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Geschlagen, vergewaltigt und mit 9 Jahren von Pädophilen in einen Käfig gesperrt: die modernen Sklaven Indiens

Übersetzt aus dem Englischen

Original von Tom Parry veröffentlicht auf mirror.co.uk am 26.3.2014

[Bei der Quelle handelt es sich um eine britische Boulevardzeitung.]

Geschlagen, vergewaltigt und mit 9 Jahren von Pädophilen in einen Käfig gesperrt: die modernen Sklaven Indiens

Aus einer spärlich beleuchteten Gasse kommt ein Zuhälter im Teenageralter hervor, um ein Schulmädchen anzupreisen, das in dem sechsstöckigen Bordell hinter ihm gefangen gehalten wird. „Ich kann dir junge Mädchen besorgen,“ prahlt er. „Minderjährig, nur vier oder fünf Mal benutzt. Hier in Mumbai kann man alles kaufen, Sir.“

Irgendwo da drinnen ist ein Mädchen, dessen geraubte Unschuld ein grausiges Verkaufsargument ist im rattenbefallenen Rotlichtbezirk des Bezirks Kamathipura.

In diesem Labyrinth aus müllübersäten Gassen, in denen obdachlose Kleinkinder neben wildäugigen Drogensüchtigen im Freien schlafen, gibt es tausende solcher Mädchen, manche nicht älter als sechs. Sie sind Sklaven, verkauft an die Menschenhändler von ihren eigenen bettelarmen Familien in anderen Teilen Indiens.

Kamathipura wurde von den Briten zur Nutzung durch die Kolonialtruppen eingerichtet. Es wurde als „comfort zone“ bezeichnet – „Trostzone“.

Als unsere Truppen 1947 abzogen, zogen die Zuhälter ein, das leichtverdiente Geld durch die Ausbeutung von Kindern witternd.

Während Großbritannien mit der Modern Slavery Bill [Gesetz gegen moderne Sklaverei] kurz davorsteht, lebenslange Haftstrafen für Menschenhändler zu verhängen, verbleibt Indien das Land mit den meisten Menschen in der Zwangsarbeit weltweit.

Ein globaler Sklaverei-Index, der vor kurzem veröffentlicht wurde, besagt, dass die Nation mit der zweitgrößten Bevölkerung fast die Hälfte der Sklaven weltweit beherbergt. Insgesamt 15 Millionen Menschen, viele von ihnen Kinder, werden dazu gezwungen, ohne Bezahlung zu arbeiten, als Hausdiener, Bergleute, Baumwollpflücker und, am Schlimmsten von allen, als Prostituierte.

Sklaverei ist heute das drittprofitabelste Geschäft für organisierte Verbrechenssyndikate und wird nur noch von Waffen und Drogen übertroffen.

Und mitten im wuselnden Chaos von Mumbai werden die jüngsten Opfer des Sex-Gewerbes in stockfinsteren, hölzernen Kistenkäfigen gehalten, in geheimen Zimmern tief im Inneren der Bordelle.

Diese winzigen, verschlossenen Zellen sind hinter Falltüren und falschen Wänden versteckt und die Mädchen, von ihren Fängern mit Makeup beschmiert, haben keine Möglichkeit, vor den Pädophilen zu entkommen, die nachts auf der Pirsch sind, ungestört von der mutmaßlich korrupten Polizei.

Seena Simon, die ein Übergangshaus für gerettete Mädchen leitet, erklärt: „Die Mädchen werden wie Hühner in der Massentierhaltung in ihren Käfigen schön und rund gehalten. Die Zuhälter wollen sie so jung wie möglich, um mehr Geld zu mit ihnen zu machen. Männer hier zahlen mehr für jüngere Mädchen. Deswegen werden sie versteckt gehalten.“

Eine indische Kinderrechtsorganisation gibt an, dass 40 Prozent der Prostituierten im Land im Schulalter sind.

Ich treffe ein Mädchen, das vor kurzem gerettet wurde: die sechzehnjährige Padma aus dem Staat Uttar Pradesh, die von ihren verschuldeten Eltern im Alter von sechs Jahren verkauft wurde.

Sie erzählt mir, ihr Vater habe zuerst gebettelt, dann einen Kredit aufgenommen, den er nicht zurückzahlen konnte. Die Kredithaie schlugen ihre Eltern zusammen und drohten damit, sie zu töten, wenn sie nicht Padma, ihr jüngstes Kind, an eine Menschenhändlerin in ihrem Ring verkauften.

„Die Frau schlug mich die ganze Zeit – ich wusste nie, warum,“ sagt Padma. „Danach brachte sie mich hierher, nach Mumbai.“

“Als Erstes wurde ich zu einer Sklavin im Haus dieser Dame gemacht. Zu dem Zeitpunkt war ich sieben. Etwa ein Jahr später wurde ich an diese Gang übergeben. Einer der Männer sagte mir, ich müsse bereit sein, eine Frau zu sein.“

„Sie brachten mich dazu, dass ich anfing, Makeup zu tragen. Eines Tages sagte er mir, ich solle mich ausziehen. Ich wusste nicht, was ich tun müssen würde.“

„Er griff mich an, belästigte mich; ich hatte keine Ahnung, was geschah. Ich war währenddessen die ganze Zeit völlig versteinert. Als er fertig war, verschloss die Frau, die mich verkauft hatte, die Tür von außen und ließ mich dort. Ich war nackt und weinte.“

„Als sie am nächsten Tag wiederkam, um mit mir zu reden, sagte sie, „Es ist keine Sünde, es ist einfach nur das, was wir tun.“ Ich wurde so oft bedroht, dass ich einfach beschloss, zu akzeptieren, was sie von mir wollten. Ich war damals neun. Ich war eine Prostituierte geworden.“

Padma spricht mit verblüffender Fassung während sie ihren Leidensweg schildert. Aber während sie in ihrem pinkfarbenen Sari erwachsen gekleidet ist, wirkt ihre Mimik kindlich.

Unser Interview findet in ihrem Zimmer im Wohnheim statt, eingerichtet wie ein Kinderzimmer mit Schablonenbildern von Engeln an den farbenfrohen Wänden.

Mumbai brothel box cage

Eine hölzerne Käfigkiste, in der Mädchen missbraucht und gefangen gehalten werden, bis sie „gebrochen“ sind und nicht versuchen werden, aus dem Bordell wegzulaufen. (Foto: Hazel Thompson)

Das Gebäude ist absichtlich in einer ruhigen Straße weit weg von den Jägern, denen der Sinn nach Rache stehen könnte gegen Mädchen, die durch ihr Netz geschlüpft sind.

Padma beschreibt ruhig, wie sie schweigend erleiden musste, dass ein niemals abreißender Strom von Männern sie von 16 Uhr bis 4 Uhr jede Nacht vergewaltigte.

Wenn sie jemals über den Missbrauch klagte, wurde sie geschlagen, gefesselt oder sogar hungern gelassen.

„Einmal zogen sie mich aus, banden mich an den Deckenventilator und schalteten ihn dann ein,“ erinnert sie sich. „Ich wurde geschlagen, während ich herumgewirbelt wurde.“

Die Erzählung dieser Folter lässt mich von Grauen erfüllt zusammenzucken; Padma erzählt einfach weiter ihre tragische Geschichte.

„Die Männer kamen ins Bordell und suchten sich eine von uns im Wartezimmer aus, wo wir alle saßen,“ fügt Padma hinzu.

„Ich brachte jede Nacht tausende Rupien ein, aber ich bekam nie etwas von dem Geld. Tagsüber musste ich einige der jüngeren Mädchen babysitten, also habe ich nie wirklich geschlafen.“

„Viele von uns, manchmal bis zu zehn, waren tagsüber in diesem winzigen, heißen Zimmer zusammengepfercht. Es war schrecklich.“

Padma wurde letztes Jahr endlich gerettet, als die Polizei eine Razzia in dem Bordell machte.

In diesem Fall, wie in vielen anderen, sind die Zuhälter und Menschenhändler alle ohne Strafe davongekommen.

Ein weiteres Mädchen in der Zufluchtsstätte, Dishita, erzählt, wie die Bordellbetreiber immer im Voraus vor Polizeirazzien gewarnt wurden.

Man verfrachtete sie dann vorübergehend in ein anderes Gebäude.

Dishita wurde in einem Zimmer gefangen gehalten, das gerade groß genug für eine winzige Matratze war. Das Essen wurde durch einen Schlitz geschoben; sie musste stundenlang an die Tür klopfen, um auf die Toilette zu dürfen.

Sie, wie viele andere in dem Zentrum, ist HIV-positiv. Und sie sieht einer schwierigen Zukunft entgegen während sie versucht, ihre schreckliche Vergangenheit zu verarbeiten.

Ihre Freundin Rashmi, 18, wurde von ihrer eigenen Mutter an ein Bordell verkauft als sie gerade mal 8 Jahre alt war.

Seena sagt, einige Mädchen in ihrer Obhut sind so traumatisiert, dass sie ihre Vergangenheit komplett ausgeblockt haben.

Die meisten können nachts nicht schlafen, weil sie derart daran gewöhnt sind, in den Nachtstunden wach zu sein.

„Die schlimmsten Fälle, von denen ich gehört habe, sind Kinder, die ihren Müttern weggenommen werden noch während sie nach der Geburt im Krankenhaus sind,“ sagt Seena. „Sie werden weiterverkauft um schließlich in den Bordellen benutzt zu werden, wenn sie noch im Grundschulalter sind.“

„Man kann diese sehr jungen Mädchen nicht sehen; sie werden vor den Augen der Öffentlichkeit auf der Straße versteckt, aber sie sind da.“

„Die Menschenhändler sagen ihren Familien, dass sie den Mädchen in Mumbai einen Job verschaffen,“ fügt sie hinzu.

Sie zahlen etwa 50 Pfund [ca. 60 Euro], um sie mitzunehmen.

Sie fährt fort: „Sobald sie angekommen sind, werden sie für das Zehnfache an Bordelle weiterverkauft – 50.000 Rupien.“

„Die Mädchen stehen bei ihnen in der Schuld, ab dem Zeitpunkt, an dem sie über die Schwelle treten. Und bis sie diese 50.000 abbezahlt haben, und noch jede Menge obendrauf, können sie nicht weg. Oft müssen sie mit 15 bis 20 Männern pro Nacht Sex haben. Der Bordellbetreiber behält das Geld, nicht sie selbst.

„Manchmal führt die Polizei Razzien im Rotlichtbezirk durch, aber das geht trotzdem weiter. Ich denke, die sehen weg. Es ist total korrupt. In Indien, genau wie in Großbritannien, ist es ein sehr schweres Verbrechen, mit Minderjährigen Sex zu haben, aber sie entscheiden sich dafür, nichts dagegen zu tun.“

„Kinderprostitution nimmt zu. Es ist ein Geschäft mit großen Profiten und sie erlauben, dass es passiert. Niemand von ihnen denkt über die Auswirkungen auf das Leben der Mädchen nach.“

In Großbritannien bleiben schockierende Fälle wie jener der drei Frauen, die als Sklaven im Süden Londons gehalten wurden, selten.

Hier in den zwielichtigen, übelriechenden Gassen von Kamathipur gibt es nicht nur Sklavenkinder in den Bordellen, sondern auch jüngere Jungen und Mädchen, die in die körperliche Arbeit gezwungen werden.

Laut der Wohltätigkeitsorganisation Tearfund, welche das Übergangshaus mitfinanziert, nutzen die Menschenhändler Eltern aus, die nach Naturkatastrophen alles verloren haben.

„Wenn Familien Brotverdiener und sogar ihr Zuhause verlieren, dann fallen sie opportunistischen Kinderhändlern zum Opfer,“ so die humanitäre Organisation.

„Aus Verzweiflung nehmen Familien das Angebot an, ohne zu realisieren, dass ihr Kind in die Sex-Industrie oder in die Kinderarbeit verkauft werden wird.“

 

Irische Männer die Sex kaufen unbewegt von Wissen um Menschenhandel

Übersetzt aus dem Englischen

Original von Zara King veröffentlicht auf newstalk.ie am 27.3.2014

Irische Männer die Sex kaufen unbewegt von Wissen um Menschenhandel

Der Menschenhandel für die Prostitution macht in Irland 250 Millionen Euro Umsatz im Jahr.
Ein neuer Bericht der EU-Kommission zeigt, dass die Sex-Käufer hierzulande meist Männer in Beziehungen mit einem hohen Bildungsstand sind.

92% sind alter als 45 und verdienen mehr als 20.000 Euro im Jahr.

Einer von fünf gab an, ihm seien junge Mädchen, die Opfer des Menschenhandels waren, untergekommen, aber dennoch hat es in Irland noch nie eine strafrechtliche Verfolgung unter dem Menschenhandelsgesetz gegeben.

Die Vorsitzende des Zuwanderungsrats, Denise Charlton, sagte, “Wenn wir die Einstellungen untersuchen, dann sehen wir, dass die Tatsache, dass sie vielleicht Opfer des Menschenhandels sein könnte oder das Wissen, dass Menschenhandel vorliegt, keinerlei Einfluss auf die Muster hat. Ein hoher Prozentsatz der Käufer gab an, Sex von Personen gekauft zu haben, von denen sie glaubten, sie werden ausgebeutet – aber es gibt eine auffallende Lücke zwischen dieser Feststellung und einer Meldung an die Behörden.”

Frau Charlton berichtete Newstalk, dass bis zu tausend Frauen zu jeder Zeit in Irland zum Verkauf stehen.

Der irische Zuwanderungsrat hält heute in Dublin die “Stop Trafficking Conference” [“Menschenhandel stoppen”].

 

Vortrag von Prof. Janice Raymond: “Prostitution: Kein Job, keine Wahl”

 “Prostitution: Kein Job, keine freie Wahl”, ein Vortrag von Prof. Janice Raymond, übersetzt aus dem Englischen.

Aufgezeichnet am 30. 11. 2013 in der Vancouver Public Library anlässlich der jährlichen Gedenkveranstaltung zum Massaker von Montréal, organisiert von Vancouver Rape Relief and Women’s Shelter.

Via Podcast auf feministcurrent.com 

Janice Raymond ist eine frühere Direktorin der Coalition Against Trafficking of Women (CATW). Ihr kürzlich erschienenes Buch heißt Not a Choice, Not a Job: Exposing the Myths about Prostitution and the Global Sex Trade.

 

„Lassen Sie mich als Erstes sagen, wie bedeutsam es für mich ist, wieder hier in Vancouver zu sprechen, besonders da es sich um eine Veranstaltung des großartigen Vancouver Rape Relief and Women’s Shelter handelt – eine Gruppe von Frauen, die sicherlich, basierend auf ihrer Arbeit an vorderster Front mit Opfern der männlichen Gewalt gegen Frauen, vieles von dem verstehen, worüber ich heute sprechen werde. Ich werde über die Abolition der Prostitution sprechen, und ich werde auch über das sprechen, was ich als die Prostitutionsmythen bezeichne, an die die Leute allgemein glauben, über den Abolitionismus im Allgemeinen, und über einige der Themen, mit denen sehr viele von Ihnen vertraut sind und über die es sehr wichtig ist zu sprechen.

Ich denke, einer der Gründe, warum wir diese Mythen haben, ist dass wir Medien haben, die sehr davon eingenommen sind, Prostitution glamourös erscheinen zu lassen, die Prostitution als Sex idealisieren. Wir haben eine Prostitutions- und Zuhälterkultur, in der wir leben. Wir haben eine Sex-Industrie, die global ist. Und wir haben eine globalisierte Prostitutionsindustrie, die auf essentielle Weise von der Globalisierung der „Pro-Sex“-Befürwortung in der ganzen Welt unterstützt wird. Wir haben Männer, die Prostitutionsnutzer sind und die sich zu dem Zugang, den sie zu Frauen haben, berechtigt fühlen. Und wir haben leider viele Gruppen, einschließlich sehr progressiver NROs, die meinen, die Legalisierung der Prostitution würde Frauen schützen. Es sei einfach nur ein Job und sollte als solcher behandelt werden, oder als Dienstleistung. Wir haben die Art Klischees, die wirklich überall herrschen: dass Prostitution unvermeidbar sei (mir wurde diese immerwährende Frage heute Morgen in einem Interview gestellt), dass Prostitution das älteste Gewerbe sei, dass legalisierte Prostitution die Sex-Industrie unter Kontrolle bringe. Oder in den progressiveren Medien: Prostitution ist Sexarbeit; Menschenhandel ist Migration zum Zweck der Sexarbeit; Prostitution ist eine Dienstleistung, wie jeder andere Dienstleistungsjob; Menschenhandel ist Zwang und Prostitution ist freiwillig.

Ich will also heute einige dieser Behauptungen unter die Lupe nehmen. Aber bevor ich das tue, möchte ich Ihnen ein wenig von meinen eigenen Erfahrungen erzählen. Als Aktivistin bin ich hunderten Frauen in Systemen der Prostitution begegnet, deren Leben davon zerstört wurden. Ich bin Frauen begegnet, die dachten, sie würden aus ihren Heimatländern migrieren um eine vernünftige Arbeitsstelle zu bekommen, nur um dann in der Sex-Industrie zu enden. Ich bin von zuhause weggelaufenen Mädchen in meinem eigenen Land begegnet, die an den Bahnhöfen und Bushaltestellen der Vereinigten Staaten von glattzüngigen Zuhältern angesprochen wurden. Ich bin in Bordellen in Bangladesch und an anderen Orten gewesen, wo ich Mädchen im Alter von neun Jahren sah, die männliche Käufer befriedigen mussten. Und ich habe mit vielen Männern gesprochen, die regelmäßige Prostitutionsnutzer sind, die sich dazu berechtigt fühlen, Frauen und Mädchen zu kaufen, um ihre angeblichen „sexuellen Bedürfnisse“ zu befriedigen.

Und doch, im Laufe meiner öffentlichen Vorträge und meiner Lehre, habe ich durchaus gesehen, dass die Menschen auf die Bösartigkeit der Zuhälter und der Menschenhändler reagieren, und sie sympathisieren mit den Opfern, manchmal. Aber ich denke, dass viele oft gute und wohlmeinende Menschen sehr verwirrt sind, was den Zusammenhang zwischen Menschenhandel und Prostitution angeht, und was es für Folgen hat, das ganze System der Prostitution in einem bestimmten Land zu legalisieren. Denn sie werden mit Gemeinplätzen manipuliert. Mit Gemeinplätzen wie, „Legalisierung wird die Sex-Industrie unter Kontrolle bringen“, „sie wird den Einfluss des organisierten Verbrechens verringern“, „sie wird den Menschenhandel einschränken“, „sie wird die Frauen in der Prostitution schützen, denn sie reguliert das System und unterbindet die ganzen, naja, Exzesse“. Und ich weiß, vielen Leuten wurden diese Gemeinplätze eingegeben und sie sind sehr unsicher über diese Annahmen – ob sie wahr sind, denn sie klingen realistisch – aber sie wissen oft nicht, wie sie antworten sollen. Daher hoffe ich, heute ein wenig mit einigen dieser Gemeinplätze aufräumen zu können.

Als ich in den 1980ern anfing, auf diesem Gebiet zu arbeiten, gab es in der Kampagne, das Sex-Trafficking und die Prostitution abzuschaffen, fast keine NROs und so gut wie keine Regierungen, die die Nachfrageseite ansprachen. Man konnte nie die Männer, die Prostitutionsnutzer, erwähnen. Und es dauerte fast zwanzig Jahre bis ein solider Block von Ländern die Frage der Käufer gesetzlich behandelte, auf sehr bescheidene Weise. Zuerst kam Schweden, dann Südkorea, dann Norwegen, und dann kam Island. Und seit die Gesetze, die die Nachfrage unter Strafe stellen, eingeführt wurden, hat es viele Argumente und Versuche gegeben, die Gesetze wieder abzuschaffen. Zum Beispiel das Gesetz in Norwegen: die konservative Regierung, die gerade gewählt wurde, wurde mit der Plattform, dass sie das Gesetz gegen die Käufer aufheben werde, gewählt. Wir werden also sehen, was dort passiert.

Aber heute möchte ich mich auf einige der Argumente konzentrieren, die im Zusammenhang mit der Bestrafung der Nachfrage verwendet werden, was die Argumente sind und wie einige der Antworten auf sie lauten könnten. Als gelernte Philosophin arbeite ich gerne viel mit Argumenten. Ein großes ist: „Anstatt die Käufer zu bestrafen, sollten Regierungen Prostitutionsnutzer als Partner im Kampf gegen den Menschenhandel und die Prostitution willkommen heißen.“ Wir nennen diese Art Argument, diese Programme, „verantwortungsvolle Freier“ oder „ethische Käufer“.

Ein Beispiel dafür war die Situation zur Fußball-WM in Deutschland 2006. Und viele von Ihnen wissen, dass Deutschland viele Aspekte des Systems der Prostitution entkriminalisiert hat – zum Teil Bordelle, Zuhälterei, etc. Als die Weltmeisterschaft also 2006 in Deutschland stattfand, machten Frauenorganisationen und Menschenrechtsorganisationen eine Kampagne, und die Kampagne hieß sogar „Verantwortungsvolle Freier“ [Anm. d. Übers.: Die Kampagne hieß unseres Wissens „Stoppt Zwangsprostitution!“]. Und was sie taten war, sie warben für eine ethische Version des Sextourismus. Und diese ethische Version des Sextourismus sah so aus, dass sie Schriftmaterial rund ums Stadion verteilten, in das die Männer zum Fußballspiel gingen, in vier Sprachen, und darin wurden die Männer dazu aufgerufen, auf Sex in den Bordellen, die das Stadion umgaben – und es waren in dem Jahr speziell für die WM Bordelle eröffnet worden – zu verzichten, aber nur wenn die Frauen sagten, dass sie hohe Schulden bei den Bordellbetreibern haben, oder dass sie ausgebeutet werden, oder wenn die Frauen den Männern erzählen, dass sie in die Prostitution gezwungen worden sind.

Nun lautet die Frage natürlich, warum sollte erstens eine Frau einem Mann sagen, dass sie in die Prostitution gezwungen worden ist, und zweitens, warum sollte er fragen? Das hier ist ein großes Argument der Pro-Prostitutionslobby: wir können Freier dazu erziehen, sich ethisch zu verhalten. Wir können Freier erziehen, wir können Käufer erziehen, wir können Prostitutionsnutzer erziehen, wir können Straßenstrich-Freier, wie auch immer man sie nennen mag, dazu erziehen, sich ethisch zu verhalten. Also könnte man fragen, naja, haben diese Kampagnen irgendwelche Auswirkungen auf die Käufer?

Es gibt keine Literatur über die WM 2006, die uns sagt, dass die Kampagne erfolgreich war. Aber 2010 führte der Stadtrat von Amsterdam eine Internetstudie durch, eine kleine Studie, die die Ansichten von Männern, die Sex-Seiten im Internet nutzen, untersuchte. Die Umfrage wurde auf Seiten wie World Sex Guide, eine sehr große, globale Sex-Webseite, gestellt, und sie fragten Nutzer – sie fragten Prostitutionsnutzer…nun, eine Frage lautete, „Wenn Sie einer Frau begegnen, von der Sie denken, sie sei zur Prostitution gezwungen worden, unternehmen Sie irgendetwas?“ Und die Antwort lautete durch die Bank „Nein“. Es gab in den Vereinigten Staaten eine weitere Studie von 2000 Männern, in meinem Staat Massachusetts, und die Studie fand heraus, dass das Wissen, dass die Frauen ausgebeutet, gezwungen, von Zuhältern kontrolliert oder Opfer des Menschenhandels waren, bei den Käufern zu keiner Änderung des Verhaltens führte. Sie kauften weiterhin, sie benutzten weiterhin dieselben Frauen, auch wenn sie das auf irgendeine Weise gewusst haben. Auch wenn sie meinten, an den Körpern der Frauen Anzeichen dafür zu sehen, blaue Flecken zum Beispiel.

Wir haben also nicht viele Studien, die zu diesem Thema durchgeführt worden sind – ich finde nicht, dass wir diese Studien brauchen, aber ich denke, sie sind nützlich, wenn es darum geht, darüber zu sprechen, was die Ergebnisse dieser angeblichen „ethischer Käufer“-Kampagnen sind. Die Regierung der Niederlande hat eine Hotline, als Teil des Crime Stoppers-Programms, wo Käufer anrufen und Missbrauch melden können, den sie sehen. Die Hotline wurde noch nie für diesen Zweck benutzt. In Dänemark ist es dasselbe. Also, das ist ein Argument.

Ein weiteres Argument, und dies ist ein in akademischen Kreisen sehr verbreitetes Argument, ist, dass Prostitution ein zu komplexes Thema ist, um die Nachfrage einfach am Verbraucher sexueller Dienstleistungen festzumachen. Ich sage, dass das ein Lieblingsargument in akademischen Kreisen ist, weil es im Grunde genommen die Nachfrage abstrakt macht. Es transformiert reale, lebende Männer in Marktkräfte. Und natürlich gibt es andere Faktoren, die Prostitution und Menschenhandel unterstützen. Natürlich ist es nicht nur die Nachfrage. Nationale und internationale Wirtschaftspolitik. Globalisierung. Länder in der finanziellen oder politischen Krise. Naturkatastrophen, wie auf den Philippinen, wo in der Zentralregion zur Zeit enorm viel Menschenhandel stattfindet. Militärpräsenz, wofür die USA erhebliche Verantwortung tragen. Rassistische Stereotypen und Praktiken. Und natürlich die Ungleichheit der Frau. Aber wie Sie wissen, würde ein Prostitutionsmarkt ohne Nachfrage pleitegehen. Und so gibt es in der meisten akademischen Literatur über Prostitution konstant Versuche, zumindest in einem Großteil der Literatur in der Frauenforschung, mit der ich vertraut bin, nicht über die Nachfrage zu sprechen, als handele es sich dabei um reale, lebende Männer, die Zugang zu den Körpern von echten Frauen haben. Und diese Debatten gibt es ständig.

Ein weiteres Argument ist, dass die Bestrafung der Nachfrage die Frauen in den Untergrund treibt. Und ich denke, das ist bisher in vielen Kreisen ein besonders starkes Argument gewesen weil die Leute denken, „Naja, schon, wenn man die Männer kriminalisiert, dann haben sie Angst davor, sich den Frauen auf der Straße zu nähern, oder so.“ Aber dann muss man fragen, was ist „der Untergrund“? Dies wurde übrigens als ein großes Argument in Schweden verwendet. Also, was „Untergrund“ normalerweise bedeutet, ist, dass die Prostitution nach innen oder ins Internet verlagert wurde, und das ist beides wohl kaum im Untergrund oder im Verborgenen und somit unerreichbar. Ich meine, sowohl die Käufer als auch die Polizei haben Zugang dazu. Und Werbung im Internet ist sehr sichtbar. Tatsächlich könnte man argumentieren, dass die Prostitution dort sichtbarer ist als anderswo. Und der Bericht der schwedischen Regierung von 2010, der das Gesetz in Schweden bewertete, kam zu dem Schluss, dass das Internet es der Polizei erleichtert, die Menschen zu erreichen, die das Sex-Gewerbe organisieren, und die Sex-Käufer und die Opfer zu finden. Es gibt keine Beweise die darauf hindeuten, dass Gesetze, die Käufer bestrafen, so wie das schwedische Gesetz, das Nordische Modell, dazu geführt haben, dass die Prostitution an einen anderen Ort migriert. Die Prostitution ist immer dabei, zu migrieren. Und schwedische Organisationen behaupten zum Beispiel, dass die Auswertung von Opferaussagen auf keine Zunahme der „Indoor“-Prostitution in Schweden seit der Einführung des Gesetzes und seit der drastischen Verringerung der Straßenprostitution schließen lässt. Es hat eine immense Abnahme der Straßenprostitution gegeben, und so verwenden die Pro-Prostitutions-Leute dieses Argument ständig und sagen, „Naja, es hat sich einfach alles nach innen verlagert.“

Aber es gibt einen offensichtlichen Widerspruch in dieser Behauptung, so wie sie von Kritikern verwendet wird – wenn sie gegen das Nordische Modell sind, dann verwenden sie das Argument um zu behaupten, es habe prostituierte Frauen in verborgenere und gefährlichere „Indoor“-Lokalitäten getrieben. Meistens sind diejenigen, die das Argument verwenden, alteingesessene Gegner des Gesetzes. Aber wenn dieselben Gruppen für die Legalisierung oder Entkriminalisierung werben, dann argumentieren sie, dass die Indoor-Prostitution sicherer für Frauen sei. Beides geht nicht: entweder ist es gefährlicher oder sicherer. Und natürlich ist ihre Absicht im ersten Fall, Gesetze zur Bestrafung der Käufer zu diskreditieren.

Ich denke, dieses Argument ist auch sehr beliebt: „Die Käufer zu bestrafen zwingt Frauen in der Prostitution dazu, größere Risiken einzugehen.“ Das hört sich ungefähr so an: sie sagen, dass Frauen auf der Straße früher die Käufer einschätzen konnten und dass sie mehr Zeit hatten, bevor sie in ein Auto springen mussten, um zu sehen ob in dem Auto potentielle Gefahr droht bevor sie in die Transaktion einwilligen. Aber ich liebe Trisha Bapties Antwort darauf – eine kanadische Journalistin und Prostitutionsüberlebende, die viele von Ihnen kennen – sie sagt, und ich zitiere, „Ich hatte fünf Minuten, ich hatte zwei Minuten, ich hatte zehn Minuten. Es machte keinen Unterschied. Der Zufall entscheidet. Es gab keine wirkliche Möglichkeit für uns, zu wissen, wer ein gutes Date sein würde und wer ein schlechtes.“ Und ich denke, was die Menschen nicht wissen, ist dass das Potential für Frauen in den legalen Bordellen, in den Niederlanden, in Deutschland, in Australien und den anderen legalisierten Ländern, das Potential, missbraucht und verletzt zu werden, ist für diese Frauen viel größer als für prostituierte Frauen in den Ländern, in denen es Gesetze dagegen gibt, Frauen für sexuelle Aktivitäten zu kaufen. Das ist ein Grund warum zum Beispiel Pro-Sexarbeit-Gruppen in den legalisierenden Ländern jetzt Selbsthilfe-Handbücher schreiben, die Frauen in den legalen Bordellen zeigen, wie man gewalttätige Übergriffe von Käufern abwehrt, wie man spezielle Ausrüstung gegen die Käufer einsetzt, wie man nie ein Kissen auf dem Bett verwendet wenn man nicht erstickt werden will, wie man zur Sicherheit ein Messer unterm Bett versteckt. Lesen Sie sie. Sie sind im Internet zu finden. Selbsthilfe-Handbücher. Sie ähneln, wie eine Freundin von mir sagt, Krisenmanagement in Geiselsituationen. Handbücher, die Krisenmanagement in Geiselsituationen ähneln. Also, ich meine, man kann das Risiko nicht aus der Prostitution nehmen, und die Käufer sind ein großer Teil dieses Risikos. Die Handbücher sind ein indirektes Zeugnis des realen Risikos, dem Frauen ausgesetzt sind – ob sie in Ländern leben, die Prostitution tolerieren oder in Ländern, die sagen, Prostitution sei angeblich sicherer für Frauen. Das ist sie nicht.

Ein Drittel der Fensterbordelle in den Niederlanden mussten geschlossen werden, weil das organisierte Verbrechen diese Bordelle übernommen hatte. Ich spreche von den legalen Bordellen, von den illegalen Bordellen ganz zu schweigen. Und in Australien hat die Situation der legalisierten Prostitution zu einem drastischen Anstieg der illegalen Prostitution geführt, sodass es heute im Staat Victoria dreimal so viele illegale wie legale Bordelle gibt. Also, so viel zum Argument, legalisierte Prostitution würde Frauen schützen. Die großen „Toleranz-Zonen“ – anfänglich hatten die Niederlande als Teil ihres Systems „Toleranz-Zonen“, wir nennen sie „geopferte Zonen“ [engl. „sacrifice zones“], in den Großstädten wie Amsterdam und Rotterdam und Eindhoven. Diese Zonen mussten alle geschlossen werden, fast gleich nach ihrer Eröffnung, innerhalb von ein paar Jahren. Das waren Zonen mit Polizeiüberwachung. Das waren Zonen, in die die Kunden in diese garagenartigen Apparate reinfuhren –Sex-Zonen. Sie fahren ihre Autos in diese Zonen, und die Frauen bedienen die Männer in den Autos, und die Polizei fährt in der Zwischenzeit um die Zone herum, und dennoch wurden die Zonen vom organisierten Verbrechen übernommen. Und das ist der Grund, warum sie geschlossen wurden. Ein weiterer Grund, warum sie geschlossen wurden, war auch, dass viele der Frauen in den Autos missbraucht wurden, direkt unter der Nase der Polizei. Also, das Gefahrenpotential an vielen von diesen Orten, und vor allem in den legalen Bordellen, ist sehr, sehr hoch.

Dann gibt es das Argument, dass die Frauen in der Prostitution nicht wollten, dass die Käufer bestraft werde. Nun, das Argument, dass Frauen in der Prostitution nicht wollen, dass man die Käufer bestraft, hängt davon ab, welche Gruppe von Frauen in der Prostitution Sie fragen. Jene, die sich als „Sexarbeiterinnen“ definieren oder jene, die sich als Überlebende definieren. Und ich denke, dass wir viel mehr darüber sprechen müssen, dass zwei sich widersprechende Stimmen für Frauen in der Prostitution sprechen, und beide beanspruchen die Autorität der Erfahrung für sich. Eine Stimme –Überlebende – sagt uns, dass Prostitution eine Verletzung der Menschenrechte der Frau ist, und eine Form von Gewalt gegen Frauen. Sie sagt, dass die Verteidigung der Rechte der Frauen in der Prostitution es verlangt, die Täter, einschließlich der Käufer, strafrechtlich zu verfolgen, und den Opfern Unterstützung zukommen zu lassen. Und das bedeutet nicht einfach, Frauen „Safe Sex“-Alternativen zu geben, es bedeutet, ihnen Lebens-Alternativen zu geben. Und die zweite Stimme – Sexarbeiterinnen und ihre Verbündeten – ist oft lauter. Sie lässt Prostitution sexy erscheinen, sie hat oft eine größere Medienpräsenz, und sie scheint zumindest mehr finanzielle Unterstützung zu genießen. Diese Gruppen bekommen in den USA viel mehr finanzielle Unterstützung als abolitionistische Organisationen.

Nur als ein Beispiel dafür, es gab in den Vereinigten Staaten viele Jahre lang eine Gruppe namens COYOTE, von der Sie wahrscheinlich gehört haben. Und COYOTE war die einflussreichste Gruppe, die behauptete, für Frauen in der Prostitution zu sprechen. Nun, COYOTE war von vorne bis hinten eine PR-Gruppe. Sie bot keine Dienstleistungen an, sie bot nicht mal irgendeine Art Tee oder Kaffee an, oder Vans auf der Straße, nichts. Stattdessen ließ sie Prostitution sexy erscheinen und war immer attraktiv für die Medien. Und jahrelang waren sie die Stimme von Frauen in der Prostitution. COYOTE machten Lobby für Gesetze gegen Zuhälterei, sie machten Lobby für die Pornografie-Industrie, sie gingen für die Pornografen vor Gericht. Als wir über COYOTE nachforschten, fanden wir heraus, dass sie nicht von Frauen gegründet wurden, die jemals in der Prostitution waren, was sie aber behaupteten. Und letztendlich wurden sie zur Rede gestellt und mussten das zugeben. Ich denke also, was wir anfangen müssen zu tun – wenn ich wir sage, dann meine ich Verbündete, Organisationen wie meine eigene, die auf diesem Gebiet arbeiten, und allgemein uns alle – wir müssen wirklich in der Lage sein, die Stimmen von Überlebenden zu verstärken, denn sie sind die Stimme der Erfahrung und sie sind Frauen, die wissen, wovon sie sprechen. Aber sie lassen Prostitution nicht sexy erscheinen, und sie sind nicht attraktiv für die Medien.

Wir haben schon versucht, das zu tun. Vor vielen Jahren organisierten wir eine Konferenz von Frauen, die in der Prostitution gewesen waren, im Europaparlament. Einige von Ihnen haben vielleicht dieses Dokument gesehen. Es ist auf der Webseite meiner Organisation, es heißt  „A Manifesto of Survivors of Prostitution“. Es baut auf einer ähnlichen Erklärung auf, die in den Philippinen von 75 Frauen in der Prostitution verfasst wurde. Das Manifest besagt, dass Prostitution nicht „Sexarbeit“ ist, dass Menschenhandel nicht „Migration zum Zweck der Sexarbeit“ ist, es rief Regierungen dazu auf, mit der Legalisierung und Entkriminalisierung der Sex-Industrie aufzuhören und nicht länger Zuhältern und Käufern die gesetzliche Erlaubnis zu geben, Frauen in der Prostitution zu missbrauchen. Und seitdem hat es viele Blogs, Webseiten, gegeben, und ich weiß, dass in Kanada eine Gruppe von Überlebenden in der Bedford-Entscheidung ausgesagt hat, zusammen mit anderen Überlebendengruppen und kanadischen Gruppen. Aber ich denke, dass dies etwas ist, auf das wir wirklich bedacht sein müssen, denn die Verbreitung der „bekennenden Sexarbeiterinnen“, die sich nicht nur also solche– es gibt viele Frauen, die diese Terminologie verwenden, und das ist nicht das was ich hier kritisiere, sondern ich kritisiere eigentlich Frauen, die als Lockvögel für die Sex-Industrie arbeiten. Und das gibt es sehr häufig. Und ich denke, wir müssen wirklich anfangen, ernsthaft darüber zu sprechen. Und eine der Arten, wie wir das tun können, ist, indem wir die Stimmen von Überlebenden verstärken, in Foren wie diesem.

Ein letztes Argument, über das ich sprechen werde, ist, dass die Nachfrage unter Strafe zu stellen den Frauen der Käufer, ihren Kindern und Partnern schadet. Besonders wenn es öffentlich gemacht wird, dass sie festgenommen oder angezeigt wurden. Also, in anderen Worten, „Bestraft nicht die Käufer weil ihre Familien vielleicht darunter leiden.“ Da stellt sich die Frage, wie schützt es denn Frauen und Partner, wenn man die Käufer vor der Aufdeckung schützt? Ich meine, es sagt einem der gesunde Menschenverstand, dass Frauen das Recht haben, zu wissen, was ihre männlichen Sexpartner tun, einschließlich des Wissens über einen möglichen Kontakt mit einer sexuell übertragbaren Krankheit.

Also, ich denke, die Argumente gegen eine Bestrafung der Nachfrage halten wirklich keiner genaueren Betrachtung stand, und es ist wirklich ein Paradoxon, dass jegliche Maßnahme zur Einschränkung der Männer immer ein Argument der Pro-Sexarbeit-Lobby nach sich zieht, das besagt, jegliche Sanktion gegen die Männer würde Frauen schaden.

Ich möchte noch ein paar Dinge über das südkoreanische Modell sagen, denn ich denke, dass wir auf diesem Gebiet der Gesetzgebung immer westliche Modelle als Beispiele nehmen. Und ich denke, viele von Ihnen haben vom Nordischen Modell gehört, aber Sie haben vielleicht noch nicht vom Südkoreanischen Modell gehört. In der Republik Südkorea wurde 2004 ein Nulltoleranz-Gesetz verabschiedet – so hieß es auch – das unter anderem auf die Nachfrage nach der Prostitution abzielte. Es sah auch zusätzliche Mittel für Frauen in der Prostitution vor. Als ich mich mit Hilfsorganisationen in Korea traf, sagten sie mir, dass das Beste an dem Gesetz die Verringerung der Zahl der Frauen in der Prostitution um 56 Prozent sei, die aus einem Bericht mehrere Jahre nach der Einführung des Gesetzes hervorging. Das war eine Regierungsstudie. Das Ministerium für Gleichstellung der Geschlechter hat diese Studie in Korea durchgeführt. Also, ein Rückgang der Frauen in der Prostitution um 56 Prozent, und dass die Zahl der Sex-Bezirke auch um etwa 40 Prozent reduziert war. Was führte zu der Abnahme der Zahl der Frauen in der Prostitution? Das Hilfspaket, das maßgeblich von der Regierung finanziert wurde, beinhaltete Beratung, berufliche Neuausbildung, medizinische Versorgung, ein monatliches Stipendium und rechtliche Unterstützung. Und um dafür in Frage zu kommen, mussten die Frauen auf irgendeine Art beweisen, durch die Hilfsorganisationen, die das bestätigten, dass ihnen Leid zugefügt worden war oder dass sie an einer Sucht oder anderen Behinderungen litten, oder dass sie minderjährig waren. Tausende Frauen nahmen diese Unterstützung in Anspruch und stiegen daraufhin aus der Prostitution aus. Allerdings ist der Rückgang auch darauf zurückzuführen, dass das Gesetz gegen den Kauf von sexuellen Aktivitäten auch durchgesetzt wurde. Prostitutionsnutzer in Südkorea konnten eine Gefängnisstrafe von bis zu einem Jahr oder Geldstrafen bis zu 3 Millionen Won bekommen, was etwa 2800 kanadischen Dollar entspricht [ca. 2030 EUR]. Im Jahr 2006 führte das koreanische Ministerium für Gleichstellung der Geschlechter eine Umfrage unter Männern, die laut eigener Aussage Prostitutionsnutzer waren, durch und berichtete, dass sie offensichtlich aufgrund des Inkrafttretens des Gesetzes damit aufgehört hatten. Aber noch wichtiger als das ist, was die koreanischen Frauengruppen mir sagten, und ich zitiere, „Überlebende der Prostitution sagen, es sei wie ein Wunder, dass sie der Prostitution durch ein schützendes gesetzliches System entkommen können. Die Erfahrung, dass jene, die immer glaubten, außerhalb des Gesetzes zu leben, unter dem Schutz des Gesetzes stehen und dass die Vermittler, die immer über dem Gesetz zu stehen schienen, bestraft werden können, stärkt die Frauen wahrhaft.“ Die Frauen sagten ihnen also, dass das Gesetz sie befähigt und stärkt, und dass die Männer, die sie missbraucht haben, endlich dafür zur Rechenschaft gezogen werden können.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass, wie einige von Ihnen wissen, die Regierungen sowohl Frankreichs als auch Irlands nach ausgiebigen legislativen Untersuchungen Gesetzesvorschläge gegen die Käufer vorgelegt haben. Und nächste Woche wird die französische Nationalversammlung über ein abolitionistisches Gesetz abstimmen, dass den Kauf sexueller Akte verbietet, die Kriminalisierung der Prostituierten beendet – das Sarkozy-Gesetz, das passives Werben kriminalisiert – Ausstiegsstrategien mit einem speziellen Etat sowie lokaler Maßnahmen implementiert, Opfern der Prostitution und des Menschenhandels Entschädigung bietet und nationale Aufklärungskampagnen und Präventionsmaßnahmen einrichtet. Dieses Gesetz wurde von der Linken vorgelegt – sie können nicht sagen, dies sei ein religiöses, konservatives, moralistisches Gesetz – von den sozialistischen und kommunistischen Gruppen in der Nationalversammlung, mit der Zustimmung der meisten großen politischen Parteien. Wir hoffen also, dass das Gesetz verabschiedet wird, und dass dies die Gesetze gegen Käufer, die bisher in Europa nur in den skandinavischen Ländern existieren, auf den Kontinent bringt. Ich behaupte nicht, dass Gesetze zur Bestrafung der Käufer perfekt sind, und ich behaupte auch nicht, dass Gesetze die einzige Antwort sind. Aber Gesetz ist definitiv mehr als nur Gesetz: es ist ein Zeichen dafür, was ein Land davon hält, was mit Frauen geschieht. Es ist ein Zeichen dafür, dass in diesem Land der Kauf und Verkauf von Frauen nicht toleriert wird. Und es hat definitiv eine sehr starke normative Funktion. Und ich denke, es demonstriert, dass Prostitution nicht unvermeidbar ist, und es zieht die Nutzer gesetzlich zur Rechenschaft. Diese Gesetze sind sehr bescheiden. Sie stufen es sicherlich nicht als Verbrechen ein. In den meisten Ländern handelt es sich nicht einmal um ein Vergehen. Sie sind sehr bescheiden, aber sie sagen doch, dass wir in diesem Land nicht zusehen werden, wie Frauen und Kinder gekauft werden.

Vielen Dank.”

 

Mia de Faoite vor dem nordirischen Parlament zum Gesetzesvorschlag zur Freierbestrafung (Niederschrift)

Übersetzt aus dem Englischen

Veröffentlicht im Original von der nordirischen Regierung auf niassembly.gov.uk

Es handelt sich um die Niederschrift der Anhörung von Mia de Faoite zum Gesetzesvorschlag Lord Morrows zur Kriminalisierung von Prostitutionskunden vor dem Justizausschuss des nordirischen Parlaments am 6.2.2014.

Offizieller Bericht (Hansard)

Committee for Justice

Anwesende Mitglieder

Zeuginnen und Zeugen

Frau Mia de Faoite

Gesetzesvorschlag Menschenhandel und Ausbeutung (weitere Maßnahmen und Unterstützung für Opfer): Mia de Faoite

Der Vorsitzende: Ich heiße Frau Mia de Faoite willkommen. Ich werde Ihnen, Mia, erlauben, meine Aussprache zu verbessern, wenn Sie an den Tisch kommen. Diese Sitzung wird aufgezeichnet und zu gegebener Zeit veröffentlicht. Ich werde an Sie übergeben um einige einleitende Worte zu sprechen, woraufhin die Mitglieder sicherlich Fragen haben werden. Wir wissen zu schätzen, dass Sie die Zeit gefunden haben, heute mit uns zu sprechen.

Frau Mia de Faoite: Danke für diese Gelegenheit. Mein Name ist Mia de Faoite, und ich bin Überlebende der Prostitution und Drogensucht. Ich bin Aktivistin sowohl als Einzelperson als auch als eine von vielen Partnerinnen der Turn Off The Red Light Kampagne. Ich habe öffentlich über das Thema referiert und habe die verschiedenen Kanäle der Medien genutzt, um auf die Schäden und Gefahren, die der Prostitution innewohnen, aufmerksam zu machen, und auf die Gründe, warum die Empfehlungen unseres eigenen Justizausschusses nun umgesetzt werden müssen. Ich bin in meinem zweiten Jahr an der National University of Ireland in Maynooth, wo ich Philosophie und Soziologie studiere. Ich bin auch die Mutter einer Tochter, und ich habe zwei wundervolle Enkelinnen, die ich sehr liebe.

Meine Entscheidung, in die Prostitution einzutreten, schien mir zu der damaligen Zeit eine sehr vernünftige. Ich hatte im Alter von 33 Jahren ein Heroinproblem entwickelt, nachdem ich noch nie eine Droge zu mir genommen hatte, und meine Partnerin hatte ein noch größeres Drogenproblem. Mein Geld war weg und Verbrechen war keine Option, aber ich wusste dass ich eine wertvolle Ware hatte weil ich einen weiblichen Körper hatte, den ich verkaufen konnte. Es sollte nicht lange andauern; nur bis sie und ich hatten, was wir brauchten. Allerdings traf ich diese Entscheidung, während ich von einer bewusstseinsverändernden Droge abhängig war, und man trifft keine guten Entscheidungen, während man in der Sucht feststeckt. Ich trat in ein Paradoxon ein, aus dem sehr wenige Frauen entkommen. Ich bin eine der wenigen Glücklichen.

Das Leben auf der Straße ist komplex. Wir führten schwierige, komplexe Leben, und ich wäre nie in der Lage, sie in dieser kurzen Zeit zu erklären. Aber es gibt zwei Dinge, die ich heute gerne ansprechen würde. Die erste Sache ist Vergewaltigung. Vergewaltigung wird ein Teil der Arbeit, so sehr, dass wir nicht wirklich das Wort „Vergewaltigung“ verwenden; wir haben nicht die Erlaubnis dazu. Wir weisen vielleicht darauf hin, aber es wird ignoriert und das Thema wird gewechselt. Viele Menschen stumpfen gegenüber den Schmerzen Anderer ab, denn wenn man den Schmerz Anderer anerkennt, dann muss man vielleicht auch den eigenen anerkennen. Wir haben keinen Ort für diesen Schmerz, keinen Ort an dem wir mit ihm umgehen können, und so begraben manche Menschen ihn, und manche benutzen Drogen, um ihn zu vergessen, und manche spalten ihn ab. Leider akzeptieren manche ihn als Alltag.

Jede prostituierte Frau hat einen Lebenslauf der Vergewaltigung oder der sexuellen Übergriffe, und hier ist meiner. Es war Dezember, es war eiskalt und wir waren mehr als sonst draußen, da es kurz vor Weihnachten war. Ich bekam einen Job angeboten mit einer Freundin von mir namens Jenny, und es war für eine Weihnachtsfeier. Sie sagte, es würden nur ein paar Männer dort sein, sie kannte einen von ihnen gut und uns würde nichts passieren. Ich war ein wenig naiv, da ich erst seit fünf Monaten auf der Burlington Road war, und der Gedanke, eine große Geldsumme auf einmal zu bekommen, verhieß, dass ich bis nach Weihnachten nicht mehr raus müssen würde, also ging ich hin.

Es stellte sich heraus, dass dort insgesamt acht Männer waren. Nun war ich nervös, aber wir vereinbarten die Bedingungen – was erlaubt war und was nicht etc. –, man bezahlte uns die volle Summe und wir fingen an. Alkohol und Kokain wurden angeboten. Ich nahm Kokain, aber ich trank keinen Alkohol, also können sie sich vorstellen, was los war. Nicht alle Männer wollten etwas von uns, und ich fühlte mich schon in gewisser Weise, als hätte ich die Kontrolle, aber mir war bewusst, dass Jenny dabei war, betrunken zu werden, genau wie die Männer, die laut wurden. Als die Zeit um war, wurden wir eine Minute lang allein gelassen. Ich sammelte meine Sachen ein und sagte Jenny, sie solle sich fertig machen um zu gehen.

Ich ging in das andere Zimmer und sagte, „Okay Jungs, wir gehen jetzt, danke“ oder etwas in der Richtung. Ich konnte spüren, dass etwas in der Atmosphäre sich geändert hatte, und die Haare an meinem Nacken stellten sich langsam auf. Einer der Männer sagte, „Du gehst nirgends hin; wir sind nicht fertig“. Ich versuchte, ihm Vernunft einzureden indem ich sagte, „Komm schon, fair ist fair“, aber ich sah zur Tür und rüber ins Schlafzimmer, wo Jenny immer noch nicht fertig war. Ich konnte nicht einfach wegrennen und sie zurücklassen. Daraufhin wurde an meinen Haaren gezogen und ich wurde aufs Sofa geschubst. Dann fing es an.

Ich wurde zurück ins Schlafzimmer geschleift, wo Jenny und ich einem unvorstellbaren Grauen ausgesetzt wurden. Wir wurden vergewaltigt, hauptsächlich anal und oral. Wir waren wie Flickenpuppen – nicht einmal das. Wir waren einfach nur Gegenstände, die man herumreicht. Meine Haut kribbelte und mein Inneres fühlte sich so an, als würde es mir im Hals hochkommen. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht. Ich sah Jenny an, aber ich konnte sie nicht beschützen. Sie war viel jünger als ich, viel dünner und schwächer. Ich sah direkt in die Augen des Mannes, der auf mir war. Ich dachte, „Kannst du mich nicht sehen? Kannst du nicht meine Tränen sehen?“. Ich werde nie die Augen vergessen, die auf mich zurückblickten, denn sie waren leer. Er sah direkt durch mich hindurch. Sie versuchten, Gegenstände in uns einzuführen. Jenny wurde auf einem Stuhl positioniert. Es tut mir Leid, aber ich kann nicht von dem sprechen, was als nächstes geschah, aber irgendwann endete es und sie gingen. Zum Glück nahmen sie nicht das Geld zurück, sodass wir von dort weg konnten. Ich hob Jenny auf, zog sie halbwegs an, und wir gingen. Ich verließ dieses Gebäude mit meinem Körper und meinem Gesicht voller blauer Flecken, nach Urin riechend und aus dem Rektum blutend.

Verstehen Sie jetzt, wie ich die Freiwilligkeit nicht mehr sehen konnte? Ich habe die Welt seit jener Nacht nicht mit denselben Augen gesehen. Was Jenny angeht – sie ist gestorben. Ihr Drogenkonsum geriet außer Kontrolle, und sie starb ungefähr drei Monate später allein an einer Überdosis. Es war vielleicht das Heroin in ihrem Arm an dem Tag an dem sie starb, aber ich weiß, was sie wirklich getötet hat. Heute bin ich auch ihre Stimme.

Meine nächste Vergewaltigung war etwa ein Jahr später durch einen einzelnen Täter in der Nähe der Burlington Road. Die nächste – ich bin nicht sicher, ob ich es Vergewaltigung nennen kann – geschah in derselben Nacht. Ich saß nach dem Übergriff auf dem Boden auf der Straße. Er hatte mir mein Geld und mein Telefon genommen, und ich saß, desorientiert und allein, mit schmerzendem Körper und mühsam funktionierenden Geist. Ein Stammkunde von mir hielt an, stieg aus seinem Auto, hob mich auf und bot mir an, mich nach Hause zu fahren. Ich erzählte ihm, was passiert war, und er hielt an und kaufte mir einen Kaffee. Aber kurz bevor wir bei mir zu Hause ankamen, fuhr er an den Straßenrand und erinnerte mich, dass ich kein Geld hatte, um ihn zu bezahlen – er war ein Taxifahrer – aber dass ich ihn ranlassen könnte. Ich habe nicht einmal protestiert; ich habe mich einfach zurückgelehnt und ihn gelassen. Wie nennt man es, wenn jemand Sex mit einer Frau hat, von der er weiß, dass sie circa eine Stunde zuvor vergewaltigt wurde?

Meine letzte Vergewaltigung war durch zwei junge Männer, die high auf Kokain waren. Einer sah zu während der andere es tat, aber in meinen Augen war er genauso schuldig. Ich habe unzählige Erfahrungen der Erniedrigung – man hat auf mich uriniert etc. – und der oralen Vergewaltigung. Tatsächlich habe ich keinen Würgereflex; die hintere Halsmuskulatur gewöhnt sich daran, entspannt zu bleiben, weil sie es muss.

Ich habe keinerlei Verständnis für Käufer, da sie mit den Psychen und Körpern einiger der am meisten geschädigten Frauen herumgepfuscht haben, mit denen ich wohl jemals in Berührung kommen werde, und diese Frauen waren meine Freundinnen. Sie lagen mir am Herzen, und ich vermisse sie. Gleichzeitig ist Rache aber nicht mein Ziel, oder etwas das ich verfolge oder mir wünsche. Ich habe mich schon vor langer Zeit damit abgefunden, dass meine Vergewaltiger und Missbraucher niemals zur Rechenschaft gezogen werden. Das ist sogar etwas, das man tun muss, um die Prostitution zu überleben.

Manche Menschen haben Schwierigkeiten mit Absatz 6 weil, so glaube ich, sie denken, dass die Männer die menschliche Wesen für Sex kaufen, größtenteils gute Bürger sind, in der Hinsicht, dass sie ihre Steuern zahlen, sie zahlen ihre Miete, sie kaufen Eigenheime mit ihren Partnerinnen, sie haben zwei bis vier Kinder, und sie setzen überall ein Häkchen, wo die Gesellschaft es als richtig ansieht, und so erlauben wir ihnen diese kleine Schwäche. Wie erlauben wir sie? Durch unser Schweigen und indem wir es legal lassen. Die Männer, die mich und all die anderen Frauen kauften, die Männer, die diese kranke Industrie nähren, sind jeden Tag unter Ihnen. Sie sind Väter, Ehemänner, Kollegen, etc. Wir wollen nicht eingestehen, dass ein guter Bürger sich wie ein schlechter Mensch benehmen kann. Ich verstehe diese Angst. Wir hassen es, die schöne gesellschaftliche Ordnung durcheinander zu bringen, aber auf wessen Kosten?

Ich dagegen würde als schlechte Bürgerin gesehen. Ich hatte keinen Job, ich habe Unterstützung vom Staat erhalten, ich war eine Heroinsüchtige, und, am schlimmsten von allem, ich stand an einer öffentlichen Straße und habe meine Ware feilgeboten, habe diese guten Bürger zu mir gelockt als hätten sie keine Wahl. Aber ich bin ein guter Mensch; das war ich schon immer. Das ist das Gleichgewicht, das Sie finden müssen: zwischen dem guten Bürger und dem guten Menschen, und wer von uns zuerst kommt, wenn es um Schutz geht.

Die Leute fragen mich, wie viele Männer. Vier bis fünf Täter kauften mich an zwei bis drei Nächten die Woche, mindestens 45 Wochen im Jahr, für fast 6 Jahre. Das ist eine Gleichung, die ich niemals ausrechnen werde. Ich war keine Sexarbeiterin; ich war ein gefangener Geist, der in einem Körper lebte, der nicht länger mir gehörte. Ich war ein entfremdetes, drogensüchtiges, wandelndes Vergewaltigungsopfer. Das waren wir alle. Wie unsere gefangenen Psychen damit klarkamen hing von einer großen Bandbreite von Faktoren ab, die zu komplex sind, um sie hier kurz zu erklären. Prostitution ist wie „Inception“, und es bringt die Psyche durcheinander.

Ich kannte Frauen, die ihren echten Namen verwendeten und ihre Haltung verteidigten. Für mich war das erschreckend, denn es bedeutete, dass sie jede realistische Hoffnung, dass sich das hier ändern könnte, verloren hatten und angefangen hatten, in ihrer eigenen Ausbeutung Wert zu sehen. Es war zufriedene Akzeptanz, auch von der meisterhaften Manipulation der Käufer angetrieben. Ich war der Ansicht, dass es einen grundlegenden Unterschied gibt zwischen der Verteidigung dessen, dass man etwas wird, und der Verteidigung dessen, was aus einem geworden ist, und weise Forscherinnen und Forscher verstehen dieses Konzept. Wir lernen Fähigkeiten um zu überleben, wir benutzen Lachen als Bewältigungsstrategie, und wir vertrauen einander, denn wir wissen, wie die Welt über uns denkt. Diese Botschaften kommen laut und deutlich an, und es gibt keine Botschaften, die uns sagen, dass man uns jemals willkommen heißen würde, wenn wir zurückkämen. Wir sind zu der schlimmsten Beleidigung geworden, die eine Frau zu einer Frau sagen kann oder mit der ein Mann eine Frau bedenken kann. Wir unterschreiben einen gesellschaftlichen Vertrag, der die höchsten Kosten mit sich bringt, denn das Kleingedruckte dieses Vertrags, die Geschäftsbedingungen, sind hart, verstörend und nicht zu rechtfertigen. Es scheint den Meisten, als würden wir frei auf der Straße stehen, und doch sind überall Ketten.

Prostitution und Menschenhandel in die Prostitution sind untrennbar miteinander verbunden: das eine gibt es, weil es das andere gibt. Die letzten 18 Monate auf der Burlington Road stand ich neben einer gehandelten Frau. Sie wurde zu meiner engsten Freundin, und ich habe noch nie ein so gebrochenes menschliches Wesen gesehen. Die Bedingungen, in denen sie lebte, waren unmenschlich und obwohl wir auf unterschiedliche Weise am selben Ort angekommen waren, waren wir miteinander verbunden weil wir von denselben Tätern gekauft, benutzt, ausgebeutet, erniedrigt und vergewaltigt wurden. Eines Nachts wurde ich gekauft, und ein paar Nächte später kaufte derselbe Mann sie. An ein paar Gelegenheiten wurden wir zusammen gekauft. Diese Verbindung kann niemals gebrochen werden, von niemandem, in keinem Land.

Es gibt solche, die argumentieren, dass Menschen ein Recht darauf haben, mit ihrem Körper zu tun, was sie wollen. Allerdings sehe ich das nicht als ein absolutes Recht. Wenn das, was man mit seinem Körper tut, eine Industrie fördert und unterstützt, die in ihrer schlimmsten Ausprägung in der Vergewaltigung und Sodomisierung von Kindern resultiert, dann ist es viel eher ein begrenztes Recht. Woran ich glaube ist ein absolutes Recht, wie es in Artikel 4 der Menschenrechtserklärung steht, dass Sklaverei in all ihren Formen verboten werden muss. Wir müssen uns immer daran erinnern, dass die Freiheit einiger weniger nicht vor der Freiheit vieler kommen darf. Jedes Mal, als dies im Lauf der Geschichte passierte, wurde die Menschenwürde abgebaut und Freiheit ging verloren.

Ich habe das, was man in Schweden vor 15 Jahren gemacht hat, nie als Modell beschrieben. Sie haben ein bemerkenswertes Beispiel gesetzt, dem Europa nun folgen muss. Wie wir wissen, haben drei Länder das bereits getan. Es ist für mich nicht überraschend, dass Schweden das Land war, das mit diesem Beispiel vorangegangen ist, denn als die Gesellschaft, die auf dieser Welt der Gleichberechtigung am nächsten kommt, ist es das einzige Land, in dem das Zurückgewinnen der Menschenwürde seinen Anfang nehmen konnte. Schweden hat die Menschenwürde an die oberste Stelle gesetzt. Sie haben das Konzept der Menschenwürde vollständig verstanden, denn es handelt sich dabei um den Wert und den Respekt, den wir einander als menschliche Wesen beimessen. Was passiert, wenn für uns die Menschenwürde an oberster Stelle steht, ist, wie Schweden zweifellos gezeigt hat, dass das Gute triumphiert, und in Ländern wo sie an letzter Stelle steht, gedeiht das Böse, wie mehr als ersichtlich ist in den Ländern, in denen die Prostitution entkriminalisiert oder legalisiert ist und toleriert wird. Das Böse ist sowohl der Menschenhandel als auch das, wohin gefährdete Frauen und Kinder gehandelt werden: die Prostitution. Dort kommen sie zu den süchtigen, entfremdeten und geschädigten Frauen wir mir, die auch feststecken, aber auf eine andere Art, um die Bedürfnisse einer bestimmten Gruppe von Männern zu befriedigen.

Arendt kam zu dem Schluss, dass das meiste Böse in der Welt von Niemanden verübt wird, und ich stimme ihr zu. Außerdem bin ich der Überzeugung, dass es nun an der Zeit ist, die Niemande zur Rechenschaft zu ziehen, für die grausame Industrie und den Sklavenhandel, den sie willentlich fördern und erhalten. Tatsächlich existieren sie nur aufgrund von ihnen.

Ich wiederhole, Schweden hat nichts radikales oder kontroverses getan; sie haben das Richtige getan, im Namen der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Gleichheit. Jetzt ist unsere Insel an der Reihe. Wir haben eine außergewöhnliche Chance, einen gesellschaftlichen Wandel für das Allgemeinwohl zu bewirken, eine Gelegenheit, die wir nicht an uns vorbeiziehen lassen dürfen.

Sehr verehrte Ausschussmitglieder, ich habe zwei wunderschöne Enkelinnen, und ich will, dass sie in einem Land, auf einer Insel und in einem Europa aufwachsen können, in denen die Körper, in die sie hineingeboren wurden, respektiert werden und zu keiner Zeit zum Verkauf stehen wie der ihrer geliebten Großmutter. Das ist mein Wunsch für jedes kleine Mädchen. Die eine Sache, die mich fast sechs Jahre der sexuellen Ausbeutung mit Sicherheit gelehrt haben, ist, dass Prostitution nicht vereinbar ist mit Menschlichkeit; wir wählen das eine oder das andere. Ich bitte sie inständig, eine weise Entscheidung zu treffen.

Der Vorsitzende: Mia, vielen Dank. Wir haben ein paar Beweisanhörungen gehabt, die für uns alle schwierig waren. Dies ist eine weitere. Allerdings ist es natürlich nicht ansatzweise so schwierig, wie es für Sie gewesen ist. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie heute vor dem Ausschuss erscheinen, und ich schätze Ihre Ehrlichkeit und die Art, wie Sie sich vor uns verhalten haben. Die Mitglieder werden Fragen an Sie haben, die wir stellen müssen, um unsere Arbeit der Beweisführung zu machen. Ich hoffe, sie haben dafür Verständnis. Lassen Sie mich mit ein paar Fragen beginnen, und dann werde ich an die Mitglieder übergeben.

Ihre Aussage hat mich sehr ergriffen, als Sie davon sprachen, dass Sie vergewaltigt wurden. Haben Sie zu irgendeinem Zeitpunkt die Polizei kontaktiert?

Fr. de Faoite: Nein. Die Polizei zu rufen ist etwas, an das man gar nicht denkt. Wie gesagt, wir wissen nicht, ob wir es Vergewaltigung nennen können. Wir wissen, dass es das ist, aber es fühlt sich so an, als könnte man das nicht. Es ist schwer genug für Frauen außerhalb der Prostitution, Vergewaltigungen zu melden. Viele Menschen glauben nicht einmal, dass prostituierte Frauen vergewaltigt werden können. Es kommt uns nicht einmal in den Sinn, die Polizei zu rufen.

Der Vorsitzende: Sie haben den Fall von Ihnen und Jenny erzählt. Sie sagten, dass Sie dem Mann in die Augen sahen und er einfach durch Sie hindurchsah als würden Sie nicht existieren. Ist das eine typische Erfahrung?

Fr. de Faoite: Man wird gekauft; jemand hat einen Gegenstand gekauft. Wenn die Leute etwas kaufen und mit nach Hause nehmen, nur um festzustellen, dass es nicht richtig funktioniert, dann ist das Erste, was Viele tun, es zu schütteln. Dasselbe Prinzip lässt sich auf die Prostitution anwenden: „Ich habe dich gekauft um das zu tun, du tust es nicht richtig, also schüttle ich dich.“ Man wird nicht als vollwertiger Mensch gesehen. Man wurde gekauft. In gewisser Weise sind in der Prostitution die Bedingungen so, dass Vergewaltigung vorprogrammiert ist. Dort wo man gute Bürger hat, die vielleicht außerhalb dessen stehen, würde es nie passieren. Aber wenn diese Bedingungen existieren, dann ist es wahscheinlicher. Eine psychologische Studie nach der anderen beweist, dass Menschen unter den entsprechenden Bedingungen zu Allem fähig sind. Das ist das Problem. Das ist der Grund, warum sogar unabhängig arbeitende Frauen ihren eigenen Alarm dabeihaben und legale Bordelle Alarm-Knöpfe haben. Man kann das nicht vorhersagen oder dafür Gesetze erlassen. Wissen Sie, was ich meine? Wenn eine Person gekauft wird, dann weiß sie nicht, wie der Käufer sich verhalten wird. Man kann lernen, die Signale zu erkennen, die einem sagen, dass man nicht sicher ist. Es hängt auch davon ab, wie viele Drogen man in der Blutbahn hat, wo man ist und wie sehr man friert, aber eigentlich sind die Bedingungen so, dass es passiert und gedeiht.

Der Vorsitzende: Einige der ZeugInnen, die wir hier gehört haben, haben uns berichtet, dass ihren Kunden, wie sie sie nennen, ihr Wohlergehen am Herzen liegt. Waren in Ihrer Erfahrung die Männer auf Ihr Wohlergehen bedacht?

Fr. de Faoite: Nicht jeder Mann, der mich gekauft hat, war gewalttätig oder ausfällig, aber ich weigere mich, dafür dankbar zu sein. Manche glauben, sie würden sich um einen kümmern. Es gab einen, der regelmäßig zu mir kam, der niemals ausfällig oder gewalttätig mir gegenüber war. Er hob mich vom Boden auf, als ich in einem schrecklichen Zustand war, aber ich bin nicht aus seinem Auto gestiegen, ohne seine Bedürfnisse zu befriedigen. Er würde seine Tat vielleicht damit rechtfertigen, dass er etwas Gutes für mich getan hatte. Aber die Tatsache, dass sie kaufen, bedeutet, dass ihnen allen klar ist, dass wir nicht auf der Straße stehen, weil wir funktionierende Leben haben. Ich habe nur eine Frau getroffen, die nicht alkohol- oder drogenabhängig war und die keine zugrundeliegenden psychischen Probleme hatte. Käufer wissen das. Tatsächlich ist es so, dass man gefragter ist, je verletzlicher man aussieht, denn es geht nicht um Sex, es geht um Macht.

Der Vorsitzende: Es war für mich aus den Aufzeichnungen nicht ganz klar, wie alt Sie waren, als Sie anfingen. 

Fr. de Faoite: Ich fing mit  33 an, als ich heroinsüchtig wurde. Ich arbeitete kurz an der Benburb Street, dann war ich von Anfang 2005 bis zum 10. Oktober 2010 auf der Burlington Road. Das war die letzte Nacht, die ich auf der Straße stand.

Der Vorsitzende: Wir sind speziell daran interessiert, wie viele Menschen in der Prostitution Opfer des Menschenhandels sind. In Ihrer Erfahrung während dieser Zeit, wie häufig kam Menschenhandel vor? Können Sie mir auch sagen, wie alt einige von den Mädchen sind? Sind Minderjährige beteiligt? Vielleicht könnten Sie auf diese zwei Punkte eingehen.

Fr. de Faoite: Natürlich. Die meisten gehandelten, gezwungenen Frauen sind „indoors“, auch wenn die Frau, die ich kannte, das nicht war. Sie war 10 Jahre zuvor aus Afrika entführt worden und hatte in Griechenland angefangen. Dann wurde sie in die Schweiz gebracht, dann Großbritannien und schließlich Dublin. Der Grund, warum wir uns so nahekamen, war, dass ich hörte, wie sie eine Sprache sprach, und ich war ein paar Jahre zuvor in diesem Teil Afrikas gewesen. So haben wir uns kennengelernt. Ihr Menschenhändler oder Aufseher überwachte sie wo immer sie hinging, patrouillierte die Straßen. Sie wurde um 17 Uhr rausgeschickt und arbeitet durchgehend bis 5 Uhr morgens. Sie musste immer zurückkommen, wenn sie 100 € hatte. Sie war süchtig nach Crack, und er war der Dealer. Er verbot ihr, mit mir zu reden. Er konnte mich nicht ausstehen, nicht weil ich sie vielleicht dazu bringen könnte, für jemand anderen zu arbeiten oder weil ich sie von den Drogen wegbringen könnte, sondern weil ich sie wie einen Menschen behandelte. Ich war die einzige Freundin, die sie in 10 Jahren gehabt hatte. Ich erinnerte sie an ihre Kinder zu Hause wenn ich von meinem erzählte, und das war das Einzige, das sie von ihm hätte wegbringen können: Menschlichkeit. Ich habe ihn einmal herausgefordert, und er drehte sich um und ging. Es war ziemlich unheimlich. Er sendete mir eine Botschaft, indem er sie zusammenschlug und zu mir schickte. Sie verteidigte ihn. Sie hatte diese Loyalität zu ihm. Ich verstehe heute, dass es sich dabei um eine traumatische Bindung handelt. Frauen, die in diesen Zuständen gehalten werden, können eine Bindung zu ihren Aufsehern, Menschenhändlern oder Zuhältern entwickeln. Sie verteidigte ihn, und ich konnte es nicht verstehen. Ich nahm sie einmal mit zu mir nach Hause, nachdem man sie – ich habe es in dem Schreiben geschildert. Ich dachte, dass ich sie einfach aus dem Land schaffen und nach Hause bringen könnte, aber ich hatte kein wirkliches Verständnis der Bindung der Frauen, die von ihren Peinigern so viel Kontrolle, Einschränkung und Missbrauch erfahren. So sehr ich sie liebte und sie mir am Herzen lag, ich konnte die Bindung nicht brechen. Sie kehrte zu ihm zurück.

Der Vorsitzende: Erzählen Sie uns von dem Altersprofil einiger der anderen Opfer.

Fr. de Faoite: Ich traf nie ein junges Mädchen unter circa 17. Ich kannte zwei oder drei die 18 und 19 waren. Ich habe nie eine 14- oder 15-Jährige auf der Straße getroffen. Ich weiß wirklich nicht, was ich getan hätte, denn ich hatte eine Tochter zu Hause, die im selben Alter war. Ich kannte 18-Jährige. Ich weiß nicht genau, wie alt sie waren, als sie anfingen, aber so alt waren sie, als ich auf die Straße ging. Dann gab es ein paar ältere Damen, die schon seit 20 Jahren auf der Straße waren. Eines Nachts sagte eine Frau, „Ich setze mich zur Ruhe“. Ich weiß noch, dass ich sie ansah und mir dachte, „Mein Gott, bin das ich in 20 Jahren?“. Es war einfach so seltsam.

Die Straße ist anders. Es gibt Regeln. Es gibt eine Hierarchie. Es ist ein ziemlich komplexes Umfeld. In gewisser Weise gibt es normale Gruppendynamiken. Den Älteren wird Respekt gezollt. Die Jüngeren können ziemlich chaotisch sein, denn Crack verursacht unberechenbares Verhalten, und sie begeben sich in mehr Gefahr. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie schwer es ist, als Mutter einer Tochter zuzusehen, wie eine 18-Jährige sich auf die Rückbank eines Autos setzt. Dann kommt sie zurück, und sie ist nicht ganz sicher, was genau passiert ist.

Eines Nachts wurde eine der Jüngeren hinten aus einem Lieferwagen geworfen. Sie wusste, dass der Mann etwas in sie eingeführt hatte. Sie fühlte, dass etwas immer noch feststeckte, aber sie bekam es nicht heraus. Und so mussten ich und ein anderes Mädchen ihr helfen, es herauszuholen. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie es ist, eine 18-Jährige in meinen Armen zu halten, die ich nicht nach Hause schicken konnte weil sie kein Zuhause hatte. Ich konnte ihre Eltern nicht anrufen, weil sie mit ihnen keinen Kontakt hatte. Ich sah zu, wie sie weinte. Alles was ich tun konnte war, ihr Geld zu geben, damit sie losziehen konnte und sich etwas holen, um alles zu betäuben. Als sie etwa zwei Wochen später zurückkam, war sie so wütend. Ihr gehörte die Straße, und sie stritt mit allen. Ich dachte, „Gott, ist es Wut, oder ist es einfach, naja, du weißt schon?“ Sie war eigentlich ein Kind. Sie war so geschädigt, verletzt und gedemütigt, und sie wusste nicht wohin damit, und so kam sie wütend zurück.

Es ist eine ziemlich grausame Welt da draußen. Die Art und Weise, wie man mit Trauma umgeht und die Fähigkeiten, die man zum Überleben benutzt, hängen von einer Reihe Faktoren ab. Es ist nicht leicht, mit anzusehen. Ja, wir lachen viel, aber das ist weil man, wenn man wütend wurde, Angst davor bekam, wie wütend man noch werden würde. Wenn man weinte, würde man vielleicht niemals aufhören. Und so ist Lachen wie eine Art Befreiung. Wir lachen manchmal über die seltsamsten Dinge.

Der Vorsitzende: Dies wird meine letzte Frage sein. Ich werde dann an die anderen Mitglieder übergeben. Absatz 6 dreht sich um die Kriminalisierung der Käufer. Schweden sind hier die Vorreiter, aber es hat die Prostitution und den Menschenhandel nicht aufgehalten. Warum glauben Sie würde die Kriminalisierung der Käufer einen Einfluss haben, sowohl hier in Nordirland als auch in der Republik wenn man das Gesetz verabschieden würde, auf die Dinge, von denen Sie uns heute berichtet haben, und um das Problem einzudämmen?

Fr. de Faoite: Ich persönlich glaube nicht, dass irgendjemand das Recht hat, einen anderen Menschen zu kaufen, um mit dessen Körper zu verfahren, wie er wünscht. Ich denke, das sollte so oder so im Gesetz stehen. Die Statistiken aus Schweden sprechen für sich, und nein, die Prostitution wurde dadurch nicht komplett abgeschafft. Sie wird wahrscheinlich nie vollständig abgeschafft, denn in dieser Welt wird es immer Menschen geben, die die Verletzlichen ausnutzen und auf die Kosten anderer Menschen Profit machen. Niemand, nicht einmal in Schweden, der gleichberechtigtsten Gesellschaft der Welt, hat für das menschliche Dasein in all seiner Komplexität eine Lösung gefunden. Das bedeutet nicht, dass wir nichts tun sollten.

Fr. McCorley: Go raibh maith agat, a Chathaoirligh [„Danke, Vorsitzender.“]. Danke für Ihren Vortrag. Es muss sehr schwierig für Sie sein, über all das zu sprechen. Es ist vermutlich das Schrecklichste, das ich im Laufe dieser Sitzungen gehört habe. Wie haben Sie es geschafft, aus diesem Leben herauszukommen? Hätten Sie etwas dagegen, uns zu erzählen, wie Sie das geschafft haben? War es ungewöhnlich, dass jemand aussteigt?

Fr. de Faoite: Ich habe mich nicht eines Tages entschieden, dass ich genug hatte. Meine Tochter hatte eine Krankheit. Sie wurde ziemlich krank und brauchte stationäre Behandlung. Während sie dort war, traf sie eine Sozialarbeiterin. Sie mochte sie gern. Meine Tochter kann recht zurückhaltend sein. Wir hatten ein recht isoliertes Leben geführt. Ich war den ganzen Tag daheim und kümmerte mich um sie, und ich ging drei Nächte die Woche aus, um zur Burlington Road zu gehen. Abgesehen davon gab es nur uns. Jedenfalls ließ sie sie an sich heran. Die Sozialarbeiterin bat mich eines Tages in ihr Büro zu kommen, was ich tat, mit einer vorsichtigen Fassade wie immer. Sie stellte mir ein paar Fragen, die mir noch nie jemand gestellt hatte. Sie fragte mich, wie das Leben für mich sei, wie es sei, ganz alleine dort draußen zu sein, wie es sei eine Mutter zu sein und zuzusehen, wie meine Tochter dahinwelkt und mich hilflos zu fühlen. Niemand hatte mir je diese Fragen gestellt. Ich war immer nur Verurteilung oder den Vorurteilen der Menschen begegnet.

Jedenfalls fing ich an, mit ihr zu reden. Ich redete jedes Mal mit ihr, wenn ich ausging. Ich vertraute ihr. Ich erzählte ihr Dinge, die ich noch nie jemandem erzählt hatte. Ich ließ sie an mich heran. Als es meiner Tochter gut genug ging, um nach Hause zu gehen, fragte mich die Sozialarbeiterin, ob ich ihr genug vertraute, um meinetwillen zwei Anrufe zu machen. Ich sagte ja. Sie hatte davor 10 Jahre lang im Gesundheitsrat gesessen, und 8 Jahre davon als Leiterin einer Entgiftungseinheit für Heroinkonsumenten. Sie rief meinen ehemaligen Chef an, einen Facharzt für Psychiatrie. Er traf sich mit mir, und er traf die Entscheidung. Er rief mich an und sagte, dass ich nach St. Michael’s zur Entziehungskur geschickt würde, und dann weiter ins Rutland [Centre in Dublin für Entziehungskuren]. Also war es am Ende wieder nicht ich, die die Entscheidung traf. Sie konnte Entscheidungsmöglichkeiten sehen. Das konnte ich einfach nicht. Meine Entscheidung wäre vielleicht viel düsterer gewesen.

Fr. McCorley: Es war also Entziehung.

Fr. de Faoite: Ja.  Ich hatte drei Wochen lang medizinische Entgiftung. Dann verbrachte ich fünf Wochen im Rutland. Ich hatte damals schweren posttraumatischen Stress. Ich hatte nach der Gruppenvergewaltigung eine Dissoziation erlitten. Ich sah die Frau, die ich nachts war, „Lucy“, als separat. Ich musste das überwinden. Dazu brauchte es oft zwei Menschen und einen Stuhl für Lucy, so dass ich mich zu all dem bekennen und mich selbst wiederfinden konnte. Es war, als wären ein siebenjähriger Krieg vorbei. Ich wusste nicht, wer ich war, aber ich weiß jetzt, dass Dissoziation und all das recht verbreitet ist. Ich las auch viel über Trauma und darüber, wie man sich davon erholt. Ich ging zu Ruhama, und seitdem habe ich nicht zurückgeblickt. Ich wusste, dass Bildung die eine Sache war, die mich retten konnte. Es ist die eine Sache, die Menschen aus Widrigkeiten herauszieht. Es ist hauptsächlich der Mangel an Bildung, der dazu führt, dass Frauen in der Prostitution enden.

Fr. McCorley: Ist es Ihnen möglich gewesen, zu einigen der Menschen zu gehen, die dieses Leben mit Ihnen geteilt haben, und ihnen zu zeigen, wie sie entkommen können?

Fr. de Faoite: Ich arbeite mit dem Referat für die Bekämpfung des Menschenhandels im irischen Migrantenrat (Immigrant Council of Ireland, ICI) und mit Ruhama, aber ich habe mich hauptsächlich dafür eingesetzt, dieses Gesetz bei uns und jetzt hier auf den Plan zu setzen. Ich habe mein Wissen mit ein paar Forschern geteilt. Ich konnte nicht zu dieser Straße zurückgehen und Rat bieten. Es wäre zu nah. Es ist erst drei Jahre her, dass ich da draußen gearbeitet habe. Meine Freunde sind noch dort. Daher gebe ich mein Wissen an Menschen weiter, die wissen, was damit zu tun ist, ob es um die Gesetzgebung oder Betreuungsangebote geht. Vielleicht kann ich eines Tages helfen, aber im Moment könnte ich nicht an die eigentliche Front.

Fr. McCorley: Sie sagten, fast alle hätten eine Sucht und komplexe Probleme. Sie sagten, sie seien heroinsüchtig gewesen. Hatten die meisten Frauen, die Sie trafen, eine solche Sucht und solche komplexen Probleme?

Fr. de Faoite: Nur bei einer Frau, die ich traf, war das nicht der Fall. Bei den älteren Frauen war es meist Alkohol. Die Jüngeren waren süchtig nach Crack, Heroin und Allem, was es so gab. Manche der Heroinsüchtigen waren chaotischer als andere, aber, ja, alle hatten eine Sucht. Bei manchen war es vielleicht Alkohol oder Speed. Manchmal waren es Tabletten oder was mal als multiplen Substanzmissbrauch bezeichnet – eine Kombination von was auch immer.

Fr. McCorley: Wenn wir jetzt an die Menschen und die Vorfälle, die Sie beschrieben haben, denken, können Sie sich vorstellen, dass Absatz 6 solche Menschen davon abbringt, Sex zu kaufen? Wenn sie zu solchen Dingen fähig sind, denken Sie, dass Absatz 6 sie abschrecken würde? Das ist das, was ich schwierig finde.

Fr. de Faoite: Ja. Es ist das absolut Einzige, das sie aufhalten kann. Wie einer mal zu mir sagte : „Ich mache mir keine Sorgen um die Polizei, denn so lange ich vor ihr an die Post rankomme, kann ich die 50 € Strafe bezahlen.“ Absatz 6 ist das Einzige, das wir tun können, und ich bin überzeugt, dass es auch das Richtige ist. Ich kenne die Männer, die mich gekauft haben, sehr gut. Ich habe sechs Jahre in ihrer Gesellschaft verbracht. Sie sind keine Männer, die dieser Debatte zusehen oder zuhören werden –  Sie wissen, was ich meine; sie werden da kein Risiko eingehen. Sie müssen zur Rechenschaft gezogen werden, und sie wissen es. Noch kommen sie damit davon. Die Gesellschaft gibt ihnen dazu Erlaubnis. Aber wenn die Gesellschaft und die Regierung darüber hinweg sind, und ich meine nicht die Auferlegung einer 50-Euro-Strafe, die er vor seiner Partnerin aus dem Briefkasten holen kann, dann wird es Verantwortung übernehmen müssen. Der einzige Weg, solches Verhalten zu ändern, ist, sie für ihr Verhalten zur Rechenschaft zu ziehen.

Fr. McCorley: Was sollte die Strafe Ihrer Meinung nach sein wenn, sagen wir, Absatz 6 verabschiedet würde, für jemanden, der schuldig befunden wird, für sexuelle Dienste bezahlt zu haben?

Fr. de Faoite: Ich glaube in Frankreich wird es eine Geldstrafe von 1000 € bis 1500 € geben. Selbst wenn sie auf dem Einkommen basieren würde – wir sind nicht auf demselben Stand wie Schweden, um das zu tun – wäre es erheblich mehr als 50 €.

Fr. McCorley: Sie haben bereits erklärt, dass dies eine abschreckende Wirkung haben soll. Absatz 6 ist ein einzelner Absatz. Was ist mit den komplexen Bedürfnissen und Problemen dieser Frauen? Wo bleiben sie da?

Fr. de Faoite: Das fragt man mich oft. Wenn ich noch immer da draußen stünde und jemand käme zu mir und sagte, „Wir legalisieren das hier jetzt“, dann hätte ich diese Person für verrückt gehalten. Ich hätte gesagt, „Sieh dich um – jetzt mal im Ernst – du hast vor, das hier offiziell legitim zu machen?“ Wenn Sie zu mir gesagt hätten, „Das hier ist furchtbar; Sie müssen aufhören; niemand wird je wieder das Recht haben, Sie zu kaufen; das ist schrecklich“, dann wäre das nicht das gewesen, was ich gehört hätte. Ich hätte gehört „Oh mein Gott, sie nimmt mir gleich das weg, was mir Zugang zu der Droge gibt, die mich bei Verstand hält“. Wenn man die Droge entfernen würde, dann würde ich mich erinnern; Ich wäre nicht mehr betäubt, aber das würde nicht bedeuten, dass ich für immer davon ablassen würde. Es wäre schwierig gewesen, und ich wäre krank geworden, aber ich hätte um die Hilfe bitten müssen, die da war, aber dich ich einfach nicht sehen konnte.

Fr. McCorley: Das ist ein guter Punkt. Es gibt verschiedene Ansichten, wie mit Prostitution umgegangen werden sollte. Es gibt die Sichtweise, dass damit am besten nicht mit einem einzigen Absatz umgegangen werden sollte und dass wir sie und alles, was damit zusammenhängt, untersuchen müssen. Mit dem, was Sie von diesen Frauen erzählt haben, haben Sie gezeigt, dass man definitiv untersuchen muss, was für Leben sie führen, und wie man sich um ihre Bedürfnisse und Gesundheitsprobleme kümmern kann. Sie haben gute Argumente dafür geliefert, das Thema ganzheitlicher anzugehen.

Fr. de Faoite: Es gibt Absatz 6. Allerdings weiß ich sehr gut, dass Frauen ein Unterstützungssystem brauchen werden. Ich würde gerne sehen, dass die Mittel aus den Geldstrafen direkt in diese Unterstützungssysteme fließen. Aus meiner Sicht ist es das Geringste, das sie tun können, finanziell dazu beizutragen, den Schaden zu beheben, den sie verursacht haben. Ja, ich bin mir dessen bewusst, dass es Bedürfnisse gibt, um auszusteigen, und dass die Frauen Unterstützung brauchen werden.

Hr. Humphrey: Vielen Dank für Ihren Vortrag und das Beweismaterial, Mia. Ich weiß, das ist eine klischeehafte Aussage, aber es war sehr bewegendend und bestürzend nicht nur für Sie sondern auch für uns, die Ihnen zugehört haben. Wir als Gesetzgeber haben eine riesige Verantwortung, dem, was sie sagen, gut zuzuhören und entsprechend zu handeln.

Der Ausschuss hat zu diesem Thema im Laufe der letzten Monate Beweise gesammelt. Sie verwendeten die Terminologie, dass Sie „gekauft“ wurden oder dass Menschen kamen um zu „kaufen“. Andere, die hier ausgesagt haben, schrecken vor dem Gebrauch dieser Terminologie zurück und würden Ihnen nicht zustimmen. Ich sage nicht, dass Ihnen wohl dabei ist, es zu sagen, aber warum verwenden Sie diese Terminologie, und warum denken Sie, dass es die angemessene Terminologie ist?

Fr. de Faoite: Die Leute tendieren dazu, von „Sex-Kauf“ zu sprechen, aber man kann keinen Sex kaufen. Es ist der Kauf eines menschlichen Wesens für Sex. Wenn jemand zu mir kam und mich nach einer sexuellen Handlung fragte, habe ich sie nicht aus meiner Tasche geholt und ihm gereicht. Sie mussten mich kaufen und alles von mir kaufen, und ich musste mit ihnen mitgehen und alles von mir musste mit ihnen mitgehen. Man muss immer die Person kaufen, bevor man Zugang zum Körper bekommt.

Hr. Humphrey: Wenn ich Sie da richtig verstanden habe, sagten Sie, Sie wären mit nur einer Prostituierten in Kontakt gekommen, die weder alkohol- noch drogenabhängig war. Waren Alkohol und Drogen für Sie nötig, um durch den Tag oder die Nacht zu kommen?

Fr. de Faoite: Für mich persönlich?

Hr. Humphrey: Kollektiv.

Fr. de Faoite: Ich war extrem genau darin, wie ich mein Heroin konsumierte, denn ich musste für meine Tochter eine gewisse Stabilität erhalten, also rauchte ich morgens 10 bis 15 Lines. Ich rauchte es nie bevor ich auf die Straße ging, denn in der frühen Entzugsphase sind die Sinne geschärft, und ich fühlte mich sicherer dabei, mit geschärften Sinnen rauszugehen, als vorher Heroin zu nehmen, denn dann wäre ich betäubt, aber viele Frauen nehmen es vorher. Sobald ich mich ins Taxi nach Hause setzte, war es das Erste, das ich nahm. Ich rauchte vor der Gruppenvergewaltigung und der Dissoziation nur ein Tütchen am Tag, aber es nahm danach zu – also ja, ich nahm mehr um ziemlich vieles zu verdrängen. Ich kann es nicht sagen, weil ich solche Unterhaltungen im Grunde nicht führe, aber ich weiß dass einige Frauen, wenn sie eine schlechte Erfahrung gemacht haben, losgehen und Alkohol holen und zurückkommen. Manche Frauen verdienen 100 Pfund, ziehen los, machen sich stoned und kommen wieder zurück.

Hr. Humphrey: Es könnte ein Teil der Bewältigungsstrategie sein.

Fr. de Faoite: Das könnte es sein, oder manchmal ist es auch chaotische Sucht.

Hr. Humphrey: Sie sagten für die Käufer ginge es nicht um Sex, sondern um Macht. Wenn Ihnen wohl genug dabei ist, könnten Sie das näher ausführen?

Fr. de Faoite: Heutzutage, mit dem Zugang zum Internet und allem anderen, das wir haben, kann man online gehen und einwilligende Erwachsene treffen, ohne dass Geld auch nur im Geringsten im Spiel wäre. Es scheint eine ziemlich große Anzahl von Menschen zu geben, Gruppen und Paare die auf alles Mögliche stehen, und man kann das machen ohne jemals Geld zu bezahlen, also was kaufen sie?

Hr. Humphrey: Wir haben auch Aussagen von verschiedenen Gruppen und Individuen gehört, hier vor dem Ausschuss und in Stockholm. Einige sagten, dass Frauen eine Entscheidung treffen können, und dass sie diese Entscheidung freiwillig treffen. Glauben Sie das?

Fr. de Faoite: Ich weiß, dass einige wenige Frauen sagen, sie sind glücklich darin und unabhängig. Ich habe auch hin und wieder mit einigen von ihnen gesprochen. Ich glaube immer noch nicht, dass irgendjemand das Recht hat, sie zu kaufen, egal wie glücklich sie behaupten zu sein. Sie sind sehr wenige in der Zahl. Wie ich vorhin sagte, die Freiheit einiger weniger sollte niemals vor der Freiheit von so vielen kommen. Wie gesagt, ich traf was ich für eine rationale Entscheidung hielt, aber ich war nicht im richtigen geistigen Zustand – in der Sucht ist niemand im richtigen geistigen Zustand. Deswegen wurde die Entziehungskur erfunden; weil wir unser Leben und unsere Angelegenheiten in den Sand setzen. Die Fähigkeit, Entscheidungsmöglichkeiten zu sehen, schwindet oder ist extrem beeinflusst von Traumata und Entfremdung von der Gesellschaft im Allgemeinen.

Viele Frauen, neben denen ich stand, waren Abhängige zweiter Generation, also waren Abhängigkeit und gestörte Verhältnisse nichts neues. Tatsächlich bestanden einige von ihnen darauf, dass es das Einzige sei, dass sie je gekannt hatten. Wenn es eine ruhige Nacht auf der Straße war, dann gab es plötzlich einen großen Radau, denn wenn man sich an Trauma gewöhnt, dann kann es zu etwas werden, das man meint zu brauchen oder worin man meint Halt zu finden. Man verliert die Fähigkeit, Entscheidungsmöglichkeiten zu sehen, und für viele Frauen waren die Entscheidungsmöglichkeiten niemals vorhanden. Es war, als wäre das Drehbuch ihres Lebens schon geschrieben, also haben sie sie nicht gesehen. Sie fanden mich recht seltsam, und sie haben sich mir gegenüber sehr als Beschützerinnen gefühlt, weil sie das Gefühl hatten, ich gehörte nicht dorthin. Ich war respektabel und gebildet. Sie haben sich mir gegenüber sehr als Beschützerinnen gefühlt, aber das sagte mir nicht, dass sie mich für einen besseren Menschen hielten oder so etwas. Es sagt mir nur eines, nämlich wie wenig Wert sie ihrem eigenen Leben beimaßen.

Hr. Humphrey: Vor ein paar Wochen hatte dieser Ausschuss eine gemeinsame Sitzung mit dem Ausschuss des Unterhauses der Republik Irland. Während Ihrer Aussage sagten Sie, dass Sie Gesetze möchten, die Frauen in Irland, auf der Insel und in Europa beschützen. Was denken Sie würde passieren, wenn in der Republik das Gesetz verabschiedet würde und das nordirische Parlament zöge nicht mit?

Fr. de Faoite: Ich denke, dass einige Menschen in den Norden hochreisen würden. Wenn wir ihnen das Geschäft untergraben und ihre Profite abdrehen und so weiter, dann werden sie ihre Ware dorthin befördern, wo sie sie legal verkaufen können. Unsere nächsten Nachbarn sind Sie und England. Sie werden weiterziehen. Frankreich hat jetzt die Türen geschlossen, und sie werden sich nach Spanien verlagern. Israel sieht hier zu. Kroatien sieht hier zu. Es wird weiterziehen. Ja, wir müssen das mit in Betracht ziehen, wenn wir das tun. Ich würde gerne eine ganze Menge von–

Hr. Humphrey: Also würde das Problem verlagert.

Fr. de Faoite: Das würde es. Ja, natürlich. Schweden ist für sie nicht mehr attraktiv, denn warum würden sie Frauen importieren, wenn es illegal ist, sie zu kaufen? 

Hr. Elliott: Vielen Dank für den Vortrag und die Aussagen. Sie sprachen von Hilfsangeboten und von dem Potential für Unterstützung für Opfer. Wie stellen Sie sich deren Funktionsweise vor? Ich vermute, dass man ziemlich viele Menschen vor Ort bräuchte, die in der Prostitution involviert sind und natürlich in der Rehabilitierung. Könnten Sie ein wenig näher erklären, was Sie zu diesem Thema im Sinn haben?

Fr. de Faoite: Im Süden ist Ruhama die einzige Organisation, die sich um betroffene Frauen kümmert, die aussteigen wollen, während sie noch in der Prostitution sind. Sie brauchen zusätzliche Unterstützungssysteme. Sie kümmern sich gut um Frauen, die Opfer des Menschenhandels sind. Eine Reihe Dinge, die organisiert werden müssen, stehen in unseren Empfehlungen – die Definition von Menschenhandel, sein Status und von sicherer Unterbringung. Die Empfehlungen werden von einem Unterausschuss gemacht, und das macht es möglich, sie einzubringen.

Hr. Elliott: Wie viel von dem sehen Sie als die Verantwortung der Regierung, im Gegensatz zur Verantwortung von Organisationen und ehrenamtlichen Gruppen?

Fr. de Faoite: Ich denke, dass es die Verantwortung der Regierung ist, sicherzustellen, dass die Mittel dafür vorhanden sind, denn es ist passiert und wurde toleriert.

Hr. Elliott: Als Sie in der Prostitution waren, fühlten Sie sich da in irgendeiner Weise als Opfer des Menschenhandels? Es geht hier um Gesetzgebung in Bezug auf Menschenhandel. Würden Sie sagen, dass Sie in irgendeiner Weise Opfer des Menschenhandels waren?

Fr. de Faoite: Nein, ich war kein Opfer des Menschenhandels. Es gibt nur noch wenige irische Frauen in der Prostitution. Die Zahl ist minimal, und wir sind meist auf der Straße. Für viele Frauen auf der Straße ist der Zuhälter der drogensüchtige Freund oder Partner. Ich hatte einen Partner, der nie auf die Straße ging, aber dennoch erwartete, dass etwas nach Hause gebracht wurde. Lange Zeit war ich sehr nervös, und ich weiß nicht wirklich, warum. Ich blicke jetzt zurück und denke, „Gott, warum habe ich nicht einfach…“, aber das sieht man nicht, wenn man mittendrin steckt.

Hr. Elliott: Sie haben ausgesagt, dass Sie der Ansicht sind, dieses Gesetz würde die Prostitution reduzieren. Denken Sie, dass es den Drogenmissbrauch auch erheblich reduzieren würde?

Fr. de Faoite: In der Hinsicht, dass die betroffenen Frauen, auf die das zutrifft, sich Hilfe suchen. Ruhama und die Organisationen sehen sich alles im Leben der Person an, ob es ums Gericht geht, um Kinder, Drogen, oder was auch immer. Das ist eines der Dinge, um die man sich kümmern muss.

Hr. Elliott: Das wäre also auch eines der benötigten Unterstützungsangebote.

Fr. de Faoite: Ja.

Der Vorsitzende: Herr Elliott fragte, ob Sie das Gefühl habe, Opfer des Menschenhandels gewesen zu sein. Das ist eine faire Frage. Manchmal laufen wir Gefahr, zu denken, dass dieses Gesetz sich nur um Prostitution und Menschenhandel dreht. Der Name des Gesetzesvorschlags bezieht sich auf Menschenhandel und Ausbeutung. Ich werde nicht fragen, ob Sie das Gefühl haben, dass Sie ausgebeutet wurden. Das wäre für mich eine dumme Frage. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass es nicht nur um Menschenhandel und Prostitution geht; es geht um Ausbeutung.

Eines der Argumente gegen Absatz 6 ist, dass es Frauen in noch größere Gefahr bringen könnte, weil er die Prostitution in den Untergrund treiben wird. Was ist Ihre Antwort darauf?

Fr. de Faoite: Sie werden das nur von einer Seite hören, denn es ist ein Trugschluss. Der Fehler in der Logik dieses Arguments ist der, dass Prostitution nicht wie andere Verbrechen ist. Drogen und Waffen brauchen den Untergrund; sie überleben nur im Untergrund, weil es Verbrecher sind, die mit Verbrechern handeln. Wo Prostitution sich unterscheidet, ist das sie nur dank des guten Bürgers oder der Allgemeinheit gedeiht und überlebt. Sie wird immer ein Gesicht brauchen. Sie würde nicht existieren und man könnte damit kein Geld verdienen, wenn man nicht werben könnte. Sie braucht ein Gesicht und eine Domäne. Prostitution ist das eine Verbrechen, das nicht im Untergrund existieren kann.

Der Vorsitzende: Es wütet eine akademische Debatte um das Thema. Manche sagen, dass es Statistiken gibt, die zeigen, dass es in Schweden funktioniert, andere sagen es gibt Statistiken, die zeigen, dass es nicht funktioniert hat. Ideologische Ansichten zu diese Thema sind teilweise sehr polarisiert. Was ist Ihre Ansicht zu der akademischen Debatte?

Fr. de Faoite: Ich studiere momentan an einer Universität. In unserer Soziologieabteilung gibt es zwei AkademikerInnen, die anderer Meinung sind als ich. Wobei sie nie mit mir gesprochen haben obwohl sie wissen, dass ich dort bin und wer ich bin. Ich denke, dass es letzte Woche hier deutlich gezeigt wurde, dass die Forschungen einer genauen Untersuchung nicht standhalten. Es gibt viele weibliche Akademikerinnen. Manchmal habe ich keine Antwort; Ich werde nie Frauen verstehen, die dafür kämpfen, andere Frauen in der sexuellen Ausbeutung zu halten, vor Allem nicht, wenn sie es aus den Elfenbeintürmen der Universitäten rufen. Es gibt Orte, zu denen die Frauen, mit denen ich Seite an Seite stand, niemals Zugang haben werden. Sie werden die üblichen Argumente vorbringen, dass eine Frau das Recht hat, mit ihrem Körper zu tun was sie will. Ich habe bereits erklärt, was meine Sicht davon ist. Manchmal verwenden sie den Untergrund-Trugschluss. Ich verstehe beim besten Willen ihre Position nicht. Eines sage ich Ihnen: Sie werden zwei oder drei davon in jeder Soziologieabteilung jeder Universität finden, überall. Auf jede zwei oder drei kommen vier, fünf oder sechs Soziologinnen und Soziologen – wie an meiner Universität – die niemals diese Position einnehmen würden.

Der Vorsitzende: Sie waren offensichtlich sehr mutig, über Ihre Erfahrungen zu sprechen. Wie haben Menschen, die momentan in der Industrie, wenn Sie es so nennen wollen, sind, auf sie reagiert, dafür dass Sie aufgestanden sind und darüber gesprochen haben?

Fr. de Faoite: Die Reaktionen sind hauptsächlich positiv gewesen. Ich habe keine Garstigkeiten oder Drohungen oder so etwas erhalten. Ich habe sogar mit ein paar unabhängigen Frauen gesprochen, die sehr mitfühlend waren. Wir sind nicht immer einer Meinung, aber es hat keine Feindseligkeit gegeben. Ich empfinde ihnen gegenüber keine Feindseligkeit. Es ist das Richtige für das Allgemeinwohl und um das Übel des Menschenhandels zu bekämpfen. Es ist soweit positiv. Ich habe gute Freunde und gute Unterstützung. Ich habe großartige Unterstützung von meinen Professorinnen und Professoren, vor Allem in der Philosophieabteilung. Ich verbringe viel Zeit alleine und vertraue Anderen nicht leicht. Ich habe eine Handvoll gute Freunde, die ich für nichts in der Welt eintauschen würde. Es ist soweit hauptsächlich positiv. Absolut.

Der Vorsitzende: Gut.  Der letzte Punkt, den ich machen will, geht auf etwas zurück, dass Frau McCorley sagte. Manche von uns haben Schwierigkeiten, diesen Punkt zu verstehen. Wir haben existierende Gesetze in Nordirland, die sich mit Zwang beschäftigen, und es gibt keine Verteidigung, nicht einmal Unwissen, wenn man Sex mit Prostituierten hatte und sie in die Industrie gehandelt oder gezwungen wurden. Wenn diese Individuen sich nicht um die momentanen Gesetze kümmern und sie sich nicht um Sie kümmern – Sie haben erzählt wie die Person, die Sie vergewaltigte, einfach durch Sie hindurchsah, als würden Sie nicht existieren – wenn Sie unter den bereits existierenden Gesetzen nicht ein Mindestmaß an Gewissen für sie aufbringen, warum sollte Absatz 6 dann einen Einfluss auf sie haben?

Fr. de Faoite: Es macht sie verantwortlich. Die Tatsache, dass es Strafen geben wird, die höher als 50 € sind, zieht sie zur Rechenschaft. Es birgt für sie das Risiko, dass das, was sie nachts tun, ans Tageslicht kommt. Verstehen Sie mich?

Der Vorsitzende: Ja.

Fr. de Faoite: Es ist ein großes Risiko für sie. Ich weiß, dass die meisten Männer, die mich gekauft haben, nicht bereit wären, es einzugehen.

Der Vorsitzende: Okay. Keine weiteren Mitglieder haben Fragen, also vielen Dank, Mia, dafür, dass Sie vor dem Ausschuss erschienen sind. Das waren für uns sehr bewegende Aussagen und ich bin sehr dankbar, dass Sie sich die Zeit genommen haben, hierherzukommen und mit uns zu sprechen. Danke.

Fr. de Faoite: Danke, dass ich hier sein durfte.

Der Vorsitzende: Es war uns eine Freude.

Rachel Moran vor dem nordirischen Parlament zum Gesetzesvorschlag zur Freierbestrafung (Niederschrift)

Übersetzt aus dem Englischen

Im Original veröffentlicht von der nordirischen Regierung auf niassembly.gov.uk 

Es handelt sich um die Niederschrift der Anhörung von Rachel Moran als Vertreterin der Überlebenden-Organisation SPACE International zum Gesetzesvorschlag Lord Morrows zur Kriminalisierung von Prostitutionskunden vor dem Justizausschuss des nordirischen Parlaments am 30.1.2014.

Offizieller Bericht (Hansard)

Committee for Justice

Anwesende Mitglieder

Zeuginnen und Zeugen

SPACE International:

Frau Rachel Moran

Gesetzesvorschlag Menschenhandel und Ausbeutung (weitere Maßnahmen und Unterstützung für Opfer): SPACE International

 

Der Vorsitzende: Ich heiße offiziell Frau Rachel Moran willkommen. Sie ist Mitgründerin und Europa-Koordinatorin von SPACE International. Diese Tagung, wie andere zu dem Gesetzesvorschlag, wird von Hansard aufgezeichnet und zu gegebener Zeit veröffentlicht. Ich werde an Sie übergeben, um ein paar einleitende Worte zu sprechen. Wenn wir versuchen könnten, das bei so etwa 10 Minuten zu halten, das wäre hilfreich, und dann werden die Mitglieder Fragen an Sie haben. Frau Moran, vielen Dank für Ihre Anwesenheit heute.

 

Frau Rachel Moran (SPACE International): Ich bin die Europa-Koordinatorin einer Gruppe namens SPACE International. SPACE steht für Survivors of Prostitution-Abuse Calling for Enlightenment (Überlebende des Prostitutions-Missbrauchs fordern Aufklärung). Alle Frauen in der Gruppe haben die Prostitution überlebt und sind der Abolition des Sex-Gewerbes verschrieben, von dem wir wissen, dass es sich dabei lediglich um bezahlten sexuellen Missbrauch handelt. Unsere Gruppe hat 17 Mitglieder und erstreckt sich über fünf Länder, nämlich Irland, Großbritannien, die USA, Dänemark und Frankreich. Wir haben auch eine enge Arbeitsbeziehung mit Frauen in Australien, Südamerika und Kanada. Es sollte betont werden, das wir bei weitem nicht die einzige Überlebenden-Gruppe sind. Abolitionisten-Gruppen die aus ehemals prostituierten und in die Sex-Industrie gehandelten Menschen bestehen, schießen auf der ganzen Welt aus dem Boden, und einige davon sind viel größer als unsere Gruppe.

In der Welt findet ein Umbruch statt. In den letzten Jahren haben sich verschiedene Länder auf die eine oder andere Art dazu positioniert, und lassen Sie mich ganz deutlich sagen, dass es hier keinen Mittelweg gibt. Ihnen wird im Laufe Ihrer Beratungen zweifellos die Vorstellung des neuseeländischen Modells der totalen Entkriminalisierung als so eine Art Utopie vorgestellt werden. Wenn es eine Utopie für jemanden ist, dann für die Freier und Zuhälter. Es ist für keine Frau eine utopische Erfahrung, wenn ihr Körper auf den Status einer lebenden Ware zum Nutzen eines Sex-kaufenden Mannes reduziert wird. Das war es noch nie und das wird es nie sein, und wenn es überhaupt möglich wäre, dass es das ist, dann hätten wir uns die Jahre sparen können, die wir damit verbrachten, diese Erfahrungen mit Alkohol und Drogen verdrängen, genau wie jede von uns sich die unzähligen Stunden, die wir in der Folge bei unseren TherapeutInnen saßen, hätte sparen können. Wie eine gute Freundin von mir einmal fragte: „Wenn ihre Orgasmen so harmlos sind, warum brauche ich dann jahrelang Therapie, um über sie hinwegzukommen?“ Weit davon entfernt so etwas wie ein Mittelweg zu sein, ist Neuseeland einfach nur eine gesetzfreie Zone, in der Prostitution sozial gesäubert wurde, und als logische Folge ist die Nachfrage danach gestiegen. Wenn eine Regierung Prostitution als sozialverträgliches und moralisch einwandfreies Verhalten für Männer billigt, dann steigt die Nachfrage. Das wurde in den australischen Staaten bewiesen, in denen legalisiert wurde, und in Holland, Deutschland und in jedem anderen Land, Bundesstaat und County in dem man Männern sagt, dass es okay ist, sexuellen Zugang zu den Körpern von Frauen zu kaufen. Natürlich gibt es, als Antwort auf diesen zwangsläufigen Anstieg der Nachfrage, einen zwangsläufigen Anstieg des Angebots, und die Zahl der Bordelle und der Frauen, die darin ausgebeutet werden, steigt, in vielen Fällen exponentiell. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Das ist wirtschaftliches Grundwissen.

Was Ihnen die Befürworter des Entkriminalisierungsmodells nicht sagen werden, ist, dass viele Bürgerinnen und Bürger Neuseelands genug davon haben und nach einer Gesetzesänderung verlangen, die den Erwerb sexueller Dienste verbietet. Einige dieser Bürgerinnen sind ehemals prostituierte Frauen, und die dortige Regierung hat einen Ausschuss gegründet, um sich mit der öffentlichen Reaktion gegen das Gesetz auseinanderzusetzen. Ich lese einen kurzen Ausschnitt aus einem Bericht, der in diesem Zusammenhang verfasst wurde:

“Ehemalige Prostituierte und ihre Unterstützer verlangen, dass alle Kunden von SexarbeiterInnen strafrechtlich verfolgt werden, und sagen, die Entkriminalisierung der Industrie habe sie im Stich gelassen.“

 

Elizabeth Subritzky, Direktorin von Freedom from Sexual Exploitation, sagte vor dem Justiz- und Wahlausschuss des Parlaments aus, die einzige Lösung für den Schaden, den Prostitution verursache und für die Gewalt, die sie verursache, sei die strafrechtliche Verfolgung von Käufern sexueller Dienste durch eine Reform der Prostitutionsgesetze. 

Der Prostitution Reform Act entkriminalisierte Bordelle, Escort-Agenturen, und das öffentliche Werben für sexuelle Dienste als das Gesetz 2003 um nur eine Stimme verabschiedet wurde.

Das Gesetz ermutigte nicht nur mehr Männer dazu, Sex zu kaufen, sondern verwandelte Prostitution in eine zumutbare, sogar attraktive Arbeit für junge, arme Frauen in Neuseeland, sagte Subritzky“

 

Der Vorsitzende des Ausschusses Scott Simpson sagte, der Ausschuss würde die Petition in Erwägung ziehen und nächstes Jahr einen Bericht veröffentlichen.

Der Gesetzesvorschlag bezieht sich auf den Menschenhandel, und wir wissen alle, dass das umstrittene Element Absatz 6 ist, der die Nachfrage nach bezahltem Sex kriminalisiert. Offensichtlich ist es vernünftig, die Folgen ähnlicher Gesetze in anderen Ländern in Augenschein zu nehmen. Sex-Kauf ist in Schweden seit 15 Jahren kriminalisiert, aber nach weniger als der Hälfte dieser Zeit, 2007, sagte Jonas Trille, ein Inspektor bei der Prostitutionseinheit der Stockholmer Polizei:

“wir haben erheblich weniger Prostitution als unsere Nachbarländer… Wir haben nur zwischen 105 und 130 Frauen – sowohl im Internet als auch auf der Straße – die in Stockholm heute in der Prostitution (aktiv) sind. In Oslo [im benachbarten Norwegen] sind es 5000.“

 

Ein weiterer relevanter Aspekt des Verbots ist die Reduzierung der Zahl der Ausländerinnen, die für Sex nach Schweden gehandelt werden. Die schwedische Regierung schätzt, dass in den letzten paar Jahren nur 200 bis 400 Frauen und Mädchen pro Jahr in die Prostitution nach Schweden gehandelt wurden, während im benachbarten Finnland diese Zahl zwischen 15.000 und 17.000 liegt. Diese Zahlen sprechen für sich, und ich sollte ihnen nicht viel hinzufügen müssen, aber falls dies jemanden unbewegt lässt, dann empfehle ich einen Blick auf das Verhältnis der Mordstatistik zwischen Schweden und Holland in den letzten Jahren, welches bei eins zu mehr als 170 liegt.

Ich möchte betonen, dass es nicht möglich ist, die Prostitution zu verteidigen ohne auch das Leid und den Schaden, die sie anrichtet, zu verteidigen. Daher ist es nicht möglich, für Frauen in der Prostitution zu sein aber für die Prostitution zu sein, wie einige für den Erhalt des Sex-Gewerbes argumentieren. Auch ist es nicht möglich, dass Prostitution in manchen Fällen schädlich ist und in anderen nicht. Der Schaden und das Leid der Prostitution stehen nicht der subjektiven Interpretation frei; sie sind objektive Realität.

Das universelle Leid der Prostitution wird oft von den Verfechtern der Prostitution unbewusst anerkannt. Sehr oft habe ich jene, die Prostitution als eine freie Entscheidung darstellen, sagen gehört, der Menschenhandel zum Zweck der Prostitution sei ein furchtbares Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie haben Recht, aber sie erklären nie warum und wie, wenn Prostitution an sich nicht schädlich ist, dazu gezwungen werden so furchtbar sein soll. Was, wenn Frauen entführt und gezwungen würden, als Friseurinnen, Sekretärinnen und Floristinnen zu arbeiten? Würden die Verfechter das als ein genauso furchtbares Verbrechen gegen die Menschlichkeit sehen wie Zwangsprostitution? Nein, das würden sie nicht. Das Mantra, das Prostitution gewöhnliche Arbeit ist, ist ganz einfach eine Lüge, und wir alle wissen es.

Es ist nicht irgendein verrückter Zufall, dass Prostitution Frauen und Mädchen am härtesten trifft. Die Wahrheit, die weiterhin offensichtlich ist, trotz der absolut endlosen Versuche, sie zu verschleiern, ist, dass Prostitution eine hochgradig geschlechterspezifische Form der Unterdrückung ist. Die Wahrheit ist, dass Frauen kämpfen mussten, um wählen zu dürfen. Wir mussten um Empfängnisverhütung kämpfen. Jetzt müssen wir um Freiheit von kommerzieller sexueller Ausbeutung kämpfen. All diesen Kämpfen liegt ein Kampf zugrunde: der Kampf darum, als vollwertiger Mensch anerkannt zu werden.

Die Prostitution schadet auch anderen Gruppen. Weil der Schaden hauptsächlich prostituierten Frauen zugefügt wird, achten die Leute kaum auf die Anderen, doch das sollten sie. Die Wahrheit ist, dass Prostitution für die gesamte Gesellschaft schädlich ist, und somit ist sie natürlich schädlich für alle, die ihr angehören. Es gibt Frauen von einem Ende dieser Insel zum anderen, deren Männer Sex kaufen, eine Woche nach der anderen. Diese Frauen sitzen vor kaputten Ehen und, in einigen Fällen, irreparabel geschädigter körperlicher Gesundheit und doch finden diese Frauen – die Ehefrauen und Partnerinnen der Sex-Käufer – fast nirgends Erwähnung. Wenn sie mal ausnahmsweise erwähnt werden, vermeiden es die Verfechter der Prostitution praktischerweise, auf ihre sehr realen Problemen und auf ihr Recht, frei des giftigen Einflusses der Prostitution zu leben, einzugehen. Ich persönliche wurde von einigen dieser Frauen kontaktiert und habe zugehört, was sie über ihre zerstörten Ehen und zerrissenen Familien zu sagen hatten. Es ist nur rechtens, dass wir auch von ihrer Position sprechen, und von dem Schaden, den die Prostitution in ihren Leben angerichtet hat. Sie sollten auch wissen, dass diesen Frauen klar ist, wie unsichtbar sie bisher in dieser Debatte gewesen sind, was das Ganze nur noch schlimmer macht.

Es gibt solche, die behaupten, behinderte Männer müssen um ihrer Gesundheit willen Prostituierte benutzen. Diese bizarre Aussage verwechselt Wünsche mit Bedürfnissen. Sie bestätigt und fördert außerdem die Kategorisierung von Frauen in Klassen, von denen manche ungewollten Sex über sich ergehen lassen müssen oder sie sehen sich der Armut ausgesetzt. Das Argument stellt außerdem eine Randgruppen – behinderte Menschen – gegen eine andere – prostituierte Menschen – auf und besteht darauf, dass eine das Recht darauf hat, die andere um ihrer Gesundheit willen zu benutzen. Um unserer Gesundheit willen brauchen Frauen es, nicht in eine Klasse gezwungen zu werden, die ungewollten Sex über sich ergehen lassen muss oder der Armut ausgesetzt ist, weder zum Wohle der Behinderten noch für irgendjemand anderen. Mitglieder von SPACE International wissen das, weil wir es gelebt haben. Wir sind nur froh, dass es Andere da draußen gibt, die es nicht gelebt haben müssen, um es zu wissen. Wir hoffen von Herzen, dass wir die Mitglieder dieses Parlaments zu diesen Menschen zählen können werden.

Leider gibt es Einige, die die Prostitution nicht durchlebt haben und Vermutungen über ihr Wesen anstellen, die zum Teil oder vollständig das entwürdigende Wesen der Prostitution verkehren, ignorieren oder abstreiten. Diejenigen, die diese Vorstellungen herbeitheoretisiert haben, fühlen sich berechtigt, ihre Hypothesen an uns wiederzukäuen, als seien sie Fakten. Gesagt zu bekommen, Prostitution sei eine vertretbare Arbeit, von Menschen, die denken, sie hätten genug Bücherwissen, um uns darüber etwas zu lehren, ist schlichtweg beleidigend. Es ist auch absolut unangebracht. Ich habe meine Abschlussarbeit im Studium über Holocaust-Memoiren geschrieben. Ich hatte deswegen nie den Eindruck, dass ich das Recht hätte, das Wesen der Todeslager für deren Überlebende zu analysieren.

Einige von Ihnen – ich denke, das werden die meisten wenn nicht sogar alle von Ihnen sein – die das Schlimmste der Troubles [des Nordirlandkonflikts] durchlebt haben, werden sich mit damit identifizieren können, wie sich eine solche Beleidigung anfühlt. Stellen Sie sich vor, jemand aus der Republik Irland, England, Schottland oder Wales studierte die neueste Geschichte Nordirlands und käme hierher, um Sie darüber aufzuklären. Das ist das, womit wir, die Prostitution gelebt haben, uns jeden Tag konfrontiert sehen. Wir erfahren eine Negierung unserer gelebten Erfahrung von Medizinern, Akademikern, und, am bizarrsten von allen, von einigen in Menschenrechtskreisen, die nicht zu verstehen scheinen, dass Frauenrechte Menschenrechte sind. Wir finden das höchst bizarr, denn ihre Position steht in Konflikt mit mehreren zentralen UN Menschenrechtsgrundsätzen, unter anderem der Konvention zur Unterbindung des Menschenhandels und der Ausnutzung der Prostitution anderer von 1949, in der es heißt, dass

“die Prostitution und das sie begleitende Übel des Menschenhandels zum Zwecke der Prostitution mit der Würde und dem Wert der menschlichen Person unvereinbar sind“

Artikel 6 der UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau von 1979 bringt eine ähnliche Haltung zum Ausdruck. Das UN-Protokoll zur Verhütung, Bekämpfung und Bestrafung von Menschenhandel von 2000 sieht ähnlich Prostitution als Menschenhandel an, wenn sie unter bestimmten Umständen stattfindet. Das Protokoll verurteilt auch die Nachfrage für kommerzielle sexuelle Ausbeutung.

In Bezug auf Lord Morrows Gesetzesvorschlag, ich denke, das Parlament sollte besonders auf die Konvention von 1979 achten, die Unterzeichnerstaaten verpflichtet, alle angemessenen Maßnahmen zu ergreifen, einschließlich gesetzlicher Maßnahmen, um alle Formen des Menschenhandels mit Frauen und die Ausbeutung gehandelter Frauen zu bekämpfen. Es ist bereits bewiesen, dass Gesetze wie das hier vorliegende den Frauenhandel bekämpfen. Ich weiß nicht, ob Politikerinnen und Politiker hier nach Schweden gereist sind, um mit schwedischen Politikern und mit Leuten, die Dienste für prostituierte Menschen anbieten, zu sprechen. Wenn sie das nicht getan haben, dann rufe ich dazu auf, dass ein überparteilicher Ausschuss dorthin reist und selbst sieht, wie das Gesetz funktioniert. Ich habe dieses Thema zwei Mal mit der schwedischen Polizei besprochen und bin auch zwei Mal nach Norwegen gereist. Ich bin vollständig überzeugt, dass dieses Gesetz der einzig vernünftige Weg nach vorne ist. Ich sage das aus vielen Gründen, nicht zuletzt aufgrund der normativen Wirkung, die hier am Werk ist. Eine ganze Generation von jungen Menschen ist nun in einem Schweden aufgewachsen, in dem es als einfach nur schändlich gilt, den Körper einer anderen Person zu kaufen, um sich daran zu befriedigen, und so sollte es auch sein.

Es gibt aber auch solche, die in unseren momentan noch unaufgeklärteren Teil der Welt als eine Art öffentlichen Dienst sehen. Wenn das der Fall ist und Prostitution ein notwendiger öffentlicher Dienst ist, dann lassen Sie mich vorschlagen, dass wir eine Lotteriesystem einführen, das so ähnlich wie Geschworenendienst funktioniert, wo die Frauen dieser Insel nacheinander an die Reihe kommen, Sex-kaufende Männer sexuell zu befriedigen. Es würde von jeder Frau erwartet, dass sie ihre Bürgerinnenpflicht tut und ihre Beine für jeden Mann spreizt, der entscheidet, dass er das Bedürfnis und das Recht hat, sich dazwischen zu legen, und jeder Mann würde sehen müssen, dass man seine Töchter, seine Schwestern, seine Mutter und seine Frau auf diese Art benutzt. Wenn irgendjemand in diesem Raum das flaue, ölige Gefühl der Abscheu empfindet, dass dieser Vorschlag hervorrufen sollte, dann lassen Sie mich ganz direkt sagen, egal welche Haltung sie im Moment einnehmen oder für welche Seite sie hier heute argumentieren wollen, dann verstehen Sie das schädliche und missbräuchliche Wesen der Prostitution. Das tun Sie: Sie haben es gerade gefühlt.

Das ist das Ende meiner Stellungnahme. Ich beantworte gerne Ihre Fragen.

 

Der Vorsitzende: Rachel, vielen Dank für diese Aussagen. Ich möchte nur noch ein bisschen mehr über Sie als Person wissen. Natürlich, Sie haben ein Buch geschrieben, „Paid For: My Journey Through Prostitution“. Zu welchem Zeitpunkt in Ihrem Leben sind Sie in die Prostitution geraten und warum?

Fr. Moran: Ich geriet im August 1991 in die Prostitution, nachdem ich 18 Monate zuvor mein Elternhaus verlassen hatte. Ich verbrachte diese 18 Monate mit Unterbrechungen in Pflegeheimen, Pensionen und in jeder Art Heim, die es so gibt. Ich wurde ständig verlegt, denn so funktionierte das System damals in Dublin. Während dieser 18 Monate war ich abschnittsweise obdachlos, manchmal ein paar Wochen lang, mal ein paar Monate, und ich wusste, dass ich das nicht noch einmal durchmachen konnte. Als ich dann einen jungen Mann Anfang zwanzig traf, der die Idee hatte, wie ich mich selbst versorgen könnte, hatte ich eigentlich nur diese Option oder zurück in die Obdachlosigkeit zu gehen, und tatsächlich war ich zu der Zeit auch obdachlos. Natürlich wusste ich da noch nicht, dass ich viel mehr ihn als mich selbst versorgen würde. Ab diesem Zeitpunkt verbrachte ich sieben Jahre in der Prostitution. Als ich mit 22 Jahren aus der Prostitution herauskam, ging es mir finanziell nicht besser als zu dem Zeitpunkt, als ich anfing. Der einzige Unterschied war, dass ich ein Dach über dem Kopf hatte. Ich hatte auch eine chronische Kokainsucht. Ich fing zwei Jahre später, mit 24, wieder mit meiner Ausbildung an. Ich erzielte gute Leistungen an dem College, an dem ich meinen Schulabschluss nachholte, und im darauffolgenden Jahr sicherte ich mir einen Platz im Journalismus-Studiengang der Dublin City University. Es war kurz danach, ich glaube, im zweiten Jahr, das ich anfing, das Buch zu schreiben. 

Der Vorsitzende: Es ist eine bemerkenswerte Geschichte. Als eine Person, die damals in der Prostitution war und jetzt eine sehr starke  Fürsprecherin für Überlebende ist, unterstützen Sie Lord Morrows Gesetz. Was waren bisher die Konsequenzen für Sie, dafür, dass Sie Ihren Ansichten zum Thema Prostitution so klar und deutlich Ausdruck verleihen?

Fr. Moran: Die erste Sache, die passierte, war, dass etwa eine Woche oder 10 Tage nach meinem Auftritt in der „Late Late Shows“, der zeitlich auf die Veröffentlichung meines Buchs abgestimmt war, meine Wohnungstür von erwachsenen Männern eingehämmert wurde, die schrien, dass sie nach Rachel Moran suchen. Ich war zu dem Zeitpunkt nicht zu Hause. Meine Familie war da – mein Bruder und mein Sohn. Das ging zwei Tage lang so und sie waren außer sich vor Angst. Sie sagten, ihr Auftreten sei extrem aggressiv gewesen und es sei offensichtlich gewesen, dass jemand mir wehtun wollte. Also musste ich die Polizei einschalten. Sie haben das Haus daraufhin ungefähr eine Woche unter Beobachtung gestellt. Es war eine sehr erschreckende Zeit.

Ich habe viel Unterstützung von der irischen Bevölkerung erhalten. Ich habe viel Wohlwollen. Ich habe auch einige wirklich widerliche Erfahrungen gemacht, von denen die schlimmste, abgesehen von diesen Fremden an meiner Tür, das Mal war, als ich vor ein paar Monaten durch einen Tunnel in der Nähe meiner Wohnung lief. Ungefähr fünf junge Männer Anfang oder Mitte zwanzig folgten mir durch den Tunnel, lachten und rissen Witze darüber, wie viel Spaß es machen würde, mich in der Gruppe zu vergewaltigen. Sie sagten „Sie ist eine Prostituierte. Steck ihn ihr rein“ und solche Sachen. Das sollte Frauen in der Prostitution eine ganz deutliche Sicht auf die Erniedrigung sein, die ihnen bestimmt ist.

Hr. A Maginness: Rachel, das war eine sehr bewegende Ansprache und ich danke Ihnen dafür. Sie sagten, dass Sie der Meinung sind, diese Art von Gesetzen – die Kriminalisierung des Erwerbs sexueller Dienste – haben eine normative Wirkung. Könnten Sie das noch etwas näher ausführen? In Ihrem Brief an uns schrieben Sie davon, dass andere Gesetze ähnliche Auswirkungen gehabt haben, was eine Änderung der Einstellungen und Werte angeht, zum Beispiel in Bezug auf Fahren unter Alkoholeinfluss, Rauchen in Gebäuden und so weiter. Könnten Sie diesen Punkt noch etwas ausführen?

Fr. Moran: Natürlich. Ich bin 37, und ich erinnere mich, als ich ein Kind, als ich ein Teenager und Anfang zwanzig war, galt es als hoch amüsant, in ein Auto zu steigen und nach Hause zu fahren, den ganzen Weg im Zickzack, betrunken bis oben hin. Man lachte einfach darüber. Es ist wirklich erst in der letzten Generation – in den letzten 10 oder 15 Jahren – zu einer kompletten Wende in der Gesetzgebung der Republik gekommen ist, sodass es nun als absolute Schande gilt, das zu tun. Wenn heute jemand in solch einem Zustand in ein Auto steigen und nach Hause fahren würde, würde die Person es für sich behalten; sie würde sicherlich nicht in der Öffentlichkeit darüber sprechen. Mit dem Rauchen ist es ähnlich. Man raucht heutzutage einfach nicht mehr am Arbeitsplatz; man würde gar nicht daran denken. Sich einfach eine anzuzünden, in einem Pub oder anderswo, ohne Rücksicht auf andere, würde als extrem ignorant, arrogant, und vieles andere Negative gesehen.

Worauf ich in dem Schreiben an Sie hinaus wollte, ist, dass Gesetzgebung menschliches Verhalten prägt. Sie ist, neben dem Verhalten, das Einzige, das die Ansichten der Gesellschaft ändern und prägen kann. Das ist es, wozu es Gesetze überhaupt gibt, und es funktioniert in Schweden, Norwegen und Island – es funktioniert definitiv. In Schweden würde man eine Person, die für Sex bezahlt, als sehr verzweifelt ansehen. Man würde es so sehen, dass ein Mann seine eigene Männlichkeit in Frage stellen würde, wenn er für Sex bezahlen müsste, und genauso sollte es auch sein, denn das ist es, was er – zusätzlich zu vielen anderen extrem schädlichen Verhaltensweisen – tut. Die normative Wirkung dieses Gesetzes wird riesig sein. Es ist sehr seltsam und interessant für mich, dass es gezeigt worden ist, dass eine Mehrheit der älteren Bevölkerung in Schweden – Menschen in den 50ern, 60ern und 70ern – das Gesetz befürwortet, aber nicht mit der über 80-prozentigen Mehrheit, mit der es junge Menschen tun. Teenager und junge Menschen sind mit dem Gesetz aufgewachsen. So ist es für sie schon immer gewesen. So ist die Welt heute, wie sie sie verstehen.

Hr. A Maginness: Ein Argument, das diejenigen, die gegen Absatz 6 sind, vorbringen, ist, dass Frauen sich freiwillig zur Prostitution entscheiden. Ich weiß, dass Sie sagen, es sei keine freiwillige Entscheidung. Es gibt das Argument, dass zumindest manche Frauen – eine wesentliche Minderheit – in die Prostitution gehen, diese Entscheidung für sich treffen und es ihnen in dem Kontext gut geht. Ich schätze, Sie könnten es das „Glückliche Hure“ Argument nennen. Wie lautet Ihre Ansicht dazu?

Fr. Moran: Ich habe dazu ein paar Ansichten. Die erste ist die, dass ich in sieben Jahren, in allen Aspekten des Sex-Gewerbes – ich bin nicht stolz, es zu sagen, aber ich war überall auf diesem Spektrum – nicht eine Frau getroffen habe, auf die dieses Profil zutrifft. Ich habe nie eine Frau getroffen, die unter Umständen in die Prostitution ging, wo sie eine Reihe realisierbarer Optionen gehabt hätte. Die Leute reden von der Entscheidungsfreiheit, aber sie sollten von realisierbaren Entscheidungen sprechen, denn es gibt einen Unterschied.

Ich bin keine Gesetzgeberin – das sind Sie – aber ich bin mir sicher, es dürfte allen um diesen Tisch herum klar sein, dass Sie, wenn Sie Gesetze machen, diese für die Mehrheit machen müssen. Sie können keine Gesetze für die ein oder zwei Prozent machen, oder sogar für die zwanzig Prozent, welche es, das können Sie mir glauben, definitiv nicht sind. Sie können keine Gesetze für die Minderheit machen. Ich glaube nicht, dass ich jemals auf der Welt ein Beispiel einer Gesetzgebung für die Minderheit gesehen habe. Es ergibt keinen Sinn.

Hr. McCartney: Vielen Dank für Ihre Aussage, Rachel. Wir haben Sie vor Weihnachten getroffen, und ich habe ein Exemplar Ihres Buchs erhalten, wofür ich Ihnen danke. Ihre Aussage ist natürlich sehr bewegend und es handelt sich dabei ja um Ihre eigene sehr traumatische Erfahrung, daher möchte ich mit den Themen sensibel umgehen. Allerdings haben im Laufe der Beweisführung Menschen behauptet, und werden Menschen noch behaupten, dass die Kriminalisierung bisher die Prostitution nicht in den Griff bekommen, sondern sie in Wirklichkeit nur weiter in den Untergrund getrieben habe und Frauen mehr gefährde. Wie denken Sie wird Absatz 6 dieser Entwicklung entgegenwirken oder verhindern, dass das passiert?

Fr. Moran: Als erstes: natürlich werden Sie solche Aussagen von Menschen hören, die nicht wollen, dass dieses Gesetz verabschiedet wird. Die Ergebnisse der schwedischen Polizei zeigen konsistent, dass Menschenhandel in die Prostitution massiv abgenommen hat. Ich habe mich mit Simon Hagström von der Prostitutionseinheit der Stockholmer Polizei getroffen und ihm zugehört, wie er Vorträge über die Situation dort gibt. Ich habe auch in den letzten Monaten einem deutschen Polizeibeamten in Brüssel zugehört. Dieser Mann hat praktisch mit den Händen gerungen über die Situation in Deutschland, die komplett ohne Einschränkungen und außer Kontrolle ist. Es gibt zu viele osteuropäische Teenager und junge Frauen, um sie zu zählen. Sie haben in Deutschland keine Ahnung, was sie tun sollen. Ich bin mir sicher, dass die Länder, in denen die Dinge völlig außer Kontrolle sind, und das sind sie, letzten Endes das nordische Modell in Augenschein nehmen werden müssen. Ausgerechnet in Holland sprechen Politiker darüber, und das sollte eigentlich schon alles sagen.

Es ist eine Tatsache, dass die Menschen immer Beweise anfechten werden, die nicht in ihr Argument passen. Sie werden viel davon hören, und mein Rat ist wie gesagt, in diese Länder zu reisen und es mit eigenen Augen zu sehen. Und reisen Sie ruhig auch nach Deutschland und Holland, wenn Sie einen fairen, ausgewogenen Vergleich suchen. Das wäre eine gute Idee.

Hr. McCartney: Ich war nicht unter den Ausschussmitgliedern, die in Schweden waren, aber meine Kollegin, Rosaleen, die heute nicht hier ist, hat einen Bericht über diesen Besuch geschrieben. Es ist interessant, dass manche Menschen sagen, obwohl der Menschenhandel in die Prostitution abgenommen habe, sei das bei der Nachfrage nach sexuellen Diensten nicht der Fall.

Fr. Moran: Die Nachfrage nach sexuellen Diensten hat in Schweden eindeutig abgenommen.

Hr. McCartney: Das ist der Streitpunkt. Manche sagen, dass habe sie, andere sagen, das habe sie nicht

Fr. Moran: Natürlich werden die Leute sagen, die Nachfrage sei nicht zurückgegangen, aber die Realität ist: wenn Männer wissen, dass der Kauf von Sex kriminalisiert ist, dann wissen sie, dass sie schon mit einem Fuß in Gefängniszelle stehen. Selbst wenn wir die Statistiken nicht hätten, und die haben wir, der gesunde Menschenverstand und die Vernunft sagen einem ja schon, dass Männer weniger gewillt wären, Sex zu kaufen, wenn es kriminalisiert wäre. Es ist Blödsinn, zu behaupten, der Sex-Kauf sei in Schweden nicht zurückgegangen wenn konsistent aus aller Welt Beweise von Freiern gesammelt wurden. Die Boston-Studie ist einen Blick wert; darin wurden 101 oder 102 Sex-kaufende Männer befragt. Die überwältigende Mehrheit sagte, dass das, was sie in Boston vom Sex-Kauf abhalten würde, eine strafrechtliche Verurteilung oder ein Eintrag in der Sexualstraftäterliste wäre. Es ergibt keinen Sinn, so zu tun, als hätte das keine Auswirkungen auf das Verhalten Sex-kaufender Männer.

Hr. McCartney: In Ihrem Buch schreiben Sie von den vielen Frauen, die gezwungen und gehandelt worden sind. Es gibt sehr gute Gesetze zu Zwang und Menschenhandel, aber die scheinen keine Anwendung zu finden. Haben Sie eine Meinung dazu, und warum denken Sie, dass dieses Gesetz, wenn es verabschiedet würde, mit mehr Nachdruck verfolgt werden würde, angesichts des offensichtlichen momentanen Misserfolgs?

Fr. Moran: Es gibt viele Faktoren, manche davon außerhalb meines Verständnisses, warum die existierenden Gesetze nicht effektiver eingesetzt werden. Ruhama hat neulich hier einen Vortrag gehalten, und ich wüsste gerne, ob ihnen dieselbe Frage gestellt wurde. Ich erinnere mich an eine Diskussion, die ich mit Sarah Benson hatte, und sie sprach über die Legalität und darüber, dass auf Menschenhandel so eine hohe Strafe steht. Ich glaube, sie sagte, es gäbe darauf lebenslänglich, was in gewisser Hinsicht die Polizei in der Ausführung ihrer Pflicht hindert. Ich bin mir sicher, das Thema ist umfangreicher, aber so habe ich es verstanden.

Hr. Anderson: Danke, Rachel, dass Sie heute hier vor dem Ausschuss erscheinen und für Ihren bewegenden Vortrag. Der Vorsitzende erwähnte Ihr Buch, „Paid For: My Journey through Prostitution“, in dem Sie davon sprechen, dass Drogen- und Alkoholmissbrauch endemisch seien. Ich weiß, dass Menschen Drogen dazu verwenden können, die schrecklichen Gefühle, die sie bei sexueller Aktivität verspüren, zu betäuben. Wie verbreitet ist Drogenabhängigkeit bei Menschen, die in der Prostitution arbeiten?

Fr. Moran: Sie grassiert absolut überall.  Allerdings gibt es eine Sache, die in den Medien falsch dargestellt wird, und zwar, dass es darum geht, dass junge, heroinsüchtige Mädchen auf die Straße gehen und dass das die Haupteinstiegsroute für junge Frauen in die Prostitution ist, wenn es um Drogensucht geht. Ich habe das gesehen – das gibt es definitiv – aber was ich viel häufiger gesehen habe, waren Frauen, die am Anfang keine Drogensucht hatten und dann in der Prostitution eine entwickelten. Ich war eine dieser Frauen.

Hr. Anderson: Es ist interessant, dass Sie das Wort „grassieren“ verwenden. Das erzählt schon eine Geschichte für sich.

Fr. Moran: Ja, sie grassiert absolut. Wie gesagt, ich habe innen und außen gearbeitet, und wenn ich „indoors“ war, habe ich in Massagesalons und Escort-Agenturen gearbeitet, das ganze Programm.  Die Art und Weise, in der Frauen Drogen missbrauchen, und welche Drogen sie missbrauchen, verschieben sich, wenn sich das Spektrum verschiebt. In der Escort-Prostitution waren die meisten von uns kokainsüchtig. An diesem Ende des Markts gab es nicht allzu viel Heroin. Ich habe das schon immer sehr seltsam gefunden. Ich schätze, es ist in dieser Hinsicht wie überall sonst in der Gesellschaft.

Hr. Anderson: Sie sprachen auch am Anfang davon, dass es einfach unrealistisch sei, in der Prostitution glücklich zu sein. Vor ein paar Wochen hat eine Dame, die vor dem Ausschuss ausgesagt hat, angegeben, dass es ihr tatsächlich Spaß mache, in der Prostitution zu arbeiten. Wie reagieren Sie auf diese Behauptung? 

Fr. Moran: Ich würde sie fragen, wo Frauen wie sie sich versteckt hielten, als ich noch auf dem Strich war. 

Hr Anderson: Das haben Sie einfach nicht gesehen. Sie waren nur unglücklich in der Prostitution.

Fr. Moran: Während meiner Zeit dort habe ich nie eine Frau getroffen, die mir gesagt hätte, sie sei glücklich in der Prostitution. Wir haben vielleicht versucht, den Leuten etwas vorzumachen, und das haben wir, aber wir haben diese Spielchen nicht miteinander gespielt. Wie ich in dem Buch geschrieben habe, manche Lügen sind peinlich offensichtlich.

Hr. Anderson: Sie würden sagen, dass sie gute Miene zum bösen Spiel gemacht haben.

Fr. Moran: Ja. Das habe ich selbst getan, als ich mit etwa 16 oder 17 Jahren interviewt wurde. Ich wollte ganz bestimmt nicht einem Reporter, den ich noch nie im Leben gesehen hatte, die schmerzhaftesten Aspekte meines Lebens erzählen, mit denen ich jeden Tag zu kämpfen hatte. Ich wollte das nicht offenbaren. 

Hr. Anderson: Sie sagten auch, dass für Prostituierte Gewalt Alltag ist. Das ist allgemein. Könnten Sie das für den Ausschuss näher ausführen?

Fr. Moran: Zuerst einmal, Prostitution ist Gewalt, und das ist etwas, über das die Welt sich klar werden muss. Sie ist Gewalt an und für sich. Es gibt auch die Drohung der körperlichen Gewalt, die immer dabei ist und nie verschwindet. Wenn Sie in einer Situation sind, in der ihr Körper von jemand anderem benutzt wird, um seine sexuellen Wünsche zu befriedigen, wenn Sie nicht tun was er sagt, dann haben Sie aus der Sicht dieser Person nicht die bestellte Ware geliefert. Diese Situationen können sehr schnell todgefährlich werden. Allerdings ist die hauptsächliche Gewalt, der eine Frau in der Prostitution ausgesetzt ist, die Drohung der Gewalt und die Tatsache, dass sie ständig Dinge mitmachen muss, die sie nicht tun will und die über die Vereinbarung, die sie eingegangen ist, hinausgehen. In diesem Moment, für diese Zeitspanne, ist ihre Autonomie verschwunden weil sie sie verkauft hat. Das ist in sich selbst ein Akt der Gewalt. Dann sind natürlich die körperlichen Gewalttaten Berufsrisiko. So sieht man es.

Hr. Anderson: Als Folgefrage zum Thema Gewalt: es gibt Menschen, die behaupten, den Kauf sexueller Dienste zu kriminalisieren würde die Prostitution gefährlicher machen. Was ist Ihre Meinung dazu?

Fr. Moran: Vor ein paar Jahren wurde in Norwegen ein Bericht veröffentlicht von einer Gruppe, die an vorderster Front Dienste für Frauen in der Prostitution bietet. Diese Gruppe hieß Pro Sentret. Die Studie kam zu dem Schluss, dass schwere Körperverletzung und Vergewaltigung erheblich gesunken waren aber dass das Haareziehen und Beschimpfen merklich gestiegen waren. Die Gruppe machte eine öffentliche Mitteilung, in der es hieß, die Gewalt in der Prostitution habe zugenommen. Ich weiß nicht, ob das für jemanden hier um diesen Tisch Sinn ergibt, aber für mich ergibt es ganz sicher keinen Sinn. Frauengruppen und Menschenrechtsgruppen in Norwegen haben das sofort bestritten, zurecht, und das Pro Sentret wurde dazu gezwungen, die Mitteilung, die auf ihren eigenen Statistiken basierte, zurückzuziehen. Es ist einfach nicht wahr, dass die Gewalt angestiegen ist. Wie gesagt, wenn der Mann schon weiß, dass er auf der falschen Seite des Gesetzes ist, dann ist es weniger wahrscheinlich, dass er auch noch anfängt, ihr die Seele aus dem Leib zu prügeln.

Hr. Anderson: Ich habe eine letzte Frage. Was für Menschen kaufen Sex? Sind es Männer, die Sie gut behandeln, sind es Männer, die schon eine Frau oder Partnerin haben und so etwas? Ist es die Ausnahme, dass sie an Ihr Wohlergehen denken?

Fr. Moran: Könnten Sie die letzte Frage wiederholen?

Hr. Anderson: Waren solche Männer die Ausnahme, oder waren sie in irgendeiner Weise gut zu ihrem Kunden [sic]?

Fr. Moran: Sie müssen es wieder darauf zurückbringen, dass Prostitution an sich eine Gewalttat ist. Es macht keinen Unterschied, wie sanft der Mann ist, und es macht keinen Unterschied, wie nett er ist. Wenn er für Geld seinen Penis in Sie steckt, dann ist das eine Vergewaltigung [engl. „violation“]. Es fühlt sich an wie eine Vergewaltigung; es wird erfahren und gelebt als eine Vergewaltigung. Die Tatsache, dass man 50 oder 250 Scheine im Geldbeutel hat, kann das nicht im geringsten ausradieren. In Wirklichkeit ist es sogar so, dass das Geld in gewisser Weise der grausamere Aspekt des Vertrags ist, den es bringt ein Gefühl der Schuldhaftigkeit mit sich. Fast keine Frau ist dazu bereit, in der Öffentlichkeit aufzustehen und darüber zu sprechen, wie das ist. Es gibt einen Grund dafür, warum Frauen so lange geschwiegen haben: es ist genau diese Scham und dieser Schmerz, die uns nicht haben sprechen lassen.

Sie haben nach der Art der Männer gefragt. Als ich in den 1990ern in der Prostitution war, waren die Männer, die mich kauften, meist drei oder vier Mal so alt wie ich. Wie gesagt fing ich mit 15 Jahren an. Bis ich 16 war hatte ich schon einen Stammfreier, der 83 Jahre alt war. Sicher, manchmal traf man Männer, die so unwissend waren, das sie das Wesen und die Tragweite dessen, was man durchmachte, nicht verstanden. Das werde ich zugeben: es ist wahr. Allerdings macht es das nicht weniger traumatisch, wenn Sie die Person in dieser Situation sind. Es gibt Männer, die Sex von Prostituierten kaufen, um ihre misogynen, frauenhassenden Fantasien an ihren Körpern auszuspielen. Ich musste das viele Male erleben. Es ist ein Wunder, dass ich hier sitzen und darüber sprechen kann. Aber es ist die Wahrheit. Was die Menschen nicht verstehen – und das kann man ihnen verzeihen, denn sie haben keine Möglichkeit es zu verstehen – ist die Art von Interaktion, mit der man jeden Tag in der Prostitution konfrontiert ist.

Ich hatte einen Freier, der es liebte, mit seinen Zähnen an meinen Brustwarzen zu reißen. Ich war damals 16 Jahre alt. Ich habe diesen Mann absolut gehasst und verachtet. Aber manchmal, wenn man im Winter eine Stunde in der Ecke stand, in der Kälte, und er kam vorbei, dann nahm man, was man kriegen konnte. Viele Jahre später, lange nachdem ich aus der Prostitution heraus war, kaufte ich eines Tages eine Zeitung und sah, dass er dafür verurteilt worden war, dass er einer prostituierten Frau mit den Zähnen die Brustwarzen abgerissen hatte. Der Kick, den er die ganze Zeit davon hatte – die Fantasie, die er um ein Haar an mir ausgespielt hätte – war etwas, von dem ich immer wusste, dass er es in sich hatte. Niemand hätte mir geglaubt, aber der Beweis stand letzten Endes in der Zeitung. Das sind die Menschen, mit denen man es in der Prostitution zu tun hat. Dein Körper ist nur so ein lebendes Ding mit einem Puls, das sie benutzen, um ihre Fantasien auszuspielen. Sie hätten in einen Sex-Shop gehen und eine aufblasbare Puppe kaufen können, die einen Herzschlag und einen Puls hat. Das ist alles was man für sie ist, nichts weiter als das.

Hr. Anderson: Danke, Rachel.

Hr. Wells: Ich muss sagen, Rachel, dass man einen starken Magen braucht, um Ihr Buch zu lesen. Ich bin mir sicher, Sie stimmen mir zu, dass es ziemlich schrecklich ist. Es ist nicht einfach, es zu lesen. Es ist sehr aufschlussreich.

Ich stelle diese Fragen, weil ich es muss, und aus keinem anderen Grund. Es gibt den Gedankengang – das haben wir in Schweden gehört – dass Prostituierte Menschen mit schweren Behinderungen und Lernschwierigkeiten einen Dienst erweisen, und dass die einzige Möglichkeit für sie, eine sexuelle Beziehung zu haben, ist, sie von einer Prostituierten zu kaufen. Sie haben sich bereits darauf bezogen. In Ihrer Erfahrung und in Ihrer Zeit in der Prostitution, kam das häufig vor?

Fr. Moran: In sieben Jahren in der Prostitution hatte ich einen behinderten Freier. Es ist unwahrscheinlich, dass ich in je vergessen werde. Ich war damals entweder 16 oder 17 Jahre alt. Ich weiß das, weil ich in der Waterloo Road gearbeitet habe. Es war bevor die Gesetze von 1993 verabschiedet wurden. Ich habe mich immer an diesen Mann erinnert weil wir in eine Tiefgarage fuhren, die kaum beleuchtet war, weil an der Seite Leisten angebracht waren, die das Licht der Straßenlaternen in Streifen durchließen. Ich wusste, dass das Auto, das er fuhr, irgendwie ungewöhnlich eingerichtet war, aber ich achtete nicht darauf, bis wir aus dem Auto stiegen. Er hatte Krücken, die er zum Gehen brauchte. Ich werde so lange ich lebe nicht die Erfahrung vergessen, vor diesem Mann zu knien, der gegen die Wand gelehnt stand, und der seine Hose herunterließ während ich mit seinem Schritt auf Augenhöhe war. Er hatte die verbogensten, deformiertesten, verzerrtesten Beine, die ich je gesehen hatte oder mir hätte vorstellen können. Wir redeten hinterher darüber, und er erzählte mir, dass er sich als Baby Polio zugezogen hatte, als er mit seinen Eltern irgendwo im Ausland gewesen war. Ich glaube, er erzählte mir, dass sein Vater in Indien gearbeitet hatte, als er klein war. Der Mann war Ende sechzig. Ich werde niemals meinen Schrecken vergessen und die Angst, weil ich nie so eine Deformität gesehen hatte. Es passierte in einer Tiefgarage mitten in der Nacht. Das ist das ganze Ausmaß dessen, was ich mit Männern mit Behinderungen erleben musste. Es gibt vieles, was ich dazu sagen könnte. Wie ich in unserer Stellungnahme sagte, es widersetzt sich jeder Logik, dass eine Randgruppe eine andere um ihrer Gesundheit willen benutzen dürfen sollte.

Hr. Wells: Wir haben auch von einer Vertreterin der International Union of Sex Workers (IUSW) gehört, die sagte, sie sei sehr wenigen Zuhältern oder solchen, die die Prostitution kontrollieren, begegnet. Ihrer Ansicht nach arbeitet die große Mehrheit der Prostituierten freiwillig und ungebunden und verdient dabei Geld. Sie seien vielleicht unter sehr schlimmen Umständen aufgewachsen und dies sei die einzige Art von Einkommen, die ihnen zugänglich ist. Sind Ihrer Erfahrung nach Zuhälter aktiv in der Republik Irland?

Fr. Moran: Lassen Sie mich als erstes sagen, dass es mich amüsiert eine solche Aussage von einer Vertreterin der IUSW zu hören, denn sie ist bekannt, in unserer Terminologie, als die Zuhältergewerkschaft. Es ist komisch, dass jemand von dem, was wir die Zuhältergewerkschaft nennen, Ihnen sagen würde, dass es gar nicht so viele Zuhälter gibt. Sie hat diesen Ruf weil sie vor Zuhältern nur so strotzt. Gibt es viele Zuhälter? Es gibt Anhäufungen von kleinen organisierten Gruppen, und das sagte mir die Leitung der Menschenhandelseinheit in Dublin. Viele von ihnen sind Ausländer, und viele von ihnen sind einheimisch. Sie sind Albaner, Rumänen, Afrikaner. Sie sind von überall – die ganze Bandbreite. Anstatt dass es zwei oder drei große Zuhälterkartelle gäbe, gibt es hunderte von kleineren Operationen, die sechs, acht, zehn oder zwölf Frauen für sich arbeiten lassen.

Ich werde vorsichtig sein, mit dem was ich sage, denn ich will nicht zu viel von den persönlichen Angelegenheiten anderer preisgeben, aber als ich heute Morgen in Belfast ankam, traf ich eine junge Frau, die in dieses Land gehandelt und von Gruppe zu Gruppe verkauft wurde. Ich werde mich später noch einmal mit ihr treffen, und ich bleibe heute Nacht in Belfast. Das Mädchen hat mich vor Kurzem kontaktiert. Sie hat vieles, worüber sie reden muss und viel zu verarbeiten. Ich wünschte, sie säße jetzt neben mir, denn wenn Sie etwas über Zuhälter wissen wollen, dann wäre sie die richtige Ansprechpartnerin.

Hr. Wells: Letztlich: wir werden später von Akademikerinnen und Akademikern hören, die dieses Thema erforscht haben. Haben sie Menschen wie Sie befragt, die aus diesem Gewebe herausgekommen sind und eine ziemlich schockierende Geschichte zu erzählen haben?

Fr. Moran: Das hängt von den Akademikern ab. Manche haben eine Pro-Lobby-Haltung und geben sich alle Mühe, das auch zu beweisen, und geben sich auch alle Mühe, mit den richtigen Leuten zu sprechen, um dazu in der Lage zu sein. Das ist sehr verbreitet. Unglücklicherweise für uns abolitionistische Überlebende nehmen gute 90 % aller Akademikerinnen und Akademiker auf dieser Insel und sonst überall eine Pro-Lobby-Haltung ein. Mein Gefühl, was das angeht, ist, dass es einfach im Trend liegt.

Hr. Wells: Zum Beispiel, hat die Queen’s University oder haben Amnesty International mit Ihnen gesprochen?

Fr. Moran: Nein, nicht im Geringsten.

Hr. Wells: Und doch könnte man Sie als eine der bekanntesten Überlebenden dieses Gewerbes ansehen.

Fr. Moran: Sie würden nicht davon träumen, in meine Nähe zu kommen; ich würde ihnen sagen, was sie nicht hören wollen.

Fr. McGlone: Vielen Dank, dass Sie heute hier sind und dass Sie so offen und ehrlich mit uns sind. Vielem von dem, was Sie sagen, geht etwas darüber voraus, dass etwas zwingend oder verpflichtend war, und etwas von einem Zwang, dieses und jenes zu tun. Für die Durchschnittsperson, wo kommt dieser Zwang in allen Fällen her? Wir haben von dem gehört, was allgemein als das Sex-Gewerbe bezeichnet wird. Wir haben auch in dieser Sache von einigen Menschen gehört, die sagen, es sei eine Lebensentscheidung oder eine Karriereentscheidung. Könnten Sie das für uns klarstellen? Vielleicht ist das falsch gesagt: könnten Sie uns erklären, woher dieser Zwang kommt? In anderen Worten, wenn es eine freie Wahl gibt – oder gibt es überhaupt eine Wahl? Sie haben einen Punkt erreicht, an dem Sie eine Wahl getroffen haben, und Sie waren erfolgreich darin. Sie sind heute das Ergebnis davon. Sie sind ausgesprochen redegewandt und haben zu jener Zeit die richtige Entscheidung getroffen, aus Angst vor dem Ort, an dem sie angelangt waren. Können Sie erklären, wie dieser Zwang oder diese Macht existiert und die Abwesenheit der freien Wahl, die Menschen daran hindert, mit ihrem Leben zu tun, was sie können und die Entscheidungen für ihr Leben zu treffen, die sie wollen?

Fr. Moran: Lassen Sie mich zuerst klarstellen, dass es kein innerer Zwang ist, von dem ich spreche; es ist äußerer Zwang. Zwang ist ein bisschen wie Perlen an einer Schnur: eine führt zur anderen. Als ich erst seit einem Tag in der Prostitution war, fühlte ich mich so schmutzig und befleckt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dasselbe Mädchen wie am Vortag zu sein. Nachdem ein paar Jahre vergangen sind, hat man keine Bildung und keine Möglichkeit, sich einem Arbeitgeber zu empfehlen. Man hat keine Arbeitserfahrung. Man hat niemanden in der Sphäre des normalen Lebens. Als ich aus der Prostitution entkommen war, musste ich mein Adressbuch wegwerfen, weil alle um mich herum prostituierten, Drogen verkauften, Drogenkuriere waren, oder Drogen an Frauen in der Prostitution verkauften. Ich kannte mehrere Zuhälter. Die Menschen in meiner Umgebung und die, in deren Mitte ich aufgrund der Richtung, in die mich mein Leben geführt hatte, gelandet war, redeten nie über Dinge, die in normalen Situationen passieren. Als ich aus der Prostitution herauskam, zum Beispiel, wie ich in meinem Buch beschrieben habe, hatte ich noch nie den Begriff „Erwachsenenbildung“ gehört. Ich wusste einfach nicht, dass man überhaupt eine Chance im Leben hatte, wenn man keinen Schulabschluss hat. Ich hatte nicht einmal mein Inter Cert [„Intermediate Certificate“, Zwischenabschluss nach 3 Jahren Sekundarschulbildung, Prüfung im Alter von 14/15], weil ich im Alter von 14 Jahren von der Schule ausgeschlossen wurde. Das sind die Dinge, die passieren: man fliegt aus einer Herberge, wird aus der Schule ausgeschlossen und ist auf der Straße, und man trifft einen Mann, der eindeutig ausbeuterisch, manipulativ ist, und weiß, was er tut. Man ist fünf, sechs, oder sieben Jahre jünger als er, und man selbst weiß nicht, was man tut. Ich habe diese Geschichte schon so oft gesehen, dass ich aufgehört habe, zu zählen.

Fr. McGlone: Sie sagen also, dass es ein konsistentes Muster des Missbrauchs gibt, Hintergründe und Verbindungen mit Drogen in allen Fällen. Sie sagen, dass die Menschen nicht, wie einige vielleicht behaupten, diesen Weg wählen?

Fr. Moran: Ich habe nicht gesagt, dass das Muster, dass ich am häufigsten um mich herum sah, absolut universell war. Ich habe gesagt, dass die Prostitution voll davon ist, und das ist sie. Wie ich sagte über Frauen, die sagen, sie seien glücklich, es sei ihre Entscheidung, sie wollen damit weitermachen und wollen nicht, dass das Gesetz sie in irgendeiner Weise daran hindert – ich sage wir erlassen keine Gesetze für die Minderheit.

Fr. McGlone: Außerdem, es sind nicht nur Frauen?

Fr. Moran: Es sind hauptsächlich Frauen und Mädchen, aber es sind auch einige Männer und Jungen und Personen, die Transgender sind. Allerdings muss ich sagen, dass ich in den sieben Jahren, die ich in der Prostitution war, nur eine winzige Anzahl von ihnen gesehen habe. Vielleicht ist die Zahl heute ein wenig höher. Es hat aus mehreren Gründen Veränderungen gegeben, in der Art und Weise, wie die Prostitution funktioniert, vor Allem in der Republik, zum Beispiel aufgrund der „Celtic Tiger“ Wirtschaft [Irischer Wirtschaftsboom 1995–2007], und auch aufgrund der virtuellen Prostitution heute. Ich stieg in dem Jahr aus, als das ganze Onlinegeschäft anfing.

 

Hr. Dickson: Vielen Dank für die Information und die sehr persönliche Art, in der Sie sie uns beschrieben haben. Patsy fragte nach der Anzahl der Männer. Haben Sie aus Ihrer Erfahrung irgendeine Ahnung von der Anzahl der Frauen in der Prostitution, die laut Gesetz in Irland Opfer des Menschenhandels sind oder es nicht sind? Wie viele Menschen haben Sie im Laufe der Jahre getroffen, die Opfer des Menschenhandels waren? Um des Arguments willen, zählt Ihre Organisation die Opfer im Vergleich zu denen, die freiwillig in der Prostitution sind?

Fr. Moran: Wir haben keine Möglichkeit, auf diese Art zu zählen. Die Wirklichkeit sieht so aus–

Hr. Dickson: Was ist Ihr Eindruck oder Ihre Erfahrung, was das angeht?

Fr. Moran: Sie müssten mir sagen, wie genau sie Menschenhandel definieren. Dieser Begriff wird unterschiedlich definiert.

Hr. Dickson: Es gibt eine gesetzliche Definition von Menschenhandel. Ich spreche von Menschen die aus gesetzlicher Sicht zur Prostitution gezwungen werden.

Fr. Moran: Das verstehe ich, aber–

Hr. Dickson: Ich versuche mir nur eine Vorstellung von dem Zahlenverhältnis zu machen.

Fr. Moran: Die Organisationen, die sich damit auseinandersetzen, wie Ruhama – soweit ich weiß, haben Sie hier oben nichts derartiges – und die Gardaí [Polizei der Republik Irland] wären bessere Ansprechpartner für Statistiken. Allerdings weiß ich, dass eine riesige Zahl von Frauen in dieses Land kommen, die aus armen Ländern in Südamerika oder anderswoher stammen, und die man davon überzeugt hat–

Hr. Dickson: Dass sie für andere Arbeit hierherkommen.

Fr. Moran: Nein, ich war dabei zu sagen, dass man sie davon überzeugt hat, dass die Form und das Wesen des Sex-Gewerbes, in das sie eintreten werden, sich sehr von der Realität unterscheiden. „Du gehst da hin, und dann musst du ein paar Männer die Woche treffen. Du kannst Englishkurse besuchen, Computerkurse und all das.“ Dann finden sie sich in einem Bordell wieder wo sie täglich acht, neun, zehn Männer bedienen müssen, sieben Tage die Woche. Das ist nach der gesetzlichen Definition kein Menschenhandel, aber ist es fair und gerecht? Diese Frage sollten wir stellen.

Hr. Dickson: Haben Sie Opfer des Menschenhandels gesehen, die in der Zwangsprostitution sind oder effektiv eingesperrt, die ankamen und Ihnen in gewisser Weise ihr Gebiet streitig machten, das Sie damals hatten?

Fr. Moran: Ich erfahre das Meiste, das ich über Menschenhandel weiß, von Frauen, die erst seit ein paar Jahren aus der Prostitution heraus sind. Ich bin seit 15 Jahren aus der Prostitution heraus. Wie gesagt, mit dem Boom in der Republik Irland gab es einen massiven Wandel in der Prostitution. Der Zustrom gehandelter Frauen war ein Teil davon.

Hr. Dickson: Absatz 6 schlägt vor, was als das Schwedische Modell bekannt ist, worin der Käufer der Dienstleistung kriminalisiert ist. Sollten wir diesen Kreis nicht komplett schließen? Sie können von uns nicht erwarten, dass wir glauben, dass alle Prostituierten unschuldig sind und alle Käufer schuldig. Vielleicht sind alle Käufer schuldig; unter dem Schwedischen Modell sind sie es sicherlich. Sollten wir den Kreis nicht schließen und den gesamten Vorgang zu einem kriminellen Vorgang machen? In anderen Worten, sollten wir nicht auch diejenigen, die die Dienstleistung anbieten, kriminalisieren, und nicht nur die, die sie kaufen?

Fr. Moran: Das denke ich nicht, und ich werde Ihnen sagen warum. Es gibt viele Gründe, warum ich das nicht denke. Wenn ich eingestehen würde, dass wir das tun sollten, dann müsste ich eingestehen, dass ich augenblicklich hätte verhaftet werden sollen als ich 18 wurde, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt seit drei Jahren als Minderjährige tagtäglich von den Männern Irlands missbraucht worden war. Was genau wäre an meinem achtzehnten Geburtstag passiert? Hätte eine magische Fee mir sexuellen-Missbrauchs-Feenstaub auf den Kopf gestäubt, um mich von einer missbrauchten Minderjährigen in eine Kriminelle zu verwandeln? Das ergibt keinen Sinn. Ich denke nicht, dass irgendjemand für die eigene Ausbeutung kriminalisiert werden sollte.

Hr. Dickson: Das ist interessant. Danke.

 

Der Vorsitzende: Es gibt keine weiteren Fragen. Rachel, vielen Dank. Dies ist wahrscheinlich eine der schwierigsten Anhörungen gewesen, die wir seit langem hatten, aber es war richtig, dass Sie so offen gesprochen haben. Ich weiß Ihre Aussage vor diesem Ausschuss sehr zu schätzen. Ich finde, Sie sind eine unglaublich mutige Frau, und ich danke Ihnen dafür, dass Sie vor den Ausschuss getreten sind, um den Mitgliedern dabei zu helfen, ein Verständnis der Situation zu entwickeln. Vielen Dank.

Fr. Moran: Danke, dass Sie mir zugehört haben.

“Was Sie Zuhälter nennen, nennen wir die Geschäftsleitung”

Übersetzt aus dem Englischen

Veröffentlicht im Original von Cath Elliott auf toomuchtosayformyself.com am 7.2.2014 (mit Audio-Aufnahmen des Interviews)

 “Was Sie Zuhälter nennen, nennen wir die Geschäftsleitung.”

 

Dieses Zitat stammt von Douglas Fox:

Wie ihr vielleicht bemerkt habt, ist unser alter Freund Douglas Fox wieder in den Nachrichten, diesmal damit, dass er sich Amnestys neue Position, entschuldigt, Konsultation, zur Entkriminalisierung von „Sexarbeit“ zuschreibt. Amnesty wollen sich offensichtlich verzweifelt von ihm distanzieren – tatsächlich wollen sie sich so verzweifelt von ihm distanzieren, dass sie inzwischen zwei verschiedene Mitteilungen veröffentlich haben, in denen erklärt wird, dass er nichts mit der neuen Position, Verzeihung, Konsultation, zu tun hatte:

Douglas Fox and Amnesty International

Amnesty UK AGM’s Decisions on sex work to date

Fox hat inzwischen zugegeben, dass er 2008 damit beschäftigt war, seine Unterstützer im „Sex-Gewerbe“ dazu aufzufordern, de Amnesty beizutreten und von innen Lobby zu betreiben, um die Positionierung zum Thema „Sexarbeit“ zu bekommen, hinter der er her war.

Der Name Fox ist auch im Zusammenhang mit seinem Beitrag zur Amnesty-Position, Verzeihung, Konsultation, im nordirischen Parlament gefallen, wo ein Justizausschuss des Parlaments im Rahmen eines Gesetzesvorschlags, den Sex-Kauf zu kriminalisieren, um den Menschenhandel zu reduzieren, eine Anhörung von Beweismaterial durchführt.

Angesichts all dieses neuerlichen Interesses an Fox dachte ich mir, dass es höchste Zeit ist, meine Sachen in Ordnung zu bringen und etwas mit den fast 2 Stunden Interviewaufnahme, die ich seit dreieinhalb Jahren auf meinem Computer habe, anzufangen. Ein Interview, dass Julie Bindel und ich im Juni 2010 mit Fox führten und welches Material lieferte für Julies jüngstes Exposé der IUSW – de Eine Gewerkschaft, die keine ist (An Unlikely Union) – und über das Fox selbst auf Harlot’s Parlour schrieb, unter der charmanten Überschrift „Julie Bindel is my Bitch“.

Das Interview fand in einem Restaurant während dem Essen statt, ich entschuldige mich also für die schlechte Qualität der Aufnahme an einigen Stellen und den schrecklichen Soundtrack im Hintergrund: das war definitiv nicht unsere Musikauswahl! Fox brachte einen Kollegen zu dem Interview mit, vordergründig um Notizen zu machen (auch wenn er das Ganze auch aufzeichnete), und ich vermute mal um ihn vor den schlimmen Radikalfeministinnen zu beschützen, und daher hört man manchmal in der Aufnahme eine vierte Stimme. Da er eigentlich nicht Teil des Interviews war und um seine Identität zu schützen, habe ich ihn in dem Transkript des Interviews nur als „R“ bezeichnet.

Ich habe exzerpiert, was ich für die interessantesten und relevantesten Teile des Interviews halte, und unter jedem Abschnitt gibt es ein Transkript, aber es gibt am Ende auch Links zum vollen Interview und dem vollen Transkript für alle, die das Ganze komplett durchgehen wollen. Die einzigen Teile, die herausgeschnitten wurden, sind die, in denen wir Essen bestellen oder über Essen reden, denn ich vermute mal, das will wirklich überhaupt niemand hören.

Also, nun zur Sache.

Zuerst einmal haben wir hier Fox, wie er versucht, den Unterschied zwischen der IUSW und dem GMB/IUSW Adult Entertainment Branch zu erklären, und behauptet, in keiner der beiden Organisationen Vertreter, Sprecher oder Inhaber einer Position zu sein:

JULIE BINDEL: Meiner Meinung nach ist der Kampagnen-Flügel der IUSW keine Gewerkschaft, so wie wir Gewerkschaften kennen, er ist eine Kampagnen- und Lobby-Gruppe. Also habe ich mich gefragt, wie viele Menschen wohl wenn sie z.B. Catherine Stephens oder Thierry oder Sie sprechen hören, sich von Ihren Argumenten, dass es ja um den Schutz der Arbeiter ginge, überzeugen lassen würden, wenn Sie eigentlich keine Gewerkschaft sind.

DOUGLAS FOX: Nun, die IUSW hat zwei Seiten. Es gibt die IUSW Aktivistengruppe. Und dann gibt es den IUSW London Adult Entertainment Branch. Äh, welches die GMB ist. Das sind zwei sehr unterschiedliche Gruppen.

CATH ELLIOTT: Aber, sie sind’s aber sie sind’s nicht.

DOUGLAS FOX: Sie sind zwei sehr verschiedene Gruppen. Wir haben unsere eigene, die IUSW hat ihre eigene Verfassung, während der GMB Adult Entertainment Branch den Regeln der GMB folgt und ein Zweig der GMB ist.

CATH ELLIOTT:  Aber gehören nicht beiden dieselben Leute an?

DOUGLAS FOX: Oh, es gibt eine Überschneidung bei den Kernmitgliedern der beiden. Aber ich denke, ich meine, ich bin sehr sehr vorsichtig wenn ich als Aktivist der IUSW spreche dann spreche ich als Aktivist der IUSW und nicht für den GMB-Zweig. Thierry ist sehr in der GMB und im Gewerkschaftswesen involviert, also spricht er meist eher für die GMB. Ich denke wenn Sie mit ihm geredet haben, dann hat spricht er mehr für die GMB. Ich weiß dass Cath sehr, sie ist Geschäftsführerin des GMB-Zweigs, ich denke sie achtet sehr darauf, deutlich zu machen, dass sie wenn sie für die IUSW spricht, als Aktivistin für die IUSW spricht und nicht als Geschäftsführerin des GMB-Zweigs, außer es gibt einen bestimmten Grund für sie das zu tun, wie zum Beispiel als vor kurzem Briefe direkt an David Cameron etc. gesendet wurden, dann wird das natürlich als Zweig gesendet. Das sind also zwei sehr getrennte Dinge.

JULIE BINDEL: Aber Menschen, die Sie reden hören, wegen Ihrem Namen und wegen der Dinge, die gesagt werden, werden glauben, dass Sie eine Gewerkschaft wie jede andere Gewerkschaft sind, obwohl Sie eigentlich eine Kampagnen- und Lobby-Gruppe sind. Und ich schätze, da drängt sich die Frage auf, warum haben Sie das Wort „union“ (Gewerkschaft) verwendet? Warum nicht SexarbeiterInnen-Vertr– ich weiß nicht, was für Namen Sie sich geben könnten.

DOUGLAS FOX: Also das, die IUSW wurde gegründet, lange bevor ich überhaupt beigetreten bin. Und obwohl ich ein Aktivist bin, bin ich kein Vertreter. Ich habe keine Position innerhalb der IUSW oder im GMB-Zweig.

JULIE BINDEL: Aber Sie werden oft als deren Gesicht wahrgenommen, nicht wahr, Ihrem Profil bei Comment is Free nach zu urteilen.

CATH ELLIOTT:  Sie werden als ein Sprecher gesehen.

DOUGLAS FOX: Naja, das ist weil eigentlich jeder, der aufsteht und spricht, es gibt nicht viele von uns die wirklich aufstehen und für SexarbeiterInnen-Rechte sprechen. Natürlich sieht man uns als Sprecher ob wir die Gruppe vertreten oder nicht. Aber wenn ich spreche, dann spreche ich als Individuum und nicht als Vertreter der IUSW.

CATH ELLIOTT:  Aber das, was Sie auf Comment is Free geschrieben haben, Ihr Profil war…

DOUGLAS FOX: Naja, Comment is Free, ja, ich wurde bei dieser Gelegenheit spezifisch gebeten, von einer IUSW-Perspektive zu sprechen, aber die meisten Dinge, die ich tue, wie Harlot’s Parlor etc., da spreche ich als ich selbst und nicht als Vertreter der IUSW. Ich habe keine Position in der IUSW. Ich kann das also nicht.

CATH ELLIOTT:  Aber hatten Sie das mal? Hatten Sie das mal in der Vergangenheit? Ich meine, ist das etwas Neueres oder hatten Sie das nie?

DOUGLAS FOX: In der IUSW?

CATH ELLIOTT:  Ja. Hatten Sie nie eine Position?

DOUGLAS FOX: Die einzige Position die ich habe, ich bin der Schatzmeister, das ist alles.

CATH ELLIOTT:  Ah ja.

Hier ist Fox noch einmal später im Interview, wo er noch einmal behauptet, kein Vertreter oder Sprecher zu sein – obwohl er die Kommentare auf seinem Blog mit Douglas Fox (IUSW und Amnesty International Aktivist) signierte – und noch einmal behauptet, keine Position in der IUSW zu haben:

JULIE BINDEL: Aber worum drehte sich den der eigentliche Streit innerhalb der IUSW? Waren es die üblichen Machtkämpfe oder ging es mehr darum, wie es aussehen würde, wenn Sie Sprecher für ein Gewerbe sind, das, Sie wissen schon, voll mit Leuten ist, die nicht sind wie Sie?

DOUGLAS FOX: Ich habe nie für die IUSW gesprochen außer vielleicht in dem einen Artikel den ich gebeten wurde, für Comment is Free zu schreiben. Ich spreche immer als Einzelperson.

JULIE BINDEL: Ich dachte es hätte mehrere Anlässe gegeben, wo Sie–

DOUGLAS FOX: Ich habe pro-IUSW-Artikel geschrieben aber aus einer individuellen Perspektive und nicht mit irgendeiner Vollmacht der IUSW.

CATH ELLIOTT: Haben Sie nicht an einer Amnesty International Konferenz gesprochen?

DOUGLAS FOX: Nein, als einzelner Sexarbeiter. Ich habe keine Position als Vertreter der IUSW außer bei der einen Gelegenheit als ich gebeten wurde, einen kurzen Beitrag für Comment is Free zu schreiben.

JULIE BINDEL: Sind Sie also noch Mitglied der GMB und der IUSW?

DOUGLAS FOX: Äh, ich bin noch bei der IUSW als Aktivist. Und ich bin noch Mitglied bei der GMB, ja.

Und hier behauptet er wieder, unabhängig zu sein.

CATH ELLIOTT:  Behaupten Sie, dass sie keine Position außer Schatzmeister haben und Sie sind kein Sprecher, aber man hat Sie interviewt und Sie haben gesagt, als Sie gerade in der Gründung begriffen waren, Sie haben gesagt, Sie wollten einen Gewerkschaftszweig für Escorts gründen.

DOUGLAS FOX: Nicht für meine Escorts, ich habe gesagt für die Agentur, dass wir gerne einen Zweig gegründet hätten, einen getrennten IUSW-Zweig, einen IUSW GMB Zweig, ja.

CATH ELLIOTT:  Die Agentur?

DOUGLAS FOX: Naja durch die Agentur aber als getrennter Zweig für SexarbeiterInnen im Nordosten, ja. Das wäre das Ideal gewesen.

CATH ELLIOTT: Und haben Sie denn Mitglieder für die IUSW rekrutiert? Waren Escorts dabei?

DOUGLAS FOX: Ich glaube es sind einige Mitglied geworden, ja.

CATH ELLIOTT:  Haben Sie also einen Zweig?

DOUGLAS FOX: Es ist kein Zweig. Die GMB im Moment, soweit ich das verstehe, erlaubt im Moment keinen anderen Zweig als den Londoner Zweig. Also denke ich sind wir alle Mitglieder des Londoner GMB-Zweigs.

CATH ELLIOTT: Aber Sie sagten, Sie sind kein Sprecher oder Vertreter der IUSW, und doch gehen Sie auf, Sie waren auf Punternet und Northern Pleasuers und all diesen anderen Freier-Foren und haben um Spenden gebeten, Ratschläge verteilt, versucht Leute als Mitglieder für die IUSW zu rekrutieren. Wie passt das zusammen wenn Sie kein Vertreter oder–

DOUGLAS FOX: Weil ich Aktivist bin. Also, als Aktivist will ich, dass so viele Leute wie möglich bei uns Mitglied sind.

CATH ELLIOTT:  Aber sehen Sie, wie das rüberkommt, weil Sie so lautstark sind und Sie und Catherine Stephens sind die zwei, und jetzt natürlich noch Thierry, aber ich denke wir verstehen, dass Thierry GMB ist, aber wie das rüberkommt, dass die Menschen Sie jetzt automatisch mit der IUSW assoziieren. Sie als Sprecher sehen.

DOUGLAS FOX: Ich denke das ist unausweichlich, ja, ich stimme zu, aber es gibt einen Unterschied zwischen für etwas gehalten werden und tatsächlich etwas sein.

JULIE BINDEL: Aber wenn Sie so ein Aktivist für die IUSW sind, warum haben Sie dann keine Position? Sie investieren schließlich viel Arbeit und Zeit.

DOUGLAS FOX: Weil ich das schon erklärt habe. Ich will komplett unabhängig sein. Und falls ich irgendwann mal die IUSW oder den GMB-Zweig kritisieren will, dann will ich sie kritisieren können.

Und hier nun Fox wie er zugibt, dass er in Wahrheit die einzige Person ist, die in der IUSW eine offizielle Position jeglicher Art hat. Und er versucht, den Unterschied zwischen der IUSW und dem GMB Adult Entertainment Branch zu erklären. Schon wieder.

CATH ELLIOTT: Aber die IUSW, wie ist die denn nun aufgebaut, Sie sagen Sie haben keine Position, aber es gibt doch Positionen, es gibt so etwas wie eine Führungsriege, eine Leitung. Wird sie nicht von einem Komitee geleitet?

DOUGLAS FOX: Die Verfassung hat ein Komitee eingerichtet. Also gibt es ein Komitee, das sich um die alltägliche Organisation kümmert, und dann gibt es den Schatzmeister.

CATH ELLIOTT:  Sind Sie in dem Komitee?

DOUGLAS FOX: Nein, das bin ich nicht.

CATH ELLIOTT:  Waren Sie es?

DOUGLAS FOX: Man wollte mich nominieren, aber ich habe abgelehnt. Also habe ich es nicht gemacht. Da Thierry auch nicht im IUSW-Komitee ist, er dachte es würde einen Interessenkonflikt geben wenn er der Präsident des GMB-Zweigs und der IUSW ist.

CATH ELLIOTT:  Also es gibt ein Komitee, tut mir Leid, ich werde bei diesen Sachen immer ganz genau und theoretisch, es gibt also ein Komitee mit 6, 7, 8, keine Ahnung, ich pflücke hier nur mal Zahlen aus der Luft, und dann gibt es den Schatzmeister, aber das sind die einzigen Positionen?

DOUGLAS FOX: Ja.

CATH ELLIOTT:  Das heißt Sie sind in Wirklichkeit die einzige Person in der IUSW, die eine Position hat?

DOUGLAS FOX: Ich schätze so könnten Sie argumentieren! (lacht)

JULIE BINDEL:  Daran haben Sie nicht gedacht, was?

DOUGLAS FOX: Äh, doch. Ich kontrolliere die Finanzen. Nicht, dass es viel Geld gibt.

JULIE BINDEL: Vermutlich überleben Sie durch Ihre Spenden, durch Mitgliedschaften und Spenden?

DOUGLAS FOX:  Durch Spenden eigentlich. Es gibt keine Mitgliedschaft.

JULIE BINDEL: Mitgliedschaft geht natürlich an die GMB.

DOUGLAS FOX: Mitgliedschaft geht an die GMB. Die meisten Mitglieder der GMB so wie ich zahlen monatlich eine Gebühr wie alle Gewerkschaftsmitglieder und die geht an den GMB-Zweig. Die IUSW sammelt Geld durch Fundraising, durch hier und da mal eine Spende. Wir überleben mit sehr wenig.

CATH ELLIOTT:  Weil dann gibt es da diese ganze, wenn man Mitglied der GMB ist, wir hatten diese Diskussion am Anfang, dass die Mitgliedschaft sich bei beiden ja meist überschneidet, dass viele Leute bei beiden Mitglied sind.

DOUGLAS FOX: Nicht alle sind das. Nicht alle sind das, aber viele Leute sind Mitglied bei beiden.

CATH ELLIOTT:  Jetzt sagen Sie, es gibt keine Mitgliedschaft bei der IUSW.

DOUGLAS FOX: Nein, der GMB-Zweig.

JULIE BINDEL: (Lacht) Du hast es nur schlimmer gemacht, Cath. Ich dachte, du hast es.

CATH ELLIOTT: Das dachte ich auch, jetzt hab ich’s nicht mehr, jetzt ist es wieder weg.

DOUGLAS FOX: Es ist ganz einfach. Für den GMB-Zweig gibt es eine Mitgliedschaft bei, das ist die Mitgliedschaft bei der GMB. Die IUSW ist die Aktivismus-Liste, welche von Aktivisten ist, die auf der Liste sind…

JULIE BINDEL: Es ist eine Liste, keine wirkliche Mitgliedschaft.

DOUGLAS FOX: Ja, und die die Grundsätze der IUSW unterstützen.

Inzwischen ist es in etwa so klar wie dicke Tinte, oder?

Aber zurück zum Zitat am Anfang: hier ist Fox über die gewerkschaftliche Zusammenschließung von Zuhältern:

DOUGLAS FOX: Aber Sie haben nach der gewerkschaftlichen Organisation der GMB gefragt. Ich meine, aus meiner persönlichen Sicht, ich unterstütze die Position, dass sie alle vertreten, die stigmatisiert oder kriminalisiert sind. Für mich ist Teil der Gewerkschaften, Menschen zu vertreten, die unterdrückt sind und Menschen, die stigmatisiert sind und Menschen, die außerhalb der Gesellschaft sind. Das ist schon immer ein Teil der gewerkschaftlichen Organisation gewesen, soweit ich das verstanden habe, definitiv aus einer Menschenrechtsperspektive.

JULIE BINDEL: Naja, außer dass mir Menschen einfallen, die stigmatisiert und kriminalisiert sind, wie Kindesmissbraucher, denen wir wirklich keine Vertretung geben sollten, oder uns mit Menschenrechtsargumenten auseinandersetzen, warum sie nicht kriminalisiert werden sollten.

DOUGLAS FOX: Aber wir sprechen von SexarbeiterInnen, die als Erwachsene einwilligen…

JULIE BINDEL: Aber Zuhälter sind kriminalisiert und stigmatisiert, da gibt es keine Frage, aber was bedeutet das?

CATH ELLIOTT:  Sind Sie der Meinung, die IUSW sollte sie repräsentieren?

DOUGLAS FOX: Alle, die stigmatisiert und kriminalisiert sind, sollten eine Vertretung haben und gewerkschaftlich organisiert sein.

JULIE BINDEL: Also haben Sie gerade gesagt, ja, Sie denken wir sollten Gewerkschaften für Zuhälter haben.

DOUGLAS FOX: Was Sie Zuhälter nennen, nennen wir die Geschäftsführung (engl.: „managers“)

JULIE BINDEL: Also glauben Sie nicht, dass Zuhälterei existiert oder glauben Sie, Zuhälter müssen schwarz sein und einen Filzhut tragen?

DOUGLAS FOX: Könnten Sie definieren, was ein Zuhälter ist?

JULIE BINDEL: Einen Profit daraus machen, dass Frauen Sex verkaufen.

DOUGLAS FOX: Diese Definition ist das gleiche wie Prostitution. So wie wir das sehen, sollten alle in diesem Gewerbe eine Vertretung haben. Und das schließt Menschen ein, die leitende Angestellte sind. Und die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, Erwachsene zu vertreten, die sich dazu entscheiden, sie darum zu bitten, sie zu vertreten.

Und hier ist er, wie er abstreitet, dass so etwas wie Zuhälterei überhaupt existiert:

JULIE BINDEL: Ich denke Prostitution kann für viele, viele Frauen eine hässliche Erfahrung sein, und ich finde, dass Wort Zuhälter (engl.:„pimp“) sollte hässlich sein, denn es ist eine sehr, sehr hässliche Tätigkeit. Ich habe kein Problem damit, ich meine, was ich an dem Wort „pimp“ hasse, ist dass es für Kaffee und Autos und solche Sachen verwendet wird. Dann hasse ich es, aber denken Sie, es gibt Zuhälterei? Sogar nach Ihrer Definition in der Industrie?

DOUGLAS FOX: Das habe ich schon beantwortet.

JULIE BINDEL: Das haben Sie nicht.

DOUGLAS FOX: Ich habe diese Frage beantwortet. Ich habe gesagt, dass es eine Vielfalt von Erfahrungen innerhalb der Industrie gibt. Manche Leute haben gute Erfahrungen. Manche Leute haben vielleicht nicht so gute Erfahrungen. Wie kann ich sie sonst beantworten?

JULIE BINDEL: Sie könnten einfach ja oder nein sagen.

DOUGLAS FOX: Nun, das werde ich nicht.

Aber ob er nun glaubt, dass Zuhälterei existiert oder nicht, Douglas Fox ist der Meinung, dass alle, die Geld an der Prostitution verdienen, einschließlich seines Escort-Agentur-besitzenden Partners, „SexarbeiterInnen“ sind und vermutlich daher ein Recht auf Mitgliedschaft in der GMB-Gewerkschaft haben:

JULIE BINDEL: Aber warum sollten Sie verschwiegener sein, wenn es darum geht, zu sagen, dass Sie stolzer Sexarbeiter sind, als wenn es um Ihre stolze Assoziation mit etwas geht, das viele von uns als den Verkauf von Frauen, Zuhälterei und illegalen Prostitutionsgeschäften sehen?

DOUGLAS FOX: Es ist ja kein Verkauf von Frauen und keine Zuhälterei, es ist Management.

JULIE BINDEL: Ja, aber Sie wussten, dass viele Zuschauer es so sehen würden, denn Sie haben das Aufhebens ja in der Sendung wo Sie, wo John als Internet-Zuhälter bezeichnet wird, und wo es eine verdeckte Operation gab. Also wussten Sie, dass viele Zuschauer das sagen würden. Sie sind offensichtlich nicht der Meinung. Aber ich kann einfach nicht verstehen, warum es so ein Geheimnis oder so versteckt war, dass Sie Sexarbeiter sind. Denn ich persönlich glaube nicht, dass Sie Sexarbeiter sind. Ich denke, das dient Ihnen einfach als Berechtigung, für Menschen zu sprechen, die aktiv verkaufen anstatt zu managen, wenn Sie wissen was ich meine.

DOUGLAS FOX: Also, ich kann Ihnen versichern, ich bin Sexarbeiter, ich verkaufe Sex. Ich manage keine SexarbeiterInnen. Mein Partner macht das, und das ist sein Job. Ich habe damit nichts zu tun. Wenn ich mich öffentlich dazu bekennen würde, all so etwas ist öffentlich sehr schwierig. Wir waren schon 18 Monate lang in den Regionalzeitungen. Alle wussten, was wir tun. Äh, meine Familie wusste, was ich tue. Äh, aber, ich hatte zu diesem Zeitpunkt mich noch nicht öffentlich als richtiger, wenn Sie so wollen, ich meine, ich denke, John ist genauso viel Sexarbeiter wie ich Sexarbeiter bin, aber ich hatte mich noch nicht öffentlich dazu bekannt, Sexarbeiter an vorderster Front zu sein, also mit Kunden zu sprechen und Termine zu haben.

JULIE BINDEL: Ah ja.

CATH ELLIOTT:  Warum meinen Sie, John sei Sexarbeiter?

DOUGLAS FOX: Ich finde, jeder, der mit Sexarbeit Geld verdient, ist ein Sexarbeiter.

Beschämenderweise scheint es so, als würde die GMB ihm da zustimmen:

DOUGLAS FOX: Sie deckt ein ganzes Spektrum von Menschen ab. TänzerInnen, Stripper, wie Sie sagen, Menschen, die in Pornos und Prostitution arbeiten, sie deckt alle ab, die in dem, was allgemein als Sexgewerbe bezeichnet wird, arbeiten.

JULIE BINDEL: Aber würden Sie zum Beispiel einen Pornoregisseur annehmen, denn das ist das Gleiche wie ein Besitzer oder Geschäftsführer einer Escort-Agentur, und würden Sie einen Sex-Shop-Besitzer annehmen?

DOUGLAS FOX: Der GMB-Zweig? Nun, soweit ich die momentane Mitgliedschaft bei der GMB verstanden habe, sind es die Regeln der GMB, nicht unsere Regeln, es ist die GMB.

JULIE BINDEL: Es kommt mir absolut verrückt vor. Das ist einfach nicht wie irgendeine andere Gewerkschaft, die mir je untergekommen wäre. Wir reden jetzt von der GMB, nicht der IUSW, die mir wie der Kampagnen–

CATH ELLIOTT: Ich verstehe immer noch nicht–

JULIE BINDEL: Nicht?

JULIE BINDEL: Ich habe noch nie davon gehört, dass Gewerkschaften so organisiert wären. Die Mitgliedschaft, es überrascht mich wirklich, dass man da beitreten kann als, und wir hatten das vorhin schon, als Besitzer eines Sex-Shops, als Besitzer eines Strip-Clubs, als Besitzer einer Escort-Agentur, als Pornoregisseur, und dann als Akademiker, Freier, wie verrückt ist das, Freier?

DOUGLAS FOX: Aber das ist nicht unsere Schuld. Sie müssen da mit der GMB über ihre Regeln zur Mitgliedsaufnahme reden.

JULIE BINDEL: Aber Sie sind so eng verbunden, dass Sie offensichtlich…

DOUGLAS FOX: Die IUSW ist in der GMB ein kleiner Zweig in der, was ist sie nochmal, die drittgrößte Gewerkschaft im…

Hier ist das vollständige Interview (siehe Original-Link)

Hier ist das vollständige Transkript – Fox interview

Interessanterweise sieht man, wenn man die ersten paar Minuten dieses Nachrichtenbeitrags sieht, dass laut Laura Lee die IUSW, die laut Fox angeblich eine Listen- und keine Mitgliedschaftsorganisation ist, anscheinend eine Mitgliedschaft von 10 Personen hat. Ja, richtig gelesen, zehn Personen — Committee is briefed on trafficking bill.

Ich bin sicherlich nicht die Einzige, die jetzt ein paar Fragen nicht nur an Amnesty UK hat, sondern auch an die GMB. Zum Beispiel, Amnesty haben auf Twitter behauptet, sie würden “SexarbeiterInnen”-Organisationen in Großbritannien befragen, um ihre neue Position zu formulieren: wird diese Befragung die IUSW einschließen und damit ihre Mitgliedschaft von 10 AkademikerInnen/AktivistInnen/jegliche-interessierte-Partei-die-eigentlich-gar-kein/e-SexarbeiterIn-ist? Oder den GMB Adult Entertainment Branch, von dem Fox bereits zugegeben hat, dass er alles und jeden mit einem Interesse an der Sex-Industrie aufnimmt, von Pornoregisseuren bis hin zu Freiern?

And für die GMB muss die Frage lauten, wie viele Mitglieder gibt es im London Adult Entertainment Branch, und wen genau im Gewerbe vertreten sie, die ArbeiterInnen oder die Bosse und die Freier?

Für mehr Hintergrundinformationen und für mehr von mir über Fox, die IUSW, die GMB und die Prostitutionsdebatte, siehe:

The great IUSW con

Douglas Fox gets it wrong again

The IUSW playing dirty? Surely not!

Sex workers are not criminals

What does the Fox say? Die Strategie eines Super-Zuhälters für Amnesty International

Übersetzt aus dem Englischen
Veröffentlicht im Original von Martin Dufresne auf facebook.com/martindufresne am 31.1.2014

fr Siehe https://www.facebook.com/martindufresne/notes für viele französische Übersetzungen zum Thema Prostitution/Abolition, Amnesty

What does the Fox say? Die Strategie eines Super-Zuhälters für Amnesty International

In The Equality Illusion: The Truth About Women and Men Today, identifiziert Kat Banyard Douglas Fox als „Gründer und Geschäftspartner bei Christony Companions – einer von Großbritanniens größten Escort-Agenturen“ (S. 140). In einer Mitteilung vom April 2008 machte Fox weder einen Hehl aus seinem wachsenden Einfluss innerhalb von Amnesty International noch aus seinen Plänen, sie von der „kompletten Entkriminalisierung“ des Frauen-„Markts“ zu überzeugen – will heißen, Escort-Agenturen, Zuhälter, Prostitutionskäufer, etc.

„…Wir müssen sie gnadenlos verfolgen und sie auf unsere Seite bringen, eigentlich sind sie das sowieso schon, sie brauchen nur einen kleinen Schubs in die richtige Richtung…“

“Titel: Bericht von der Amnesty-Konferenz
Eintrag von: Douglas am 07. April 2008, 08:24:09
Die Amnesty International Jahreshauptversammlung 2008 in Nottingham.

Für diejenigen, die es nicht wissen, ich bin Mitglied bei Amnesty International und Aktivist in der Amnesty-Gruppe in Newcastle, die meine Kampagne für die Rechte von SexarbeiterInnen sehr unterstützt hat. Dieses Jahr hat unsere Gruppe in Newcastle bei der Konferenz den Antrag gestellt, dass Amnesty sich zu SexarbeiterInnen-Rechten positioniert. Der Antrag rief Amnesty dazu auf, die Europaratsresolution 1579 zu unterstützen, die besagt, Mitgliedstaaten sollen den Unterschied zwischen erzwungener und nicht erzwungener Sexarbeit anerkennen, und sollen außerdem SexarbeiterInnen zu allen Entscheidungen, die sie betreffen, befragen. Dieser Antrag verlangt auch, dass Amnesty SexarbeiterInnen in ihrem Kampf für Entkriminalisierung unterstützt, da dies der einzige Weg ist, SexarbeiterInnen vor den negativen Auswirkungen eines kriminellen Markts zu schützen, der sie stigmatisiert und entfremdet. Um zu zeigen, dass diese Forderung mit den grundlegenden Prinzipien Amnestys in Bezug auf die Gewissensfreiheit und die freie Meinungsäußerung übereinstimmt, habe ich mich auf die Brüsseler Erklärung über die Rechte von SexarbeiterInnen in Europa bezogen, die zur Anerkennung der Menschenrechte von SexarbeiterInnen aufruft. Ich habe mich auch auf Artikel 23 der Menschenrechtserklärung bezogen, der das Recht auf freie Berufswahl, das Recht, Gewerkschaften zu gründen, und das Recht auf Freiheit von Diskriminierung enthält.

All dies sollte für Amnesty eigentlich nicht kontrovers sein, aber Amnesty International hat aufgrund der jüngsten Geschichte zwei Hauptgründe, dies nicht zu bald zu unterstützen. Amnesty hat gerade einen dreijährigen kontroversen Kampf um einen Antrag zur Unterstützung des Rechts auf Abtreibung für Frauen hinter sich. Einige bei Amnesty fanden, dass dies einer Pro-Choice-Haltung gleichkäme und Amnesty wurde von der Katholischen Kirche und muslimischen Gruppen verurteilt. Venezuela und Irland weigerten sich, Kampagnen zu machen, und viele Einzelmitglieder verließen Amnesty. Das Thema wurde bei dieser Konferenz wieder besprochen und wieder war es sehr spaltend. Der Amnesty Verwaltungsrat schlug einen Kompromiss vor (gegen den ich stimmte, da ich pro-choice bin) der besagte, dass Amnesty nur Abtreibung unter bestimmten Umständen befürworten würde und dass einzelne Mitglieder oder sogar Länder sich weigern könnten, sich an Kampagnen zu beteiligen. Dieser Kompromiss wurde letztendlich angenommen. Das zweite Problem ist, dass sich Amnesty (in mancher Hinsicht sehr effektiv) gegen Gewalt gegen Frauen eingesetzt hat. Die Leute, und besonders eine Frau, die an der Spitze dieser Kampagne stehen, haben eine Anti-Escorting-Haltung eingenommen und Melissa Farley und Julie Bindel ausgiebig in ihrer Literatur zitiert. Ich habe diese Haltung und die Statistiken, die sowohl auf der Amnesty-Webseite und auf der Konferenz verwendet wurden, in Frage gestellt und am „Gewalt gegen Frauen“-Stand einen Krawall verursacht. Ich habe die Leiterin der Kampagne in Hinblick auf die Statistiken in Frage gestellt und sie hatte eigentlich keine Antwort.

Dies nun war also der Hintergrund zur Amnesty-Konferenz und so war ich nicht wirklich optimistisch. Um also auf den Punkt zu kommen: Amnesty hält zuerst einmal Workshops, in denen die Anträge diskutiert und abgeändert werden etc. Die Anträge werden dann gegebenenfalls auf der vollen Konferenz weiter diskutiert. Mein Workshop hatte ungefähr 150 Teilnehmer. Ich sprach fast 10 Minuten über den Antrag. Der Amnesty-Rat war nach mir an der Reihe und argumentierte, dass Amnesty keine Position zum Thema Escorting habe und die Deklaration über die Rechte von SexarbeiterInnen in Europa von 2005 sowie die Europaratsresolution 1579 unterstützen solle, aber anstatt die Entkriminalisierung voll zu unterstützen, solle Amnesty zu einer umfassenden Studie zur weltweiten Entkriminalisierung aufrufen.

Ich erhob im Workshop Einspruch gegen diese Änderung, aber sie wurde angenommen während mein Antrag auf Unterstützung der Entkriminalisierung abgelehnt wurde. Ich hatte die Unterstützung von ca. einem Drittel der Arbeitsgruppe.
Der Antrag wurde später auf der Konferenz vorgestellt und ich musste vor der gesamten Konferenz von ca. 5/600 Leuten noch einmal etwa 10 Minuten reden. Der Rat gab wieder dieselbe Änderung ein und wieder erhob ich mit der Begründung, dass viele Mitglieder sie ablehnten, dagegen Einspruch. Es wurde abgestimmt und ich verlor (allerdings hatte ich wieder ca. ein Drittel des Saals auf meiner Seite). Es wurde über die Änderung des Amnesty-Rats abgestimmt und sie wurde mit einer ausreichenden Mehrheit angenommen.
Amnesty haben nun also erklärt, dass sie die Europaratsresolution 1579 unterstützen, und haben erklärt, dass sie die Deklaration über die Rechte von SexarbeiterInnen in Europa von 2005 unterstützen, und haben beschlossen zu einer „umfassenden, weltweiten Studie zum Thema der Entkriminalisierung des Escorting“ aufzurufen. Ich halte das absolut nicht für ein schlechtes Ergebnis.

Hinterher war ich der örtliche Star LOL und ich habe mit so vielen Leuten geredet, die mir Fragen stellen wollten. Es war so frustrierend, denn nachdem ich mit ihnen geredet hatte, sagten sie alle, dass sie für den gesamten Antrag gestimmt hätten, wenn sie das Thema richtig verstanden hätten, und nicht nur für den Kompromiss (so gut dieser auch war). Ich denke, wenn sie das getan hätten, hätte ich gewonnen. Ein weiterer ähnlicher Antrag wird auf der Konferenz nächstes Jahr gemacht werden, und zweifellos wird meine Amnesty-Niederlassung in Newcastle einen ähnlichen Antrag formulieren. Das hier ist eine gewinnbare Kampagne würde ich sagen, aber SexarbeiterInnen müssen bei Amnesty Lobby machen, vor Allem bei der „Gewalt gegen Frauen“ Kampagnengruppe, die aufgrund meines Wutausbruchs auf der Webseite und am Stand gezwungen waren, ein zweiseitiges Dokument mit alternativen Standpunkten zu kopieren und am Stand zu verteilen.
Ich habe später auch noch weniger zornig mit der Gewalt gegen Frauen-Gruppe geredet, und sie waren gewillt, eine Debatte mit mir, der IUSW und anderen SexarbeiterInnen zu eröffnen, um eine ausgewogenere Sicht im Hinblick auf Literatur und auf der AI-Webseite zu haben. Viele verschiedene regionale Amnesty-Gruppen hätten es gerne, dass SexarbeiterInnen mit ihnen sprechen und ihnen unsere Ansichten erklären und ich habe einige gute Gewerkschaftskontakte durch den TUC* geknüpft, die es hoffentlich mir und anderen erlauben werden, im Nordosten [Englands] mit dem TUC zu reden und die Druckergewerkschaft an der Debatte zu beteiligen. Ich oder jemand anderes wurde dazu eingeladen, in Belfast für SexarbeiterInnen-Rechte zu sprechen, da anscheinend dort Gesetzesänderungen vorgeschlagen worden sind und wieder einmal niemand für die SexarbeiterInnen spricht oder zumindest hört man ihnen nicht zu.
Ich habe mit dem Vertreter von Amnesty in Schweden gesprochen und ein paar Kontaktadressen bekommen, die werde ich jetzt also verfolgen LOL und mit der chinesischen Amnesty Hong Kong Gruppe, die mir auch wieder einige Kontakte brachte.

Sam Ruddick (Anita Ruddicks Tochter) sprach auf der Konferenz und hat ein paar interessante Punkte vorgebracht. Ich habe nach ihrer Rede kurz mit ihr geredet und sie hat eingewilligt, sich mit Cath oder mir zu treffen, um Ideen zu besprechen, wie sie der Gewerkschaft behilflich sein kann. Ihre Rede war leider nicht unterstützend, aber das war wahrscheinlich keine Absicht. Sie hat sich auf ihre Kampagnenarbeit gegen Menschenhandel konzentriert, was starker Tobak war, und sie scheint eng mit anderen Gruppen gegen Menschenhandel zusammenzuarbeiten. Als ich mit ihr redete gab ich ihr meine Bedenken bezüglich ihrer Rede zu verstehen und sie erklärte mir, dass sie die Ansicht vertritt, dass die zwei Themen SexarbeiterInnen-Rechte und das Aufhalten des Menschenhandels zwei getrennte Themen sind (und natürlich sind sie das) aber ich glaube nicht, dass ihr das klar ist, wegen den Medien und der zerstörerischen Negativität der Julie-Bindel-Unterstützer ist Menschenhandel in den Köpfen der Leute synonym mit Sexarbeit geworden. Ich wurde wieder und wieder und wieder zu Sorgen gefragt, Unterstützung für SexarbeiterInnen könnte zu einem Anstieg des Menschenhandels führen. Jedoch habe ich sie jedes Mal sehr leicht auf meine Seite gebracht, was wieder zeigt, dass es wichtig es ist, die Presse/Medien auf unsere Seite zu kriegen um Gegenargumente zu bringen.
Abschließend, es ist traurig dass Amnesty sich nicht dafür entschieden haben, morgen schon für die Entkriminalisierung Kampagne zu machen, und vielleicht dauert es noch ein Jahr bevor sie irgendwelche positiven Aussagen machen, aber jetzt haben sie sich der Recherche verschrieben und Amnesty Neuseeland könnte hier durchaus sehr hilfreich sein. Amnesty auf unsere Seite zu kriegen wird einen Riesenschub für unsere Moral und unser Ansehen bedeuten, allerdings müssen wir sie gnadenlos verfolgen und sie auf unsere Seite bringen, eigentlich sind sie das sowieso schon, sie brauchen nur einen kleinen Schubs in die richtige Richtung. Es wäre auch keine schlechte Idee, wenn mehr bekennende SexarbeiterInnen Mitglieder bei verschiedenen Amnesty-Niederlassungen werden.

Douglas Fox”

Und hier ist ein Teil dessen, was Fox geschafft hat, in Amnesty Internationals vorgeschlagene Positionierung zur Prostitution einzubringen:
„…Wie bereits in Amnesty Internationals Grundsatz zur Sexarbeit festgehalten wurde, lehnt die Organisation die Kriminalisierung aller Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Kauf und Verkauf von Sex ab. Sexuelles Begehren und sexuelle Aktivität sind ein menschliches Grundbedürfnis. Diejenigen, die nicht in der Lage oder nicht gewillt sind, dieses durch traditioneller anerkannte Methoden zu erfüllen und daher Sex kaufen, zu kriminalisieren, könnte eine Verletzung der Privatsphäre bedeuten und die Rechte auf Meinungsfreiheit und Gesundheit untergraben.“ (http://www.scribd.com/doc/202126121/Amnesty-Prostitution-Policy-document, Seite 5, Fußnote 2)

[* TUC: Trades Union Congress, ein gewerkschaftlicher Dachverband in Großbritannien. Er vereint 65 Gewerkschaften mit ca. 6,5 Millionen Mitgliedern.]

Vernunft, Gefühle und Sex-Kauf in Norwegen

Übersetzt aus dem Norwegischen
Veröffentlich im Original von Joacim Lund, aftenposten.no am 04.02.2014

gb English version

Vernunft, Gefühle und Sex-Kauf

Das Gesetz gegen Sexkauf weckt starke Emotionen. Ist daraus ein Anfall moralistischer Panik geworden?

Das Anti-Sexkaufgesetz ist verwerflich, meint Bent Johan Mosfjell im Online-Magazin Liberaleren. Es nimmt uns das Recht auf Selbstbestimmung über unsere Körper.

Aksel Braanen Sterri war derselben Meinung, als er vor einem Jahr in Morgenbladet über die Leihmutter-Debatte schrieb:
„Wenn man seine Zeit und seine Arbeitskraft verkauft, verkauft man einen begrenzten Teil seiner Selbstbestimmung über seinen Körper und dessen Funktionen an den Arbeitgeber“, meinte er.

Das hört sich logisch an. Ein Tischler bietet seine körperliche Arbeitskraft gegen Geld an, ohne dass es deswegen verboten wäre, seine Dienste zu kaufen. Wo liegt der Unterschied zwischen ihm und einer Prostituierten wenn nicht in der Moral?

„Die glückliche Hure“

Es gibt Beispiele von Frauen, denen es in der Prostitution gut geht. Deren Frontfrau der letzten Jahre, Hege Grostad, findet in den Medien viel Gehör. Als die dänische ehemalige Prostituierte Tanja Rahm eine völlig entgegensetzliche (und repräsentativere) Ansicht über die Prostitution in der Aftenposten veröffentlichte, nannte Grostad sie eine Moralistin.

Technischer KO. Die Moralistenkarte ist in den meisten Debatten Trumpf. Scheinbar ist das der Grund, dass jetzt sogar die Ministerpräsidentin dazu greift.

Ministerpräsidentin blufft

„Ich möchte betonen, dass das Gesetz gegen den Sexkauf kein Gesetz war, das wir aus moralistischen Gründen eingeführt haben (…). Es war nicht weil wir uns auf ein hohes Ross geschwungen und gesagt haben, Sex zu kaufen sei falsch oder etwas in der Art“, sagte Solberg in der Fragestunde des norwegischen Parlaments vergangenen Donnerstag.

Ein spektakulärer politischer Bluff. Eines der wichtigsten Ziele des Gesetzes war und ist ein Beitrag zur Änderung der Einstellung. Schon im Vorwort des Anhörungsprotokolls steht es schwarz auf weiß geschrieben. Aus gutem Grund.

Gesetze beeinflussen die Moral

Das schrieben Andreas Kotsadam und Niklas Jakobsson, Forscher an der Universität von Oslo, 2011 in dem Artikel „Do laws affect attitudes?“, in dem sie die Einstellung von Norwegern zum Thema Sex-Kauf vor und nach der Einführung des Gesetzes gegen den Sex-Kauf untersuchten. Die junge Bevölkerung hatte eine negativere Haltung gegenüber dem Sex-Kauf. Dasselbe galt für die Bevölkerung von Oslo, wo Prostitution am sichtbarsten ist.

In Norwegen hat das Gesetz in sehr kurzer Zeit Wirkung gezeigt. In Schweden, wo es mit dem Gesetz gegen Sex-Kauf bereits 15 Jahre Erfahrung gibt, hat die Bevölkerung große moralische Bedenken, was den Kauf sexueller Dienstleistung angeht. Und einem staatlichen schwedischen Bericht (SOU 2010:49) zu Folge waren im Jahr 1996 70 Prozent gegen die Kriminalisierung während 2008 70 Prozent dafür waren.

Signalwirkung

Die Debatte um das Gesetz gegen Sex-Kauf ist kompliziert. Es ist völlig legitim, darüber zu diskutieren, inwieweit das Gesetz bezüglich seiner Zielsetzungen funktioniert (die Erfahrungen in Schweden und internationale Forschung deuten darauf hin, dass es das tut) und wen es betrifft (das Gesetz steht von behördlicher Seite im Zusammenhang mit Hilfsmaßnahmen, die Menschen den Ausstieg aus der Prostitution ermöglichen sollen).

All dies muss evaluiert werden. Aber es ist auch eine Wertedebatte. Das Gesetz gegen den Sex-Kauf signalisiert, dass der Kauf sexueller Dienstleistungen niemals dasselbe sein kann, wie das Anheuern eines Tischlers, und dass Gefühle und Einstellungen in der Debatte etwas verloren haben. Moralismus? Pah. Moral? Ja – und ja, bitte.

“Sex-Gewerbe wurde ‘aufgefordert, Amnesty beizutreten und intern Lobby zu machen'”

Übersetzt aus dem Englischen

Veröffentlicht im Original von Philip Bradfield auf newsletter.co.uk am 04.02.2014

Sex-Gewerbe wurde “aufgefordert, Amnesty beizutreten und intern Lobby zu machen”

Eine führende Persönlichkeit des Sex-Gewerbes, die Amnesty Internationals neuen Positionsentwurf den eigenen Bemühungen zuschreibt, forderte Kollegen laut eigener Aussage dazu auf, der Organisation beizutreten, um die Entkriminalisierung von innen voranzutreiben.

Douglas Fox von der International Union of Sex Workers (IUSW) ist ein Sexarbeiter, dessen Lebensgefährte eine Escort-Agentur in England betreibt.

Im Jahr 2008 schlug er erfolglos eine Resolution zur Befürwortung der legalisierten Prostitution bei der Amnesty UK Jahreshauptversammlung vor. Doch in der Samstagsausgabe des News Letter schrieb er sich Amnestys neuen Positionsentwurf als Verdienst zu und sagte, er habe die interne Debatte und die Untersuchungen begonnen.

Gestern bestätigte Fox, dass er 2008 einen Bericht verfasste, in dem er seinen Unterstützern mitteilte, die interne “Kampagnengruppe Gewalt gegen Frauen” sei der Schlüssel zur Opposition gegen die Legalisierung; er habe an ihrem Stand an der Jahreshauptversammlung “einen Krawall verursacht”.

Weiterhin bestätigte er, dass er in dem Bericht 2008 Unterstützer dazu aufforderte, Amnesty beizutreten und bei dieser Gruppe von innen Lobby zu machen.

“Amnesty auf unsere Seite zu bringen wird einen Riesenschub für unsere Moral bringen… wir müssen sie gnadenlos verfolgen und sie auf unsere Seite bringen,” schrieb er.

Amnesty meldeten sich jedoch gestern zu Wort und sagten, Fox sei seit Jahren kein Mitglied mehr und habe “null” Beitrag zu Amnestys Position geleistet.

Seine Resolution von 2008 führte zu Diskussionen in Amnestys weltweiten Verwaltungsorganen, aber wurde letztendlich abgelehnt. Der neue Entwurf entstamme einem Bericht aus dem Hauptquartier von Amnesty International im Jahr 2012, so ein Sprecher.

Julie Bindel: “Eine Gewerkschaft, die keine ist”

Übersetzt aus dem Englischen

Original von Julie Bindel veröffentlicht auf juliebindel.org am 15.1.2014

Eine Gewerkschaft, die keine ist 

Eine Welt der Arbeiter, Zuhälter und Freier.

Die GMB, eine von Großbritanniens größten Gewerkschaften, schrieb 2002 Geschichte. War sie doch bekannt dafür, Männer in traditionell männlichen Berufen zu vertreten – sie wurde immerhin von Herstellern von Kesselblechen gegründet – rief es einige Überraschung und Konsternierung hervor, als ein neuer Zweig, der StripperInnen, Lap-Dancer, PornodarstellerInnen und Prostituierte vertreten wollte, beitrat. Der „Adult Entertainment“-Zweig sollte, so die Gründer, die Menschen, die in der Sex-Industrie arbeiten, mit denselben Rechten ausstatten, wie Arbeiter in allen anderen Gewerben und Berufen.

Der Spross, der letztlich zum Adult Entertainment-Zweig wurde, begann nicht in einem Bordell oder Striplokal, sondern an einer Universität. Im Jahr 2000 wurde eine Kampagnengruppe namens International Union of Sex Workers (IUSW) von ein paar radikalen Anthropologen gegründet, die der Auffassung waren, die Rechte der Menschen in der Prostitution können nur durch kollektive Organisation gewonnen werden. Nachdem sie die IUSW gegründet hatten, wurde den Gründern klar, dass ihre Mitglieder erst richtig profitieren konnten, wenn sie Teil einer offiziellen Gewerkschaft waren.

Laut Chris Knight, einem der IUSW-Gründer, war die IUSW bevor sie 2002 ihre Führung an die GMB übergab, „noch in den Kinderschuhen und eher informell“. In der ersten Ausgabe der IUSW-Zeitschrift Respect, veröffentlich im Jahr 2000, erklärten die Gründer: „Wenn das älteste Gewerbe kommt – hütet euch Zuhälter, Kapitalisten! Was auch immer dein Geschlecht oder deine sexuelle Situation: wenn du meinst, eine Gewerkschaft zu brauchen, bist du als Mitglied willkommen!“

Aber die IUSW, oft mit dem Adult Entertainment Branch der GMB verwechselt, ist weit entfernt von dem linksgerichteten, arbeiterfreundlichen Sprachrohr, das ihre Gründer im Sinne hatten. Einige ihrer Mitglieder berichteten mir, dass es sich dabei mehr um ein Sprachrohr für Zuhälter und Freier handele, und statt ihnen wie die Gründer zu sagen, sie sollen sich hüten, heiße die IUSW heute sogar Sexindustrie-Bosse mit offenen Armen willkommen.

Die Unterstützung der GMB, selbst wenn diese dem offiziellen Gewerkschaftszweig für die Sex-Industrie gilt, hat dazu geführt, dass die IUSW als Interessenvertretung der „Arbeiter“ in der Sex-Industrie erscheint. Solche Organisationen sind politisch motivierte Lobby-Gruppen, die sich für die vollständige Entkriminalisierung des Sex-Gewerbes einsetzen – daher auch die Zahl der beteilligten Zuhälter und Freier. In den Niederlanden, wo die Bordellprostitution seit 2000 legal ist, hat Red Thread, eine Organisation für Prostituiertenrechte, 2002 eine Gewerkschaft gegründet, die auf ihrem Höhepunkt nur 100 Mitglieder hatte, hauptsächlich Geschäftsführer und Strip-TänzerInnen. Sie verlor 2004 ihre staatliche Förderung. Niemand weder in der GMB noch in der IUSW war in der Lage oder gewillt, mir genaue Mitgliederzahlen für den Gewerkschaftszweig zu geben, doch es dürfte sich um zwischen 20 und 100 von geschätzten 80.000 SexarbeiterInnen in Großbritannien handeln.

Doch Prostitution ist keine legitimes Gewerbe, und von ihren Erträgen oder anderen Aspekten des Gewerbes zu leben ist weiterhin illegal. Missbrauch, Zwang, Täuschung, und häufig entsetzliche Arbeitsbedingungen sind alle Merkmale des Sex-Markts. Vergewaltigung, sexuelle Belästigung und Mord sind verbreitete Berufsrisiken. Doch wo die wohlmeinenden Gründer der IUSW glaubten, dass diese Probleme durch die gewerkschaftliche Organisation gelöst werden können, sehen andere deutlich, dass es kurzsichtig und sogar gefährlich ist, ein ausbeuterisches Gewerbe zu normalisieren anstatt jenen beim Entkommen zu helfen, die sich darin befinden.

Ich habe im Laufe der Jahre mehrere Mitglieder der IUSW getroffen, bei Seminaren, Kongressen und öffentlichen Versammlungen in Großbritannien und anderswo in Europa. Mitglieder, zumeist vertreten von Catherine Stephens, wissen, dass ich mich gegen die Zuhälterei einsetze und die Kriminalisierung des Sex-Kaufs befürworte. Ich bin auch kritisch, was die Terminologie der Pro-Prostitutions-Lobby angeht. Laut Stephens, deren Beteiligung 2004 begann, war die Hauptgründerin der IUSW, Ana Lopes, eine „Sexarbeiter-Migrantin“, doch das ist eine recht verzerrte Definition. Lopes kam aus Portugal nach Großbritannien um ihren Doktortitel zu machen. Sie, wie eine kleine aber wachsende Anzahl von AkademikerInnen, die „Sexarbeit“ studieren, begann, persönlich mit Prostitution zu experimentieren, sah es als so etwas wie „Feldversuche“ an. Nach einer Weile räumten die AkademikerInnen das Feld und solche, die direkter in der Sex-Industrie involviert waren, übernahmen das Ruder. Aber auch diese Leute waren weit davon entfernt, repräsentativ für den Großteil der Prostituierten in Großbritannien zu sein.

Ich begegnete Stephens zum ersten Mal vor sieben Jahren, als sie mir sagte, sie habe in acht Jahren „Sexarbeit“ kein einziges Mal auch nur schlechte Manieren von einem „Kunden“ erlebt, geschweige denn Missbrauch, und sie „liebe“ ihre Arbeit.

Stephens macht nicht den Eindruck einer typischen Domina. Sie ist mittleren Alters, das Haar zurückgebunden und das Gesicht frei von Make-up, und sie trägt normalerweise weite, legere Kleidung. Stephens verbringt viel Zeit damit, bei öffentlichen und geschlossenen Veranstaltungen über Prostitution zu sprechen, und erscheint regelmäßig in TV und Radio, wo sie zur Entkriminalisierung aller Gesetze, die sich auf die Prostitution beziehen, aufruft. Als ich sie in ihrer Rolle als Geschäftsführerin des GMB-Gewerkschaftszweigs für ein Zitat für diesen Artikel kontaktierte, schrieb sie: „Der GMB-Zweig für Menschen in der Sex-Industrie wird, wie alle GMB-Zweige, von seinen Mitgliedern geleitet und steht allen Menschen in der Sex-Industrie offen.“

“Catherine ist total dominant und will immer ihren Willen durchsetzen”, sagt Thierry Schaffhauser, ehemaliges Mitglied, das 2012 aus der IUSW ausgeschlossen wurde, hauptsächlich, so sagt er mir, weil er noch nie einen Hehl aus seiner Abneigung gegen die Macht der Geschäftsführer innerhalb der Organisation gemacht habe. „Sie darf alles entscheiden, ohne es überhaupt mit der Gruppe zu besprechen.“

Am Parliament Square treffe ich einen Mann der zusammen mit Lopes 2000 die IUSW gründete. Ich finde Chris Knight, einen hochgewachsenen Mann Ende 60 in einem bunten Hut und Jeans, neben einem Banner, auf dem steht: „Capitalism isn’t working“. Knight war Mitgründer von Democracy Village – einer Gruppe von Antikriegs- und Antikapitalismus-Demonstranten, die früher ihr Lager am Square neben den Anarchisten und den obdachlosen Trinkern aufschlug. Knight war Professor für Anthropologie an der University of East London (UEL) bevor er 2009 aufgrund seiner Aktivitäten bei einer G20-Demo gefeuert wurde.

„Der ganze Grund, warum wir die Gewerkschaft überhaupt gegründet haben, war, um die Prostitution zu beenden,“ sagt Knight. „Aber es gibt verschiedene Wege, wie man das angehen kann. Marx sagte, alle Arbeiter sind Prostituierte. Wenn wir die Prostitution beenden wollen, müssen wir den Kapitalismus beenden.“

Lopes schien mehr daran interessiert, der Sex-Industrie beizutreten, als sie abzubauen. Kurz nachdem sie anfing, mit Knight zu arbeiten, meldete sich Lopes für Schichten bei einer Telefonsex-Hotline an.

Ich tausche mich mit Camilla Power aus. Sie war Mitgründerin der IUSW und arbeitete an der UEL mit Chris Knight zusammen, wo sie die Doktorarbeit von Lopes betreute. Gab sie Lopes grünes Licht dafür, sich als Teil ihrer Recherche direkt an der Sex-Industrie zu beteiligen, in Form von Telefonsex? „Anthropologen nennen das teilnehmende Beobachtung,“ sagt Power. „Man kann nicht mit einer Gemeinschaft arbeiten und dabei außerhalb stehen und die Menschen wie Objekte behandeln. Innerhalb der Sexarbeit ist das sogar noch mehr der Fall, aufgrund der Kluft zwischen ihnen und den gebildeten AkademikerInnen.“

Ich frage, ob Lopes die Erlaubnis der Ethik-Kommission der Universität hatte, mit der Telefonsexarbeit als Teil ihres Studiums weiterzumachen. Laut Power seien damals die „grundlegenden anthropologisch-ethischen Richtlinien“ eingehalten worden. Ein(e) EUL-Sprecher(In) teilt mir mit, die relevanten Dokumente seien unauffindbar und somit könne man das nicht bestätigen.

Während ihrer Arbeit für die IUSW reiste Lopes durch Großbritannien und hielt Reden vor anderen Gewerkschaften und Frauenorganisationen, in denen sie sie um Unterstützung beschwor. Im Jahr 2001 wurde ihr eine goldene Trophäe in Form eines fliegenden Penis verliehen: der Erotic Award in der Kategorie AktivistIn für Sexuelle Freiheit. Die Preise werden von der Sexual Freedom Coalition verliehen, welche mit Hilfe von Catherine Stephens die TLC (Tender Loving Care)-Webseite erstellt hat, um für die Einführung eines Gesetzes für „SexarbeiterInnen-Besuche“ in Hospizen und für mindestens ein barrierefreies Bordell pro Stadt in Großbritannien zu werben.

Die IUSW und der GMB-Zweig sind, auch wenn sie offiziell verschiedene Organisation darstellen, kaum voneinander zu unterscheiden. 2003 war Lopes eine Sprecherin auf einer von der GMB veranstalteten Konferenz in Birmingham für ArbeiterInnen der Sex-Industrie, auf der eine GMB-Broschüre verteilt wurde, die Angebote für Unterricht im Table-Dance und Striptease enthielt, die mit Geldern von Gewerkschaftsmitgliedern und staatlichen Mitteln bezuschusst wurden.

Douglas Fox war ein bekanntes Gesicht der IUSW. Fox und sein Partner John Dockerty führen eine der größten Escort-Agenturen im Nordosten Englands. Fox ist darum bemüht, deutlich zu machen, dass die Agentur allein auf Dockertys Namen läuft. „Ich bin weder noch war ich jemals ein Geschäftsführer oder Besitzer einer Escort-Agentur. Mein Lebenspartner ist der alleinige Inhaber.“

Fox willigt ein, sich mit mir zu treffen, obwohl Stephens eindringlich versucht hat, ihn davon abzubringen. Das Paar gründete 1999 Christony Companions in seiner Heimatstadt Newcastle. Fox arbeitete als Modedesigner und Dockerty war ein ziviler Finanzangestellter der Polizei. Sie starteten eine Agentur, so Fox, als eine Freundin, die als Escort arbeitete, Dockerty bat, Termine für sie zu vereinbaren. Als ihnen klar wurde, wie viel Geld sich so machen ließe, grüneten sie ihre eigene Firma.

Beide Männer wurden 2000 in Folge einer verdeckten Ermittlung einer Lokalzeitung festgenommen. Eine Reporterin, die sich als potentielle Escort ausgab und eine versteckte Kamera dabei hatte, lieferte später genug Beweise, um die Männer wegen Zuhälterei anzuzeigen. Während des Treffens mit der Reporterin fragte Dockerty sie nach ihrem Zyklus, um es sich in seinem Kalender zu notieren. Die Männer kamen später wegen einer Formalie davon: die Escorts, die bei Christony angestellt waren, weigerten sich, als Zeuginnen auszusagen, da der Richter ihnen die Anonymität verwehrt hatte.

Fünf Jahre später liest Filmemacher John Alwen einen kleinen Beitrag in einem Boulevardblatt über einen Besitzer einer Escort-Agentur, der bei der örtlichen Arbeitsagentur Frauen anwirbt, und entschließt, der Sache nachzugehen. Fox und Dockerty willigen ein, Alwen mehrere Monate „Mäuschen spielen“ und sie filmen zu lassen, um eine Dokumentation über Christony zu drehen. Während die Crew Dockerty und Fox folgt, bereitet eine weitere Reporterin eine verdeckte Operation vor.

In der Hoffnung, das Geschäft anzukurbeln, hatte Dockerty auf der Christony-Webseite damit geworben, dass Freier die Chance haben, eine seiner Escorts für bis zu vier Stunden am Stück zu “gewinnen”. Teilnehmer sollten die Bedeutung hinter einem Hinweis erraten, den er jeden Monat auf die Seite stellte. Die Scottish Sunday Mail berichtete über zwei Seiten mit der Überschrift: “Internet-Zuhälter: Geschäftsmann bietet seine Mädchen als Sex-Preis bei Internet-Gewinnspiel an”.

Alwens Dokumentation, The Escort Agency, wurde 2006 gezeigt. Eine der ersten Szenen zeigen Dockerty dabei, wie er einen Termin für einen Stammkunden vereinbart. Der Freier, der nach der Jüngsten in Christony’s Escort-Katalog verlangt hat, ist ein Schulrektor, der von ihr verlangt, dass sie sich als Schulmädchen verkleidet. Auch wenn Dockerty behauptete, der Freier sei, “…nicht mein Lieblingstermin”, arrangierte er ohne Murren ein Treffen für ihn mit der 19-jährigen Tori am folgenden Abend.

Trotz der überwältigenden Beweise gegen Christony in dem Dokumentarfilm, aus der Presse und der Polizeiakte bestreitet Fox, dass das Geschäft etwas mit Prostitution zu tun hat. Fox sagt mir auch während einem unserer Treffen, dass er nur insofern beteiligt sei, „…wie jeder Ehemann oder jede Ehefrau das Geschäft des Partners unterstützen würde. Wenn er mich um Rat bittet, habe ich vielleicht eine Meinung. Aber die tägliche Geschäftsführung hat nichts mit mir zu tun.“ In dem Film sieht man Fox dabei, wie er Christonys 150 Pfund von den verdienten 600, die ein Übernachtungsbesuch einer Escort einbrachte, abzählt.

Dockerty und Fox verwenden die GMB als Gütesiegel, um ihr Geschäft anzukurbeln. Ein Slogan auf der Webseite von Christony lautet: „Eine ethische Escort-Agentur in Newcastle & stolzes Mitglied der IUSW“. „Ich habe noch nie von einem kommerziellen Geschäft gehört, dass eine Gewerkschaft verwendet, um den Verkauf zu steigern,“ sagt ein ehemaliges Mitglied der IUSW, das nicht genannt werden wollte. „Es geht doch um Schutz für Arbeiter, nicht Profite für Zuhälter.“

Thierry Schaffhauser ist der ehemalige Präsident der GMB/IUSW, und der männlicher Escort des Jahres der Erotic Awards 2010. Schaffhauser, jung und gutaussehend, arbeitete einige Zeit als Straßenprostituierter in Paris bevor er nach Großbritannien zog, wo er in der schwulen Presse um Kunden wirbt. Zwischen Schaffhauser und Fox gibt es keine Freundschaft. Ihre Streits über den Zweck einer Gewerkschaft und den Zustand der Sex-Industrie wurden öffentlich im Internet ausgetragen, wo Fox Schaffhauser vorwarf, die Prostitution falsch darzustellen, indem er den Missbrauch innerhalb der Industrie beleuchtete.

Ich fragte Schaffhauser, ob wir uns treffen könnten, um über seine Differenzen mit Fox zu sprechen und zuerst stimmte er zu, doch später zog er dies auf Druck von Stephens hin wieder zurück. Er teilte mir mit, dass er sich Sorgen darum mache, seine Position in der IUSW zu verlieren, aber sagte außerdem: „Die IUSW wird irgendwann die Industrie kritisieren und ändern müssen, wie sie funktioniert, denn es gibt darin viel Ausbeutung.“

Ein weiteres ehemaliges Mitglied der IUSW ist ein Escort, der als Sleazy Michael bekannt ist. Michael, der verheiratet und Vater von zwei Kindern war, bevor er 2004 sein Coming-Out hatte, erzählte mir, er habe ebenfalls die IUSW wegen „interner Politik“ verlassen, genauer gesagt aufgrund der Unstimmigkeiten, die die Vormachtstellung der Geschäftsführer in der Organisation hervorrief.

Er öffnet mir die Tür in einer Ganzkörperbräune und einem Tanga und führt mich in sein Schlafzimmer, wo an einem Ehrenplatz der berüchtigte fliegende Penis steht, den er 2007 verliehen bekam, als man ihn zum „Escort des Jahres“ kürte.

„Ich ging früher in die Schwulensauna, um Sex zu haben, und so ein Typ hat gesagt, ich könnte damit Geld verdienen. Also habe ich einen Escort für Sex bezahlt und von ihm gelernt und eine Homepage eingerichtet,“ erzählt er mir und zeigt mir wie ein Museumsführer seine Pornografie und seine Sexspielzeuge. „Dieses Wochenende hatte ich einen Kunden, der taub und stumm ist, und zehn Minuten später einen nicht-geouteten Ehemann. Dann hatte ich Einen, der eine ganze Tasche voller Lederzeug und Nippelklammern dabei hatte. Deswegen liebe ich meinen Job. Ich treffe solch faszinierende Leute.“

Michael trat der IUSW bei nachdem er einen ihrer Aktivisten bei einer Kampagne gegen den Gesetzesvorschlag zur Freierbestrafung 2009 traf. Er trat bei, in dem Glauben, es handele sich um eine Gewerkschaft, so wie er es aus seiner vorherigen Karriere kannte. „Vor einigen Jahren kollabierte die IUSW fast, weil es einen großen Streit um die Beteiligung von Douglas [Fox] gab. Ich unterstützte ihn weil er einige seiner Mädchen dazu brachte, beizutreten, aber viele sind ausgetreten, weil er Geschäftsführer einer Escort-Agentur war.“

Die IUSW genießt wesentliche Unterstützung aus akademischen Reihen. Belinda Brooks Gordon ist Professorin für Psychologie und Gesellschaftspolitik an der Birkbeck, University of London. Sie ist eine liberaldemokratische Gemeinderätin und engagiert sich sehr für die die Entkriminalisierung der Prostitutionsgesetze. Brooks Gordon hat sich für ein Recht von Menschen mit Behinderungen auf Zugang zu prostituierten Frauen durch den staatlichen Gesundheitsdienst ausgesprochen.

Während der von der IUSW angeführten Kampagne gegen das Vorhaben der Regierung, die teilweise Kriminalisierung des Sex-Kaufs einzuführen, brachte Brooks Gordon, mit Hilfe von Fox und anderen IUSW-Aktivisten, einen Hilfeaufruf unter Freiern und Prostituierten auf deren Webseiten in Umlauf. In einer langen E-Mail gab Brooks Gordon Empfehlungen, wie die Einführung des Gesetzes verhindert werden könnte, bevor sie den Kleidungsstil der Labour-Abgebordneten Fiona Mactaggart (welche eine Schlüsselrolle beim Gesetzesentwurf spielte) beleidigte.

Die IUSW hat auch Unterstützung unter US-AkademikerInnen gewonnen. Eine solche Akademikerin ist Elizabeth Wood, die Soziologie an der State University of New York unterrichtet. Wood befürwortet die Legalisierung der Sex-Industrie und hat argumentiert, dass Sex mit Tieren einvernehmlich sein kann „wenn das Tier nicht angeregt, belohnt oder bestraft wird, um sein Verhalten zu beeinflussen, sondern einfach eine Gelegenheit erhält und diese ergreift,“ und „Menschen, die dies genießen, sollten nicht stigmatisiert werden.“

Die Verbindung zwischen SexarbeiterInnen-Rechten und der Akademie wurde 2009 bei einer einwöchigen Veranstaltung namens Sex Worker Open University gestärkt. Dort hielten Mitglieder der IUSW, AkademikerInnen und Prostituierte Strip-Workshops, gaben Tipps für diejenigen, die in die Prostitution eintreten wollen, zum Thema Selbstverteidigung und Unterricht darin, wie man Gesetze verhindern kann, die das Profitieren an der Prostitution durch Dritte verbieten. Ein Unterstützer war der inzwischen verstorbene Sebastian Horsley, der bei der Eröffnung der SWOU gefilmt wurde, wie er Innenministerin Jacqui Smith, die den Gesetzesentwurf angeregt hatte, mit Hohn überschüttete. Horsley nannte sie „fett und unfickbar“ und behauptete, mit „mehr als tausend Prostituierten“ geschlafen zu haben.

Ich versuche mehrmals, mit der GMB über die Anschuldigungen von Schaffhauser und anderen zu sprechen, aber trotz mehrerer Versuche ruft mich niemand zurück. Als ich 2010 bereits über das Thema schrieb, stieß ich auf eine Mauer aus Widerstand. Als ich eine Frage bezüglich der scheinbaren Verwechslung zwischen der IUSW und dem GMB-Zweig stellte, sagte man mir, ich solle „die Satzung lesen.“

Cath Elliott, ehemalige Vizevorsitzende des Unison National Women’s Committee, hat bereits ausführlich über die GMB-Entscheidung, die Prostitution zu vergewerkschaften, geschrieben. Sie sagt, sie kann nicht begreifen wie die IUSW behaupten kann, eine Gewerkschaft zu sein, wenn Zuhältern, Freiern und Pornografen die Mitgliedschaft freisteht.

„Wenn es wahr ist, dass Geschäftsführer einer Escort-Agentur aktiv an der IUSW beteiligt sind, dann muss die GMB wirklich ihre Mitgliedschaftsbedingungen überdenken,“ sagt Elliott. „Ich kann doch nicht behaupten, Arbeiter zu vertreten, wenn die Bosse bestimmen, wie der Hase läuft; so arbeiten Gewerkschaften einfach nicht.“

Die Tatsache, dass Agenturbesitzer in der Lage sind, überhaupt auf die IUSW-Politik Einfluss zu nehmen, macht eine Farce aus den Grundprinzipien einer Gewerkschaft. Mehr als nur ein ehemaliges oder aktuelles Mitglied haben mir gesagt, dass sie sich als ArbeiterInnen sehen und wütend sind, dass die Industriebosse die Zügel in der Hand haben.

Knight ist überrascht, dass Fox als Sprecher für die IUSW gearbeitet hat und erzählt mir, dass Lopes die IUSW vor einigen Jahren verließ weil „sie fand, dass die IUSW weniger revolutionär geworden war. Sie ist heute nicht mehr damit einverstanden.“

Ich frage Fox, ob er immer noch die IUSW und den GMB-Zweig unterstützt und er sagt mir, seine persönliche Loyalität gelte der IUSW, denn sie sei die „einzige“ SexarbeiterInnen-Organisation „in Großbritannien“, die inklusiv sei und SexarbeiterInnen unterstütze, unabhängig von politischer Überzeugung, Hautfarbe, Geschlecht oder Rolle als SexarbeiterInnen in einem vielfältigen und oft komplexen Gewerbe.“

Doch 2010 schrieb Fox in einer E-Mail, die er IUSW-Mitgliedern sendete, um seinen Rücktritt mitzuteilen, „Ich hoffe, die IUSW wird weiterhin die Vielfalt in unserem Gewerbe widerspiegeln und alle SexarbeiterInnen vertreten, egal zu welcher Minderheit sie aufgrund ihrer Ansichten gehören. Ich werde auch meine GMB-Mitgliedschaft morgen kündigen. Ich fand es schon immer unangenehm, dass ich mit einer Organisation zu tun habe, die eine politische Partei (Labour) finanziell unterstützt hat, mit der ich nicht einverstanden bin — nicht zuletzt wegen ihrer Haltung gegenüber SexarbeiterInnen.“

Thierry Schaffhauser, der endlich einem vollen Interview über die Vorgänge im Inneren der IUSW unter der Kontrolle von Fox und Stephens zugestimmt hat, hat inzwischen auch weder mit dem GMB-Zweig noch der IUSW zu tun und erzählt mir, dass er darum bemüht sei, Unterstützung für eine „richtige Gewerkschaft für Arbeiter“ zu gewinnen, die Menschen in der Prostitution selbst unterstützen kann, und nicht die Geschäftsführer und andere Profiteure.

“Ich denke, die GMB ist auch eine patriarchale Gewerkschaft, was erklärt, warum sie sich nicht um einen Zweig kümmern, der aus Frauen und jungen Schwulen besteht,” sagt Schaffhauser. “Sie haben uns überhaupt noch nie ernst genommen.

“Wir hatten viele Mitglieder, aber alle StripperInnen sind zu Equity gegangen, viele sind ausgestiegen um die Sex Worker Open University zu erschaffen, und viele andere verließen die GMB, als der erste Konflikt mit den Geschäftsführern auftrat.“

Diese seltsame Organisation ist in Geheimhaltung gehüllt, welche von den Mitgliedern der Herrscherclique, wie Stephens, als „Vertraulichkeit“ gerechtfertigt wird, aufgrund der heiklen Tätigkeit, der die Mitglieder nachgehen. Doch ich war nicht in der Lage auch nur ein Mitglied zu finden, das mir irgendetwas überzeugendes darüber sagen konnte, welche Vorteile die gewöhnlichen ArbeiterInnen daraus ziehen, bei der IUSW Mitglied zu sein. Ihr Zweck scheint der zu sein, Zuhälterei zu normalisieren, für ein Ende jeglicher Gesetze, die die Ausbeuter in der Sex-Industrie kriminalisieren, Lobby zu machen, und letzten Endes Prostitution schönzureden und als einen Beruf wie jeden anderen darzustellen.