, dann wird das natürlich als Zweig gesendet. Das sind also zwei sehr getrennte Dinge.

JULIE BINDEL: Aber Menschen, die Sie reden hören, wegen Ihrem Namen und wegen der Dinge, die gesagt werden, werden glauben, dass Sie eine Gewerkschaft wie jede andere Gewerkschaft sind, obwohl Sie eigentlich eine Kampagnen- und Lobby-Gruppe sind. Und ich schätze, da drängt sich die Frage auf, warum haben Sie das Wort „union“ (Gewerkschaft) verwendet? Warum nicht SexarbeiterInnen-Vertr– ich weiß nicht, was für Namen Sie sich geben könnten.

DOUGLAS FOX: Also das, die IUSW wurde gegründet, lange bevor ich überhaupt beigetreten bin. Und obwohl ich ein Aktivist bin, bin ich kein Vertreter. Ich habe keine Position innerhalb der IUSW oder im GMB-Zweig.

JULIE BINDEL: Aber Sie werden oft als deren Gesicht wahrgenommen, nicht wahr, Ihrem Profil bei Comment is Free nach zu urteilen.

CATH ELLIOTT:  Sie werden als ein Sprecher gesehen.

DOUGLAS FOX: Naja, das ist weil eigentlich jeder, der aufsteht und spricht, es gibt nicht viele von uns die wirklich aufstehen und für SexarbeiterInnen-Rechte sprechen. Natürlich sieht man uns als Sprecher ob wir die Gruppe vertreten oder nicht. Aber wenn ich spreche, dann spreche ich als Individuum und nicht als Vertreter der IUSW.

CATH ELLIOTT:  Aber das, was Sie auf Comment is Free geschrieben haben, Ihr Profil war…

DOUGLAS FOX: Naja, Comment is Free, ja, ich wurde bei dieser Gelegenheit spezifisch gebeten, von einer IUSW-Perspektive zu sprechen, aber die meisten Dinge, die ich tue, wie Harlot’s Parlor etc., da spreche ich als ich selbst und nicht als Vertreter der IUSW. Ich habe keine Position in der IUSW. Ich kann das also nicht.

CATH ELLIOTT:  Aber hatten Sie das mal? Hatten Sie das mal in der Vergangenheit? Ich meine, ist das etwas Neueres oder hatten Sie das nie?

DOUGLAS FOX: In der IUSW?

CATH ELLIOTT:  Ja. Hatten Sie nie eine Position?

DOUGLAS FOX: Die einzige Position die ich habe, ich bin der Schatzmeister, das ist alles.

CATH ELLIOTT:  Ah ja.

Hier ist Fox noch einmal später im Interview, wo er noch einmal behauptet, kein Vertreter oder Sprecher zu sein – obwohl er die Kommentare auf seinem Blog mit Douglas Fox (IUSW und Amnesty International Aktivist) signierte – und noch einmal behauptet, keine Position in der IUSW zu haben:

JULIE BINDEL: Aber worum drehte sich den der eigentliche Streit innerhalb der IUSW? Waren es die üblichen Machtkämpfe oder ging es mehr darum, wie es aussehen würde, wenn Sie Sprecher für ein Gewerbe sind, das, Sie wissen schon, voll mit Leuten ist, die nicht sind wie Sie?

DOUGLAS FOX: Ich habe nie für die IUSW gesprochen außer vielleicht in dem einen Artikel den ich gebeten wurde, für Comment is Free zu schreiben. Ich spreche immer als Einzelperson.

JULIE BINDEL: Ich dachte es hätte mehrere Anlässe gegeben, wo Sie–

DOUGLAS FOX: Ich habe pro-IUSW-Artikel geschrieben aber aus einer individuellen Perspektive und nicht mit irgendeiner Vollmacht der IUSW.

CATH ELLIOTT: Haben Sie nicht an einer Amnesty International Konferenz gesprochen?

DOUGLAS FOX: Nein, als einzelner Sexarbeiter. Ich habe keine Position als Vertreter der IUSW außer bei der einen Gelegenheit als ich gebeten wurde, einen kurzen Beitrag für Comment is Free zu schreiben.

JULIE BINDEL: Sind Sie also noch Mitglied der GMB und der IUSW?

DOUGLAS FOX: Äh, ich bin noch bei der IUSW als Aktivist. Und ich bin noch Mitglied bei der GMB, ja.

Und hier behauptet er wieder, unabhängig zu sein.

CATH ELLIOTT:  Behaupten Sie, dass sie keine Position außer Schatzmeister haben und Sie sind kein Sprecher, aber man hat Sie interviewt und Sie haben gesagt, als Sie gerade in der Gründung begriffen waren, Sie haben gesagt, Sie wollten einen Gewerkschaftszweig für Escorts gründen.

DOUGLAS FOX: Nicht für meine Escorts, ich habe gesagt für die Agentur, dass wir gerne einen Zweig gegründet hätten, einen getrennten IUSW-Zweig, einen IUSW GMB Zweig, ja.

CATH ELLIOTT:  Die Agentur?

DOUGLAS FOX: Naja durch die Agentur aber als getrennter Zweig für SexarbeiterInnen im Nordosten, ja. Das wäre das Ideal gewesen.

CATH ELLIOTT: Und haben Sie denn Mitglieder für die IUSW rekrutiert? Waren Escorts dabei?

DOUGLAS FOX: Ich glaube es sind einige Mitglied geworden, ja.

CATH ELLIOTT:  Haben Sie also einen Zweig?

DOUGLAS FOX: Es ist kein Zweig. Die GMB im Moment, soweit ich das verstehe, erlaubt im Moment keinen anderen Zweig als den Londoner Zweig. Also denke ich sind wir alle Mitglieder des Londoner GMB-Zweigs.

CATH ELLIOTT: Aber Sie sagten, Sie sind kein Sprecher oder Vertreter der IUSW, und doch gehen Sie auf, Sie waren auf Punternet und Northern Pleasuers und all diesen anderen Freier-Foren und haben um Spenden gebeten, Ratschläge verteilt, versucht Leute als Mitglieder für die IUSW zu rekrutieren. Wie passt das zusammen wenn Sie kein Vertreter oder–

DOUGLAS FOX: Weil ich Aktivist bin. Also, als Aktivist will ich, dass so viele Leute wie möglich bei uns Mitglied sind.

CATH ELLIOTT:  Aber sehen Sie, wie das rüberkommt, weil Sie so lautstark sind und Sie und Catherine Stephens sind die zwei, und jetzt natürlich noch Thierry, aber ich denke wir verstehen, dass Thierry GMB ist, aber wie das rüberkommt, dass die Menschen Sie jetzt automatisch mit der IUSW assoziieren. Sie als Sprecher sehen.

DOUGLAS FOX: Ich denke das ist unausweichlich, ja, ich stimme zu, aber es gibt einen Unterschied zwischen für etwas gehalten werden und tatsächlich etwas sein.

JULIE BINDEL: Aber wenn Sie so ein Aktivist für die IUSW sind, warum haben Sie dann keine Position? Sie investieren schließlich viel Arbeit und Zeit.

DOUGLAS FOX: Weil ich das schon erklärt habe. Ich will komplett unabhängig sein. Und falls ich irgendwann mal die IUSW oder den GMB-Zweig kritisieren will, dann will ich sie kritisieren können.

Und hier nun Fox wie er zugibt, dass er in Wahrheit die einzige Person ist, die in der IUSW eine offizielle Position jeglicher Art hat. Und er versucht, den Unterschied zwischen der IUSW und dem GMB Adult Entertainment Branch zu erklären. Schon wieder.

CATH ELLIOTT: Aber die IUSW, wie ist die denn nun aufgebaut, Sie sagen Sie haben keine Position, aber es gibt doch Positionen, es gibt so etwas wie eine Führungsriege, eine Leitung. Wird sie nicht von einem Komitee geleitet?

DOUGLAS FOX: Die Verfassung hat ein Komitee eingerichtet. Also gibt es ein Komitee, das sich um die alltägliche Organisation kümmert, und dann gibt es den Schatzmeister.

CATH ELLIOTT:  Sind Sie in dem Komitee?

DOUGLAS FOX: Nein, das bin ich nicht.

CATH ELLIOTT:  Waren Sie es?

DOUGLAS FOX: Man wollte mich nominieren, aber ich habe abgelehnt. Also habe ich es nicht gemacht. Da Thierry auch nicht im IUSW-Komitee ist, er dachte es würde einen Interessenkonflikt geben wenn er der Präsident des GMB-Zweigs und der IUSW ist.

CATH ELLIOTT:  Also es gibt ein Komitee, tut mir Leid, ich werde bei diesen Sachen immer ganz genau und theoretisch, es gibt also ein Komitee mit 6, 7, 8, keine Ahnung, ich pflücke hier nur mal Zahlen aus der Luft, und dann gibt es den Schatzmeister, aber das sind die einzigen Positionen?

DOUGLAS FOX: Ja.

CATH ELLIOTT:  Das heißt Sie sind in Wirklichkeit die einzige Person in der IUSW, die eine Position hat?

DOUGLAS FOX: Ich schätze so könnten Sie argumentieren! (lacht)

JULIE BINDEL:  Daran haben Sie nicht gedacht, was?

DOUGLAS FOX: Äh, doch. Ich kontrolliere die Finanzen. Nicht, dass es viel Geld gibt.

JULIE BINDEL: Vermutlich überleben Sie durch Ihre Spenden, durch Mitgliedschaften und Spenden?

DOUGLAS FOX:  Durch Spenden eigentlich. Es gibt keine Mitgliedschaft.

JULIE BINDEL: Mitgliedschaft geht natürlich an die GMB.

DOUGLAS FOX: Mitgliedschaft geht an die GMB. Die meisten Mitglieder der GMB so wie ich zahlen monatlich eine Gebühr wie alle Gewerkschaftsmitglieder und die geht an den GMB-Zweig. Die IUSW sammelt Geld durch Fundraising, durch hier und da mal eine Spende. Wir überleben mit sehr wenig.

CATH ELLIOTT:  Weil dann gibt es da diese ganze, wenn man Mitglied der GMB ist, wir hatten diese Diskussion am Anfang, dass die Mitgliedschaft sich bei beiden ja meist überschneidet, dass viele Leute bei beiden Mitglied sind.

DOUGLAS FOX: Nicht alle sind das. Nicht alle sind das, aber viele Leute sind Mitglied bei beiden.

CATH ELLIOTT:  Jetzt sagen Sie, es gibt keine Mitgliedschaft bei der IUSW.

DOUGLAS FOX: Nein, der GMB-Zweig.

JULIE BINDEL: (Lacht) Du hast es nur schlimmer gemacht, Cath. Ich dachte, du hast es.

CATH ELLIOTT: Das dachte ich auch, jetzt hab ich’s nicht mehr, jetzt ist es wieder weg.

DOUGLAS FOX: Es ist ganz einfach. Für den GMB-Zweig gibt es eine Mitgliedschaft bei, das ist die Mitgliedschaft bei der GMB. Die IUSW ist die Aktivismus-Liste, welche von Aktivisten ist, die auf der Liste sind…

JULIE BINDEL: Es ist eine Liste, keine wirkliche Mitgliedschaft.

DOUGLAS FOX: Ja, und die die Grundsätze der IUSW unterstützen.

Inzwischen ist es in etwa so klar wie dicke Tinte, oder?

Aber zurück zum Zitat am Anfang: hier ist Fox über die gewerkschaftliche Zusammenschließung von Zuhältern:

DOUGLAS FOX: Aber Sie haben nach der gewerkschaftlichen Organisation der GMB gefragt. Ich meine, aus meiner persönlichen Sicht, ich unterstütze die Position, dass sie alle vertreten, die stigmatisiert oder kriminalisiert sind. Für mich ist Teil der Gewerkschaften, Menschen zu vertreten, die unterdrückt sind und Menschen, die stigmatisiert sind und Menschen, die außerhalb der Gesellschaft sind. Das ist schon immer ein Teil der gewerkschaftlichen Organisation gewesen, soweit ich das verstanden habe, definitiv aus einer Menschenrechtsperspektive.

JULIE BINDEL: Naja, außer dass mir Menschen einfallen, die stigmatisiert und kriminalisiert sind, wie Kindesmissbraucher, denen wir wirklich keine Vertretung geben sollten, oder uns mit Menschenrechtsargumenten auseinandersetzen, warum sie nicht kriminalisiert werden sollten.

DOUGLAS FOX: Aber wir sprechen von SexarbeiterInnen, die als Erwachsene einwilligen…

JULIE BINDEL: Aber Zuhälter sind kriminalisiert und stigmatisiert, da gibt es keine Frage, aber was bedeutet das?

CATH ELLIOTT:  Sind Sie der Meinung, die IUSW sollte sie repräsentieren?

DOUGLAS FOX: Alle, die stigmatisiert und kriminalisiert sind, sollten eine Vertretung haben und gewerkschaftlich organisiert sein.

JULIE BINDEL: Also haben Sie gerade gesagt, ja, Sie denken wir sollten Gewerkschaften für Zuhälter haben.

DOUGLAS FOX: Was Sie Zuhälter nennen, nennen wir die Geschäftsführung (engl.: „managers“)

JULIE BINDEL: Also glauben Sie nicht, dass Zuhälterei existiert oder glauben Sie, Zuhälter müssen schwarz sein und einen Filzhut tragen?

DOUGLAS FOX: Könnten Sie definieren, was ein Zuhälter ist?

JULIE BINDEL: Einen Profit daraus machen, dass Frauen Sex verkaufen.

DOUGLAS FOX: Diese Definition ist das gleiche wie Prostitution. So wie wir das sehen, sollten alle in diesem Gewerbe eine Vertretung haben. Und das schließt Menschen ein, die leitende Angestellte sind. Und die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, Erwachsene zu vertreten, die sich dazu entscheiden, sie darum zu bitten, sie zu vertreten.

Und hier ist er, wie er abstreitet, dass so etwas wie Zuhälterei überhaupt existiert:

JULIE BINDEL: Ich denke Prostitution kann für viele, viele Frauen eine hässliche Erfahrung sein, und ich finde, dass Wort Zuhälter (engl.:„pimp“) sollte hässlich sein, denn es ist eine sehr, sehr hässliche Tätigkeit. Ich habe kein Problem damit, ich meine, was ich an dem Wort „pimp“ hasse, ist dass es für Kaffee und Autos und solche Sachen verwendet wird. Dann hasse ich es, aber denken Sie, es gibt Zuhälterei? Sogar nach Ihrer Definition in der Industrie?

DOUGLAS FOX: Das habe ich schon beantwortet.

JULIE BINDEL: Das haben Sie nicht.

DOUGLAS FOX: Ich habe diese Frage beantwortet. Ich habe gesagt, dass es eine Vielfalt von Erfahrungen innerhalb der Industrie gibt. Manche Leute haben gute Erfahrungen. Manche Leute haben vielleicht nicht so gute Erfahrungen. Wie kann ich sie sonst beantworten?

JULIE BINDEL: Sie könnten einfach ja oder nein sagen.

DOUGLAS FOX: Nun, das werde ich nicht.

Aber ob er nun glaubt, dass Zuhälterei existiert oder nicht, Douglas Fox ist der Meinung, dass alle, die Geld an der Prostitution verdienen, einschließlich seines Escort-Agentur-besitzenden Partners, „SexarbeiterInnen“ sind und vermutlich daher ein Recht auf Mitgliedschaft in der GMB-Gewerkschaft haben:

JULIE BINDEL: Aber warum sollten Sie verschwiegener sein, wenn es darum geht, zu sagen, dass Sie stolzer Sexarbeiter sind, als wenn es um Ihre stolze Assoziation mit etwas geht, das viele von uns als den Verkauf von Frauen, Zuhälterei und illegalen Prostitutionsgeschäften sehen?

DOUGLAS FOX: Es ist ja kein Verkauf von Frauen und keine Zuhälterei, es ist Management.

JULIE BINDEL: Ja, aber Sie wussten, dass viele Zuschauer es so sehen würden, denn Sie haben das Aufhebens ja in der Sendung wo Sie, wo John als Internet-Zuhälter bezeichnet wird, und wo es eine verdeckte Operation gab. Also wussten Sie, dass viele Zuschauer das sagen würden. Sie sind offensichtlich nicht der Meinung. Aber ich kann einfach nicht verstehen, warum es so ein Geheimnis oder so versteckt war, dass Sie Sexarbeiter sind. Denn ich persönlich glaube nicht, dass Sie Sexarbeiter sind. Ich denke, das dient Ihnen einfach als Berechtigung, für Menschen zu sprechen, die aktiv verkaufen anstatt zu managen, wenn Sie wissen was ich meine.

DOUGLAS FOX: Also, ich kann Ihnen versichern, ich bin Sexarbeiter, ich verkaufe Sex. Ich manage keine SexarbeiterInnen. Mein Partner macht das, und das ist sein Job. Ich habe damit nichts zu tun. Wenn ich mich öffentlich dazu bekennen würde, all so etwas ist öffentlich sehr schwierig. Wir waren schon 18 Monate lang in den Regionalzeitungen. Alle wussten, was wir tun. Äh, meine Familie wusste, was ich tue. Äh, aber, ich hatte zu diesem Zeitpunkt mich noch nicht öffentlich als richtiger, wenn Sie so wollen, ich meine, ich denke, John ist genauso viel Sexarbeiter wie ich Sexarbeiter bin, aber ich hatte mich noch nicht öffentlich dazu bekannt, Sexarbeiter an vorderster Front zu sein, also mit Kunden zu sprechen und Termine zu haben.

JULIE BINDEL: Ah ja.

CATH ELLIOTT:  Warum meinen Sie, John sei Sexarbeiter?

DOUGLAS FOX: Ich finde, jeder, der mit Sexarbeit Geld verdient, ist ein Sexarbeiter.

Beschämenderweise scheint es so, als würde die GMB ihm da zustimmen:

DOUGLAS FOX: Sie deckt ein ganzes Spektrum von Menschen ab. TänzerInnen, Stripper, wie Sie sagen, Menschen, die in Pornos und Prostitution arbeiten, sie deckt alle ab, die in dem, was allgemein als Sexgewerbe bezeichnet wird, arbeiten.

JULIE BINDEL: Aber würden Sie zum Beispiel einen Pornoregisseur annehmen, denn das ist das Gleiche wie ein Besitzer oder Geschäftsführer einer Escort-Agentur, und würden Sie einen Sex-Shop-Besitzer annehmen?

DOUGLAS FOX: Der GMB-Zweig? Nun, soweit ich die momentane Mitgliedschaft bei der GMB verstanden habe, sind es die Regeln der GMB, nicht unsere Regeln, es ist die GMB.

JULIE BINDEL: Es kommt mir absolut verrückt vor. Das ist einfach nicht wie irgendeine andere Gewerkschaft, die mir je untergekommen wäre. Wir reden jetzt von der GMB, nicht der IUSW, die mir wie der Kampagnen–

CATH ELLIOTT: Ich verstehe immer noch nicht–

JULIE BINDEL: Nicht?

JULIE BINDEL: Ich habe noch nie davon gehört, dass Gewerkschaften so organisiert wären. Die Mitgliedschaft, es überrascht mich wirklich, dass man da beitreten kann als, und wir hatten das vorhin schon, als Besitzer eines Sex-Shops, als Besitzer eines Strip-Clubs, als Besitzer einer Escort-Agentur, als Pornoregisseur, und dann als Akademiker, Freier, wie verrückt ist das, Freier?

DOUGLAS FOX: Aber das ist nicht unsere Schuld. Sie müssen da mit der GMB über ihre Regeln zur Mitgliedsaufnahme reden.

JULIE BINDEL: Aber Sie sind so eng verbunden, dass Sie offensichtlich…

DOUGLAS FOX: Die IUSW ist in der GMB ein kleiner Zweig in der, was ist sie nochmal, die drittgrößte Gewerkschaft im…

Hier ist das vollständige Interview (siehe Original-Link)

Hier ist das vollständige Transkript – Fox interview

Interessanterweise sieht man, wenn man die ersten paar Minuten dieses Nachrichtenbeitrags sieht, dass laut Laura Lee die IUSW, die laut Fox angeblich eine Listen- und keine Mitgliedschaftsorganisation ist, anscheinend eine Mitgliedschaft von 10 Personen hat. Ja, richtig gelesen, zehn Personen — Committee is briefed on trafficking bill.

Ich bin sicherlich nicht die Einzige, die jetzt ein paar Fragen nicht nur an Amnesty UK hat, sondern auch an die GMB. Zum Beispiel, Amnesty haben auf Twitter behauptet, sie würden “SexarbeiterInnen”-Organisationen in Großbritannien befragen, um ihre neue Position zu formulieren: wird diese Befragung die IUSW einschließen und damit ihre Mitgliedschaft von 10 AkademikerInnen/AktivistInnen/jegliche-interessierte-Partei-die-eigentlich-gar-kein/e-SexarbeiterIn-ist? Oder den GMB Adult Entertainment Branch, von dem Fox bereits zugegeben hat, dass er alles und jeden mit einem Interesse an der Sex-Industrie aufnimmt, von Pornoregisseuren bis hin zu Freiern?

And für die GMB muss die Frage lauten, wie viele Mitglieder gibt es im London Adult Entertainment Branch, und wen genau im Gewerbe vertreten sie, die ArbeiterInnen oder die Bosse und die Freier?

Für mehr Hintergrundinformationen und für mehr von mir über Fox, die IUSW, die GMB und die Prostitutionsdebatte, siehe:

The great IUSW con

Douglas Fox gets it wrong again

The IUSW playing dirty? Surely not!

Sex workers are not criminals

What does the Fox say? Die Strategie eines Super-Zuhälters für Amnesty International

Übersetzt aus dem Englischen
Veröffentlicht im Original von Martin Dufresne auf facebook.com/martindufresne am 31.1.2014

fr Siehe https://www.facebook.com/martindufresne/notes für viele französische Übersetzungen zum Thema Prostitution/Abolition, Amnesty

What does the Fox say? Die Strategie eines Super-Zuhälters für Amnesty International

In The Equality Illusion: The Truth About Women and Men Today, identifiziert Kat Banyard Douglas Fox als „Gründer und Geschäftspartner bei Christony Companions – einer von Großbritanniens größten Escort-Agenturen“ (S. 140). In einer Mitteilung vom April 2008 machte Fox weder einen Hehl aus seinem wachsenden Einfluss innerhalb von Amnesty International noch aus seinen Plänen, sie von der „kompletten Entkriminalisierung“ des Frauen-„Markts“ zu überzeugen – will heißen, Escort-Agenturen, Zuhälter, Prostitutionskäufer, etc.

„…Wir müssen sie gnadenlos verfolgen und sie auf unsere Seite bringen, eigentlich sind sie das sowieso schon, sie brauchen nur einen kleinen Schubs in die richtige Richtung…“

“Titel: Bericht von der Amnesty-Konferenz
Eintrag von: Douglas am 07. April 2008, 08:24:09
Die Amnesty International Jahreshauptversammlung 2008 in Nottingham.

Für diejenigen, die es nicht wissen, ich bin Mitglied bei Amnesty International und Aktivist in der Amnesty-Gruppe in Newcastle, die meine Kampagne für die Rechte von SexarbeiterInnen sehr unterstützt hat. Dieses Jahr hat unsere Gruppe in Newcastle bei der Konferenz den Antrag gestellt, dass Amnesty sich zu SexarbeiterInnen-Rechten positioniert. Der Antrag rief Amnesty dazu auf, die Europaratsresolution 1579 zu unterstützen, die besagt, Mitgliedstaaten sollen den Unterschied zwischen erzwungener und nicht erzwungener Sexarbeit anerkennen, und sollen außerdem SexarbeiterInnen zu allen Entscheidungen, die sie betreffen, befragen. Dieser Antrag verlangt auch, dass Amnesty SexarbeiterInnen in ihrem Kampf für Entkriminalisierung unterstützt, da dies der einzige Weg ist, SexarbeiterInnen vor den negativen Auswirkungen eines kriminellen Markts zu schützen, der sie stigmatisiert und entfremdet. Um zu zeigen, dass diese Forderung mit den grundlegenden Prinzipien Amnestys in Bezug auf die Gewissensfreiheit und die freie Meinungsäußerung übereinstimmt, habe ich mich auf die Brüsseler Erklärung über die Rechte von SexarbeiterInnen in Europa bezogen, die zur Anerkennung der Menschenrechte von SexarbeiterInnen aufruft. Ich habe mich auch auf Artikel 23 der Menschenrechtserklärung bezogen, der das Recht auf freie Berufswahl, das Recht, Gewerkschaften zu gründen, und das Recht auf Freiheit von Diskriminierung enthält.

All dies sollte für Amnesty eigentlich nicht kontrovers sein, aber Amnesty International hat aufgrund der jüngsten Geschichte zwei Hauptgründe, dies nicht zu bald zu unterstützen. Amnesty hat gerade einen dreijährigen kontroversen Kampf um einen Antrag zur Unterstützung des Rechts auf Abtreibung für Frauen hinter sich. Einige bei Amnesty fanden, dass dies einer Pro-Choice-Haltung gleichkäme und Amnesty wurde von der Katholischen Kirche und muslimischen Gruppen verurteilt. Venezuela und Irland weigerten sich, Kampagnen zu machen, und viele Einzelmitglieder verließen Amnesty. Das Thema wurde bei dieser Konferenz wieder besprochen und wieder war es sehr spaltend. Der Amnesty Verwaltungsrat schlug einen Kompromiss vor (gegen den ich stimmte, da ich pro-choice bin) der besagte, dass Amnesty nur Abtreibung unter bestimmten Umständen befürworten würde und dass einzelne Mitglieder oder sogar Länder sich weigern könnten, sich an Kampagnen zu beteiligen. Dieser Kompromiss wurde letztendlich angenommen. Das zweite Problem ist, dass sich Amnesty (in mancher Hinsicht sehr effektiv) gegen Gewalt gegen Frauen eingesetzt hat. Die Leute, und besonders eine Frau, die an der Spitze dieser Kampagne stehen, haben eine Anti-Escorting-Haltung eingenommen und Melissa Farley und Julie Bindel ausgiebig in ihrer Literatur zitiert. Ich habe diese Haltung und die Statistiken, die sowohl auf der Amnesty-Webseite und auf der Konferenz verwendet wurden, in Frage gestellt und am „Gewalt gegen Frauen“-Stand einen Krawall verursacht. Ich habe die Leiterin der Kampagne in Hinblick auf die Statistiken in Frage gestellt und sie hatte eigentlich keine Antwort.

Dies nun war also der Hintergrund zur Amnesty-Konferenz und so war ich nicht wirklich optimistisch. Um also auf den Punkt zu kommen: Amnesty hält zuerst einmal Workshops, in denen die Anträge diskutiert und abgeändert werden etc. Die Anträge werden dann gegebenenfalls auf der vollen Konferenz weiter diskutiert. Mein Workshop hatte ungefähr 150 Teilnehmer. Ich sprach fast 10 Minuten über den Antrag. Der Amnesty-Rat war nach mir an der Reihe und argumentierte, dass Amnesty keine Position zum Thema Escorting habe und die Deklaration über die Rechte von SexarbeiterInnen in Europa von 2005 sowie die Europaratsresolution 1579 unterstützen solle, aber anstatt die Entkriminalisierung voll zu unterstützen, solle Amnesty zu einer umfassenden Studie zur weltweiten Entkriminalisierung aufrufen.

Ich erhob im Workshop Einspruch gegen diese Änderung, aber sie wurde angenommen während mein Antrag auf Unterstützung der Entkriminalisierung abgelehnt wurde. Ich hatte die Unterstützung von ca. einem Drittel der Arbeitsgruppe.
Der Antrag wurde später auf der Konferenz vorgestellt und ich musste vor der gesamten Konferenz von ca. 5/600 Leuten noch einmal etwa 10 Minuten reden. Der Rat gab wieder dieselbe Änderung ein und wieder erhob ich mit der Begründung, dass viele Mitglieder sie ablehnten, dagegen Einspruch. Es wurde abgestimmt und ich verlor (allerdings hatte ich wieder ca. ein Drittel des Saals auf meiner Seite). Es wurde über die Änderung des Amnesty-Rats abgestimmt und sie wurde mit einer ausreichenden Mehrheit angenommen.
Amnesty haben nun also erklärt, dass sie die Europaratsresolution 1579 unterstützen, und haben erklärt, dass sie die Deklaration über die Rechte von SexarbeiterInnen in Europa von 2005 unterstützen, und haben beschlossen zu einer „umfassenden, weltweiten Studie zum Thema der Entkriminalisierung des Escorting“ aufzurufen. Ich halte das absolut nicht für ein schlechtes Ergebnis.

Hinterher war ich der örtliche Star LOL und ich habe mit so vielen Leuten geredet, die mir Fragen stellen wollten. Es war so frustrierend, denn nachdem ich mit ihnen geredet hatte, sagten sie alle, dass sie für den gesamten Antrag gestimmt hätten, wenn sie das Thema richtig verstanden hätten, und nicht nur für den Kompromiss (so gut dieser auch war). Ich denke, wenn sie das getan hätten, hätte ich gewonnen. Ein weiterer ähnlicher Antrag wird auf der Konferenz nächstes Jahr gemacht werden, und zweifellos wird meine Amnesty-Niederlassung in Newcastle einen ähnlichen Antrag formulieren. Das hier ist eine gewinnbare Kampagne würde ich sagen, aber SexarbeiterInnen müssen bei Amnesty Lobby machen, vor Allem bei der „Gewalt gegen Frauen“ Kampagnengruppe, die aufgrund meines Wutausbruchs auf der Webseite und am Stand gezwungen waren, ein zweiseitiges Dokument mit alternativen Standpunkten zu kopieren und am Stand zu verteilen.
Ich habe später auch noch weniger zornig mit der Gewalt gegen Frauen-Gruppe geredet, und sie waren gewillt, eine Debatte mit mir, der IUSW und anderen SexarbeiterInnen zu eröffnen, um eine ausgewogenere Sicht im Hinblick auf Literatur und auf der AI-Webseite zu haben. Viele verschiedene regionale Amnesty-Gruppen hätten es gerne, dass SexarbeiterInnen mit ihnen sprechen und ihnen unsere Ansichten erklären und ich habe einige gute Gewerkschaftskontakte durch den TUC* geknüpft, die es hoffentlich mir und anderen erlauben werden, im Nordosten [Englands] mit dem TUC zu reden und die Druckergewerkschaft an der Debatte zu beteiligen. Ich oder jemand anderes wurde dazu eingeladen, in Belfast für SexarbeiterInnen-Rechte zu sprechen, da anscheinend dort Gesetzesänderungen vorgeschlagen worden sind und wieder einmal niemand für die SexarbeiterInnen spricht oder zumindest hört man ihnen nicht zu.
Ich habe mit dem Vertreter von Amnesty in Schweden gesprochen und ein paar Kontaktadressen bekommen, die werde ich jetzt also verfolgen LOL und mit der chinesischen Amnesty Hong Kong Gruppe, die mir auch wieder einige Kontakte brachte.

Sam Ruddick (Anita Ruddicks Tochter) sprach auf der Konferenz und hat ein paar interessante Punkte vorgebracht. Ich habe nach ihrer Rede kurz mit ihr geredet und sie hat eingewilligt, sich mit Cath oder mir zu treffen, um Ideen zu besprechen, wie sie der Gewerkschaft behilflich sein kann. Ihre Rede war leider nicht unterstützend, aber das war wahrscheinlich keine Absicht. Sie hat sich auf ihre Kampagnenarbeit gegen Menschenhandel konzentriert, was starker Tobak war, und sie scheint eng mit anderen Gruppen gegen Menschenhandel zusammenzuarbeiten. Als ich mit ihr redete gab ich ihr meine Bedenken bezüglich ihrer Rede zu verstehen und sie erklärte mir, dass sie die Ansicht vertritt, dass die zwei Themen SexarbeiterInnen-Rechte und das Aufhalten des Menschenhandels zwei getrennte Themen sind (und natürlich sind sie das) aber ich glaube nicht, dass ihr das klar ist, wegen den Medien und der zerstörerischen Negativität der Julie-Bindel-Unterstützer ist Menschenhandel in den Köpfen der Leute synonym mit Sexarbeit geworden. Ich wurde wieder und wieder und wieder zu Sorgen gefragt, Unterstützung für SexarbeiterInnen könnte zu einem Anstieg des Menschenhandels führen. Jedoch habe ich sie jedes Mal sehr leicht auf meine Seite gebracht, was wieder zeigt, dass es wichtig es ist, die Presse/Medien auf unsere Seite zu kriegen um Gegenargumente zu bringen.
Abschließend, es ist traurig dass Amnesty sich nicht dafür entschieden haben, morgen schon für die Entkriminalisierung Kampagne zu machen, und vielleicht dauert es noch ein Jahr bevor sie irgendwelche positiven Aussagen machen, aber jetzt haben sie sich der Recherche verschrieben und Amnesty Neuseeland könnte hier durchaus sehr hilfreich sein. Amnesty auf unsere Seite zu kriegen wird einen Riesenschub für unsere Moral und unser Ansehen bedeuten, allerdings müssen wir sie gnadenlos verfolgen und sie auf unsere Seite bringen, eigentlich sind sie das sowieso schon, sie brauchen nur einen kleinen Schubs in die richtige Richtung. Es wäre auch keine schlechte Idee, wenn mehr bekennende SexarbeiterInnen Mitglieder bei verschiedenen Amnesty-Niederlassungen werden.

Douglas Fox”

Und hier ist ein Teil dessen, was Fox geschafft hat, in Amnesty Internationals vorgeschlagene Positionierung zur Prostitution einzubringen:
„…Wie bereits in Amnesty Internationals Grundsatz zur Sexarbeit festgehalten wurde, lehnt die Organisation die Kriminalisierung aller Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Kauf und Verkauf von Sex ab. Sexuelles Begehren und sexuelle Aktivität sind ein menschliches Grundbedürfnis. Diejenigen, die nicht in der Lage oder nicht gewillt sind, dieses durch traditioneller anerkannte Methoden zu erfüllen und daher Sex kaufen, zu kriminalisieren, könnte eine Verletzung der Privatsphäre bedeuten und die Rechte auf Meinungsfreiheit und Gesundheit untergraben.“ (http://www.scribd.com/doc/202126121/Amnesty-Prostitution-Policy-document, Seite 5, Fußnote 2)

[* TUC: Trades Union Congress, ein gewerkschaftlicher Dachverband in Großbritannien. Er vereint 65 Gewerkschaften mit ca. 6,5 Millionen Mitgliedern.]

Julie Bindel: “Eine Gewerkschaft, die keine ist”

Übersetzt aus dem Englischen

Original von Julie Bindel veröffentlicht auf juliebindel.org am 15.1.2014

Eine Gewerkschaft, die keine ist 

Eine Welt der Arbeiter, Zuhälter und Freier.

Die GMB, eine von Großbritanniens größten Gewerkschaften, schrieb 2002 Geschichte. War sie doch bekannt dafür, Männer in traditionell männlichen Berufen zu vertreten – sie wurde immerhin von Herstellern von Kesselblechen gegründet – rief es einige Überraschung und Konsternierung hervor, als ein neuer Zweig, der StripperInnen, Lap-Dancer, PornodarstellerInnen und Prostituierte vertreten wollte, beitrat. Der „Adult Entertainment“-Zweig sollte, so die Gründer, die Menschen, die in der Sex-Industrie arbeiten, mit denselben Rechten ausstatten, wie Arbeiter in allen anderen Gewerben und Berufen.

Der Spross, der letztlich zum Adult Entertainment-Zweig wurde, begann nicht in einem Bordell oder Striplokal, sondern an einer Universität. Im Jahr 2000 wurde eine Kampagnengruppe namens International Union of Sex Workers (IUSW) von ein paar radikalen Anthropologen gegründet, die der Auffassung waren, die Rechte der Menschen in der Prostitution können nur durch kollektive Organisation gewonnen werden. Nachdem sie die IUSW gegründet hatten, wurde den Gründern klar, dass ihre Mitglieder erst richtig profitieren konnten, wenn sie Teil einer offiziellen Gewerkschaft waren.

Laut Chris Knight, einem der IUSW-Gründer, war die IUSW bevor sie 2002 ihre Führung an die GMB übergab, „noch in den Kinderschuhen und eher informell“. In der ersten Ausgabe der IUSW-Zeitschrift Respect, veröffentlich im Jahr 2000, erklärten die Gründer: „Wenn das älteste Gewerbe kommt – hütet euch Zuhälter, Kapitalisten! Was auch immer dein Geschlecht oder deine sexuelle Situation: wenn du meinst, eine Gewerkschaft zu brauchen, bist du als Mitglied willkommen!“

Aber die IUSW, oft mit dem Adult Entertainment Branch der GMB verwechselt, ist weit entfernt von dem linksgerichteten, arbeiterfreundlichen Sprachrohr, das ihre Gründer im Sinne hatten. Einige ihrer Mitglieder berichteten mir, dass es sich dabei mehr um ein Sprachrohr für Zuhälter und Freier handele, und statt ihnen wie die Gründer zu sagen, sie sollen sich hüten, heiße die IUSW heute sogar Sexindustrie-Bosse mit offenen Armen willkommen.

Die Unterstützung der GMB, selbst wenn diese dem offiziellen Gewerkschaftszweig für die Sex-Industrie gilt, hat dazu geführt, dass die IUSW als Interessenvertretung der „Arbeiter“ in der Sex-Industrie erscheint. Solche Organisationen sind politisch motivierte Lobby-Gruppen, die sich für die vollständige Entkriminalisierung des Sex-Gewerbes einsetzen – daher auch die Zahl der beteilligten Zuhälter und Freier. In den Niederlanden, wo die Bordellprostitution seit 2000 legal ist, hat Red Thread, eine Organisation für Prostituiertenrechte, 2002 eine Gewerkschaft gegründet, die auf ihrem Höhepunkt nur 100 Mitglieder hatte, hauptsächlich Geschäftsführer und Strip-TänzerInnen. Sie verlor 2004 ihre staatliche Förderung. Niemand weder in der GMB noch in der IUSW war in der Lage oder gewillt, mir genaue Mitgliederzahlen für den Gewerkschaftszweig zu geben, doch es dürfte sich um zwischen 20 und 100 von geschätzten 80.000 SexarbeiterInnen in Großbritannien handeln.

Doch Prostitution ist keine legitimes Gewerbe, und von ihren Erträgen oder anderen Aspekten des Gewerbes zu leben ist weiterhin illegal. Missbrauch, Zwang, Täuschung, und häufig entsetzliche Arbeitsbedingungen sind alle Merkmale des Sex-Markts. Vergewaltigung, sexuelle Belästigung und Mord sind verbreitete Berufsrisiken. Doch wo die wohlmeinenden Gründer der IUSW glaubten, dass diese Probleme durch die gewerkschaftliche Organisation gelöst werden können, sehen andere deutlich, dass es kurzsichtig und sogar gefährlich ist, ein ausbeuterisches Gewerbe zu normalisieren anstatt jenen beim Entkommen zu helfen, die sich darin befinden.

Ich habe im Laufe der Jahre mehrere Mitglieder der IUSW getroffen, bei Seminaren, Kongressen und öffentlichen Versammlungen in Großbritannien und anderswo in Europa. Mitglieder, zumeist vertreten von Catherine Stephens, wissen, dass ich mich gegen die Zuhälterei einsetze und die Kriminalisierung des Sex-Kaufs befürworte. Ich bin auch kritisch, was die Terminologie der Pro-Prostitutions-Lobby angeht. Laut Stephens, deren Beteiligung 2004 begann, war die Hauptgründerin der IUSW, Ana Lopes, eine „Sexarbeiter-Migrantin“, doch das ist eine recht verzerrte Definition. Lopes kam aus Portugal nach Großbritannien um ihren Doktortitel zu machen. Sie, wie eine kleine aber wachsende Anzahl von AkademikerInnen, die „Sexarbeit“ studieren, begann, persönlich mit Prostitution zu experimentieren, sah es als so etwas wie „Feldversuche“ an. Nach einer Weile räumten die AkademikerInnen das Feld und solche, die direkter in der Sex-Industrie involviert waren, übernahmen das Ruder. Aber auch diese Leute waren weit davon entfernt, repräsentativ für den Großteil der Prostituierten in Großbritannien zu sein.

Ich begegnete Stephens zum ersten Mal vor sieben Jahren, als sie mir sagte, sie habe in acht Jahren „Sexarbeit“ kein einziges Mal auch nur schlechte Manieren von einem „Kunden“ erlebt, geschweige denn Missbrauch, und sie „liebe“ ihre Arbeit.

Stephens macht nicht den Eindruck einer typischen Domina. Sie ist mittleren Alters, das Haar zurückgebunden und das Gesicht frei von Make-up, und sie trägt normalerweise weite, legere Kleidung. Stephens verbringt viel Zeit damit, bei öffentlichen und geschlossenen Veranstaltungen über Prostitution zu sprechen, und erscheint regelmäßig in TV und Radio, wo sie zur Entkriminalisierung aller Gesetze, die sich auf die Prostitution beziehen, aufruft. Als ich sie in ihrer Rolle als Geschäftsführerin des GMB-Gewerkschaftszweigs für ein Zitat für diesen Artikel kontaktierte, schrieb sie: „Der GMB-Zweig für Menschen in der Sex-Industrie wird, wie alle GMB-Zweige, von seinen Mitgliedern geleitet und steht allen Menschen in der Sex-Industrie offen.“

“Catherine ist total dominant und will immer ihren Willen durchsetzen”, sagt Thierry Schaffhauser, ehemaliges Mitglied, das 2012 aus der IUSW ausgeschlossen wurde, hauptsächlich, so sagt er mir, weil er noch nie einen Hehl aus seiner Abneigung gegen die Macht der Geschäftsführer innerhalb der Organisation gemacht habe. „Sie darf alles entscheiden, ohne es überhaupt mit der Gruppe zu besprechen.“

Am Parliament Square treffe ich einen Mann der zusammen mit Lopes 2000 die IUSW gründete. Ich finde Chris Knight, einen hochgewachsenen Mann Ende 60 in einem bunten Hut und Jeans, neben einem Banner, auf dem steht: „Capitalism isn’t working“. Knight war Mitgründer von Democracy Village – einer Gruppe von Antikriegs- und Antikapitalismus-Demonstranten, die früher ihr Lager am Square neben den Anarchisten und den obdachlosen Trinkern aufschlug. Knight war Professor für Anthropologie an der University of East London (UEL) bevor er 2009 aufgrund seiner Aktivitäten bei einer G20-Demo gefeuert wurde.

„Der ganze Grund, warum wir die Gewerkschaft überhaupt gegründet haben, war, um die Prostitution zu beenden,“ sagt Knight. „Aber es gibt verschiedene Wege, wie man das angehen kann. Marx sagte, alle Arbeiter sind Prostituierte. Wenn wir die Prostitution beenden wollen, müssen wir den Kapitalismus beenden.“

Lopes schien mehr daran interessiert, der Sex-Industrie beizutreten, als sie abzubauen. Kurz nachdem sie anfing, mit Knight zu arbeiten, meldete sich Lopes für Schichten bei einer Telefonsex-Hotline an.

Ich tausche mich mit Camilla Power aus. Sie war Mitgründerin der IUSW und arbeitete an der UEL mit Chris Knight zusammen, wo sie die Doktorarbeit von Lopes betreute. Gab sie Lopes grünes Licht dafür, sich als Teil ihrer Recherche direkt an der Sex-Industrie zu beteiligen, in Form von Telefonsex? „Anthropologen nennen das teilnehmende Beobachtung,“ sagt Power. „Man kann nicht mit einer Gemeinschaft arbeiten und dabei außerhalb stehen und die Menschen wie Objekte behandeln. Innerhalb der Sexarbeit ist das sogar noch mehr der Fall, aufgrund der Kluft zwischen ihnen und den gebildeten AkademikerInnen.“

Ich frage, ob Lopes die Erlaubnis der Ethik-Kommission der Universität hatte, mit der Telefonsexarbeit als Teil ihres Studiums weiterzumachen. Laut Power seien damals die „grundlegenden anthropologisch-ethischen Richtlinien“ eingehalten worden. Ein(e) EUL-Sprecher(In) teilt mir mit, die relevanten Dokumente seien unauffindbar und somit könne man das nicht bestätigen.

Während ihrer Arbeit für die IUSW reiste Lopes durch Großbritannien und hielt Reden vor anderen Gewerkschaften und Frauenorganisationen, in denen sie sie um Unterstützung beschwor. Im Jahr 2001 wurde ihr eine goldene Trophäe in Form eines fliegenden Penis verliehen: der Erotic Award in der Kategorie AktivistIn für Sexuelle Freiheit. Die Preise werden von der Sexual Freedom Coalition verliehen, welche mit Hilfe von Catherine Stephens die TLC (Tender Loving Care)-Webseite erstellt hat, um für die Einführung eines Gesetzes für „SexarbeiterInnen-Besuche“ in Hospizen und für mindestens ein barrierefreies Bordell pro Stadt in Großbritannien zu werben.

Die IUSW und der GMB-Zweig sind, auch wenn sie offiziell verschiedene Organisation darstellen, kaum voneinander zu unterscheiden. 2003 war Lopes eine Sprecherin auf einer von der GMB veranstalteten Konferenz in Birmingham für ArbeiterInnen der Sex-Industrie, auf der eine GMB-Broschüre verteilt wurde, die Angebote für Unterricht im Table-Dance und Striptease enthielt, die mit Geldern von Gewerkschaftsmitgliedern und staatlichen Mitteln bezuschusst wurden.

Douglas Fox war ein bekanntes Gesicht der IUSW. Fox und sein Partner John Dockerty führen eine der größten Escort-Agenturen im Nordosten Englands. Fox ist darum bemüht, deutlich zu machen, dass die Agentur allein auf Dockertys Namen läuft. „Ich bin weder noch war ich jemals ein Geschäftsführer oder Besitzer einer Escort-Agentur. Mein Lebenspartner ist der alleinige Inhaber.“

Fox willigt ein, sich mit mir zu treffen, obwohl Stephens eindringlich versucht hat, ihn davon abzubringen. Das Paar gründete 1999 Christony Companions in seiner Heimatstadt Newcastle. Fox arbeitete als Modedesigner und Dockerty war ein ziviler Finanzangestellter der Polizei. Sie starteten eine Agentur, so Fox, als eine Freundin, die als Escort arbeitete, Dockerty bat, Termine für sie zu vereinbaren. Als ihnen klar wurde, wie viel Geld sich so machen ließe, grüneten sie ihre eigene Firma.

Beide Männer wurden 2000 in Folge einer verdeckten Ermittlung einer Lokalzeitung festgenommen. Eine Reporterin, die sich als potentielle Escort ausgab und eine versteckte Kamera dabei hatte, lieferte später genug Beweise, um die Männer wegen Zuhälterei anzuzeigen. Während des Treffens mit der Reporterin fragte Dockerty sie nach ihrem Zyklus, um es sich in seinem Kalender zu notieren. Die Männer kamen später wegen einer Formalie davon: die Escorts, die bei Christony angestellt waren, weigerten sich, als Zeuginnen auszusagen, da der Richter ihnen die Anonymität verwehrt hatte.

Fünf Jahre später liest Filmemacher John Alwen einen kleinen Beitrag in einem Boulevardblatt über einen Besitzer einer Escort-Agentur, der bei der örtlichen Arbeitsagentur Frauen anwirbt, und entschließt, der Sache nachzugehen. Fox und Dockerty willigen ein, Alwen mehrere Monate „Mäuschen spielen“ und sie filmen zu lassen, um eine Dokumentation über Christony zu drehen. Während die Crew Dockerty und Fox folgt, bereitet eine weitere Reporterin eine verdeckte Operation vor.

In der Hoffnung, das Geschäft anzukurbeln, hatte Dockerty auf der Christony-Webseite damit geworben, dass Freier die Chance haben, eine seiner Escorts für bis zu vier Stunden am Stück zu “gewinnen”. Teilnehmer sollten die Bedeutung hinter einem Hinweis erraten, den er jeden Monat auf die Seite stellte. Die Scottish Sunday Mail berichtete über zwei Seiten mit der Überschrift: “Internet-Zuhälter: Geschäftsmann bietet seine Mädchen als Sex-Preis bei Internet-Gewinnspiel an”.

Alwens Dokumentation, The Escort Agency, wurde 2006 gezeigt. Eine der ersten Szenen zeigen Dockerty dabei, wie er einen Termin für einen Stammkunden vereinbart. Der Freier, der nach der Jüngsten in Christony’s Escort-Katalog verlangt hat, ist ein Schulrektor, der von ihr verlangt, dass sie sich als Schulmädchen verkleidet. Auch wenn Dockerty behauptete, der Freier sei, “…nicht mein Lieblingstermin”, arrangierte er ohne Murren ein Treffen für ihn mit der 19-jährigen Tori am folgenden Abend.

Trotz der überwältigenden Beweise gegen Christony in dem Dokumentarfilm, aus der Presse und der Polizeiakte bestreitet Fox, dass das Geschäft etwas mit Prostitution zu tun hat. Fox sagt mir auch während einem unserer Treffen, dass er nur insofern beteiligt sei, „…wie jeder Ehemann oder jede Ehefrau das Geschäft des Partners unterstützen würde. Wenn er mich um Rat bittet, habe ich vielleicht eine Meinung. Aber die tägliche Geschäftsführung hat nichts mit mir zu tun.“ In dem Film sieht man Fox dabei, wie er Christonys 150 Pfund von den verdienten 600, die ein Übernachtungsbesuch einer Escort einbrachte, abzählt.

Dockerty und Fox verwenden die GMB als Gütesiegel, um ihr Geschäft anzukurbeln. Ein Slogan auf der Webseite von Christony lautet: „Eine ethische Escort-Agentur in Newcastle & stolzes Mitglied der IUSW“. „Ich habe noch nie von einem kommerziellen Geschäft gehört, dass eine Gewerkschaft verwendet, um den Verkauf zu steigern,“ sagt ein ehemaliges Mitglied der IUSW, das nicht genannt werden wollte. „Es geht doch um Schutz für Arbeiter, nicht Profite für Zuhälter.“

Thierry Schaffhauser ist der ehemalige Präsident der GMB/IUSW, und der männlicher Escort des Jahres der Erotic Awards 2010. Schaffhauser, jung und gutaussehend, arbeitete einige Zeit als Straßenprostituierter in Paris bevor er nach Großbritannien zog, wo er in der schwulen Presse um Kunden wirbt. Zwischen Schaffhauser und Fox gibt es keine Freundschaft. Ihre Streits über den Zweck einer Gewerkschaft und den Zustand der Sex-Industrie wurden öffentlich im Internet ausgetragen, wo Fox Schaffhauser vorwarf, die Prostitution falsch darzustellen, indem er den Missbrauch innerhalb der Industrie beleuchtete.

Ich fragte Schaffhauser, ob wir uns treffen könnten, um über seine Differenzen mit Fox zu sprechen und zuerst stimmte er zu, doch später zog er dies auf Druck von Stephens hin wieder zurück. Er teilte mir mit, dass er sich Sorgen darum mache, seine Position in der IUSW zu verlieren, aber sagte außerdem: „Die IUSW wird irgendwann die Industrie kritisieren und ändern müssen, wie sie funktioniert, denn es gibt darin viel Ausbeutung.“

Ein weiteres ehemaliges Mitglied der IUSW ist ein Escort, der als Sleazy Michael bekannt ist. Michael, der verheiratet und Vater von zwei Kindern war, bevor er 2004 sein Coming-Out hatte, erzählte mir, er habe ebenfalls die IUSW wegen „interner Politik“ verlassen, genauer gesagt aufgrund der Unstimmigkeiten, die die Vormachtstellung der Geschäftsführer in der Organisation hervorrief.

Er öffnet mir die Tür in einer Ganzkörperbräune und einem Tanga und führt mich in sein Schlafzimmer, wo an einem Ehrenplatz der berüchtigte fliegende Penis steht, den er 2007 verliehen bekam, als man ihn zum „Escort des Jahres“ kürte.

„Ich ging früher in die Schwulensauna, um Sex zu haben, und so ein Typ hat gesagt, ich könnte damit Geld verdienen. Also habe ich einen Escort für Sex bezahlt und von ihm gelernt und eine Homepage eingerichtet,“ erzählt er mir und zeigt mir wie ein Museumsführer seine Pornografie und seine Sexspielzeuge. „Dieses Wochenende hatte ich einen Kunden, der taub und stumm ist, und zehn Minuten später einen nicht-geouteten Ehemann. Dann hatte ich Einen, der eine ganze Tasche voller Lederzeug und Nippelklammern dabei hatte. Deswegen liebe ich meinen Job. Ich treffe solch faszinierende Leute.“

Michael trat der IUSW bei nachdem er einen ihrer Aktivisten bei einer Kampagne gegen den Gesetzesvorschlag zur Freierbestrafung 2009 traf. Er trat bei, in dem Glauben, es handele sich um eine Gewerkschaft, so wie er es aus seiner vorherigen Karriere kannte. „Vor einigen Jahren kollabierte die IUSW fast, weil es einen großen Streit um die Beteiligung von Douglas [Fox] gab. Ich unterstützte ihn weil er einige seiner Mädchen dazu brachte, beizutreten, aber viele sind ausgetreten, weil er Geschäftsführer einer Escort-Agentur war.“

Die IUSW genießt wesentliche Unterstützung aus akademischen Reihen. Belinda Brooks Gordon ist Professorin für Psychologie und Gesellschaftspolitik an der Birkbeck, University of London. Sie ist eine liberaldemokratische Gemeinderätin und engagiert sich sehr für die die Entkriminalisierung der Prostitutionsgesetze. Brooks Gordon hat sich für ein Recht von Menschen mit Behinderungen auf Zugang zu prostituierten Frauen durch den staatlichen Gesundheitsdienst ausgesprochen.

Während der von der IUSW angeführten Kampagne gegen das Vorhaben der Regierung, die teilweise Kriminalisierung des Sex-Kaufs einzuführen, brachte Brooks Gordon, mit Hilfe von Fox und anderen IUSW-Aktivisten, einen Hilfeaufruf unter Freiern und Prostituierten auf deren Webseiten in Umlauf. In einer langen E-Mail gab Brooks Gordon Empfehlungen, wie die Einführung des Gesetzes verhindert werden könnte, bevor sie den Kleidungsstil der Labour-Abgebordneten Fiona Mactaggart (welche eine Schlüsselrolle beim Gesetzesentwurf spielte) beleidigte.

Die IUSW hat auch Unterstützung unter US-AkademikerInnen gewonnen. Eine solche Akademikerin ist Elizabeth Wood, die Soziologie an der State University of New York unterrichtet. Wood befürwortet die Legalisierung der Sex-Industrie und hat argumentiert, dass Sex mit Tieren einvernehmlich sein kann „wenn das Tier nicht angeregt, belohnt oder bestraft wird, um sein Verhalten zu beeinflussen, sondern einfach eine Gelegenheit erhält und diese ergreift,“ und „Menschen, die dies genießen, sollten nicht stigmatisiert werden.“

Die Verbindung zwischen SexarbeiterInnen-Rechten und der Akademie wurde 2009 bei einer einwöchigen Veranstaltung namens Sex Worker Open University gestärkt. Dort hielten Mitglieder der IUSW, AkademikerInnen und Prostituierte Strip-Workshops, gaben Tipps für diejenigen, die in die Prostitution eintreten wollen, zum Thema Selbstverteidigung und Unterricht darin, wie man Gesetze verhindern kann, die das Profitieren an der Prostitution durch Dritte verbieten. Ein Unterstützer war der inzwischen verstorbene Sebastian Horsley, der bei der Eröffnung der SWOU gefilmt wurde, wie er Innenministerin Jacqui Smith, die den Gesetzesentwurf angeregt hatte, mit Hohn überschüttete. Horsley nannte sie „fett und unfickbar“ und behauptete, mit „mehr als tausend Prostituierten“ geschlafen zu haben.

Ich versuche mehrmals, mit der GMB über die Anschuldigungen von Schaffhauser und anderen zu sprechen, aber trotz mehrerer Versuche ruft mich niemand zurück. Als ich 2010 bereits über das Thema schrieb, stieß ich auf eine Mauer aus Widerstand. Als ich eine Frage bezüglich der scheinbaren Verwechslung zwischen der IUSW und dem GMB-Zweig stellte, sagte man mir, ich solle „die Satzung lesen.“

Cath Elliott, ehemalige Vizevorsitzende des Unison National Women’s Committee, hat bereits ausführlich über die GMB-Entscheidung, die Prostitution zu vergewerkschaften, geschrieben. Sie sagt, sie kann nicht begreifen wie die IUSW behaupten kann, eine Gewerkschaft zu sein, wenn Zuhältern, Freiern und Pornografen die Mitgliedschaft freisteht.

„Wenn es wahr ist, dass Geschäftsführer einer Escort-Agentur aktiv an der IUSW beteiligt sind, dann muss die GMB wirklich ihre Mitgliedschaftsbedingungen überdenken,“ sagt Elliott. „Ich kann doch nicht behaupten, Arbeiter zu vertreten, wenn die Bosse bestimmen, wie der Hase läuft; so arbeiten Gewerkschaften einfach nicht.“

Die Tatsache, dass Agenturbesitzer in der Lage sind, überhaupt auf die IUSW-Politik Einfluss zu nehmen, macht eine Farce aus den Grundprinzipien einer Gewerkschaft. Mehr als nur ein ehemaliges oder aktuelles Mitglied haben mir gesagt, dass sie sich als ArbeiterInnen sehen und wütend sind, dass die Industriebosse die Zügel in der Hand haben.

Knight ist überrascht, dass Fox als Sprecher für die IUSW gearbeitet hat und erzählt mir, dass Lopes die IUSW vor einigen Jahren verließ weil „sie fand, dass die IUSW weniger revolutionär geworden war. Sie ist heute nicht mehr damit einverstanden.“

Ich frage Fox, ob er immer noch die IUSW und den GMB-Zweig unterstützt und er sagt mir, seine persönliche Loyalität gelte der IUSW, denn sie sei die „einzige“ SexarbeiterInnen-Organisation „in Großbritannien“, die inklusiv sei und SexarbeiterInnen unterstütze, unabhängig von politischer Überzeugung, Hautfarbe, Geschlecht oder Rolle als SexarbeiterInnen in einem vielfältigen und oft komplexen Gewerbe.“

Doch 2010 schrieb Fox in einer E-Mail, die er IUSW-Mitgliedern sendete, um seinen Rücktritt mitzuteilen, „Ich hoffe, die IUSW wird weiterhin die Vielfalt in unserem Gewerbe widerspiegeln und alle SexarbeiterInnen vertreten, egal zu welcher Minderheit sie aufgrund ihrer Ansichten gehören. Ich werde auch meine GMB-Mitgliedschaft morgen kündigen. Ich fand es schon immer unangenehm, dass ich mit einer Organisation zu tun habe, die eine politische Partei (Labour) finanziell unterstützt hat, mit der ich nicht einverstanden bin — nicht zuletzt wegen ihrer Haltung gegenüber SexarbeiterInnen.“

Thierry Schaffhauser, der endlich einem vollen Interview über die Vorgänge im Inneren der IUSW unter der Kontrolle von Fox und Stephens zugestimmt hat, hat inzwischen auch weder mit dem GMB-Zweig noch der IUSW zu tun und erzählt mir, dass er darum bemüht sei, Unterstützung für eine „richtige Gewerkschaft für Arbeiter“ zu gewinnen, die Menschen in der Prostitution selbst unterstützen kann, und nicht die Geschäftsführer und andere Profiteure.

“Ich denke, die GMB ist auch eine patriarchale Gewerkschaft, was erklärt, warum sie sich nicht um einen Zweig kümmern, der aus Frauen und jungen Schwulen besteht,” sagt Schaffhauser. “Sie haben uns überhaupt noch nie ernst genommen.

“Wir hatten viele Mitglieder, aber alle StripperInnen sind zu Equity gegangen, viele sind ausgestiegen um die Sex Worker Open University zu erschaffen, und viele andere verließen die GMB, als der erste Konflikt mit den Geschäftsführern auftrat.“

Diese seltsame Organisation ist in Geheimhaltung gehüllt, welche von den Mitgliedern der Herrscherclique, wie Stephens, als „Vertraulichkeit“ gerechtfertigt wird, aufgrund der heiklen Tätigkeit, der die Mitglieder nachgehen. Doch ich war nicht in der Lage auch nur ein Mitglied zu finden, das mir irgendetwas überzeugendes darüber sagen konnte, welche Vorteile die gewöhnlichen ArbeiterInnen daraus ziehen, bei der IUSW Mitglied zu sein. Ihr Zweck scheint der zu sein, Zuhälterei zu normalisieren, für ein Ende jeglicher Gesetze, die die Ausbeuter in der Sex-Industrie kriminalisieren, Lobby zu machen, und letzten Endes Prostitution schönzureden und als einen Beruf wie jeden anderen darzustellen.