Vernunft, Gefühle und Sex-Kauf in Norwegen

Übersetzt aus dem Norwegischen
Veröffentlich im Original von Joacim Lund, aftenposten.no am 04.02.2014

gb English version

Vernunft, Gefühle und Sex-Kauf

Das Gesetz gegen Sexkauf weckt starke Emotionen. Ist daraus ein Anfall moralistischer Panik geworden?

Das Anti-Sexkaufgesetz ist verwerflich, meint Bent Johan Mosfjell im Online-Magazin Liberaleren. Es nimmt uns das Recht auf Selbstbestimmung über unsere Körper.

Aksel Braanen Sterri war derselben Meinung, als er vor einem Jahr in Morgenbladet über die Leihmutter-Debatte schrieb:
„Wenn man seine Zeit und seine Arbeitskraft verkauft, verkauft man einen begrenzten Teil seiner Selbstbestimmung über seinen Körper und dessen Funktionen an den Arbeitgeber“, meinte er.

Das hört sich logisch an. Ein Tischler bietet seine körperliche Arbeitskraft gegen Geld an, ohne dass es deswegen verboten wäre, seine Dienste zu kaufen. Wo liegt der Unterschied zwischen ihm und einer Prostituierten wenn nicht in der Moral?

„Die glückliche Hure“

Es gibt Beispiele von Frauen, denen es in der Prostitution gut geht. Deren Frontfrau der letzten Jahre, Hege Grostad, findet in den Medien viel Gehör. Als die dänische ehemalige Prostituierte Tanja Rahm eine völlig entgegensetzliche (und repräsentativere) Ansicht über die Prostitution in der Aftenposten veröffentlichte, nannte Grostad sie eine Moralistin.

Technischer KO. Die Moralistenkarte ist in den meisten Debatten Trumpf. Scheinbar ist das der Grund, dass jetzt sogar die Ministerpräsidentin dazu greift.

Ministerpräsidentin blufft

„Ich möchte betonen, dass das Gesetz gegen den Sexkauf kein Gesetz war, das wir aus moralistischen Gründen eingeführt haben (…). Es war nicht weil wir uns auf ein hohes Ross geschwungen und gesagt haben, Sex zu kaufen sei falsch oder etwas in der Art“, sagte Solberg in der Fragestunde des norwegischen Parlaments vergangenen Donnerstag.

Ein spektakulärer politischer Bluff. Eines der wichtigsten Ziele des Gesetzes war und ist ein Beitrag zur Änderung der Einstellung. Schon im Vorwort des Anhörungsprotokolls steht es schwarz auf weiß geschrieben. Aus gutem Grund.

Gesetze beeinflussen die Moral

Das schrieben Andreas Kotsadam und Niklas Jakobsson, Forscher an der Universität von Oslo, 2011 in dem Artikel „Do laws affect attitudes?“, in dem sie die Einstellung von Norwegern zum Thema Sex-Kauf vor und nach der Einführung des Gesetzes gegen den Sex-Kauf untersuchten. Die junge Bevölkerung hatte eine negativere Haltung gegenüber dem Sex-Kauf. Dasselbe galt für die Bevölkerung von Oslo, wo Prostitution am sichtbarsten ist.

In Norwegen hat das Gesetz in sehr kurzer Zeit Wirkung gezeigt. In Schweden, wo es mit dem Gesetz gegen Sex-Kauf bereits 15 Jahre Erfahrung gibt, hat die Bevölkerung große moralische Bedenken, was den Kauf sexueller Dienstleistung angeht. Und einem staatlichen schwedischen Bericht (SOU 2010:49) zu Folge waren im Jahr 1996 70 Prozent gegen die Kriminalisierung während 2008 70 Prozent dafür waren.

Signalwirkung

Die Debatte um das Gesetz gegen Sex-Kauf ist kompliziert. Es ist völlig legitim, darüber zu diskutieren, inwieweit das Gesetz bezüglich seiner Zielsetzungen funktioniert (die Erfahrungen in Schweden und internationale Forschung deuten darauf hin, dass es das tut) und wen es betrifft (das Gesetz steht von behördlicher Seite im Zusammenhang mit Hilfsmaßnahmen, die Menschen den Ausstieg aus der Prostitution ermöglichen sollen).

All dies muss evaluiert werden. Aber es ist auch eine Wertedebatte. Das Gesetz gegen den Sex-Kauf signalisiert, dass der Kauf sexueller Dienstleistungen niemals dasselbe sein kann, wie das Anheuern eines Tischlers, und dass Gefühle und Einstellungen in der Debatte etwas verloren haben. Moralismus? Pah. Moral? Ja – und ja, bitte.

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