Entkriminalisierung

Vortrag von Prof. Janice Raymond: “Prostitution: Kein Job, keine Wahl”

 “Prostitution: Kein Job, keine freie Wahl”, ein Vortrag von Prof. Janice Raymond, übersetzt aus dem Englischen.

Aufgezeichnet am 30. 11. 2013 in der Vancouver Public Library anlässlich der jährlichen Gedenkveranstaltung zum Massaker von Montréal, organisiert von Vancouver Rape Relief and Women’s Shelter.

Via Podcast auf feministcurrent.com 

Janice Raymond ist eine frühere Direktorin der Coalition Against Trafficking of Women (CATW). Ihr kürzlich erschienenes Buch heißt Not a Choice, Not a Job: Exposing the Myths about Prostitution and the Global Sex Trade.

 

„Lassen Sie mich als Erstes sagen, wie bedeutsam es für mich ist, wieder hier in Vancouver zu sprechen, besonders da es sich um eine Veranstaltung des großartigen Vancouver Rape Relief and Women’s Shelter handelt – eine Gruppe von Frauen, die sicherlich, basierend auf ihrer Arbeit an vorderster Front mit Opfern der männlichen Gewalt gegen Frauen, vieles von dem verstehen, worüber ich heute sprechen werde. Ich werde über die Abolition der Prostitution sprechen, und ich werde auch über das sprechen, was ich als die Prostitutionsmythen bezeichne, an die die Leute allgemein glauben, über den Abolitionismus im Allgemeinen, und über einige der Themen, mit denen sehr viele von Ihnen vertraut sind und über die es sehr wichtig ist zu sprechen.

Ich denke, einer der Gründe, warum wir diese Mythen haben, ist dass wir Medien haben, die sehr davon eingenommen sind, Prostitution glamourös erscheinen zu lassen, die Prostitution als Sex idealisieren. Wir haben eine Prostitutions- und Zuhälterkultur, in der wir leben. Wir haben eine Sex-Industrie, die global ist. Und wir haben eine globalisierte Prostitutionsindustrie, die auf essentielle Weise von der Globalisierung der „Pro-Sex“-Befürwortung in der ganzen Welt unterstützt wird. Wir haben Männer, die Prostitutionsnutzer sind und die sich zu dem Zugang, den sie zu Frauen haben, berechtigt fühlen. Und wir haben leider viele Gruppen, einschließlich sehr progressiver NROs, die meinen, die Legalisierung der Prostitution würde Frauen schützen. Es sei einfach nur ein Job und sollte als solcher behandelt werden, oder als Dienstleistung. Wir haben die Art Klischees, die wirklich überall herrschen: dass Prostitution unvermeidbar sei (mir wurde diese immerwährende Frage heute Morgen in einem Interview gestellt), dass Prostitution das älteste Gewerbe sei, dass legalisierte Prostitution die Sex-Industrie unter Kontrolle bringe. Oder in den progressiveren Medien: Prostitution ist Sexarbeit; Menschenhandel ist Migration zum Zweck der Sexarbeit; Prostitution ist eine Dienstleistung, wie jeder andere Dienstleistungsjob; Menschenhandel ist Zwang und Prostitution ist freiwillig.

Ich will also heute einige dieser Behauptungen unter die Lupe nehmen. Aber bevor ich das tue, möchte ich Ihnen ein wenig von meinen eigenen Erfahrungen erzählen. Als Aktivistin bin ich hunderten Frauen in Systemen der Prostitution begegnet, deren Leben davon zerstört wurden. Ich bin Frauen begegnet, die dachten, sie würden aus ihren Heimatländern migrieren um eine vernünftige Arbeitsstelle zu bekommen, nur um dann in der Sex-Industrie zu enden. Ich bin von zuhause weggelaufenen Mädchen in meinem eigenen Land begegnet, die an den Bahnhöfen und Bushaltestellen der Vereinigten Staaten von glattzüngigen Zuhältern angesprochen wurden. Ich bin in Bordellen in Bangladesch und an anderen Orten gewesen, wo ich Mädchen im Alter von neun Jahren sah, die männliche Käufer befriedigen mussten. Und ich habe mit vielen Männern gesprochen, die regelmäßige Prostitutionsnutzer sind, die sich dazu berechtigt fühlen, Frauen und Mädchen zu kaufen, um ihre angeblichen „sexuellen Bedürfnisse“ zu befriedigen.

Und doch, im Laufe meiner öffentlichen Vorträge und meiner Lehre, habe ich durchaus gesehen, dass die Menschen auf die Bösartigkeit der Zuhälter und der Menschenhändler reagieren, und sie sympathisieren mit den Opfern, manchmal. Aber ich denke, dass viele oft gute und wohlmeinende Menschen sehr verwirrt sind, was den Zusammenhang zwischen Menschenhandel und Prostitution angeht, und was es für Folgen hat, das ganze System der Prostitution in einem bestimmten Land zu legalisieren. Denn sie werden mit Gemeinplätzen manipuliert. Mit Gemeinplätzen wie, „Legalisierung wird die Sex-Industrie unter Kontrolle bringen“, „sie wird den Einfluss des organisierten Verbrechens verringern“, „sie wird den Menschenhandel einschränken“, „sie wird die Frauen in der Prostitution schützen, denn sie reguliert das System und unterbindet die ganzen, naja, Exzesse“. Und ich weiß, vielen Leuten wurden diese Gemeinplätze eingegeben und sie sind sehr unsicher über diese Annahmen – ob sie wahr sind, denn sie klingen realistisch – aber sie wissen oft nicht, wie sie antworten sollen. Daher hoffe ich, heute ein wenig mit einigen dieser Gemeinplätze aufräumen zu können.

Als ich in den 1980ern anfing, auf diesem Gebiet zu arbeiten, gab es in der Kampagne, das Sex-Trafficking und die Prostitution abzuschaffen, fast keine NROs und so gut wie keine Regierungen, die die Nachfrageseite ansprachen. Man konnte nie die Männer, die Prostitutionsnutzer, erwähnen. Und es dauerte fast zwanzig Jahre bis ein solider Block von Ländern die Frage der Käufer gesetzlich behandelte, auf sehr bescheidene Weise. Zuerst kam Schweden, dann Südkorea, dann Norwegen, und dann kam Island. Und seit die Gesetze, die die Nachfrage unter Strafe stellen, eingeführt wurden, hat es viele Argumente und Versuche gegeben, die Gesetze wieder abzuschaffen. Zum Beispiel das Gesetz in Norwegen: die konservative Regierung, die gerade gewählt wurde, wurde mit der Plattform, dass sie das Gesetz gegen die Käufer aufheben werde, gewählt. Wir werden also sehen, was dort passiert.

Aber heute möchte ich mich auf einige der Argumente konzentrieren, die im Zusammenhang mit der Bestrafung der Nachfrage verwendet werden, was die Argumente sind und wie einige der Antworten auf sie lauten könnten. Als gelernte Philosophin arbeite ich gerne viel mit Argumenten. Ein großes ist: „Anstatt die Käufer zu bestrafen, sollten Regierungen Prostitutionsnutzer als Partner im Kampf gegen den Menschenhandel und die Prostitution willkommen heißen.“ Wir nennen diese Art Argument, diese Programme, „verantwortungsvolle Freier“ oder „ethische Käufer“.

Ein Beispiel dafür war die Situation zur Fußball-WM in Deutschland 2006. Und viele von Ihnen wissen, dass Deutschland viele Aspekte des Systems der Prostitution entkriminalisiert hat – zum Teil Bordelle, Zuhälterei, etc. Als die Weltmeisterschaft also 2006 in Deutschland stattfand, machten Frauenorganisationen und Menschenrechtsorganisationen eine Kampagne, und die Kampagne hieß sogar „Verantwortungsvolle Freier“ [Anm. d. Übers.: Die Kampagne hieß unseres Wissens „Stoppt Zwangsprostitution!“]. Und was sie taten war, sie warben für eine ethische Version des Sextourismus. Und diese ethische Version des Sextourismus sah so aus, dass sie Schriftmaterial rund ums Stadion verteilten, in das die Männer zum Fußballspiel gingen, in vier Sprachen, und darin wurden die Männer dazu aufgerufen, auf Sex in den Bordellen, die das Stadion umgaben – und es waren in dem Jahr speziell für die WM Bordelle eröffnet worden – zu verzichten, aber nur wenn die Frauen sagten, dass sie hohe Schulden bei den Bordellbetreibern haben, oder dass sie ausgebeutet werden, oder wenn die Frauen den Männern erzählen, dass sie in die Prostitution gezwungen worden sind.

Nun lautet die Frage natürlich, warum sollte erstens eine Frau einem Mann sagen, dass sie in die Prostitution gezwungen worden ist, und zweitens, warum sollte er fragen? Das hier ist ein großes Argument der Pro-Prostitutionslobby: wir können Freier dazu erziehen, sich ethisch zu verhalten. Wir können Freier erziehen, wir können Käufer erziehen, wir können Prostitutionsnutzer erziehen, wir können Straßenstrich-Freier, wie auch immer man sie nennen mag, dazu erziehen, sich ethisch zu verhalten. Also könnte man fragen, naja, haben diese Kampagnen irgendwelche Auswirkungen auf die Käufer?

Es gibt keine Literatur über die WM 2006, die uns sagt, dass die Kampagne erfolgreich war. Aber 2010 führte der Stadtrat von Amsterdam eine Internetstudie durch, eine kleine Studie, die die Ansichten von Männern, die Sex-Seiten im Internet nutzen, untersuchte. Die Umfrage wurde auf Seiten wie World Sex Guide, eine sehr große, globale Sex-Webseite, gestellt, und sie fragten Nutzer – sie fragten Prostitutionsnutzer…nun, eine Frage lautete, „Wenn Sie einer Frau begegnen, von der Sie denken, sie sei zur Prostitution gezwungen worden, unternehmen Sie irgendetwas?“ Und die Antwort lautete durch die Bank „Nein“. Es gab in den Vereinigten Staaten eine weitere Studie von 2000 Männern, in meinem Staat Massachusetts, und die Studie fand heraus, dass das Wissen, dass die Frauen ausgebeutet, gezwungen, von Zuhältern kontrolliert oder Opfer des Menschenhandels waren, bei den Käufern zu keiner Änderung des Verhaltens führte. Sie kauften weiterhin, sie benutzten weiterhin dieselben Frauen, auch wenn sie das auf irgendeine Weise gewusst haben. Auch wenn sie meinten, an den Körpern der Frauen Anzeichen dafür zu sehen, blaue Flecken zum Beispiel.

Wir haben also nicht viele Studien, die zu diesem Thema durchgeführt worden sind – ich finde nicht, dass wir diese Studien brauchen, aber ich denke, sie sind nützlich, wenn es darum geht, darüber zu sprechen, was die Ergebnisse dieser angeblichen „ethischer Käufer“-Kampagnen sind. Die Regierung der Niederlande hat eine Hotline, als Teil des Crime Stoppers-Programms, wo Käufer anrufen und Missbrauch melden können, den sie sehen. Die Hotline wurde noch nie für diesen Zweck benutzt. In Dänemark ist es dasselbe. Also, das ist ein Argument.

Ein weiteres Argument, und dies ist ein in akademischen Kreisen sehr verbreitetes Argument, ist, dass Prostitution ein zu komplexes Thema ist, um die Nachfrage einfach am Verbraucher sexueller Dienstleistungen festzumachen. Ich sage, dass das ein Lieblingsargument in akademischen Kreisen ist, weil es im Grunde genommen die Nachfrage abstrakt macht. Es transformiert reale, lebende Männer in Marktkräfte. Und natürlich gibt es andere Faktoren, die Prostitution und Menschenhandel unterstützen. Natürlich ist es nicht nur die Nachfrage. Nationale und internationale Wirtschaftspolitik. Globalisierung. Länder in der finanziellen oder politischen Krise. Naturkatastrophen, wie auf den Philippinen, wo in der Zentralregion zur Zeit enorm viel Menschenhandel stattfindet. Militärpräsenz, wofür die USA erhebliche Verantwortung tragen. Rassistische Stereotypen und Praktiken. Und natürlich die Ungleichheit der Frau. Aber wie Sie wissen, würde ein Prostitutionsmarkt ohne Nachfrage pleitegehen. Und so gibt es in der meisten akademischen Literatur über Prostitution konstant Versuche, zumindest in einem Großteil der Literatur in der Frauenforschung, mit der ich vertraut bin, nicht über die Nachfrage zu sprechen, als handele es sich dabei um reale, lebende Männer, die Zugang zu den Körpern von echten Frauen haben. Und diese Debatten gibt es ständig.

Ein weiteres Argument ist, dass die Bestrafung der Nachfrage die Frauen in den Untergrund treibt. Und ich denke, das ist bisher in vielen Kreisen ein besonders starkes Argument gewesen weil die Leute denken, „Naja, schon, wenn man die Männer kriminalisiert, dann haben sie Angst davor, sich den Frauen auf der Straße zu nähern, oder so.“ Aber dann muss man fragen, was ist „der Untergrund“? Dies wurde übrigens als ein großes Argument in Schweden verwendet. Also, was „Untergrund“ normalerweise bedeutet, ist, dass die Prostitution nach innen oder ins Internet verlagert wurde, und das ist beides wohl kaum im Untergrund oder im Verborgenen und somit unerreichbar. Ich meine, sowohl die Käufer als auch die Polizei haben Zugang dazu. Und Werbung im Internet ist sehr sichtbar. Tatsächlich könnte man argumentieren, dass die Prostitution dort sichtbarer ist als anderswo. Und der Bericht der schwedischen Regierung von 2010, der das Gesetz in Schweden bewertete, kam zu dem Schluss, dass das Internet es der Polizei erleichtert, die Menschen zu erreichen, die das Sex-Gewerbe organisieren, und die Sex-Käufer und die Opfer zu finden. Es gibt keine Beweise die darauf hindeuten, dass Gesetze, die Käufer bestrafen, so wie das schwedische Gesetz, das Nordische Modell, dazu geführt haben, dass die Prostitution an einen anderen Ort migriert. Die Prostitution ist immer dabei, zu migrieren. Und schwedische Organisationen behaupten zum Beispiel, dass die Auswertung von Opferaussagen auf keine Zunahme der „Indoor“-Prostitution in Schweden seit der Einführung des Gesetzes und seit der drastischen Verringerung der Straßenprostitution schließen lässt. Es hat eine immense Abnahme der Straßenprostitution gegeben, und so verwenden die Pro-Prostitutions-Leute dieses Argument ständig und sagen, „Naja, es hat sich einfach alles nach innen verlagert.“

Aber es gibt einen offensichtlichen Widerspruch in dieser Behauptung, so wie sie von Kritikern verwendet wird – wenn sie gegen das Nordische Modell sind, dann verwenden sie das Argument um zu behaupten, es habe prostituierte Frauen in verborgenere und gefährlichere „Indoor“-Lokalitäten getrieben. Meistens sind diejenigen, die das Argument verwenden, alteingesessene Gegner des Gesetzes. Aber wenn dieselben Gruppen für die Legalisierung oder Entkriminalisierung werben, dann argumentieren sie, dass die Indoor-Prostitution sicherer für Frauen sei. Beides geht nicht: entweder ist es gefährlicher oder sicherer. Und natürlich ist ihre Absicht im ersten Fall, Gesetze zur Bestrafung der Käufer zu diskreditieren.

Ich denke, dieses Argument ist auch sehr beliebt: „Die Käufer zu bestrafen zwingt Frauen in der Prostitution dazu, größere Risiken einzugehen.“ Das hört sich ungefähr so an: sie sagen, dass Frauen auf der Straße früher die Käufer einschätzen konnten und dass sie mehr Zeit hatten, bevor sie in ein Auto springen mussten, um zu sehen ob in dem Auto potentielle Gefahr droht bevor sie in die Transaktion einwilligen. Aber ich liebe Trisha Bapties Antwort darauf – eine kanadische Journalistin und Prostitutionsüberlebende, die viele von Ihnen kennen – sie sagt, und ich zitiere, „Ich hatte fünf Minuten, ich hatte zwei Minuten, ich hatte zehn Minuten. Es machte keinen Unterschied. Der Zufall entscheidet. Es gab keine wirkliche Möglichkeit für uns, zu wissen, wer ein gutes Date sein würde und wer ein schlechtes.“ Und ich denke, was die Menschen nicht wissen, ist dass das Potential für Frauen in den legalen Bordellen, in den Niederlanden, in Deutschland, in Australien und den anderen legalisierten Ländern, das Potential, missbraucht und verletzt zu werden, ist für diese Frauen viel größer als für prostituierte Frauen in den Ländern, in denen es Gesetze dagegen gibt, Frauen für sexuelle Aktivitäten zu kaufen. Das ist ein Grund warum zum Beispiel Pro-Sexarbeit-Gruppen in den legalisierenden Ländern jetzt Selbsthilfe-Handbücher schreiben, die Frauen in den legalen Bordellen zeigen, wie man gewalttätige Übergriffe von Käufern abwehrt, wie man spezielle Ausrüstung gegen die Käufer einsetzt, wie man nie ein Kissen auf dem Bett verwendet wenn man nicht erstickt werden will, wie man zur Sicherheit ein Messer unterm Bett versteckt. Lesen Sie sie. Sie sind im Internet zu finden. Selbsthilfe-Handbücher. Sie ähneln, wie eine Freundin von mir sagt, Krisenmanagement in Geiselsituationen. Handbücher, die Krisenmanagement in Geiselsituationen ähneln. Also, ich meine, man kann das Risiko nicht aus der Prostitution nehmen, und die Käufer sind ein großer Teil dieses Risikos. Die Handbücher sind ein indirektes Zeugnis des realen Risikos, dem Frauen ausgesetzt sind – ob sie in Ländern leben, die Prostitution tolerieren oder in Ländern, die sagen, Prostitution sei angeblich sicherer für Frauen. Das ist sie nicht.

Ein Drittel der Fensterbordelle in den Niederlanden mussten geschlossen werden, weil das organisierte Verbrechen diese Bordelle übernommen hatte. Ich spreche von den legalen Bordellen, von den illegalen Bordellen ganz zu schweigen. Und in Australien hat die Situation der legalisierten Prostitution zu einem drastischen Anstieg der illegalen Prostitution geführt, sodass es heute im Staat Victoria dreimal so viele illegale wie legale Bordelle gibt. Also, so viel zum Argument, legalisierte Prostitution würde Frauen schützen. Die großen „Toleranz-Zonen“ – anfänglich hatten die Niederlande als Teil ihres Systems „Toleranz-Zonen“, wir nennen sie „geopferte Zonen“ [engl. „sacrifice zones“], in den Großstädten wie Amsterdam und Rotterdam und Eindhoven. Diese Zonen mussten alle geschlossen werden, fast gleich nach ihrer Eröffnung, innerhalb von ein paar Jahren. Das waren Zonen mit Polizeiüberwachung. Das waren Zonen, in die die Kunden in diese garagenartigen Apparate reinfuhren –Sex-Zonen. Sie fahren ihre Autos in diese Zonen, und die Frauen bedienen die Männer in den Autos, und die Polizei fährt in der Zwischenzeit um die Zone herum, und dennoch wurden die Zonen vom organisierten Verbrechen übernommen. Und das ist der Grund, warum sie geschlossen wurden. Ein weiterer Grund, warum sie geschlossen wurden, war auch, dass viele der Frauen in den Autos missbraucht wurden, direkt unter der Nase der Polizei. Also, das Gefahrenpotential an vielen von diesen Orten, und vor allem in den legalen Bordellen, ist sehr, sehr hoch.

Dann gibt es das Argument, dass die Frauen in der Prostitution nicht wollten, dass die Käufer bestraft werde. Nun, das Argument, dass Frauen in der Prostitution nicht wollen, dass man die Käufer bestraft, hängt davon ab, welche Gruppe von Frauen in der Prostitution Sie fragen. Jene, die sich als „Sexarbeiterinnen“ definieren oder jene, die sich als Überlebende definieren. Und ich denke, dass wir viel mehr darüber sprechen müssen, dass zwei sich widersprechende Stimmen für Frauen in der Prostitution sprechen, und beide beanspruchen die Autorität der Erfahrung für sich. Eine Stimme –Überlebende – sagt uns, dass Prostitution eine Verletzung der Menschenrechte der Frau ist, und eine Form von Gewalt gegen Frauen. Sie sagt, dass die Verteidigung der Rechte der Frauen in der Prostitution es verlangt, die Täter, einschließlich der Käufer, strafrechtlich zu verfolgen, und den Opfern Unterstützung zukommen zu lassen. Und das bedeutet nicht einfach, Frauen „Safe Sex“-Alternativen zu geben, es bedeutet, ihnen Lebens-Alternativen zu geben. Und die zweite Stimme – Sexarbeiterinnen und ihre Verbündeten – ist oft lauter. Sie lässt Prostitution sexy erscheinen, sie hat oft eine größere Medienpräsenz, und sie scheint zumindest mehr finanzielle Unterstützung zu genießen. Diese Gruppen bekommen in den USA viel mehr finanzielle Unterstützung als abolitionistische Organisationen.

Nur als ein Beispiel dafür, es gab in den Vereinigten Staaten viele Jahre lang eine Gruppe namens COYOTE, von der Sie wahrscheinlich gehört haben. Und COYOTE war die einflussreichste Gruppe, die behauptete, für Frauen in der Prostitution zu sprechen. Nun, COYOTE war von vorne bis hinten eine PR-Gruppe. Sie bot keine Dienstleistungen an, sie bot nicht mal irgendeine Art Tee oder Kaffee an, oder Vans auf der Straße, nichts. Stattdessen ließ sie Prostitution sexy erscheinen und war immer attraktiv für die Medien. Und jahrelang waren sie die Stimme von Frauen in der Prostitution. COYOTE machten Lobby für Gesetze gegen Zuhälterei, sie machten Lobby für die Pornografie-Industrie, sie gingen für die Pornografen vor Gericht. Als wir über COYOTE nachforschten, fanden wir heraus, dass sie nicht von Frauen gegründet wurden, die jemals in der Prostitution waren, was sie aber behaupteten. Und letztendlich wurden sie zur Rede gestellt und mussten das zugeben. Ich denke also, was wir anfangen müssen zu tun – wenn ich wir sage, dann meine ich Verbündete, Organisationen wie meine eigene, die auf diesem Gebiet arbeiten, und allgemein uns alle – wir müssen wirklich in der Lage sein, die Stimmen von Überlebenden zu verstärken, denn sie sind die Stimme der Erfahrung und sie sind Frauen, die wissen, wovon sie sprechen. Aber sie lassen Prostitution nicht sexy erscheinen, und sie sind nicht attraktiv für die Medien.

Wir haben schon versucht, das zu tun. Vor vielen Jahren organisierten wir eine Konferenz von Frauen, die in der Prostitution gewesen waren, im Europaparlament. Einige von Ihnen haben vielleicht dieses Dokument gesehen. Es ist auf der Webseite meiner Organisation, es heißt  „A Manifesto of Survivors of Prostitution“. Es baut auf einer ähnlichen Erklärung auf, die in den Philippinen von 75 Frauen in der Prostitution verfasst wurde. Das Manifest besagt, dass Prostitution nicht „Sexarbeit“ ist, dass Menschenhandel nicht „Migration zum Zweck der Sexarbeit“ ist, es rief Regierungen dazu auf, mit der Legalisierung und Entkriminalisierung der Sex-Industrie aufzuhören und nicht länger Zuhältern und Käufern die gesetzliche Erlaubnis zu geben, Frauen in der Prostitution zu missbrauchen. Und seitdem hat es viele Blogs, Webseiten, gegeben, und ich weiß, dass in Kanada eine Gruppe von Überlebenden in der Bedford-Entscheidung ausgesagt hat, zusammen mit anderen Überlebendengruppen und kanadischen Gruppen. Aber ich denke, dass dies etwas ist, auf das wir wirklich bedacht sein müssen, denn die Verbreitung der „bekennenden Sexarbeiterinnen“, die sich nicht nur also solche– es gibt viele Frauen, die diese Terminologie verwenden, und das ist nicht das was ich hier kritisiere, sondern ich kritisiere eigentlich Frauen, die als Lockvögel für die Sex-Industrie arbeiten. Und das gibt es sehr häufig. Und ich denke, wir müssen wirklich anfangen, ernsthaft darüber zu sprechen. Und eine der Arten, wie wir das tun können, ist, indem wir die Stimmen von Überlebenden verstärken, in Foren wie diesem.

Ein letztes Argument, über das ich sprechen werde, ist, dass die Nachfrage unter Strafe zu stellen den Frauen der Käufer, ihren Kindern und Partnern schadet. Besonders wenn es öffentlich gemacht wird, dass sie festgenommen oder angezeigt wurden. Also, in anderen Worten, „Bestraft nicht die Käufer weil ihre Familien vielleicht darunter leiden.“ Da stellt sich die Frage, wie schützt es denn Frauen und Partner, wenn man die Käufer vor der Aufdeckung schützt? Ich meine, es sagt einem der gesunde Menschenverstand, dass Frauen das Recht haben, zu wissen, was ihre männlichen Sexpartner tun, einschließlich des Wissens über einen möglichen Kontakt mit einer sexuell übertragbaren Krankheit.

Also, ich denke, die Argumente gegen eine Bestrafung der Nachfrage halten wirklich keiner genaueren Betrachtung stand, und es ist wirklich ein Paradoxon, dass jegliche Maßnahme zur Einschränkung der Männer immer ein Argument der Pro-Sexarbeit-Lobby nach sich zieht, das besagt, jegliche Sanktion gegen die Männer würde Frauen schaden.

Ich möchte noch ein paar Dinge über das südkoreanische Modell sagen, denn ich denke, dass wir auf diesem Gebiet der Gesetzgebung immer westliche Modelle als Beispiele nehmen. Und ich denke, viele von Ihnen haben vom Nordischen Modell gehört, aber Sie haben vielleicht noch nicht vom Südkoreanischen Modell gehört. In der Republik Südkorea wurde 2004 ein Nulltoleranz-Gesetz verabschiedet – so hieß es auch – das unter anderem auf die Nachfrage nach der Prostitution abzielte. Es sah auch zusätzliche Mittel für Frauen in der Prostitution vor. Als ich mich mit Hilfsorganisationen in Korea traf, sagten sie mir, dass das Beste an dem Gesetz die Verringerung der Zahl der Frauen in der Prostitution um 56 Prozent sei, die aus einem Bericht mehrere Jahre nach der Einführung des Gesetzes hervorging. Das war eine Regierungsstudie. Das Ministerium für Gleichstellung der Geschlechter hat diese Studie in Korea durchgeführt. Also, ein Rückgang der Frauen in der Prostitution um 56 Prozent, und dass die Zahl der Sex-Bezirke auch um etwa 40 Prozent reduziert war. Was führte zu der Abnahme der Zahl der Frauen in der Prostitution? Das Hilfspaket, das maßgeblich von der Regierung finanziert wurde, beinhaltete Beratung, berufliche Neuausbildung, medizinische Versorgung, ein monatliches Stipendium und rechtliche Unterstützung. Und um dafür in Frage zu kommen, mussten die Frauen auf irgendeine Art beweisen, durch die Hilfsorganisationen, die das bestätigten, dass ihnen Leid zugefügt worden war oder dass sie an einer Sucht oder anderen Behinderungen litten, oder dass sie minderjährig waren. Tausende Frauen nahmen diese Unterstützung in Anspruch und stiegen daraufhin aus der Prostitution aus. Allerdings ist der Rückgang auch darauf zurückzuführen, dass das Gesetz gegen den Kauf von sexuellen Aktivitäten auch durchgesetzt wurde. Prostitutionsnutzer in Südkorea konnten eine Gefängnisstrafe von bis zu einem Jahr oder Geldstrafen bis zu 3 Millionen Won bekommen, was etwa 2800 kanadischen Dollar entspricht [ca. 2030 EUR]. Im Jahr 2006 führte das koreanische Ministerium für Gleichstellung der Geschlechter eine Umfrage unter Männern, die laut eigener Aussage Prostitutionsnutzer waren, durch und berichtete, dass sie offensichtlich aufgrund des Inkrafttretens des Gesetzes damit aufgehört hatten. Aber noch wichtiger als das ist, was die koreanischen Frauengruppen mir sagten, und ich zitiere, „Überlebende der Prostitution sagen, es sei wie ein Wunder, dass sie der Prostitution durch ein schützendes gesetzliches System entkommen können. Die Erfahrung, dass jene, die immer glaubten, außerhalb des Gesetzes zu leben, unter dem Schutz des Gesetzes stehen und dass die Vermittler, die immer über dem Gesetz zu stehen schienen, bestraft werden können, stärkt die Frauen wahrhaft.“ Die Frauen sagten ihnen also, dass das Gesetz sie befähigt und stärkt, und dass die Männer, die sie missbraucht haben, endlich dafür zur Rechenschaft gezogen werden können.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass, wie einige von Ihnen wissen, die Regierungen sowohl Frankreichs als auch Irlands nach ausgiebigen legislativen Untersuchungen Gesetzesvorschläge gegen die Käufer vorgelegt haben. Und nächste Woche wird die französische Nationalversammlung über ein abolitionistisches Gesetz abstimmen, dass den Kauf sexueller Akte verbietet, die Kriminalisierung der Prostituierten beendet – das Sarkozy-Gesetz, das passives Werben kriminalisiert – Ausstiegsstrategien mit einem speziellen Etat sowie lokaler Maßnahmen implementiert, Opfern der Prostitution und des Menschenhandels Entschädigung bietet und nationale Aufklärungskampagnen und Präventionsmaßnahmen einrichtet. Dieses Gesetz wurde von der Linken vorgelegt – sie können nicht sagen, dies sei ein religiöses, konservatives, moralistisches Gesetz – von den sozialistischen und kommunistischen Gruppen in der Nationalversammlung, mit der Zustimmung der meisten großen politischen Parteien. Wir hoffen also, dass das Gesetz verabschiedet wird, und dass dies die Gesetze gegen Käufer, die bisher in Europa nur in den skandinavischen Ländern existieren, auf den Kontinent bringt. Ich behaupte nicht, dass Gesetze zur Bestrafung der Käufer perfekt sind, und ich behaupte auch nicht, dass Gesetze die einzige Antwort sind. Aber Gesetz ist definitiv mehr als nur Gesetz: es ist ein Zeichen dafür, was ein Land davon hält, was mit Frauen geschieht. Es ist ein Zeichen dafür, dass in diesem Land der Kauf und Verkauf von Frauen nicht toleriert wird. Und es hat definitiv eine sehr starke normative Funktion. Und ich denke, es demonstriert, dass Prostitution nicht unvermeidbar ist, und es zieht die Nutzer gesetzlich zur Rechenschaft. Diese Gesetze sind sehr bescheiden. Sie stufen es sicherlich nicht als Verbrechen ein. In den meisten Ländern handelt es sich nicht einmal um ein Vergehen. Sie sind sehr bescheiden, aber sie sagen doch, dass wir in diesem Land nicht zusehen werden, wie Frauen und Kinder gekauft werden.

Vielen Dank.”

 

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What does the Fox say? Die Strategie eines Super-Zuhälters für Amnesty International

Übersetzt aus dem Englischen
Veröffentlicht im Original von Martin Dufresne auf facebook.com/martindufresne am 31.1.2014

fr Siehe https://www.facebook.com/martindufresne/notes für viele französische Übersetzungen zum Thema Prostitution/Abolition, Amnesty

What does the Fox say? Die Strategie eines Super-Zuhälters für Amnesty International

In The Equality Illusion: The Truth About Women and Men Today, identifiziert Kat Banyard Douglas Fox als „Gründer und Geschäftspartner bei Christony Companions – einer von Großbritanniens größten Escort-Agenturen“ (S. 140). In einer Mitteilung vom April 2008 machte Fox weder einen Hehl aus seinem wachsenden Einfluss innerhalb von Amnesty International noch aus seinen Plänen, sie von der „kompletten Entkriminalisierung“ des Frauen-„Markts“ zu überzeugen – will heißen, Escort-Agenturen, Zuhälter, Prostitutionskäufer, etc.

„…Wir müssen sie gnadenlos verfolgen und sie auf unsere Seite bringen, eigentlich sind sie das sowieso schon, sie brauchen nur einen kleinen Schubs in die richtige Richtung…“

“Titel: Bericht von der Amnesty-Konferenz
Eintrag von: Douglas am 07. April 2008, 08:24:09
Die Amnesty International Jahreshauptversammlung 2008 in Nottingham.

Für diejenigen, die es nicht wissen, ich bin Mitglied bei Amnesty International und Aktivist in der Amnesty-Gruppe in Newcastle, die meine Kampagne für die Rechte von SexarbeiterInnen sehr unterstützt hat. Dieses Jahr hat unsere Gruppe in Newcastle bei der Konferenz den Antrag gestellt, dass Amnesty sich zu SexarbeiterInnen-Rechten positioniert. Der Antrag rief Amnesty dazu auf, die Europaratsresolution 1579 zu unterstützen, die besagt, Mitgliedstaaten sollen den Unterschied zwischen erzwungener und nicht erzwungener Sexarbeit anerkennen, und sollen außerdem SexarbeiterInnen zu allen Entscheidungen, die sie betreffen, befragen. Dieser Antrag verlangt auch, dass Amnesty SexarbeiterInnen in ihrem Kampf für Entkriminalisierung unterstützt, da dies der einzige Weg ist, SexarbeiterInnen vor den negativen Auswirkungen eines kriminellen Markts zu schützen, der sie stigmatisiert und entfremdet. Um zu zeigen, dass diese Forderung mit den grundlegenden Prinzipien Amnestys in Bezug auf die Gewissensfreiheit und die freie Meinungsäußerung übereinstimmt, habe ich mich auf die Brüsseler Erklärung über die Rechte von SexarbeiterInnen in Europa bezogen, die zur Anerkennung der Menschenrechte von SexarbeiterInnen aufruft. Ich habe mich auch auf Artikel 23 der Menschenrechtserklärung bezogen, der das Recht auf freie Berufswahl, das Recht, Gewerkschaften zu gründen, und das Recht auf Freiheit von Diskriminierung enthält.

All dies sollte für Amnesty eigentlich nicht kontrovers sein, aber Amnesty International hat aufgrund der jüngsten Geschichte zwei Hauptgründe, dies nicht zu bald zu unterstützen. Amnesty hat gerade einen dreijährigen kontroversen Kampf um einen Antrag zur Unterstützung des Rechts auf Abtreibung für Frauen hinter sich. Einige bei Amnesty fanden, dass dies einer Pro-Choice-Haltung gleichkäme und Amnesty wurde von der Katholischen Kirche und muslimischen Gruppen verurteilt. Venezuela und Irland weigerten sich, Kampagnen zu machen, und viele Einzelmitglieder verließen Amnesty. Das Thema wurde bei dieser Konferenz wieder besprochen und wieder war es sehr spaltend. Der Amnesty Verwaltungsrat schlug einen Kompromiss vor (gegen den ich stimmte, da ich pro-choice bin) der besagte, dass Amnesty nur Abtreibung unter bestimmten Umständen befürworten würde und dass einzelne Mitglieder oder sogar Länder sich weigern könnten, sich an Kampagnen zu beteiligen. Dieser Kompromiss wurde letztendlich angenommen. Das zweite Problem ist, dass sich Amnesty (in mancher Hinsicht sehr effektiv) gegen Gewalt gegen Frauen eingesetzt hat. Die Leute, und besonders eine Frau, die an der Spitze dieser Kampagne stehen, haben eine Anti-Escorting-Haltung eingenommen und Melissa Farley und Julie Bindel ausgiebig in ihrer Literatur zitiert. Ich habe diese Haltung und die Statistiken, die sowohl auf der Amnesty-Webseite und auf der Konferenz verwendet wurden, in Frage gestellt und am „Gewalt gegen Frauen“-Stand einen Krawall verursacht. Ich habe die Leiterin der Kampagne in Hinblick auf die Statistiken in Frage gestellt und sie hatte eigentlich keine Antwort.

Dies nun war also der Hintergrund zur Amnesty-Konferenz und so war ich nicht wirklich optimistisch. Um also auf den Punkt zu kommen: Amnesty hält zuerst einmal Workshops, in denen die Anträge diskutiert und abgeändert werden etc. Die Anträge werden dann gegebenenfalls auf der vollen Konferenz weiter diskutiert. Mein Workshop hatte ungefähr 150 Teilnehmer. Ich sprach fast 10 Minuten über den Antrag. Der Amnesty-Rat war nach mir an der Reihe und argumentierte, dass Amnesty keine Position zum Thema Escorting habe und die Deklaration über die Rechte von SexarbeiterInnen in Europa von 2005 sowie die Europaratsresolution 1579 unterstützen solle, aber anstatt die Entkriminalisierung voll zu unterstützen, solle Amnesty zu einer umfassenden Studie zur weltweiten Entkriminalisierung aufrufen.

Ich erhob im Workshop Einspruch gegen diese Änderung, aber sie wurde angenommen während mein Antrag auf Unterstützung der Entkriminalisierung abgelehnt wurde. Ich hatte die Unterstützung von ca. einem Drittel der Arbeitsgruppe.
Der Antrag wurde später auf der Konferenz vorgestellt und ich musste vor der gesamten Konferenz von ca. 5/600 Leuten noch einmal etwa 10 Minuten reden. Der Rat gab wieder dieselbe Änderung ein und wieder erhob ich mit der Begründung, dass viele Mitglieder sie ablehnten, dagegen Einspruch. Es wurde abgestimmt und ich verlor (allerdings hatte ich wieder ca. ein Drittel des Saals auf meiner Seite). Es wurde über die Änderung des Amnesty-Rats abgestimmt und sie wurde mit einer ausreichenden Mehrheit angenommen.
Amnesty haben nun also erklärt, dass sie die Europaratsresolution 1579 unterstützen, und haben erklärt, dass sie die Deklaration über die Rechte von SexarbeiterInnen in Europa von 2005 unterstützen, und haben beschlossen zu einer „umfassenden, weltweiten Studie zum Thema der Entkriminalisierung des Escorting“ aufzurufen. Ich halte das absolut nicht für ein schlechtes Ergebnis.

Hinterher war ich der örtliche Star LOL und ich habe mit so vielen Leuten geredet, die mir Fragen stellen wollten. Es war so frustrierend, denn nachdem ich mit ihnen geredet hatte, sagten sie alle, dass sie für den gesamten Antrag gestimmt hätten, wenn sie das Thema richtig verstanden hätten, und nicht nur für den Kompromiss (so gut dieser auch war). Ich denke, wenn sie das getan hätten, hätte ich gewonnen. Ein weiterer ähnlicher Antrag wird auf der Konferenz nächstes Jahr gemacht werden, und zweifellos wird meine Amnesty-Niederlassung in Newcastle einen ähnlichen Antrag formulieren. Das hier ist eine gewinnbare Kampagne würde ich sagen, aber SexarbeiterInnen müssen bei Amnesty Lobby machen, vor Allem bei der „Gewalt gegen Frauen“ Kampagnengruppe, die aufgrund meines Wutausbruchs auf der Webseite und am Stand gezwungen waren, ein zweiseitiges Dokument mit alternativen Standpunkten zu kopieren und am Stand zu verteilen.
Ich habe später auch noch weniger zornig mit der Gewalt gegen Frauen-Gruppe geredet, und sie waren gewillt, eine Debatte mit mir, der IUSW und anderen SexarbeiterInnen zu eröffnen, um eine ausgewogenere Sicht im Hinblick auf Literatur und auf der AI-Webseite zu haben. Viele verschiedene regionale Amnesty-Gruppen hätten es gerne, dass SexarbeiterInnen mit ihnen sprechen und ihnen unsere Ansichten erklären und ich habe einige gute Gewerkschaftskontakte durch den TUC* geknüpft, die es hoffentlich mir und anderen erlauben werden, im Nordosten [Englands] mit dem TUC zu reden und die Druckergewerkschaft an der Debatte zu beteiligen. Ich oder jemand anderes wurde dazu eingeladen, in Belfast für SexarbeiterInnen-Rechte zu sprechen, da anscheinend dort Gesetzesänderungen vorgeschlagen worden sind und wieder einmal niemand für die SexarbeiterInnen spricht oder zumindest hört man ihnen nicht zu.
Ich habe mit dem Vertreter von Amnesty in Schweden gesprochen und ein paar Kontaktadressen bekommen, die werde ich jetzt also verfolgen LOL und mit der chinesischen Amnesty Hong Kong Gruppe, die mir auch wieder einige Kontakte brachte.

Sam Ruddick (Anita Ruddicks Tochter) sprach auf der Konferenz und hat ein paar interessante Punkte vorgebracht. Ich habe nach ihrer Rede kurz mit ihr geredet und sie hat eingewilligt, sich mit Cath oder mir zu treffen, um Ideen zu besprechen, wie sie der Gewerkschaft behilflich sein kann. Ihre Rede war leider nicht unterstützend, aber das war wahrscheinlich keine Absicht. Sie hat sich auf ihre Kampagnenarbeit gegen Menschenhandel konzentriert, was starker Tobak war, und sie scheint eng mit anderen Gruppen gegen Menschenhandel zusammenzuarbeiten. Als ich mit ihr redete gab ich ihr meine Bedenken bezüglich ihrer Rede zu verstehen und sie erklärte mir, dass sie die Ansicht vertritt, dass die zwei Themen SexarbeiterInnen-Rechte und das Aufhalten des Menschenhandels zwei getrennte Themen sind (und natürlich sind sie das) aber ich glaube nicht, dass ihr das klar ist, wegen den Medien und der zerstörerischen Negativität der Julie-Bindel-Unterstützer ist Menschenhandel in den Köpfen der Leute synonym mit Sexarbeit geworden. Ich wurde wieder und wieder und wieder zu Sorgen gefragt, Unterstützung für SexarbeiterInnen könnte zu einem Anstieg des Menschenhandels führen. Jedoch habe ich sie jedes Mal sehr leicht auf meine Seite gebracht, was wieder zeigt, dass es wichtig es ist, die Presse/Medien auf unsere Seite zu kriegen um Gegenargumente zu bringen.
Abschließend, es ist traurig dass Amnesty sich nicht dafür entschieden haben, morgen schon für die Entkriminalisierung Kampagne zu machen, und vielleicht dauert es noch ein Jahr bevor sie irgendwelche positiven Aussagen machen, aber jetzt haben sie sich der Recherche verschrieben und Amnesty Neuseeland könnte hier durchaus sehr hilfreich sein. Amnesty auf unsere Seite zu kriegen wird einen Riesenschub für unsere Moral und unser Ansehen bedeuten, allerdings müssen wir sie gnadenlos verfolgen und sie auf unsere Seite bringen, eigentlich sind sie das sowieso schon, sie brauchen nur einen kleinen Schubs in die richtige Richtung. Es wäre auch keine schlechte Idee, wenn mehr bekennende SexarbeiterInnen Mitglieder bei verschiedenen Amnesty-Niederlassungen werden.

Douglas Fox”

Und hier ist ein Teil dessen, was Fox geschafft hat, in Amnesty Internationals vorgeschlagene Positionierung zur Prostitution einzubringen:
„…Wie bereits in Amnesty Internationals Grundsatz zur Sexarbeit festgehalten wurde, lehnt die Organisation die Kriminalisierung aller Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Kauf und Verkauf von Sex ab. Sexuelles Begehren und sexuelle Aktivität sind ein menschliches Grundbedürfnis. Diejenigen, die nicht in der Lage oder nicht gewillt sind, dieses durch traditioneller anerkannte Methoden zu erfüllen und daher Sex kaufen, zu kriminalisieren, könnte eine Verletzung der Privatsphäre bedeuten und die Rechte auf Meinungsfreiheit und Gesundheit untergraben.“ (http://www.scribd.com/doc/202126121/Amnesty-Prostitution-Policy-document, Seite 5, Fußnote 2)

[* TUC: Trades Union Congress, ein gewerkschaftlicher Dachverband in Großbritannien. Er vereint 65 Gewerkschaften mit ca. 6,5 Millionen Mitgliedern.]

“Sex-Gewerbe wurde ‘aufgefordert, Amnesty beizutreten und intern Lobby zu machen'”

Übersetzt aus dem Englischen

Veröffentlicht im Original von Philip Bradfield auf newsletter.co.uk am 04.02.2014

Sex-Gewerbe wurde “aufgefordert, Amnesty beizutreten und intern Lobby zu machen”

Eine führende Persönlichkeit des Sex-Gewerbes, die Amnesty Internationals neuen Positionsentwurf den eigenen Bemühungen zuschreibt, forderte Kollegen laut eigener Aussage dazu auf, der Organisation beizutreten, um die Entkriminalisierung von innen voranzutreiben.

Douglas Fox von der International Union of Sex Workers (IUSW) ist ein Sexarbeiter, dessen Lebensgefährte eine Escort-Agentur in England betreibt.

Im Jahr 2008 schlug er erfolglos eine Resolution zur Befürwortung der legalisierten Prostitution bei der Amnesty UK Jahreshauptversammlung vor. Doch in der Samstagsausgabe des News Letter schrieb er sich Amnestys neuen Positionsentwurf als Verdienst zu und sagte, er habe die interne Debatte und die Untersuchungen begonnen.

Gestern bestätigte Fox, dass er 2008 einen Bericht verfasste, in dem er seinen Unterstützern mitteilte, die interne “Kampagnengruppe Gewalt gegen Frauen” sei der Schlüssel zur Opposition gegen die Legalisierung; er habe an ihrem Stand an der Jahreshauptversammlung “einen Krawall verursacht”.

Weiterhin bestätigte er, dass er in dem Bericht 2008 Unterstützer dazu aufforderte, Amnesty beizutreten und bei dieser Gruppe von innen Lobby zu machen.

“Amnesty auf unsere Seite zu bringen wird einen Riesenschub für unsere Moral bringen… wir müssen sie gnadenlos verfolgen und sie auf unsere Seite bringen,” schrieb er.

Amnesty meldeten sich jedoch gestern zu Wort und sagten, Fox sei seit Jahren kein Mitglied mehr und habe “null” Beitrag zu Amnestys Position geleistet.

Seine Resolution von 2008 führte zu Diskussionen in Amnestys weltweiten Verwaltungsorganen, aber wurde letztendlich abgelehnt. Der neue Entwurf entstamme einem Bericht aus dem Hauptquartier von Amnesty International im Jahr 2012, so ein Sprecher.

Julie Bindel: “Eine Gewerkschaft, die keine ist”

Übersetzt aus dem Englischen

Original von Julie Bindel veröffentlicht auf juliebindel.org am 15.1.2014

Eine Gewerkschaft, die keine ist 

Eine Welt der Arbeiter, Zuhälter und Freier.

Die GMB, eine von Großbritanniens größten Gewerkschaften, schrieb 2002 Geschichte. War sie doch bekannt dafür, Männer in traditionell männlichen Berufen zu vertreten – sie wurde immerhin von Herstellern von Kesselblechen gegründet – rief es einige Überraschung und Konsternierung hervor, als ein neuer Zweig, der StripperInnen, Lap-Dancer, PornodarstellerInnen und Prostituierte vertreten wollte, beitrat. Der „Adult Entertainment“-Zweig sollte, so die Gründer, die Menschen, die in der Sex-Industrie arbeiten, mit denselben Rechten ausstatten, wie Arbeiter in allen anderen Gewerben und Berufen.

Der Spross, der letztlich zum Adult Entertainment-Zweig wurde, begann nicht in einem Bordell oder Striplokal, sondern an einer Universität. Im Jahr 2000 wurde eine Kampagnengruppe namens International Union of Sex Workers (IUSW) von ein paar radikalen Anthropologen gegründet, die der Auffassung waren, die Rechte der Menschen in der Prostitution können nur durch kollektive Organisation gewonnen werden. Nachdem sie die IUSW gegründet hatten, wurde den Gründern klar, dass ihre Mitglieder erst richtig profitieren konnten, wenn sie Teil einer offiziellen Gewerkschaft waren.

Laut Chris Knight, einem der IUSW-Gründer, war die IUSW bevor sie 2002 ihre Führung an die GMB übergab, „noch in den Kinderschuhen und eher informell“. In der ersten Ausgabe der IUSW-Zeitschrift Respect, veröffentlich im Jahr 2000, erklärten die Gründer: „Wenn das älteste Gewerbe kommt – hütet euch Zuhälter, Kapitalisten! Was auch immer dein Geschlecht oder deine sexuelle Situation: wenn du meinst, eine Gewerkschaft zu brauchen, bist du als Mitglied willkommen!“

Aber die IUSW, oft mit dem Adult Entertainment Branch der GMB verwechselt, ist weit entfernt von dem linksgerichteten, arbeiterfreundlichen Sprachrohr, das ihre Gründer im Sinne hatten. Einige ihrer Mitglieder berichteten mir, dass es sich dabei mehr um ein Sprachrohr für Zuhälter und Freier handele, und statt ihnen wie die Gründer zu sagen, sie sollen sich hüten, heiße die IUSW heute sogar Sexindustrie-Bosse mit offenen Armen willkommen.

Die Unterstützung der GMB, selbst wenn diese dem offiziellen Gewerkschaftszweig für die Sex-Industrie gilt, hat dazu geführt, dass die IUSW als Interessenvertretung der „Arbeiter“ in der Sex-Industrie erscheint. Solche Organisationen sind politisch motivierte Lobby-Gruppen, die sich für die vollständige Entkriminalisierung des Sex-Gewerbes einsetzen – daher auch die Zahl der beteilligten Zuhälter und Freier. In den Niederlanden, wo die Bordellprostitution seit 2000 legal ist, hat Red Thread, eine Organisation für Prostituiertenrechte, 2002 eine Gewerkschaft gegründet, die auf ihrem Höhepunkt nur 100 Mitglieder hatte, hauptsächlich Geschäftsführer und Strip-TänzerInnen. Sie verlor 2004 ihre staatliche Förderung. Niemand weder in der GMB noch in der IUSW war in der Lage oder gewillt, mir genaue Mitgliederzahlen für den Gewerkschaftszweig zu geben, doch es dürfte sich um zwischen 20 und 100 von geschätzten 80.000 SexarbeiterInnen in Großbritannien handeln.

Doch Prostitution ist keine legitimes Gewerbe, und von ihren Erträgen oder anderen Aspekten des Gewerbes zu leben ist weiterhin illegal. Missbrauch, Zwang, Täuschung, und häufig entsetzliche Arbeitsbedingungen sind alle Merkmale des Sex-Markts. Vergewaltigung, sexuelle Belästigung und Mord sind verbreitete Berufsrisiken. Doch wo die wohlmeinenden Gründer der IUSW glaubten, dass diese Probleme durch die gewerkschaftliche Organisation gelöst werden können, sehen andere deutlich, dass es kurzsichtig und sogar gefährlich ist, ein ausbeuterisches Gewerbe zu normalisieren anstatt jenen beim Entkommen zu helfen, die sich darin befinden.

Ich habe im Laufe der Jahre mehrere Mitglieder der IUSW getroffen, bei Seminaren, Kongressen und öffentlichen Versammlungen in Großbritannien und anderswo in Europa. Mitglieder, zumeist vertreten von Catherine Stephens, wissen, dass ich mich gegen die Zuhälterei einsetze und die Kriminalisierung des Sex-Kaufs befürworte. Ich bin auch kritisch, was die Terminologie der Pro-Prostitutions-Lobby angeht. Laut Stephens, deren Beteiligung 2004 begann, war die Hauptgründerin der IUSW, Ana Lopes, eine „Sexarbeiter-Migrantin“, doch das ist eine recht verzerrte Definition. Lopes kam aus Portugal nach Großbritannien um ihren Doktortitel zu machen. Sie, wie eine kleine aber wachsende Anzahl von AkademikerInnen, die „Sexarbeit“ studieren, begann, persönlich mit Prostitution zu experimentieren, sah es als so etwas wie „Feldversuche“ an. Nach einer Weile räumten die AkademikerInnen das Feld und solche, die direkter in der Sex-Industrie involviert waren, übernahmen das Ruder. Aber auch diese Leute waren weit davon entfernt, repräsentativ für den Großteil der Prostituierten in Großbritannien zu sein.

Ich begegnete Stephens zum ersten Mal vor sieben Jahren, als sie mir sagte, sie habe in acht Jahren „Sexarbeit“ kein einziges Mal auch nur schlechte Manieren von einem „Kunden“ erlebt, geschweige denn Missbrauch, und sie „liebe“ ihre Arbeit.

Stephens macht nicht den Eindruck einer typischen Domina. Sie ist mittleren Alters, das Haar zurückgebunden und das Gesicht frei von Make-up, und sie trägt normalerweise weite, legere Kleidung. Stephens verbringt viel Zeit damit, bei öffentlichen und geschlossenen Veranstaltungen über Prostitution zu sprechen, und erscheint regelmäßig in TV und Radio, wo sie zur Entkriminalisierung aller Gesetze, die sich auf die Prostitution beziehen, aufruft. Als ich sie in ihrer Rolle als Geschäftsführerin des GMB-Gewerkschaftszweigs für ein Zitat für diesen Artikel kontaktierte, schrieb sie: „Der GMB-Zweig für Menschen in der Sex-Industrie wird, wie alle GMB-Zweige, von seinen Mitgliedern geleitet und steht allen Menschen in der Sex-Industrie offen.“

“Catherine ist total dominant und will immer ihren Willen durchsetzen”, sagt Thierry Schaffhauser, ehemaliges Mitglied, das 2012 aus der IUSW ausgeschlossen wurde, hauptsächlich, so sagt er mir, weil er noch nie einen Hehl aus seiner Abneigung gegen die Macht der Geschäftsführer innerhalb der Organisation gemacht habe. „Sie darf alles entscheiden, ohne es überhaupt mit der Gruppe zu besprechen.“

Am Parliament Square treffe ich einen Mann der zusammen mit Lopes 2000 die IUSW gründete. Ich finde Chris Knight, einen hochgewachsenen Mann Ende 60 in einem bunten Hut und Jeans, neben einem Banner, auf dem steht: „Capitalism isn’t working“. Knight war Mitgründer von Democracy Village – einer Gruppe von Antikriegs- und Antikapitalismus-Demonstranten, die früher ihr Lager am Square neben den Anarchisten und den obdachlosen Trinkern aufschlug. Knight war Professor für Anthropologie an der University of East London (UEL) bevor er 2009 aufgrund seiner Aktivitäten bei einer G20-Demo gefeuert wurde.

„Der ganze Grund, warum wir die Gewerkschaft überhaupt gegründet haben, war, um die Prostitution zu beenden,“ sagt Knight. „Aber es gibt verschiedene Wege, wie man das angehen kann. Marx sagte, alle Arbeiter sind Prostituierte. Wenn wir die Prostitution beenden wollen, müssen wir den Kapitalismus beenden.“

Lopes schien mehr daran interessiert, der Sex-Industrie beizutreten, als sie abzubauen. Kurz nachdem sie anfing, mit Knight zu arbeiten, meldete sich Lopes für Schichten bei einer Telefonsex-Hotline an.

Ich tausche mich mit Camilla Power aus. Sie war Mitgründerin der IUSW und arbeitete an der UEL mit Chris Knight zusammen, wo sie die Doktorarbeit von Lopes betreute. Gab sie Lopes grünes Licht dafür, sich als Teil ihrer Recherche direkt an der Sex-Industrie zu beteiligen, in Form von Telefonsex? „Anthropologen nennen das teilnehmende Beobachtung,“ sagt Power. „Man kann nicht mit einer Gemeinschaft arbeiten und dabei außerhalb stehen und die Menschen wie Objekte behandeln. Innerhalb der Sexarbeit ist das sogar noch mehr der Fall, aufgrund der Kluft zwischen ihnen und den gebildeten AkademikerInnen.“

Ich frage, ob Lopes die Erlaubnis der Ethik-Kommission der Universität hatte, mit der Telefonsexarbeit als Teil ihres Studiums weiterzumachen. Laut Power seien damals die „grundlegenden anthropologisch-ethischen Richtlinien“ eingehalten worden. Ein(e) EUL-Sprecher(In) teilt mir mit, die relevanten Dokumente seien unauffindbar und somit könne man das nicht bestätigen.

Während ihrer Arbeit für die IUSW reiste Lopes durch Großbritannien und hielt Reden vor anderen Gewerkschaften und Frauenorganisationen, in denen sie sie um Unterstützung beschwor. Im Jahr 2001 wurde ihr eine goldene Trophäe in Form eines fliegenden Penis verliehen: der Erotic Award in der Kategorie AktivistIn für Sexuelle Freiheit. Die Preise werden von der Sexual Freedom Coalition verliehen, welche mit Hilfe von Catherine Stephens die TLC (Tender Loving Care)-Webseite erstellt hat, um für die Einführung eines Gesetzes für „SexarbeiterInnen-Besuche“ in Hospizen und für mindestens ein barrierefreies Bordell pro Stadt in Großbritannien zu werben.

Die IUSW und der GMB-Zweig sind, auch wenn sie offiziell verschiedene Organisation darstellen, kaum voneinander zu unterscheiden. 2003 war Lopes eine Sprecherin auf einer von der GMB veranstalteten Konferenz in Birmingham für ArbeiterInnen der Sex-Industrie, auf der eine GMB-Broschüre verteilt wurde, die Angebote für Unterricht im Table-Dance und Striptease enthielt, die mit Geldern von Gewerkschaftsmitgliedern und staatlichen Mitteln bezuschusst wurden.

Douglas Fox war ein bekanntes Gesicht der IUSW. Fox und sein Partner John Dockerty führen eine der größten Escort-Agenturen im Nordosten Englands. Fox ist darum bemüht, deutlich zu machen, dass die Agentur allein auf Dockertys Namen läuft. „Ich bin weder noch war ich jemals ein Geschäftsführer oder Besitzer einer Escort-Agentur. Mein Lebenspartner ist der alleinige Inhaber.“

Fox willigt ein, sich mit mir zu treffen, obwohl Stephens eindringlich versucht hat, ihn davon abzubringen. Das Paar gründete 1999 Christony Companions in seiner Heimatstadt Newcastle. Fox arbeitete als Modedesigner und Dockerty war ein ziviler Finanzangestellter der Polizei. Sie starteten eine Agentur, so Fox, als eine Freundin, die als Escort arbeitete, Dockerty bat, Termine für sie zu vereinbaren. Als ihnen klar wurde, wie viel Geld sich so machen ließe, grüneten sie ihre eigene Firma.

Beide Männer wurden 2000 in Folge einer verdeckten Ermittlung einer Lokalzeitung festgenommen. Eine Reporterin, die sich als potentielle Escort ausgab und eine versteckte Kamera dabei hatte, lieferte später genug Beweise, um die Männer wegen Zuhälterei anzuzeigen. Während des Treffens mit der Reporterin fragte Dockerty sie nach ihrem Zyklus, um es sich in seinem Kalender zu notieren. Die Männer kamen später wegen einer Formalie davon: die Escorts, die bei Christony angestellt waren, weigerten sich, als Zeuginnen auszusagen, da der Richter ihnen die Anonymität verwehrt hatte.

Fünf Jahre später liest Filmemacher John Alwen einen kleinen Beitrag in einem Boulevardblatt über einen Besitzer einer Escort-Agentur, der bei der örtlichen Arbeitsagentur Frauen anwirbt, und entschließt, der Sache nachzugehen. Fox und Dockerty willigen ein, Alwen mehrere Monate „Mäuschen spielen“ und sie filmen zu lassen, um eine Dokumentation über Christony zu drehen. Während die Crew Dockerty und Fox folgt, bereitet eine weitere Reporterin eine verdeckte Operation vor.

In der Hoffnung, das Geschäft anzukurbeln, hatte Dockerty auf der Christony-Webseite damit geworben, dass Freier die Chance haben, eine seiner Escorts für bis zu vier Stunden am Stück zu “gewinnen”. Teilnehmer sollten die Bedeutung hinter einem Hinweis erraten, den er jeden Monat auf die Seite stellte. Die Scottish Sunday Mail berichtete über zwei Seiten mit der Überschrift: “Internet-Zuhälter: Geschäftsmann bietet seine Mädchen als Sex-Preis bei Internet-Gewinnspiel an”.

Alwens Dokumentation, The Escort Agency, wurde 2006 gezeigt. Eine der ersten Szenen zeigen Dockerty dabei, wie er einen Termin für einen Stammkunden vereinbart. Der Freier, der nach der Jüngsten in Christony’s Escort-Katalog verlangt hat, ist ein Schulrektor, der von ihr verlangt, dass sie sich als Schulmädchen verkleidet. Auch wenn Dockerty behauptete, der Freier sei, “…nicht mein Lieblingstermin”, arrangierte er ohne Murren ein Treffen für ihn mit der 19-jährigen Tori am folgenden Abend.

Trotz der überwältigenden Beweise gegen Christony in dem Dokumentarfilm, aus der Presse und der Polizeiakte bestreitet Fox, dass das Geschäft etwas mit Prostitution zu tun hat. Fox sagt mir auch während einem unserer Treffen, dass er nur insofern beteiligt sei, „…wie jeder Ehemann oder jede Ehefrau das Geschäft des Partners unterstützen würde. Wenn er mich um Rat bittet, habe ich vielleicht eine Meinung. Aber die tägliche Geschäftsführung hat nichts mit mir zu tun.“ In dem Film sieht man Fox dabei, wie er Christonys 150 Pfund von den verdienten 600, die ein Übernachtungsbesuch einer Escort einbrachte, abzählt.

Dockerty und Fox verwenden die GMB als Gütesiegel, um ihr Geschäft anzukurbeln. Ein Slogan auf der Webseite von Christony lautet: „Eine ethische Escort-Agentur in Newcastle & stolzes Mitglied der IUSW“. „Ich habe noch nie von einem kommerziellen Geschäft gehört, dass eine Gewerkschaft verwendet, um den Verkauf zu steigern,“ sagt ein ehemaliges Mitglied der IUSW, das nicht genannt werden wollte. „Es geht doch um Schutz für Arbeiter, nicht Profite für Zuhälter.“

Thierry Schaffhauser ist der ehemalige Präsident der GMB/IUSW, und der männlicher Escort des Jahres der Erotic Awards 2010. Schaffhauser, jung und gutaussehend, arbeitete einige Zeit als Straßenprostituierter in Paris bevor er nach Großbritannien zog, wo er in der schwulen Presse um Kunden wirbt. Zwischen Schaffhauser und Fox gibt es keine Freundschaft. Ihre Streits über den Zweck einer Gewerkschaft und den Zustand der Sex-Industrie wurden öffentlich im Internet ausgetragen, wo Fox Schaffhauser vorwarf, die Prostitution falsch darzustellen, indem er den Missbrauch innerhalb der Industrie beleuchtete.

Ich fragte Schaffhauser, ob wir uns treffen könnten, um über seine Differenzen mit Fox zu sprechen und zuerst stimmte er zu, doch später zog er dies auf Druck von Stephens hin wieder zurück. Er teilte mir mit, dass er sich Sorgen darum mache, seine Position in der IUSW zu verlieren, aber sagte außerdem: „Die IUSW wird irgendwann die Industrie kritisieren und ändern müssen, wie sie funktioniert, denn es gibt darin viel Ausbeutung.“

Ein weiteres ehemaliges Mitglied der IUSW ist ein Escort, der als Sleazy Michael bekannt ist. Michael, der verheiratet und Vater von zwei Kindern war, bevor er 2004 sein Coming-Out hatte, erzählte mir, er habe ebenfalls die IUSW wegen „interner Politik“ verlassen, genauer gesagt aufgrund der Unstimmigkeiten, die die Vormachtstellung der Geschäftsführer in der Organisation hervorrief.

Er öffnet mir die Tür in einer Ganzkörperbräune und einem Tanga und führt mich in sein Schlafzimmer, wo an einem Ehrenplatz der berüchtigte fliegende Penis steht, den er 2007 verliehen bekam, als man ihn zum „Escort des Jahres“ kürte.

„Ich ging früher in die Schwulensauna, um Sex zu haben, und so ein Typ hat gesagt, ich könnte damit Geld verdienen. Also habe ich einen Escort für Sex bezahlt und von ihm gelernt und eine Homepage eingerichtet,“ erzählt er mir und zeigt mir wie ein Museumsführer seine Pornografie und seine Sexspielzeuge. „Dieses Wochenende hatte ich einen Kunden, der taub und stumm ist, und zehn Minuten später einen nicht-geouteten Ehemann. Dann hatte ich Einen, der eine ganze Tasche voller Lederzeug und Nippelklammern dabei hatte. Deswegen liebe ich meinen Job. Ich treffe solch faszinierende Leute.“

Michael trat der IUSW bei nachdem er einen ihrer Aktivisten bei einer Kampagne gegen den Gesetzesvorschlag zur Freierbestrafung 2009 traf. Er trat bei, in dem Glauben, es handele sich um eine Gewerkschaft, so wie er es aus seiner vorherigen Karriere kannte. „Vor einigen Jahren kollabierte die IUSW fast, weil es einen großen Streit um die Beteiligung von Douglas [Fox] gab. Ich unterstützte ihn weil er einige seiner Mädchen dazu brachte, beizutreten, aber viele sind ausgetreten, weil er Geschäftsführer einer Escort-Agentur war.“

Die IUSW genießt wesentliche Unterstützung aus akademischen Reihen. Belinda Brooks Gordon ist Professorin für Psychologie und Gesellschaftspolitik an der Birkbeck, University of London. Sie ist eine liberaldemokratische Gemeinderätin und engagiert sich sehr für die die Entkriminalisierung der Prostitutionsgesetze. Brooks Gordon hat sich für ein Recht von Menschen mit Behinderungen auf Zugang zu prostituierten Frauen durch den staatlichen Gesundheitsdienst ausgesprochen.

Während der von der IUSW angeführten Kampagne gegen das Vorhaben der Regierung, die teilweise Kriminalisierung des Sex-Kaufs einzuführen, brachte Brooks Gordon, mit Hilfe von Fox und anderen IUSW-Aktivisten, einen Hilfeaufruf unter Freiern und Prostituierten auf deren Webseiten in Umlauf. In einer langen E-Mail gab Brooks Gordon Empfehlungen, wie die Einführung des Gesetzes verhindert werden könnte, bevor sie den Kleidungsstil der Labour-Abgebordneten Fiona Mactaggart (welche eine Schlüsselrolle beim Gesetzesentwurf spielte) beleidigte.

Die IUSW hat auch Unterstützung unter US-AkademikerInnen gewonnen. Eine solche Akademikerin ist Elizabeth Wood, die Soziologie an der State University of New York unterrichtet. Wood befürwortet die Legalisierung der Sex-Industrie und hat argumentiert, dass Sex mit Tieren einvernehmlich sein kann „wenn das Tier nicht angeregt, belohnt oder bestraft wird, um sein Verhalten zu beeinflussen, sondern einfach eine Gelegenheit erhält und diese ergreift,“ und „Menschen, die dies genießen, sollten nicht stigmatisiert werden.“

Die Verbindung zwischen SexarbeiterInnen-Rechten und der Akademie wurde 2009 bei einer einwöchigen Veranstaltung namens Sex Worker Open University gestärkt. Dort hielten Mitglieder der IUSW, AkademikerInnen und Prostituierte Strip-Workshops, gaben Tipps für diejenigen, die in die Prostitution eintreten wollen, zum Thema Selbstverteidigung und Unterricht darin, wie man Gesetze verhindern kann, die das Profitieren an der Prostitution durch Dritte verbieten. Ein Unterstützer war der inzwischen verstorbene Sebastian Horsley, der bei der Eröffnung der SWOU gefilmt wurde, wie er Innenministerin Jacqui Smith, die den Gesetzesentwurf angeregt hatte, mit Hohn überschüttete. Horsley nannte sie „fett und unfickbar“ und behauptete, mit „mehr als tausend Prostituierten“ geschlafen zu haben.

Ich versuche mehrmals, mit der GMB über die Anschuldigungen von Schaffhauser und anderen zu sprechen, aber trotz mehrerer Versuche ruft mich niemand zurück. Als ich 2010 bereits über das Thema schrieb, stieß ich auf eine Mauer aus Widerstand. Als ich eine Frage bezüglich der scheinbaren Verwechslung zwischen der IUSW und dem GMB-Zweig stellte, sagte man mir, ich solle „die Satzung lesen.“

Cath Elliott, ehemalige Vizevorsitzende des Unison National Women’s Committee, hat bereits ausführlich über die GMB-Entscheidung, die Prostitution zu vergewerkschaften, geschrieben. Sie sagt, sie kann nicht begreifen wie die IUSW behaupten kann, eine Gewerkschaft zu sein, wenn Zuhältern, Freiern und Pornografen die Mitgliedschaft freisteht.

„Wenn es wahr ist, dass Geschäftsführer einer Escort-Agentur aktiv an der IUSW beteiligt sind, dann muss die GMB wirklich ihre Mitgliedschaftsbedingungen überdenken,“ sagt Elliott. „Ich kann doch nicht behaupten, Arbeiter zu vertreten, wenn die Bosse bestimmen, wie der Hase läuft; so arbeiten Gewerkschaften einfach nicht.“

Die Tatsache, dass Agenturbesitzer in der Lage sind, überhaupt auf die IUSW-Politik Einfluss zu nehmen, macht eine Farce aus den Grundprinzipien einer Gewerkschaft. Mehr als nur ein ehemaliges oder aktuelles Mitglied haben mir gesagt, dass sie sich als ArbeiterInnen sehen und wütend sind, dass die Industriebosse die Zügel in der Hand haben.

Knight ist überrascht, dass Fox als Sprecher für die IUSW gearbeitet hat und erzählt mir, dass Lopes die IUSW vor einigen Jahren verließ weil „sie fand, dass die IUSW weniger revolutionär geworden war. Sie ist heute nicht mehr damit einverstanden.“

Ich frage Fox, ob er immer noch die IUSW und den GMB-Zweig unterstützt und er sagt mir, seine persönliche Loyalität gelte der IUSW, denn sie sei die „einzige“ SexarbeiterInnen-Organisation „in Großbritannien“, die inklusiv sei und SexarbeiterInnen unterstütze, unabhängig von politischer Überzeugung, Hautfarbe, Geschlecht oder Rolle als SexarbeiterInnen in einem vielfältigen und oft komplexen Gewerbe.“

Doch 2010 schrieb Fox in einer E-Mail, die er IUSW-Mitgliedern sendete, um seinen Rücktritt mitzuteilen, „Ich hoffe, die IUSW wird weiterhin die Vielfalt in unserem Gewerbe widerspiegeln und alle SexarbeiterInnen vertreten, egal zu welcher Minderheit sie aufgrund ihrer Ansichten gehören. Ich werde auch meine GMB-Mitgliedschaft morgen kündigen. Ich fand es schon immer unangenehm, dass ich mit einer Organisation zu tun habe, die eine politische Partei (Labour) finanziell unterstützt hat, mit der ich nicht einverstanden bin — nicht zuletzt wegen ihrer Haltung gegenüber SexarbeiterInnen.“

Thierry Schaffhauser, der endlich einem vollen Interview über die Vorgänge im Inneren der IUSW unter der Kontrolle von Fox und Stephens zugestimmt hat, hat inzwischen auch weder mit dem GMB-Zweig noch der IUSW zu tun und erzählt mir, dass er darum bemüht sei, Unterstützung für eine „richtige Gewerkschaft für Arbeiter“ zu gewinnen, die Menschen in der Prostitution selbst unterstützen kann, und nicht die Geschäftsführer und andere Profiteure.

“Ich denke, die GMB ist auch eine patriarchale Gewerkschaft, was erklärt, warum sie sich nicht um einen Zweig kümmern, der aus Frauen und jungen Schwulen besteht,” sagt Schaffhauser. “Sie haben uns überhaupt noch nie ernst genommen.

“Wir hatten viele Mitglieder, aber alle StripperInnen sind zu Equity gegangen, viele sind ausgestiegen um die Sex Worker Open University zu erschaffen, und viele andere verließen die GMB, als der erste Konflikt mit den Geschäftsführern auftrat.“

Diese seltsame Organisation ist in Geheimhaltung gehüllt, welche von den Mitgliedern der Herrscherclique, wie Stephens, als „Vertraulichkeit“ gerechtfertigt wird, aufgrund der heiklen Tätigkeit, der die Mitglieder nachgehen. Doch ich war nicht in der Lage auch nur ein Mitglied zu finden, das mir irgendetwas überzeugendes darüber sagen konnte, welche Vorteile die gewöhnlichen ArbeiterInnen daraus ziehen, bei der IUSW Mitglied zu sein. Ihr Zweck scheint der zu sein, Zuhälterei zu normalisieren, für ein Ende jeglicher Gesetze, die die Ausbeuter in der Sex-Industrie kriminalisieren, Lobby zu machen, und letzten Endes Prostitution schönzureden und als einen Beruf wie jeden anderen darzustellen.