Vortrag von Prof. Janice Raymond: “Prostitution: Kein Job, keine Wahl”

 “Prostitution: Kein Job, keine freie Wahl”, ein Vortrag von Prof. Janice Raymond, übersetzt aus dem Englischen.

Aufgezeichnet am 30. 11. 2013 in der Vancouver Public Library anlässlich der jährlichen Gedenkveranstaltung zum Massaker von Montréal, organisiert von Vancouver Rape Relief and Women’s Shelter.

Via Podcast auf feministcurrent.com 

Janice Raymond ist eine frühere Direktorin der Coalition Against Trafficking of Women (CATW). Ihr kürzlich erschienenes Buch heißt Not a Choice, Not a Job: Exposing the Myths about Prostitution and the Global Sex Trade.

 

„Lassen Sie mich als Erstes sagen, wie bedeutsam es für mich ist, wieder hier in Vancouver zu sprechen, besonders da es sich um eine Veranstaltung des großartigen Vancouver Rape Relief and Women’s Shelter handelt – eine Gruppe von Frauen, die sicherlich, basierend auf ihrer Arbeit an vorderster Front mit Opfern der männlichen Gewalt gegen Frauen, vieles von dem verstehen, worüber ich heute sprechen werde. Ich werde über die Abolition der Prostitution sprechen, und ich werde auch über das sprechen, was ich als die Prostitutionsmythen bezeichne, an die die Leute allgemein glauben, über den Abolitionismus im Allgemeinen, und über einige der Themen, mit denen sehr viele von Ihnen vertraut sind und über die es sehr wichtig ist zu sprechen.

Ich denke, einer der Gründe, warum wir diese Mythen haben, ist dass wir Medien haben, die sehr davon eingenommen sind, Prostitution glamourös erscheinen zu lassen, die Prostitution als Sex idealisieren. Wir haben eine Prostitutions- und Zuhälterkultur, in der wir leben. Wir haben eine Sex-Industrie, die global ist. Und wir haben eine globalisierte Prostitutionsindustrie, die auf essentielle Weise von der Globalisierung der „Pro-Sex“-Befürwortung in der ganzen Welt unterstützt wird. Wir haben Männer, die Prostitutionsnutzer sind und die sich zu dem Zugang, den sie zu Frauen haben, berechtigt fühlen. Und wir haben leider viele Gruppen, einschließlich sehr progressiver NROs, die meinen, die Legalisierung der Prostitution würde Frauen schützen. Es sei einfach nur ein Job und sollte als solcher behandelt werden, oder als Dienstleistung. Wir haben die Art Klischees, die wirklich überall herrschen: dass Prostitution unvermeidbar sei (mir wurde diese immerwährende Frage heute Morgen in einem Interview gestellt), dass Prostitution das älteste Gewerbe sei, dass legalisierte Prostitution die Sex-Industrie unter Kontrolle bringe. Oder in den progressiveren Medien: Prostitution ist Sexarbeit; Menschenhandel ist Migration zum Zweck der Sexarbeit; Prostitution ist eine Dienstleistung, wie jeder andere Dienstleistungsjob; Menschenhandel ist Zwang und Prostitution ist freiwillig.

Ich will also heute einige dieser Behauptungen unter die Lupe nehmen. Aber bevor ich das tue, möchte ich Ihnen ein wenig von meinen eigenen Erfahrungen erzählen. Als Aktivistin bin ich hunderten Frauen in Systemen der Prostitution begegnet, deren Leben davon zerstört wurden. Ich bin Frauen begegnet, die dachten, sie würden aus ihren Heimatländern migrieren um eine vernünftige Arbeitsstelle zu bekommen, nur um dann in der Sex-Industrie zu enden. Ich bin von zuhause weggelaufenen Mädchen in meinem eigenen Land begegnet, die an den Bahnhöfen und Bushaltestellen der Vereinigten Staaten von glattzüngigen Zuhältern angesprochen wurden. Ich bin in Bordellen in Bangladesch und an anderen Orten gewesen, wo ich Mädchen im Alter von neun Jahren sah, die männliche Käufer befriedigen mussten. Und ich habe mit vielen Männern gesprochen, die regelmäßige Prostitutionsnutzer sind, die sich dazu berechtigt fühlen, Frauen und Mädchen zu kaufen, um ihre angeblichen „sexuellen Bedürfnisse“ zu befriedigen.

Und doch, im Laufe meiner öffentlichen Vorträge und meiner Lehre, habe ich durchaus gesehen, dass die Menschen auf die Bösartigkeit der Zuhälter und der Menschenhändler reagieren, und sie sympathisieren mit den Opfern, manchmal. Aber ich denke, dass viele oft gute und wohlmeinende Menschen sehr verwirrt sind, was den Zusammenhang zwischen Menschenhandel und Prostitution angeht, und was es für Folgen hat, das ganze System der Prostitution in einem bestimmten Land zu legalisieren. Denn sie werden mit Gemeinplätzen manipuliert. Mit Gemeinplätzen wie, „Legalisierung wird die Sex-Industrie unter Kontrolle bringen“, „sie wird den Einfluss des organisierten Verbrechens verringern“, „sie wird den Menschenhandel einschränken“, „sie wird die Frauen in der Prostitution schützen, denn sie reguliert das System und unterbindet die ganzen, naja, Exzesse“. Und ich weiß, vielen Leuten wurden diese Gemeinplätze eingegeben und sie sind sehr unsicher über diese Annahmen – ob sie wahr sind, denn sie klingen realistisch – aber sie wissen oft nicht, wie sie antworten sollen. Daher hoffe ich, heute ein wenig mit einigen dieser Gemeinplätze aufräumen zu können.

Als ich in den 1980ern anfing, auf diesem Gebiet zu arbeiten, gab es in der Kampagne, das Sex-Trafficking und die Prostitution abzuschaffen, fast keine NROs und so gut wie keine Regierungen, die die Nachfrageseite ansprachen. Man konnte nie die Männer, die Prostitutionsnutzer, erwähnen. Und es dauerte fast zwanzig Jahre bis ein solider Block von Ländern die Frage der Käufer gesetzlich behandelte, auf sehr bescheidene Weise. Zuerst kam Schweden, dann Südkorea, dann Norwegen, und dann kam Island. Und seit die Gesetze, die die Nachfrage unter Strafe stellen, eingeführt wurden, hat es viele Argumente und Versuche gegeben, die Gesetze wieder abzuschaffen. Zum Beispiel das Gesetz in Norwegen: die konservative Regierung, die gerade gewählt wurde, wurde mit der Plattform, dass sie das Gesetz gegen die Käufer aufheben werde, gewählt. Wir werden also sehen, was dort passiert.

Aber heute möchte ich mich auf einige der Argumente konzentrieren, die im Zusammenhang mit der Bestrafung der Nachfrage verwendet werden, was die Argumente sind und wie einige der Antworten auf sie lauten könnten. Als gelernte Philosophin arbeite ich gerne viel mit Argumenten. Ein großes ist: „Anstatt die Käufer zu bestrafen, sollten Regierungen Prostitutionsnutzer als Partner im Kampf gegen den Menschenhandel und die Prostitution willkommen heißen.“ Wir nennen diese Art Argument, diese Programme, „verantwortungsvolle Freier“ oder „ethische Käufer“.

Ein Beispiel dafür war die Situation zur Fußball-WM in Deutschland 2006. Und viele von Ihnen wissen, dass Deutschland viele Aspekte des Systems der Prostitution entkriminalisiert hat – zum Teil Bordelle, Zuhälterei, etc. Als die Weltmeisterschaft also 2006 in Deutschland stattfand, machten Frauenorganisationen und Menschenrechtsorganisationen eine Kampagne, und die Kampagne hieß sogar „Verantwortungsvolle Freier“ [Anm. d. Übers.: Die Kampagne hieß unseres Wissens „Stoppt Zwangsprostitution!“]. Und was sie taten war, sie warben für eine ethische Version des Sextourismus. Und diese ethische Version des Sextourismus sah so aus, dass sie Schriftmaterial rund ums Stadion verteilten, in das die Männer zum Fußballspiel gingen, in vier Sprachen, und darin wurden die Männer dazu aufgerufen, auf Sex in den Bordellen, die das Stadion umgaben – und es waren in dem Jahr speziell für die WM Bordelle eröffnet worden – zu verzichten, aber nur wenn die Frauen sagten, dass sie hohe Schulden bei den Bordellbetreibern haben, oder dass sie ausgebeutet werden, oder wenn die Frauen den Männern erzählen, dass sie in die Prostitution gezwungen worden sind.

Nun lautet die Frage natürlich, warum sollte erstens eine Frau einem Mann sagen, dass sie in die Prostitution gezwungen worden ist, und zweitens, warum sollte er fragen? Das hier ist ein großes Argument der Pro-Prostitutionslobby: wir können Freier dazu erziehen, sich ethisch zu verhalten. Wir können Freier erziehen, wir können Käufer erziehen, wir können Prostitutionsnutzer erziehen, wir können Straßenstrich-Freier, wie auch immer man sie nennen mag, dazu erziehen, sich ethisch zu verhalten. Also könnte man fragen, naja, haben diese Kampagnen irgendwelche Auswirkungen auf die Käufer?

Es gibt keine Literatur über die WM 2006, die uns sagt, dass die Kampagne erfolgreich war. Aber 2010 führte der Stadtrat von Amsterdam eine Internetstudie durch, eine kleine Studie, die die Ansichten von Männern, die Sex-Seiten im Internet nutzen, untersuchte. Die Umfrage wurde auf Seiten wie World Sex Guide, eine sehr große, globale Sex-Webseite, gestellt, und sie fragten Nutzer – sie fragten Prostitutionsnutzer…nun, eine Frage lautete, „Wenn Sie einer Frau begegnen, von der Sie denken, sie sei zur Prostitution gezwungen worden, unternehmen Sie irgendetwas?“ Und die Antwort lautete durch die Bank „Nein“. Es gab in den Vereinigten Staaten eine weitere Studie von 2000 Männern, in meinem Staat Massachusetts, und die Studie fand heraus, dass das Wissen, dass die Frauen ausgebeutet, gezwungen, von Zuhältern kontrolliert oder Opfer des Menschenhandels waren, bei den Käufern zu keiner Änderung des Verhaltens führte. Sie kauften weiterhin, sie benutzten weiterhin dieselben Frauen, auch wenn sie das auf irgendeine Weise gewusst haben. Auch wenn sie meinten, an den Körpern der Frauen Anzeichen dafür zu sehen, blaue Flecken zum Beispiel.

Wir haben also nicht viele Studien, die zu diesem Thema durchgeführt worden sind – ich finde nicht, dass wir diese Studien brauchen, aber ich denke, sie sind nützlich, wenn es darum geht, darüber zu sprechen, was die Ergebnisse dieser angeblichen „ethischer Käufer“-Kampagnen sind. Die Regierung der Niederlande hat eine Hotline, als Teil des Crime Stoppers-Programms, wo Käufer anrufen und Missbrauch melden können, den sie sehen. Die Hotline wurde noch nie für diesen Zweck benutzt. In Dänemark ist es dasselbe. Also, das ist ein Argument.

Ein weiteres Argument, und dies ist ein in akademischen Kreisen sehr verbreitetes Argument, ist, dass Prostitution ein zu komplexes Thema ist, um die Nachfrage einfach am Verbraucher sexueller Dienstleistungen festzumachen. Ich sage, dass das ein Lieblingsargument in akademischen Kreisen ist, weil es im Grunde genommen die Nachfrage abstrakt macht. Es transformiert reale, lebende Männer in Marktkräfte. Und natürlich gibt es andere Faktoren, die Prostitution und Menschenhandel unterstützen. Natürlich ist es nicht nur die Nachfrage. Nationale und internationale Wirtschaftspolitik. Globalisierung. Länder in der finanziellen oder politischen Krise. Naturkatastrophen, wie auf den Philippinen, wo in der Zentralregion zur Zeit enorm viel Menschenhandel stattfindet. Militärpräsenz, wofür die USA erhebliche Verantwortung tragen. Rassistische Stereotypen und Praktiken. Und natürlich die Ungleichheit der Frau. Aber wie Sie wissen, würde ein Prostitutionsmarkt ohne Nachfrage pleitegehen. Und so gibt es in der meisten akademischen Literatur über Prostitution konstant Versuche, zumindest in einem Großteil der Literatur in der Frauenforschung, mit der ich vertraut bin, nicht über die Nachfrage zu sprechen, als handele es sich dabei um reale, lebende Männer, die Zugang zu den Körpern von echten Frauen haben. Und diese Debatten gibt es ständig.

Ein weiteres Argument ist, dass die Bestrafung der Nachfrage die Frauen in den Untergrund treibt. Und ich denke, das ist bisher in vielen Kreisen ein besonders starkes Argument gewesen weil die Leute denken, „Naja, schon, wenn man die Männer kriminalisiert, dann haben sie Angst davor, sich den Frauen auf der Straße zu nähern, oder so.“ Aber dann muss man fragen, was ist „der Untergrund“? Dies wurde übrigens als ein großes Argument in Schweden verwendet. Also, was „Untergrund“ normalerweise bedeutet, ist, dass die Prostitution nach innen oder ins Internet verlagert wurde, und das ist beides wohl kaum im Untergrund oder im Verborgenen und somit unerreichbar. Ich meine, sowohl die Käufer als auch die Polizei haben Zugang dazu. Und Werbung im Internet ist sehr sichtbar. Tatsächlich könnte man argumentieren, dass die Prostitution dort sichtbarer ist als anderswo. Und der Bericht der schwedischen Regierung von 2010, der das Gesetz in Schweden bewertete, kam zu dem Schluss, dass das Internet es der Polizei erleichtert, die Menschen zu erreichen, die das Sex-Gewerbe organisieren, und die Sex-Käufer und die Opfer zu finden. Es gibt keine Beweise die darauf hindeuten, dass Gesetze, die Käufer bestrafen, so wie das schwedische Gesetz, das Nordische Modell, dazu geführt haben, dass die Prostitution an einen anderen Ort migriert. Die Prostitution ist immer dabei, zu migrieren. Und schwedische Organisationen behaupten zum Beispiel, dass die Auswertung von Opferaussagen auf keine Zunahme der „Indoor“-Prostitution in Schweden seit der Einführung des Gesetzes und seit der drastischen Verringerung der Straßenprostitution schließen lässt. Es hat eine immense Abnahme der Straßenprostitution gegeben, und so verwenden die Pro-Prostitutions-Leute dieses Argument ständig und sagen, „Naja, es hat sich einfach alles nach innen verlagert.“

Aber es gibt einen offensichtlichen Widerspruch in dieser Behauptung, so wie sie von Kritikern verwendet wird – wenn sie gegen das Nordische Modell sind, dann verwenden sie das Argument um zu behaupten, es habe prostituierte Frauen in verborgenere und gefährlichere „Indoor“-Lokalitäten getrieben. Meistens sind diejenigen, die das Argument verwenden, alteingesessene Gegner des Gesetzes. Aber wenn dieselben Gruppen für die Legalisierung oder Entkriminalisierung werben, dann argumentieren sie, dass die Indoor-Prostitution sicherer für Frauen sei. Beides geht nicht: entweder ist es gefährlicher oder sicherer. Und natürlich ist ihre Absicht im ersten Fall, Gesetze zur Bestrafung der Käufer zu diskreditieren.

Ich denke, dieses Argument ist auch sehr beliebt: „Die Käufer zu bestrafen zwingt Frauen in der Prostitution dazu, größere Risiken einzugehen.“ Das hört sich ungefähr so an: sie sagen, dass Frauen auf der Straße früher die Käufer einschätzen konnten und dass sie mehr Zeit hatten, bevor sie in ein Auto springen mussten, um zu sehen ob in dem Auto potentielle Gefahr droht bevor sie in die Transaktion einwilligen. Aber ich liebe Trisha Bapties Antwort darauf – eine kanadische Journalistin und Prostitutionsüberlebende, die viele von Ihnen kennen – sie sagt, und ich zitiere, „Ich hatte fünf Minuten, ich hatte zwei Minuten, ich hatte zehn Minuten. Es machte keinen Unterschied. Der Zufall entscheidet. Es gab keine wirkliche Möglichkeit für uns, zu wissen, wer ein gutes Date sein würde und wer ein schlechtes.“ Und ich denke, was die Menschen nicht wissen, ist dass das Potential für Frauen in den legalen Bordellen, in den Niederlanden, in Deutschland, in Australien und den anderen legalisierten Ländern, das Potential, missbraucht und verletzt zu werden, ist für diese Frauen viel größer als für prostituierte Frauen in den Ländern, in denen es Gesetze dagegen gibt, Frauen für sexuelle Aktivitäten zu kaufen. Das ist ein Grund warum zum Beispiel Pro-Sexarbeit-Gruppen in den legalisierenden Ländern jetzt Selbsthilfe-Handbücher schreiben, die Frauen in den legalen Bordellen zeigen, wie man gewalttätige Übergriffe von Käufern abwehrt, wie man spezielle Ausrüstung gegen die Käufer einsetzt, wie man nie ein Kissen auf dem Bett verwendet wenn man nicht erstickt werden will, wie man zur Sicherheit ein Messer unterm Bett versteckt. Lesen Sie sie. Sie sind im Internet zu finden. Selbsthilfe-Handbücher. Sie ähneln, wie eine Freundin von mir sagt, Krisenmanagement in Geiselsituationen. Handbücher, die Krisenmanagement in Geiselsituationen ähneln. Also, ich meine, man kann das Risiko nicht aus der Prostitution nehmen, und die Käufer sind ein großer Teil dieses Risikos. Die Handbücher sind ein indirektes Zeugnis des realen Risikos, dem Frauen ausgesetzt sind – ob sie in Ländern leben, die Prostitution tolerieren oder in Ländern, die sagen, Prostitution sei angeblich sicherer für Frauen. Das ist sie nicht.

Ein Drittel der Fensterbordelle in den Niederlanden mussten geschlossen werden, weil das organisierte Verbrechen diese Bordelle übernommen hatte. Ich spreche von den legalen Bordellen, von den illegalen Bordellen ganz zu schweigen. Und in Australien hat die Situation der legalisierten Prostitution zu einem drastischen Anstieg der illegalen Prostitution geführt, sodass es heute im Staat Victoria dreimal so viele illegale wie legale Bordelle gibt. Also, so viel zum Argument, legalisierte Prostitution würde Frauen schützen. Die großen „Toleranz-Zonen“ – anfänglich hatten die Niederlande als Teil ihres Systems „Toleranz-Zonen“, wir nennen sie „geopferte Zonen“ [engl. „sacrifice zones“], in den Großstädten wie Amsterdam und Rotterdam und Eindhoven. Diese Zonen mussten alle geschlossen werden, fast gleich nach ihrer Eröffnung, innerhalb von ein paar Jahren. Das waren Zonen mit Polizeiüberwachung. Das waren Zonen, in die die Kunden in diese garagenartigen Apparate reinfuhren –Sex-Zonen. Sie fahren ihre Autos in diese Zonen, und die Frauen bedienen die Männer in den Autos, und die Polizei fährt in der Zwischenzeit um die Zone herum, und dennoch wurden die Zonen vom organisierten Verbrechen übernommen. Und das ist der Grund, warum sie geschlossen wurden. Ein weiterer Grund, warum sie geschlossen wurden, war auch, dass viele der Frauen in den Autos missbraucht wurden, direkt unter der Nase der Polizei. Also, das Gefahrenpotential an vielen von diesen Orten, und vor allem in den legalen Bordellen, ist sehr, sehr hoch.

Dann gibt es das Argument, dass die Frauen in der Prostitution nicht wollten, dass die Käufer bestraft werde. Nun, das Argument, dass Frauen in der Prostitution nicht wollen, dass man die Käufer bestraft, hängt davon ab, welche Gruppe von Frauen in der Prostitution Sie fragen. Jene, die sich als „Sexarbeiterinnen“ definieren oder jene, die sich als Überlebende definieren. Und ich denke, dass wir viel mehr darüber sprechen müssen, dass zwei sich widersprechende Stimmen für Frauen in der Prostitution sprechen, und beide beanspruchen die Autorität der Erfahrung für sich. Eine Stimme –Überlebende – sagt uns, dass Prostitution eine Verletzung der Menschenrechte der Frau ist, und eine Form von Gewalt gegen Frauen. Sie sagt, dass die Verteidigung der Rechte der Frauen in der Prostitution es verlangt, die Täter, einschließlich der Käufer, strafrechtlich zu verfolgen, und den Opfern Unterstützung zukommen zu lassen. Und das bedeutet nicht einfach, Frauen „Safe Sex“-Alternativen zu geben, es bedeutet, ihnen Lebens-Alternativen zu geben. Und die zweite Stimme – Sexarbeiterinnen und ihre Verbündeten – ist oft lauter. Sie lässt Prostitution sexy erscheinen, sie hat oft eine größere Medienpräsenz, und sie scheint zumindest mehr finanzielle Unterstützung zu genießen. Diese Gruppen bekommen in den USA viel mehr finanzielle Unterstützung als abolitionistische Organisationen.

Nur als ein Beispiel dafür, es gab in den Vereinigten Staaten viele Jahre lang eine Gruppe namens COYOTE, von der Sie wahrscheinlich gehört haben. Und COYOTE war die einflussreichste Gruppe, die behauptete, für Frauen in der Prostitution zu sprechen. Nun, COYOTE war von vorne bis hinten eine PR-Gruppe. Sie bot keine Dienstleistungen an, sie bot nicht mal irgendeine Art Tee oder Kaffee an, oder Vans auf der Straße, nichts. Stattdessen ließ sie Prostitution sexy erscheinen und war immer attraktiv für die Medien. Und jahrelang waren sie die Stimme von Frauen in der Prostitution. COYOTE machten Lobby für Gesetze gegen Zuhälterei, sie machten Lobby für die Pornografie-Industrie, sie gingen für die Pornografen vor Gericht. Als wir über COYOTE nachforschten, fanden wir heraus, dass sie nicht von Frauen gegründet wurden, die jemals in der Prostitution waren, was sie aber behaupteten. Und letztendlich wurden sie zur Rede gestellt und mussten das zugeben. Ich denke also, was wir anfangen müssen zu tun – wenn ich wir sage, dann meine ich Verbündete, Organisationen wie meine eigene, die auf diesem Gebiet arbeiten, und allgemein uns alle – wir müssen wirklich in der Lage sein, die Stimmen von Überlebenden zu verstärken, denn sie sind die Stimme der Erfahrung und sie sind Frauen, die wissen, wovon sie sprechen. Aber sie lassen Prostitution nicht sexy erscheinen, und sie sind nicht attraktiv für die Medien.

Wir haben schon versucht, das zu tun. Vor vielen Jahren organisierten wir eine Konferenz von Frauen, die in der Prostitution gewesen waren, im Europaparlament. Einige von Ihnen haben vielleicht dieses Dokument gesehen. Es ist auf der Webseite meiner Organisation, es heißt  „A Manifesto of Survivors of Prostitution“. Es baut auf einer ähnlichen Erklärung auf, die in den Philippinen von 75 Frauen in der Prostitution verfasst wurde. Das Manifest besagt, dass Prostitution nicht „Sexarbeit“ ist, dass Menschenhandel nicht „Migration zum Zweck der Sexarbeit“ ist, es rief Regierungen dazu auf, mit der Legalisierung und Entkriminalisierung der Sex-Industrie aufzuhören und nicht länger Zuhältern und Käufern die gesetzliche Erlaubnis zu geben, Frauen in der Prostitution zu missbrauchen. Und seitdem hat es viele Blogs, Webseiten, gegeben, und ich weiß, dass in Kanada eine Gruppe von Überlebenden in der Bedford-Entscheidung ausgesagt hat, zusammen mit anderen Überlebendengruppen und kanadischen Gruppen. Aber ich denke, dass dies etwas ist, auf das wir wirklich bedacht sein müssen, denn die Verbreitung der „bekennenden Sexarbeiterinnen“, die sich nicht nur also solche– es gibt viele Frauen, die diese Terminologie verwenden, und das ist nicht das was ich hier kritisiere, sondern ich kritisiere eigentlich Frauen, die als Lockvögel für die Sex-Industrie arbeiten. Und das gibt es sehr häufig. Und ich denke, wir müssen wirklich anfangen, ernsthaft darüber zu sprechen. Und eine der Arten, wie wir das tun können, ist, indem wir die Stimmen von Überlebenden verstärken, in Foren wie diesem.

Ein letztes Argument, über das ich sprechen werde, ist, dass die Nachfrage unter Strafe zu stellen den Frauen der Käufer, ihren Kindern und Partnern schadet. Besonders wenn es öffentlich gemacht wird, dass sie festgenommen oder angezeigt wurden. Also, in anderen Worten, „Bestraft nicht die Käufer weil ihre Familien vielleicht darunter leiden.“ Da stellt sich die Frage, wie schützt es denn Frauen und Partner, wenn man die Käufer vor der Aufdeckung schützt? Ich meine, es sagt einem der gesunde Menschenverstand, dass Frauen das Recht haben, zu wissen, was ihre männlichen Sexpartner tun, einschließlich des Wissens über einen möglichen Kontakt mit einer sexuell übertragbaren Krankheit.

Also, ich denke, die Argumente gegen eine Bestrafung der Nachfrage halten wirklich keiner genaueren Betrachtung stand, und es ist wirklich ein Paradoxon, dass jegliche Maßnahme zur Einschränkung der Männer immer ein Argument der Pro-Sexarbeit-Lobby nach sich zieht, das besagt, jegliche Sanktion gegen die Männer würde Frauen schaden.

Ich möchte noch ein paar Dinge über das südkoreanische Modell sagen, denn ich denke, dass wir auf diesem Gebiet der Gesetzgebung immer westliche Modelle als Beispiele nehmen. Und ich denke, viele von Ihnen haben vom Nordischen Modell gehört, aber Sie haben vielleicht noch nicht vom Südkoreanischen Modell gehört. In der Republik Südkorea wurde 2004 ein Nulltoleranz-Gesetz verabschiedet – so hieß es auch – das unter anderem auf die Nachfrage nach der Prostitution abzielte. Es sah auch zusätzliche Mittel für Frauen in der Prostitution vor. Als ich mich mit Hilfsorganisationen in Korea traf, sagten sie mir, dass das Beste an dem Gesetz die Verringerung der Zahl der Frauen in der Prostitution um 56 Prozent sei, die aus einem Bericht mehrere Jahre nach der Einführung des Gesetzes hervorging. Das war eine Regierungsstudie. Das Ministerium für Gleichstellung der Geschlechter hat diese Studie in Korea durchgeführt. Also, ein Rückgang der Frauen in der Prostitution um 56 Prozent, und dass die Zahl der Sex-Bezirke auch um etwa 40 Prozent reduziert war. Was führte zu der Abnahme der Zahl der Frauen in der Prostitution? Das Hilfspaket, das maßgeblich von der Regierung finanziert wurde, beinhaltete Beratung, berufliche Neuausbildung, medizinische Versorgung, ein monatliches Stipendium und rechtliche Unterstützung. Und um dafür in Frage zu kommen, mussten die Frauen auf irgendeine Art beweisen, durch die Hilfsorganisationen, die das bestätigten, dass ihnen Leid zugefügt worden war oder dass sie an einer Sucht oder anderen Behinderungen litten, oder dass sie minderjährig waren. Tausende Frauen nahmen diese Unterstützung in Anspruch und stiegen daraufhin aus der Prostitution aus. Allerdings ist der Rückgang auch darauf zurückzuführen, dass das Gesetz gegen den Kauf von sexuellen Aktivitäten auch durchgesetzt wurde. Prostitutionsnutzer in Südkorea konnten eine Gefängnisstrafe von bis zu einem Jahr oder Geldstrafen bis zu 3 Millionen Won bekommen, was etwa 2800 kanadischen Dollar entspricht [ca. 2030 EUR]. Im Jahr 2006 führte das koreanische Ministerium für Gleichstellung der Geschlechter eine Umfrage unter Männern, die laut eigener Aussage Prostitutionsnutzer waren, durch und berichtete, dass sie offensichtlich aufgrund des Inkrafttretens des Gesetzes damit aufgehört hatten. Aber noch wichtiger als das ist, was die koreanischen Frauengruppen mir sagten, und ich zitiere, „Überlebende der Prostitution sagen, es sei wie ein Wunder, dass sie der Prostitution durch ein schützendes gesetzliches System entkommen können. Die Erfahrung, dass jene, die immer glaubten, außerhalb des Gesetzes zu leben, unter dem Schutz des Gesetzes stehen und dass die Vermittler, die immer über dem Gesetz zu stehen schienen, bestraft werden können, stärkt die Frauen wahrhaft.“ Die Frauen sagten ihnen also, dass das Gesetz sie befähigt und stärkt, und dass die Männer, die sie missbraucht haben, endlich dafür zur Rechenschaft gezogen werden können.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass, wie einige von Ihnen wissen, die Regierungen sowohl Frankreichs als auch Irlands nach ausgiebigen legislativen Untersuchungen Gesetzesvorschläge gegen die Käufer vorgelegt haben. Und nächste Woche wird die französische Nationalversammlung über ein abolitionistisches Gesetz abstimmen, dass den Kauf sexueller Akte verbietet, die Kriminalisierung der Prostituierten beendet – das Sarkozy-Gesetz, das passives Werben kriminalisiert – Ausstiegsstrategien mit einem speziellen Etat sowie lokaler Maßnahmen implementiert, Opfern der Prostitution und des Menschenhandels Entschädigung bietet und nationale Aufklärungskampagnen und Präventionsmaßnahmen einrichtet. Dieses Gesetz wurde von der Linken vorgelegt – sie können nicht sagen, dies sei ein religiöses, konservatives, moralistisches Gesetz – von den sozialistischen und kommunistischen Gruppen in der Nationalversammlung, mit der Zustimmung der meisten großen politischen Parteien. Wir hoffen also, dass das Gesetz verabschiedet wird, und dass dies die Gesetze gegen Käufer, die bisher in Europa nur in den skandinavischen Ländern existieren, auf den Kontinent bringt. Ich behaupte nicht, dass Gesetze zur Bestrafung der Käufer perfekt sind, und ich behaupte auch nicht, dass Gesetze die einzige Antwort sind. Aber Gesetz ist definitiv mehr als nur Gesetz: es ist ein Zeichen dafür, was ein Land davon hält, was mit Frauen geschieht. Es ist ein Zeichen dafür, dass in diesem Land der Kauf und Verkauf von Frauen nicht toleriert wird. Und es hat definitiv eine sehr starke normative Funktion. Und ich denke, es demonstriert, dass Prostitution nicht unvermeidbar ist, und es zieht die Nutzer gesetzlich zur Rechenschaft. Diese Gesetze sind sehr bescheiden. Sie stufen es sicherlich nicht als Verbrechen ein. In den meisten Ländern handelt es sich nicht einmal um ein Vergehen. Sie sind sehr bescheiden, aber sie sagen doch, dass wir in diesem Land nicht zusehen werden, wie Frauen und Kinder gekauft werden.

Vielen Dank.”

 

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