Julie Bindel: “Eine Gewerkschaft, die keine ist”

Übersetzt aus dem Englischen

Original von Julie Bindel veröffentlicht auf juliebindel.org am 15.1.2014

Eine Gewerkschaft, die keine ist 

Eine Welt der Arbeiter, Zuhälter und Freier.

Die GMB, eine von Großbritanniens größten Gewerkschaften, schrieb 2002 Geschichte. War sie doch bekannt dafür, Männer in traditionell männlichen Berufen zu vertreten – sie wurde immerhin von Herstellern von Kesselblechen gegründet – rief es einige Überraschung und Konsternierung hervor, als ein neuer Zweig, der StripperInnen, Lap-Dancer, PornodarstellerInnen und Prostituierte vertreten wollte, beitrat. Der „Adult Entertainment“-Zweig sollte, so die Gründer, die Menschen, die in der Sex-Industrie arbeiten, mit denselben Rechten ausstatten, wie Arbeiter in allen anderen Gewerben und Berufen.

Der Spross, der letztlich zum Adult Entertainment-Zweig wurde, begann nicht in einem Bordell oder Striplokal, sondern an einer Universität. Im Jahr 2000 wurde eine Kampagnengruppe namens International Union of Sex Workers (IUSW) von ein paar radikalen Anthropologen gegründet, die der Auffassung waren, die Rechte der Menschen in der Prostitution können nur durch kollektive Organisation gewonnen werden. Nachdem sie die IUSW gegründet hatten, wurde den Gründern klar, dass ihre Mitglieder erst richtig profitieren konnten, wenn sie Teil einer offiziellen Gewerkschaft waren.

Laut Chris Knight, einem der IUSW-Gründer, war die IUSW bevor sie 2002 ihre Führung an die GMB übergab, „noch in den Kinderschuhen und eher informell“. In der ersten Ausgabe der IUSW-Zeitschrift Respect, veröffentlich im Jahr 2000, erklärten die Gründer: „Wenn das älteste Gewerbe kommt – hütet euch Zuhälter, Kapitalisten! Was auch immer dein Geschlecht oder deine sexuelle Situation: wenn du meinst, eine Gewerkschaft zu brauchen, bist du als Mitglied willkommen!“

Aber die IUSW, oft mit dem Adult Entertainment Branch der GMB verwechselt, ist weit entfernt von dem linksgerichteten, arbeiterfreundlichen Sprachrohr, das ihre Gründer im Sinne hatten. Einige ihrer Mitglieder berichteten mir, dass es sich dabei mehr um ein Sprachrohr für Zuhälter und Freier handele, und statt ihnen wie die Gründer zu sagen, sie sollen sich hüten, heiße die IUSW heute sogar Sexindustrie-Bosse mit offenen Armen willkommen.

Die Unterstützung der GMB, selbst wenn diese dem offiziellen Gewerkschaftszweig für die Sex-Industrie gilt, hat dazu geführt, dass die IUSW als Interessenvertretung der „Arbeiter“ in der Sex-Industrie erscheint. Solche Organisationen sind politisch motivierte Lobby-Gruppen, die sich für die vollständige Entkriminalisierung des Sex-Gewerbes einsetzen – daher auch die Zahl der beteilligten Zuhälter und Freier. In den Niederlanden, wo die Bordellprostitution seit 2000 legal ist, hat Red Thread, eine Organisation für Prostituiertenrechte, 2002 eine Gewerkschaft gegründet, die auf ihrem Höhepunkt nur 100 Mitglieder hatte, hauptsächlich Geschäftsführer und Strip-TänzerInnen. Sie verlor 2004 ihre staatliche Förderung. Niemand weder in der GMB noch in der IUSW war in der Lage oder gewillt, mir genaue Mitgliederzahlen für den Gewerkschaftszweig zu geben, doch es dürfte sich um zwischen 20 und 100 von geschätzten 80.000 SexarbeiterInnen in Großbritannien handeln.

Doch Prostitution ist keine legitimes Gewerbe, und von ihren Erträgen oder anderen Aspekten des Gewerbes zu leben ist weiterhin illegal. Missbrauch, Zwang, Täuschung, und häufig entsetzliche Arbeitsbedingungen sind alle Merkmale des Sex-Markts. Vergewaltigung, sexuelle Belästigung und Mord sind verbreitete Berufsrisiken. Doch wo die wohlmeinenden Gründer der IUSW glaubten, dass diese Probleme durch die gewerkschaftliche Organisation gelöst werden können, sehen andere deutlich, dass es kurzsichtig und sogar gefährlich ist, ein ausbeuterisches Gewerbe zu normalisieren anstatt jenen beim Entkommen zu helfen, die sich darin befinden.

Ich habe im Laufe der Jahre mehrere Mitglieder der IUSW getroffen, bei Seminaren, Kongressen und öffentlichen Versammlungen in Großbritannien und anderswo in Europa. Mitglieder, zumeist vertreten von Catherine Stephens, wissen, dass ich mich gegen die Zuhälterei einsetze und die Kriminalisierung des Sex-Kaufs befürworte. Ich bin auch kritisch, was die Terminologie der Pro-Prostitutions-Lobby angeht. Laut Stephens, deren Beteiligung 2004 begann, war die Hauptgründerin der IUSW, Ana Lopes, eine „Sexarbeiter-Migrantin“, doch das ist eine recht verzerrte Definition. Lopes kam aus Portugal nach Großbritannien um ihren Doktortitel zu machen. Sie, wie eine kleine aber wachsende Anzahl von AkademikerInnen, die „Sexarbeit“ studieren, begann, persönlich mit Prostitution zu experimentieren, sah es als so etwas wie „Feldversuche“ an. Nach einer Weile räumten die AkademikerInnen das Feld und solche, die direkter in der Sex-Industrie involviert waren, übernahmen das Ruder. Aber auch diese Leute waren weit davon entfernt, repräsentativ für den Großteil der Prostituierten in Großbritannien zu sein.

Ich begegnete Stephens zum ersten Mal vor sieben Jahren, als sie mir sagte, sie habe in acht Jahren „Sexarbeit“ kein einziges Mal auch nur schlechte Manieren von einem „Kunden“ erlebt, geschweige denn Missbrauch, und sie „liebe“ ihre Arbeit.

Stephens macht nicht den Eindruck einer typischen Domina. Sie ist mittleren Alters, das Haar zurückgebunden und das Gesicht frei von Make-up, und sie trägt normalerweise weite, legere Kleidung. Stephens verbringt viel Zeit damit, bei öffentlichen und geschlossenen Veranstaltungen über Prostitution zu sprechen, und erscheint regelmäßig in TV und Radio, wo sie zur Entkriminalisierung aller Gesetze, die sich auf die Prostitution beziehen, aufruft. Als ich sie in ihrer Rolle als Geschäftsführerin des GMB-Gewerkschaftszweigs für ein Zitat für diesen Artikel kontaktierte, schrieb sie: „Der GMB-Zweig für Menschen in der Sex-Industrie wird, wie alle GMB-Zweige, von seinen Mitgliedern geleitet und steht allen Menschen in der Sex-Industrie offen.“

“Catherine ist total dominant und will immer ihren Willen durchsetzen”, sagt Thierry Schaffhauser, ehemaliges Mitglied, das 2012 aus der IUSW ausgeschlossen wurde, hauptsächlich, so sagt er mir, weil er noch nie einen Hehl aus seiner Abneigung gegen die Macht der Geschäftsführer innerhalb der Organisation gemacht habe. „Sie darf alles entscheiden, ohne es überhaupt mit der Gruppe zu besprechen.“

Am Parliament Square treffe ich einen Mann der zusammen mit Lopes 2000 die IUSW gründete. Ich finde Chris Knight, einen hochgewachsenen Mann Ende 60 in einem bunten Hut und Jeans, neben einem Banner, auf dem steht: „Capitalism isn’t working“. Knight war Mitgründer von Democracy Village – einer Gruppe von Antikriegs- und Antikapitalismus-Demonstranten, die früher ihr Lager am Square neben den Anarchisten und den obdachlosen Trinkern aufschlug. Knight war Professor für Anthropologie an der University of East London (UEL) bevor er 2009 aufgrund seiner Aktivitäten bei einer G20-Demo gefeuert wurde.

„Der ganze Grund, warum wir die Gewerkschaft überhaupt gegründet haben, war, um die Prostitution zu beenden,“ sagt Knight. „Aber es gibt verschiedene Wege, wie man das angehen kann. Marx sagte, alle Arbeiter sind Prostituierte. Wenn wir die Prostitution beenden wollen, müssen wir den Kapitalismus beenden.“

Lopes schien mehr daran interessiert, der Sex-Industrie beizutreten, als sie abzubauen. Kurz nachdem sie anfing, mit Knight zu arbeiten, meldete sich Lopes für Schichten bei einer Telefonsex-Hotline an.

Ich tausche mich mit Camilla Power aus. Sie war Mitgründerin der IUSW und arbeitete an der UEL mit Chris Knight zusammen, wo sie die Doktorarbeit von Lopes betreute. Gab sie Lopes grünes Licht dafür, sich als Teil ihrer Recherche direkt an der Sex-Industrie zu beteiligen, in Form von Telefonsex? „Anthropologen nennen das teilnehmende Beobachtung,“ sagt Power. „Man kann nicht mit einer Gemeinschaft arbeiten und dabei außerhalb stehen und die Menschen wie Objekte behandeln. Innerhalb der Sexarbeit ist das sogar noch mehr der Fall, aufgrund der Kluft zwischen ihnen und den gebildeten AkademikerInnen.“

Ich frage, ob Lopes die Erlaubnis der Ethik-Kommission der Universität hatte, mit der Telefonsexarbeit als Teil ihres Studiums weiterzumachen. Laut Power seien damals die „grundlegenden anthropologisch-ethischen Richtlinien“ eingehalten worden. Ein(e) EUL-Sprecher(In) teilt mir mit, die relevanten Dokumente seien unauffindbar und somit könne man das nicht bestätigen.

Während ihrer Arbeit für die IUSW reiste Lopes durch Großbritannien und hielt Reden vor anderen Gewerkschaften und Frauenorganisationen, in denen sie sie um Unterstützung beschwor. Im Jahr 2001 wurde ihr eine goldene Trophäe in Form eines fliegenden Penis verliehen: der Erotic Award in der Kategorie AktivistIn für Sexuelle Freiheit. Die Preise werden von der Sexual Freedom Coalition verliehen, welche mit Hilfe von Catherine Stephens die TLC (Tender Loving Care)-Webseite erstellt hat, um für die Einführung eines Gesetzes für „SexarbeiterInnen-Besuche“ in Hospizen und für mindestens ein barrierefreies Bordell pro Stadt in Großbritannien zu werben.

Die IUSW und der GMB-Zweig sind, auch wenn sie offiziell verschiedene Organisation darstellen, kaum voneinander zu unterscheiden. 2003 war Lopes eine Sprecherin auf einer von der GMB veranstalteten Konferenz in Birmingham für ArbeiterInnen der Sex-Industrie, auf der eine GMB-Broschüre verteilt wurde, die Angebote für Unterricht im Table-Dance und Striptease enthielt, die mit Geldern von Gewerkschaftsmitgliedern und staatlichen Mitteln bezuschusst wurden.

Douglas Fox war ein bekanntes Gesicht der IUSW. Fox und sein Partner John Dockerty führen eine der größten Escort-Agenturen im Nordosten Englands. Fox ist darum bemüht, deutlich zu machen, dass die Agentur allein auf Dockertys Namen läuft. „Ich bin weder noch war ich jemals ein Geschäftsführer oder Besitzer einer Escort-Agentur. Mein Lebenspartner ist der alleinige Inhaber.“

Fox willigt ein, sich mit mir zu treffen, obwohl Stephens eindringlich versucht hat, ihn davon abzubringen. Das Paar gründete 1999 Christony Companions in seiner Heimatstadt Newcastle. Fox arbeitete als Modedesigner und Dockerty war ein ziviler Finanzangestellter der Polizei. Sie starteten eine Agentur, so Fox, als eine Freundin, die als Escort arbeitete, Dockerty bat, Termine für sie zu vereinbaren. Als ihnen klar wurde, wie viel Geld sich so machen ließe, grüneten sie ihre eigene Firma.

Beide Männer wurden 2000 in Folge einer verdeckten Ermittlung einer Lokalzeitung festgenommen. Eine Reporterin, die sich als potentielle Escort ausgab und eine versteckte Kamera dabei hatte, lieferte später genug Beweise, um die Männer wegen Zuhälterei anzuzeigen. Während des Treffens mit der Reporterin fragte Dockerty sie nach ihrem Zyklus, um es sich in seinem Kalender zu notieren. Die Männer kamen später wegen einer Formalie davon: die Escorts, die bei Christony angestellt waren, weigerten sich, als Zeuginnen auszusagen, da der Richter ihnen die Anonymität verwehrt hatte.

Fünf Jahre später liest Filmemacher John Alwen einen kleinen Beitrag in einem Boulevardblatt über einen Besitzer einer Escort-Agentur, der bei der örtlichen Arbeitsagentur Frauen anwirbt, und entschließt, der Sache nachzugehen. Fox und Dockerty willigen ein, Alwen mehrere Monate „Mäuschen spielen“ und sie filmen zu lassen, um eine Dokumentation über Christony zu drehen. Während die Crew Dockerty und Fox folgt, bereitet eine weitere Reporterin eine verdeckte Operation vor.

In der Hoffnung, das Geschäft anzukurbeln, hatte Dockerty auf der Christony-Webseite damit geworben, dass Freier die Chance haben, eine seiner Escorts für bis zu vier Stunden am Stück zu “gewinnen”. Teilnehmer sollten die Bedeutung hinter einem Hinweis erraten, den er jeden Monat auf die Seite stellte. Die Scottish Sunday Mail berichtete über zwei Seiten mit der Überschrift: “Internet-Zuhälter: Geschäftsmann bietet seine Mädchen als Sex-Preis bei Internet-Gewinnspiel an”.

Alwens Dokumentation, The Escort Agency, wurde 2006 gezeigt. Eine der ersten Szenen zeigen Dockerty dabei, wie er einen Termin für einen Stammkunden vereinbart. Der Freier, der nach der Jüngsten in Christony’s Escort-Katalog verlangt hat, ist ein Schulrektor, der von ihr verlangt, dass sie sich als Schulmädchen verkleidet. Auch wenn Dockerty behauptete, der Freier sei, “…nicht mein Lieblingstermin”, arrangierte er ohne Murren ein Treffen für ihn mit der 19-jährigen Tori am folgenden Abend.

Trotz der überwältigenden Beweise gegen Christony in dem Dokumentarfilm, aus der Presse und der Polizeiakte bestreitet Fox, dass das Geschäft etwas mit Prostitution zu tun hat. Fox sagt mir auch während einem unserer Treffen, dass er nur insofern beteiligt sei, „…wie jeder Ehemann oder jede Ehefrau das Geschäft des Partners unterstützen würde. Wenn er mich um Rat bittet, habe ich vielleicht eine Meinung. Aber die tägliche Geschäftsführung hat nichts mit mir zu tun.“ In dem Film sieht man Fox dabei, wie er Christonys 150 Pfund von den verdienten 600, die ein Übernachtungsbesuch einer Escort einbrachte, abzählt.

Dockerty und Fox verwenden die GMB als Gütesiegel, um ihr Geschäft anzukurbeln. Ein Slogan auf der Webseite von Christony lautet: „Eine ethische Escort-Agentur in Newcastle & stolzes Mitglied der IUSW“. „Ich habe noch nie von einem kommerziellen Geschäft gehört, dass eine Gewerkschaft verwendet, um den Verkauf zu steigern,“ sagt ein ehemaliges Mitglied der IUSW, das nicht genannt werden wollte. „Es geht doch um Schutz für Arbeiter, nicht Profite für Zuhälter.“

Thierry Schaffhauser ist der ehemalige Präsident der GMB/IUSW, und der männlicher Escort des Jahres der Erotic Awards 2010. Schaffhauser, jung und gutaussehend, arbeitete einige Zeit als Straßenprostituierter in Paris bevor er nach Großbritannien zog, wo er in der schwulen Presse um Kunden wirbt. Zwischen Schaffhauser und Fox gibt es keine Freundschaft. Ihre Streits über den Zweck einer Gewerkschaft und den Zustand der Sex-Industrie wurden öffentlich im Internet ausgetragen, wo Fox Schaffhauser vorwarf, die Prostitution falsch darzustellen, indem er den Missbrauch innerhalb der Industrie beleuchtete.

Ich fragte Schaffhauser, ob wir uns treffen könnten, um über seine Differenzen mit Fox zu sprechen und zuerst stimmte er zu, doch später zog er dies auf Druck von Stephens hin wieder zurück. Er teilte mir mit, dass er sich Sorgen darum mache, seine Position in der IUSW zu verlieren, aber sagte außerdem: „Die IUSW wird irgendwann die Industrie kritisieren und ändern müssen, wie sie funktioniert, denn es gibt darin viel Ausbeutung.“

Ein weiteres ehemaliges Mitglied der IUSW ist ein Escort, der als Sleazy Michael bekannt ist. Michael, der verheiratet und Vater von zwei Kindern war, bevor er 2004 sein Coming-Out hatte, erzählte mir, er habe ebenfalls die IUSW wegen „interner Politik“ verlassen, genauer gesagt aufgrund der Unstimmigkeiten, die die Vormachtstellung der Geschäftsführer in der Organisation hervorrief.

Er öffnet mir die Tür in einer Ganzkörperbräune und einem Tanga und führt mich in sein Schlafzimmer, wo an einem Ehrenplatz der berüchtigte fliegende Penis steht, den er 2007 verliehen bekam, als man ihn zum „Escort des Jahres“ kürte.

„Ich ging früher in die Schwulensauna, um Sex zu haben, und so ein Typ hat gesagt, ich könnte damit Geld verdienen. Also habe ich einen Escort für Sex bezahlt und von ihm gelernt und eine Homepage eingerichtet,“ erzählt er mir und zeigt mir wie ein Museumsführer seine Pornografie und seine Sexspielzeuge. „Dieses Wochenende hatte ich einen Kunden, der taub und stumm ist, und zehn Minuten später einen nicht-geouteten Ehemann. Dann hatte ich Einen, der eine ganze Tasche voller Lederzeug und Nippelklammern dabei hatte. Deswegen liebe ich meinen Job. Ich treffe solch faszinierende Leute.“

Michael trat der IUSW bei nachdem er einen ihrer Aktivisten bei einer Kampagne gegen den Gesetzesvorschlag zur Freierbestrafung 2009 traf. Er trat bei, in dem Glauben, es handele sich um eine Gewerkschaft, so wie er es aus seiner vorherigen Karriere kannte. „Vor einigen Jahren kollabierte die IUSW fast, weil es einen großen Streit um die Beteiligung von Douglas [Fox] gab. Ich unterstützte ihn weil er einige seiner Mädchen dazu brachte, beizutreten, aber viele sind ausgetreten, weil er Geschäftsführer einer Escort-Agentur war.“

Die IUSW genießt wesentliche Unterstützung aus akademischen Reihen. Belinda Brooks Gordon ist Professorin für Psychologie und Gesellschaftspolitik an der Birkbeck, University of London. Sie ist eine liberaldemokratische Gemeinderätin und engagiert sich sehr für die die Entkriminalisierung der Prostitutionsgesetze. Brooks Gordon hat sich für ein Recht von Menschen mit Behinderungen auf Zugang zu prostituierten Frauen durch den staatlichen Gesundheitsdienst ausgesprochen.

Während der von der IUSW angeführten Kampagne gegen das Vorhaben der Regierung, die teilweise Kriminalisierung des Sex-Kaufs einzuführen, brachte Brooks Gordon, mit Hilfe von Fox und anderen IUSW-Aktivisten, einen Hilfeaufruf unter Freiern und Prostituierten auf deren Webseiten in Umlauf. In einer langen E-Mail gab Brooks Gordon Empfehlungen, wie die Einführung des Gesetzes verhindert werden könnte, bevor sie den Kleidungsstil der Labour-Abgebordneten Fiona Mactaggart (welche eine Schlüsselrolle beim Gesetzesentwurf spielte) beleidigte.

Die IUSW hat auch Unterstützung unter US-AkademikerInnen gewonnen. Eine solche Akademikerin ist Elizabeth Wood, die Soziologie an der State University of New York unterrichtet. Wood befürwortet die Legalisierung der Sex-Industrie und hat argumentiert, dass Sex mit Tieren einvernehmlich sein kann „wenn das Tier nicht angeregt, belohnt oder bestraft wird, um sein Verhalten zu beeinflussen, sondern einfach eine Gelegenheit erhält und diese ergreift,“ und „Menschen, die dies genießen, sollten nicht stigmatisiert werden.“

Die Verbindung zwischen SexarbeiterInnen-Rechten und der Akademie wurde 2009 bei einer einwöchigen Veranstaltung namens Sex Worker Open University gestärkt. Dort hielten Mitglieder der IUSW, AkademikerInnen und Prostituierte Strip-Workshops, gaben Tipps für diejenigen, die in die Prostitution eintreten wollen, zum Thema Selbstverteidigung und Unterricht darin, wie man Gesetze verhindern kann, die das Profitieren an der Prostitution durch Dritte verbieten. Ein Unterstützer war der inzwischen verstorbene Sebastian Horsley, der bei der Eröffnung der SWOU gefilmt wurde, wie er Innenministerin Jacqui Smith, die den Gesetzesentwurf angeregt hatte, mit Hohn überschüttete. Horsley nannte sie „fett und unfickbar“ und behauptete, mit „mehr als tausend Prostituierten“ geschlafen zu haben.

Ich versuche mehrmals, mit der GMB über die Anschuldigungen von Schaffhauser und anderen zu sprechen, aber trotz mehrerer Versuche ruft mich niemand zurück. Als ich 2010 bereits über das Thema schrieb, stieß ich auf eine Mauer aus Widerstand. Als ich eine Frage bezüglich der scheinbaren Verwechslung zwischen der IUSW und dem GMB-Zweig stellte, sagte man mir, ich solle „die Satzung lesen.“

Cath Elliott, ehemalige Vizevorsitzende des Unison National Women’s Committee, hat bereits ausführlich über die GMB-Entscheidung, die Prostitution zu vergewerkschaften, geschrieben. Sie sagt, sie kann nicht begreifen wie die IUSW behaupten kann, eine Gewerkschaft zu sein, wenn Zuhältern, Freiern und Pornografen die Mitgliedschaft freisteht.

„Wenn es wahr ist, dass Geschäftsführer einer Escort-Agentur aktiv an der IUSW beteiligt sind, dann muss die GMB wirklich ihre Mitgliedschaftsbedingungen überdenken,“ sagt Elliott. „Ich kann doch nicht behaupten, Arbeiter zu vertreten, wenn die Bosse bestimmen, wie der Hase läuft; so arbeiten Gewerkschaften einfach nicht.“

Die Tatsache, dass Agenturbesitzer in der Lage sind, überhaupt auf die IUSW-Politik Einfluss zu nehmen, macht eine Farce aus den Grundprinzipien einer Gewerkschaft. Mehr als nur ein ehemaliges oder aktuelles Mitglied haben mir gesagt, dass sie sich als ArbeiterInnen sehen und wütend sind, dass die Industriebosse die Zügel in der Hand haben.

Knight ist überrascht, dass Fox als Sprecher für die IUSW gearbeitet hat und erzählt mir, dass Lopes die IUSW vor einigen Jahren verließ weil „sie fand, dass die IUSW weniger revolutionär geworden war. Sie ist heute nicht mehr damit einverstanden.“

Ich frage Fox, ob er immer noch die IUSW und den GMB-Zweig unterstützt und er sagt mir, seine persönliche Loyalität gelte der IUSW, denn sie sei die „einzige“ SexarbeiterInnen-Organisation „in Großbritannien“, die inklusiv sei und SexarbeiterInnen unterstütze, unabhängig von politischer Überzeugung, Hautfarbe, Geschlecht oder Rolle als SexarbeiterInnen in einem vielfältigen und oft komplexen Gewerbe.“

Doch 2010 schrieb Fox in einer E-Mail, die er IUSW-Mitgliedern sendete, um seinen Rücktritt mitzuteilen, „Ich hoffe, die IUSW wird weiterhin die Vielfalt in unserem Gewerbe widerspiegeln und alle SexarbeiterInnen vertreten, egal zu welcher Minderheit sie aufgrund ihrer Ansichten gehören. Ich werde auch meine GMB-Mitgliedschaft morgen kündigen. Ich fand es schon immer unangenehm, dass ich mit einer Organisation zu tun habe, die eine politische Partei (Labour) finanziell unterstützt hat, mit der ich nicht einverstanden bin — nicht zuletzt wegen ihrer Haltung gegenüber SexarbeiterInnen.“

Thierry Schaffhauser, der endlich einem vollen Interview über die Vorgänge im Inneren der IUSW unter der Kontrolle von Fox und Stephens zugestimmt hat, hat inzwischen auch weder mit dem GMB-Zweig noch der IUSW zu tun und erzählt mir, dass er darum bemüht sei, Unterstützung für eine „richtige Gewerkschaft für Arbeiter“ zu gewinnen, die Menschen in der Prostitution selbst unterstützen kann, und nicht die Geschäftsführer und andere Profiteure.

“Ich denke, die GMB ist auch eine patriarchale Gewerkschaft, was erklärt, warum sie sich nicht um einen Zweig kümmern, der aus Frauen und jungen Schwulen besteht,” sagt Schaffhauser. “Sie haben uns überhaupt noch nie ernst genommen.

“Wir hatten viele Mitglieder, aber alle StripperInnen sind zu Equity gegangen, viele sind ausgestiegen um die Sex Worker Open University zu erschaffen, und viele andere verließen die GMB, als der erste Konflikt mit den Geschäftsführern auftrat.“

Diese seltsame Organisation ist in Geheimhaltung gehüllt, welche von den Mitgliedern der Herrscherclique, wie Stephens, als „Vertraulichkeit“ gerechtfertigt wird, aufgrund der heiklen Tätigkeit, der die Mitglieder nachgehen. Doch ich war nicht in der Lage auch nur ein Mitglied zu finden, das mir irgendetwas überzeugendes darüber sagen konnte, welche Vorteile die gewöhnlichen ArbeiterInnen daraus ziehen, bei der IUSW Mitglied zu sein. Ihr Zweck scheint der zu sein, Zuhälterei zu normalisieren, für ein Ende jeglicher Gesetze, die die Ausbeuter in der Sex-Industrie kriminalisieren, Lobby zu machen, und letzten Endes Prostitution schönzureden und als einen Beruf wie jeden anderen darzustellen.

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